Donnerstag, 20. Juni 2013 1:20 Uhr
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Informatiker und Betriebswirtschaftler müssen für ihr Handeln und ihre Lösungen ­Verantwortung über­nehmen und dürfen ihre Hände nicht in allen ­Fällen in Unschuld waschen.

Informationsethik für Unternehmen

Eine Frage der Moral

Aristoteles ist einer der Väter der Ethik. Die Glückseligkeit im Diesseits war ­sein Ideal. Heute finden wir Bereichsethiken wie Informationsethik, Wirtschaftsethik, Politikethik und Medizinethik vor. Die Informationsethik untersucht die ­moralischen Implikationen des Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnologien und neuen Medien. Ihre Methoden und Inhalte können auch für ­Unternehmen nützlich sein.

 

Text Oliver Bendel

 

Die Ethik ist eine Disziplin der Philosophie. Es ist auffällig, dass Ethiker oft auch Logiker sind, als bräuchte in ihnen die scheinbar weiche Wissenschaft eine offensichtlich harte an ihrer Seite. Aristoteles ist dafür ein Beispiel, aber auch – um einen Sprung in die Gegenwart zu machen – Ernst Tugendhat oder Ursula Wolf. Die Ethik ist eine schwierige Wissenschaft, wenn es überhaupt eine einfache gibt. Es ist hilfreich, sich an Philosophen zu halten, die sich klar und deutlich ausdrücken. Dazu gehören neben den Genannten auch Otfried Höffe und Annemarie Pieper, die ich bei der folgenden begrifflichen Arbeit bemühe.

Die philosophische Ethik sucht nach Höffe «auf methodischem Weg . . . u. ohne letzte Berufung auf politische u. religiöse Autoritäten . . . oder auf das von alters her Gewohnte u. Bewährte allgemeingültige Aussagen über das gute u. gerechte Handeln». Mit Pieper kann man ergänzen: «Die Ethik als eine Disziplin der Philosophie versteht sich als Wissenschaft vom moralischen Handeln.» Moral und Sitte stellen, so Höffe, den «normativen Grundrahmen für das Verhalten vor allem zu den Mitmenschen, aber auch zur Natur u. zu sich selbst dar». Sie «bilden im weiteren Sinn einen der Willkür der einzelnen entzogenen Komplex von Handlungsregeln, Wertmaßstäben, auch Sinnvorstellungen». In der empirischen oder deskriptiven Ethik beschreibt man Moral und Sitte, in der normativen beurteilt man sie, kritisiert sie und begründet gegebenenfalls die Notwendigkeit einer Anpassung.

Die Informationsethik hat die Moral (in) der Informationsgesellschaft zum Gegenstand. Sie untersucht, wie wir uns, Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) und neue Medien anbietend und nutzend, in moralischer Hinsicht verhalten bzw. verhalten sollen. Die Informationsethik steht mit jeder anderen Bereichsethik im Zusammenhang und damit sozusagen im Zentrum. Dies hat damit zu tun, dass wir in der Informationsgesellschaft leben, dass die ICT und die digitalen Medien in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft etc. eingedrungen sind und häufig den Kern von Anwendungen und Tätigkeiten bilden.

 

Die Moral der Informationsgesellschaft

Wir brauchen die Informationsethik, um den Herausforderungen der (Post-)Informationsgesellschaft gewachsen zu sein. Wenn unsere Freunde, Mitarbeitenden und Kunden zu Schaden kommen, weil wir soziale Netzwerke oder Überwachungsdienste benutzen, müssen wir die Probleme auf der moralischen (und der rechtlichen) Ebene identifizieren. Wenn Daten eine unbekannte Reise antreten, müssen wir die moralischen (und rechtlichen sowie wirtschaftlichen) Konsequenzen diskutieren. Ein Aspekt ist die Übernahme von Verantwortung. Debora Weber-Wulff schreibt hierzu: «Gegenstand der Informatik ist auch der Mensch; aus der isolierten Wissenschaft ist eine interdisziplinäre geworden. Das technische Handeln eines Individuums kann einen großen Einfluss auf die Gesellschaft haben. In der Konsequenz daraus müssen Informatiker bereit sein, Verantwortung für die Folgen ihres technischen Handelns zu übernehmen.» Und nicht nur die Informatiker, sondern auch die Betriebswirtschaftler – und alle, die Informationssysteme planen, umsetzen, einführen und nutzen. Der Begriff der unternehmerischen Verantwortung wird durch die Informationsgesellschaft neu definiert.

Informationsethik ist in zahlreiche Gebiete untergliedert, in denen unzählige Anschauungsobjekte zu finden sind. Es gibt genügend Diskussionen und Materialien zu Diensten wie Facebook und Google Street View, zu Themen wie Cybermobbing und Onlinesucht, zu Phänomenen wie Verlust von Privatheit und Überwachung am Arbeitsplatz, im Internet und in der Stadt. Ich möchte an dieser Stelle einen Schritt zurücktreten und ein paar grundsätzliche ­Probleme nennen:

– Wir nehmen Einbussen bei der Qualität in Kauf.

– ­Wir verschwenden Zeit und Aufmerksamkeit.

– Wir gleichen uns an in unserem Denken und Verhalten.

– Wir schaffen Alternativen ab und stellen ­Abhängigkeiten her.

– Wir verlieren unsere Erkenntnisse und unsere ­Fähigkeiten.

– Wir lassen Kunden, Mitarbeiter und Freunde zu Schaden kommen.

