Samstag, 1. Oktober 2016 12:19 Uhr
Elektronische Dossiers sollen den schnellen Zugriff auf die Daten der Patienten ermöglichen. (Foto: bilderbox.de)

 

Partner der Gesundheit

e-health  Das Gesundheitssystem nutzt immer stärker die Technologien der ICT-Branche. Und ICT- Startups erobern den Markt. Dank Smartphones und den Optionen der Datenauswertung ist der Trend zur Individualisierung hier kaum zu stoppen. Schweizer sind vorne dabei. 

 

Text  David Nägeli


«Was Sie messen können, können Sie auch steuern», so das Motto des Zürcher Start-ups Dacadoo. In Sachen Gesundheit ist das ein kaum zu erreichendes Ziel, ICT-Unternehmen versuchen es jedoch in kleinen Schritten. Was sie dazu brauchen sind Daten, Daten und noch mehr Daten. Dabei wird ein Trend geschaffen, auf den viele aufspringen: Der Bund und das Volk wollen ein elektronisches Opens external link in new windowPatientendossier, junge Start-ups wollen Gesundheit aufs Smartphone bringen und die alten PTT-Schwesterunternehmen Post und Swisscom bieten elektronische Opens external link in new windowPatientendossiers an. 


Konto für die Gesundheit
Eines der ambitioniertesten Projekte will die Gesundheitsdaten von zehn Millionen Menschen aus dem In- und Ausland in der Schweiz zusammenbringen. Passend dazu der Name: Healthbank. Noch dieses Jahr soll die Beta-Version der Gesundheitsbank online gehen. Einerseits sollen Kunden hier wie auf einem Konto ihre Gesundheitsdaten für sich gesammelt speichern können – von Resultaten von Jogging-Apps bis zu Röntgendaten vom Zahnarzt. Andererseits kann, wer will, seine Daten anonymisiert für die Forschung zur Verfügung stellen. Vorangetrieben hat die Healthbank zu Beginn der ehemalige ETH-Präsident Ernst Hafen. Mittlerweile engagiert er sich im Verein «Daten und Gesundheit», der politische, juristische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen für genossenschaftlich geführte Gesundheitsdatenbanken schaffen will. Für alle Initianten ist derweil klar, dass es eine Maxime gibt, die über Wohl und Wehe der Projekte entscheiden wird: Der Patient muss im Mittelpunkt stehen und die Hoheit über seine Daten bewahren. 


Vermessen und verbessern

Während die ICT- und die Gesundheitsbranche rätseln, wie sich moderne Medizin gewinnbringend mit Daten verbinden lässt, stellt sich der Mensch gleich selbst ins Zentrum. «Die Bevölkerung ist gerade dabei, das Problem selber zu lösen», sagt Stefano Santinelli, Health-Chef bei der Swisscom, gegenüber Bilanz und stellt einen «Megatrend» zur persönlich kontrollierten Gesundheit fest. Und natürlich überlassen die Grossen den Start-ups nicht das ganze Feld: Die Post bietet mit vivates ein elektronisches Patientendossier an, welches in den Kantonen Genf, Waadt und Tessin bereits genutzt wird. Und auch beim ehemaligen Schwesterunternehmen geht einiges. 
Die Swisscom treibt mit Evita ihr hauseigenes elektronisches Patientendossier voran. In fünf Jahren sollen einige hunderttausend Menschen bei Evita registriert sein, sagt Santinelli. Die Swisscom probt die Verbindung von Daten und Gesundheit auch intern: Rund 1200 Mitarbeiter der Swisscom zählen ihre Schritte mit einem Schrittzähler im Armbanduhrformat. Verkauft hat sie bereits 350 000 Schrittzähler. Die gewonnenen Daten sollen zukünftig in Evita landen und so zur Optimierung der eigenen Gesundheit beitragen. Erste Projekte mit dem Swisscom-Patientendossier laufen zum Beispiel im Luzerner Kantonsspital oder beim Spitalnetz Bern. 


Selbstvermessung mit Start-ups
Vermessung und Verbesserung geht aber auch im Kleinen. Der Gesundheitsindex des Zürcher Start-ups Decadoo setzt sich aus ­Aktivitäten, Befinden und Körper zu­sammen. Man vermerkt auf der Plattform, wie viel man sich bewegt, was man zu ­Mittag isst und wie viel man schläft – entweder am Computer oder auf dem Smartphone in der passenden App. Daraus errechnet ­Dacadoo den «Health Score»: Ein Massstab für die ­Gesundheit, der von 1 bis 1000 Punkte reicht. ­«Quantified Self» nennt sich der Trend, sich beispielsweise auch mit ­Sensoren am Arm ein ­möglichst exaktes Bild seiner selbst zu ­machen. Was in den USA grosse Massen bewegt, geschieht hier noch im kleinen ­Rahmen. Doch Dacadoo-­Gründer Peter ­Ohnemus sagt: «Dies ist eine neue ­Industrie, die sich rasch bewegt.» Und in der Region Zürich bewegt sich eine Menge. Das Team der Mibetes AG in Zürich hat beispielsweise eine Software für Diabetiker entwickelt, die hauptsächlich im arabischen Raum im ­Einsatz ist. Sie sorgt dafür, dass der Austausch von Patienteninformationen ­zwischen Spitälern und mobilen Anwen­dungen wie Diabetes-Apps einwandfrei funktioniert. 


Gesamtsystem stärken
Welche Ideen letztlich Bestand haben werden, hängt von der richtigen Balance zwischen Technik, Patientenorientierung und Systemanbindung ab. Martin Denz, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Telemedizin und eHealth (SGTMeH), sagt: «Viele scheitern daran, dass sie das Thema nur als technisches Projekt verstehen. Dabei geht es darum, das gesamte Gesundheitssystem zu stärken.» Darin liegt jedoch nicht nur eine Hürde, sondern auch eine Chance. Anfang Juli haben sich diverse Verbände von Ärzten bis zu Heimen zusammengeschlossen, um das Projekt Patientendossier voranzutreiben. Eine öffentliche Ausschreibung für den Auftrag soll im Herbst folgen. Der Ständerat hat im Juni das Gesetz zum elektronischen Patientendossier (EPDG) verabschiedet. Für Denz ein wichtiger Zwischenschritt: «Die Daten liegen im Moment isoliert in diversen Silos bei Hausärzten, in Spitälern oder bei der Krankenkasse. Diese Silos sollen geöffnet werden», sagt er. Und das EPDG liefere einen guten Rahmen, in dem mit elektronischen Dossiers Daten ausgetauscht werden könnten. 


Im Aufbruch
Mit mobilen Gesundheitsanwendungen, mit dem Fortschreiten des elektronischen Patientendossiers und dem Verschwinden der Arztpapiere im Postkartenformat scheint eHealth Fahrt anzunehmen. Wird der Patient über seine Daten die Hoheit besitzen? Ist er aktiv daran beteiligt, wie diese Lösungen in sein Leben integriert werden können? Sollte dies der Fall sein, könnte diese Entwicklung das Gesundheitssystem näher zum Menschen bringen. «Man darf nicht vergessen: Im Zentrum steht der Patient und nicht die Technik», sagt Martin Denz.

VZH