Dienstag, 30. August 2016 5:03 Uhr
Sabine Döbeli: Die Autorin ist Geschäftsführerin von Swiss Sustainable Finance, einer im Juli 2014 lancierten Organisation zur Förderung von Nachhaltigkeit im Finanzgeschäft und Nachhaltigkeitsverantwortliche bei Vontobel. Sie ist im Stiftungsrat der Klimastiftung. (Foto: zVg, Bild: keystone, caro/kaiser)

Nachhaltige Finanzen

Neues Paradigma als Chance

Die Schweizer Finanzwirtschaft ist auf der Suche nach neuen Wachstumsfeldern. Nachhaltige Finanz­produkte stehen bisher nicht im Fokus: bei genauerer Betrachtung bieten sie aber willkommene Chancen.

Text Sabine Döbeli

Die Finanzindustrie wird landläufig nicht auf Anhieb mit dem Begriff Nachhaltigkeit assoziiert. Zwar verfügen viele Finanzdienstleister über Initiativen und Produkte, welche zum Ziel haben, eine Verbesserung von Umwelt- und Sozialstandards zu erreichen. Wer in einer breiten Runde davon erzählt, erlebt aber meist überraschte bis ungläubige Reaktionen. Dass dem so ist, hat sich dieser Sektor zu einem rechten Teil selber zuzuschreiben. Die Finanzkrise hat das vorherrschende Bild der Branche geprägt, und auch die in der Öffentlichkeit viel kritisierten hohen Entlöhnungen tragen das ihre dazu bei.

Nachhaltigkeit kein Fremdwort

Und doch: Nachhaltigkeit ist für Finanzdienstleister längst kein Fremdwort mehr. Im Berichtsinventar der Global Reporting Initiative, des weltweit wichtigsten Standards für Nachhaltigkeitsberichterstattung, stammt die mit Abstand grösste Zahl der Berichte von Banken. Nachhaltige Anlagen gewinnen stetig an Bedeutung. Per Ende 2012 waren global Vermögen im Umfang von schätzungsweise 14 Billionen US-Dollar in irgendeiner Form nachhaltig investiert. Die Schweiz spielt in diesem Geschäft keine unwesentliche Rolle. Aktuell werden hierzulande 57 Milliarden Franken nachhaltige Anlagen verwaltet, ein substantieller Teil für internationale Kundschaft. Ein Drittel der weltweiten Volumen an Mikrofinanzinvestments werden in der Schweiz betreut. In den vergangenen zehn Jahren haben Schweizer Unternehmen eine Vielzahl innovativer nachhaltiger Dienstleistungen und Finanzierungsinstrumente entwickelt, so zum Beispiel einen Risikoindex, der auf Umwelt- und Sozialrisiken basiert, und einen Fairtrade-Fonds zur Vorfinanzierung landwirtschaftlicher Produkte. Und Schweizer Grossbanken und Versicherungen verfügen über ausgefeilte Systeme, wenn es darum geht, in der Finanzierung beziehungsweise Versicherung von Grossunternehmen, spezielle Umwelt- oder Sozialrisiken zu erkennen. Doch all das ist erst der Anfang.

Zunehmende Nachfrage weist den Weg
National und international gibt es immer mehr Kunden, die explizit nachhaltige Produkte verlangen. So haben heute weltweit bereits 274 Pensionskassen und andere institutionelle Anleger, darunter viele sehr grosse, die «Principles for Responsible Investment» unterzeichnet. Mit der Unterzeichnung verpflichten sie sich, Umwelt-, Sozial- und Governanceaspekte bei ihren Anlagen einzubeziehen. Von ihren Vermögensverwaltern fordern sie diese Kompetenz zunehmend ein. Dies nicht etwa, weil sie ihr gutes Gewissen plötzlich über die Interessen ihrer Versicherten stellen – im Gegenteil. Immer mehr Studien belegen, dass es auch ökonomisch Sinn macht, Nachhaltigkeitskriterien zu berücksichtigen und sich damit Risiken vermeiden lassen. Umfragen bei sehr vermögenden Privatkunden zeigen, dass auch sie sich vermehrt dafür interessieren, was mit ihrem Geld geschieht. Sogenanntes Impact Investing (also Anlegen mit Wirkung) liegt im Trend, insbesondere in Emerging Markets, wo die grossen Wachstumsmärkte im Private Banking liegen. Es erstaunt nicht, dass vermögende Personen, welche in ihrem Land mit sozialen Brennpunkten und schlechten Umweltstandards konfrontiert sind, einen Beitrag zu ihrer Lösung leisten wollen. Umso mehr, wenn sich dies mit erfolgreichem Investieren verbinden lässt.


Bestehende Stärken verbinden

Für den Schweizer Finanzplatz, der vor dem Hintergrund der sich ver­ändernden internationalen Rahmenbedingungen mit sinkenden Margen und abnehmenden Neugeldern konfrontiert ist, bietet diese Situation eine einmalige Chance. Bestehende Stärken lassen sich verbinden und daraus neue Wachstumschancen generieren. An Finanzknowhow fehlt es der Schweiz nicht. Im Bereich Nachhaltigkeit gibt es viele innovative Akteure. Und schliesslich wird die Schweiz schon heute stark mit Nachhaltigkeit assoziiert – sei es wegen der hohen Umweltstandards, dem humanitären Engagement oder der relativ stabilen Rahmenbedingungen. Wenn man aus diesen Kompetenzen einen echten Hub für ­nachhaltige Finanzdienstleistungen baut, setzt dies ­Wachstum frei, das dringend nötig ist. Die Palette reicht dabei von ­Finanzierungsgefässen für nachhaltige Infrastruktur über spezialisierte Privatkundenberatung mit Berücksichtigung von philanthropischen Zielen bis hin zur hoch­professionellen Vermögensverwaltung für institutionelle Kunden, welche die Erfassung von Umwelt- und ­Sozialrisiken als Standard verlangen. Ein schöner Nebeneffekt solcher Dienstleistungen (denn Geld lenkt ja bekanntlich die Welt): Es werden damit global nachhaltigere Standards in der Wirtschaft gefördert. Worauf warten wir also noch?

VZH