Diese Probleme sind für Privatpersonen und für (anbietende und nutzende) Unternehmen gleichermassen relevant. Sie bestehen seit langem; aber durch den Einsatz von ICT und digitalen Medien entstehen neue Möglichkeiten, neue Qualitäten und Quantitäten. Und genau hier wird die Beschäftigung mit Informationsethik interessant.

 

Netiquetten, Kodizes, Richtlinien

Wenn man als Anbieter im Internet oder als Verantwortlicher im Unternehmen den Schluss gezogen hat, dass Handlungsbedarf besteht, bleibt die Frage der Umsetzung. Wie erreicht man im Rahmen der normativen Ethik, dass sich Menschen so verhalten, wie man es sich wünscht? Wie beteiligt man die Menschen, wie nimmt man sie ernst?

Im Internet kursieren Netiquetten aller Art. Die «klassische Netiquette» ist für das Usenet mit seinen Newsgroups entstanden. Die zentralen Gebote regten zum Nachdenken an und taugten als Hilfe und Stütze in Foren. Sie waren mehr als ein Knigge und weniger als ein Gesetz. Das Netz hat sich stark verändert, so wie das Verhalten der Benutzer darin. Manche Gebote werden nicht mehr beachtet, manche umgeschrieben, bis zum Gegenteil ihrer ursprünglichen Bedeutung. In Unternehmen kann die Netiquette bzw. ihre jeweilige Adaption durchaus sinnvoll sein, etwa um die Kommunikation in den internen Communities zu regeln. Wichtig ist, dass die Netiquette nicht das Ende, sondern der Anfang ist: einer nicht endenden Diskussion.

Moralische Kodizes von ICT-anbietenden und -nutzenden Unternehmen können eine Innen- und Aussenwirkung entfalten. Im Sommer 1944 schrieb Max Born an Albert Einstein, dass die Wissenschaftler einen internationalen Verhaltenskodex zur Ethik bräuchten, um nicht länger blosse «Werkzeuge der Industrien und Regierungen» zu sein. Der Physiker aus Ulm antwortete lapidar: «Mit einem ethical code haben die Mediziner erstaunlich wenig ausgerichtet, und bei den eigentlichen Wissenschaftlern mit ihrem mechanisierten und spezialisierten Denken dürfte noch weniger eine ethische Wirkung zu erwarten sein.» Ein Kodex sollte einen auf jeden Fall hellhörig machen und einen geschärften Blick werfen lassen. Manchmal handelt es sich um einen Baum, an den man sich lehnen oder auf den man sich retten kann. Und manchmal nur um ein Blatt – um ein Feigenblatt, um genau zu sein –, um Missstände dahinter zu verbergen. Jeder möge alleine oder zusammen mit anderen herausfinden, was für IT-Konzerne zutrifft – und Fragen stellen, die sich zwischen Informationsethik und Wirtschaftsethik bewegen.

Die Social-Media-Richtlinien, die in immer mehr Unternehmen einziehen, unter mehr oder weniger intensiver Beteiligung der Mitarbeitenden, haben ebenfalls mit Informationsethik zu tun. Wenn die private und berufliche Nutzung geregelt, an die Eigenverantwortlichkeit appelliert, die Herstellung von Transparenz oder die Deklaration von privaten Meinungsäusserungen gefordert wird, sind Informationsethik und Rechtswissenschaft gleichermassen gefragt. Grundsätzlich können aus ethischen Überlegungen rechtliche Bestimmungen werden; umgekehrt ist längst nicht alles, was Recht ist, auf dem Boden der Gerechtigkeit gewachsen. Gefragt ist in diesem Zusammenhang auch die Rechtsethik – und natürlich die Wirtschaftsethik.

 

Diskurs statt Dekret

Es gibt viele Philosophen, aber zu wenige, die sich für Informatik interessieren, und zu wenige (Wirtschafts-)Informatiker, die auf dem Gebiet der Philosophie reüssieren. Wir bräuchten eine Aus- und Weiterbildung, die auf wissenschaftlichem Fundament ethische Fragen aufgreift. Die nicht einzelnen Unternehmen verpflichtet ist, sondern neutral informationsethische und wirtschaftsethische Inhalte vermittelt. Die empirische Informationsethik schafft Verständnis für alternative Verhaltensweisen und Lebensentwürfe; die normative mündet in Vorschläge, die wir im Internet und im Unternehmen zusammen weiterdiskutieren und -entwickeln. Und sie liefert nachvollziehbare und brauchbare Begründungen. Diskurs statt Dekret, das ist die Devise.

 

 

 

Zitierte Literatur:

– Höffe, Otfried. Lexikon der Ethik. 7., neubearb. und erweit. Auflage. C. H. Beck, München 2008. Eintrag Ethik bzw. Moral.
– Pieper, Annemarie. Einführung in die Ethik. 6., überarb. u. akt. Auflage. A. Francke Verlag, Tübingen und Basel 2007. S. 17.
– Bendel, Oliver. Die Rache der Nerds. UVK Lucius, München 2012. (Erscheint im Sept. 2012.)
– Weber-Wulff, Debora; Class, Christina; Coy, Wolfgang et al. Gewissensbisse: Ethische Probleme der Informatik. Biometrie – Datenschutz – geistiges Eigentum. transkript-Verlag, Bielefeld 2009. S. 17.
– Einstein, Albert; Born, Max. «Briefwechsel 1916 – 1955», LangenMüller, Frankfurt/Main 1982.

 

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