
- Zur Person: Jörg Aebischer ist Geschäftsführer ICT-Berufsbildung Schweiz.
Jörg Aebischer, ICT-Berufsbildung Schweiz
« Es gibt zu wenig Lehrstellen»
Nachwuchs- und Ausbildungsplatzmangel im ICT-Bereich ist trotz rasantem technologischem Fortschritt weiterhin ein Thema. Diesem Problem widmet sich Jörg Aebischer von ICT-Berufsbildung Schweiz.
Interview Birthe Grautmann
Herr Aebischer, ICT Berufsbildung Schweiz wurde im Frühjahr 2010 durch den Dachverband ICTswitzerland gegründet. Die Nachwuchsprobleme bestehen aber schon seit Jahren. Wieso wurde dieser Verband erst so spät ins Leben gerufen?
ICT-Berufsbildung Schweiz wurde von ICTswitzerland gemeinsam mit den kantonalen bzw. regionalen ICT-Berufsbildungsorganisationen als Verein gegründet. In diesem Jahr sind mit dem Verband der Schweizer Druckindustrie und dem Schweizerischen Verband für visuelle Kommunikation zwei nationale Organisationen hinzugekommen. Das unterstreicht zum einen das Bedürfnis nach einem Schweizerischen ICT-Berufsbildungsverband und zum anderen, dass es uns offenbar gelungen ist, innert kurzer Zeit eine gewisse Bedeutung zu erlangen.
Nun ja, Nachwuchsprobleme in der ICT gibt es schon länger. Die Branche war bisher auch nicht untätig. Es gab und gibt viele Organisationen und Aktivitäten, die dasselbe Ziel, die nachhaltige Beschaffung von ICT-Fachkräften im eigenen Land, verfolgen. Neu ist jedoch, dass mit ICT-Berufsbildung Schweiz nun eine Organisation alle diese Aktivitäten zusammenfassen, koordinieren und damit mit mehr Wirkung umsetzen soll.
Warum ist es so schwierig, Unternehmen zu motivieren, in der ICT-Branche mehr Ausbildungsplätze zu schaffen?
Leider ist es tatsächlich so, dass im Bereich der ICT der Ruf der Wirtschaft nach qualifizierten ICT-Fachkräften viel grösser ist als ihr Engagement selber aktiv dagegen anzutreten, sprich auszubilden. Grundsätzlich gäbe es genügend junge Leute, die in der ICT tätig werden möchten, aber es gibt zu wenige Lehrstellen. Das hat mehrere Ursachen: Zum einen glauben fälschlicherweise viele Unternehmer, vor allem aus KMU, dass es kompliziert sei oder sie als Lehrbetrieb den Lernenden nicht genügend zu bieten hätten. Zum anderen sind da die Grossbetriebe, die eher eine Hochschulabsolventen-Kultur pflegen und die Berufsbildung tendenziell zu wenig wertschätzen. Dann sind da noch die im ICT-Umfeld oft anzutreffenden internationalen Unternehmungen, welche von ihrer z.B. angelsächsischen Prägung her das duale Berufsbildungssystem gar nicht kennen.
Welches sind die Hauptziele von ICT-Berufsbildung Schweiz?
Bis 2017 fehlen uns in der Schweiz netto 32‘000 ICT-Fachkräfte, wenn wir gleich wenig ausbilden wie heute und wir von einer Zuwanderung im heutigen Rahmen ausgehen. Unsere Verbandsziele leiten sich direkt daraus ab: Wir streben 3‘000 zusätzliche Lehrstellen an. Das ist die Basis für die weiteren Ziele: Eine Verdoppelung der ICT-Fachausweis- und Diplom-Absolventen und eine Verdoppelung der ICT-Studierenden an den Fachhochschulen. Damit wird deutlich: Unternehmen, welche sich ihre Zukunft sichern wollen, müssen heute Lehrstellen schaffen. Ohne Lehrabgänger gibt es keine höher qualifizierten Fachkräfte.
Selbstverständlich gibt es noch eine Reihe weiterer Ziele, welche wir erreichen wollen, wie z.B. die Schweiz weite Qualitätssicherung in der Ausbildung oder – und das ist letztlich für alles Weitere entscheidend – die nachhaltige Finanzierung unserer Verbandsaktivitäten. Im Moment können wir dank einer Stiftung, welche aktuell von der Credit Suisse und der Swisscom finanziert wird, unsere Aufgaben erfüllen. Mittelfristig müssen und wollen wir aber ein anderes Finanzierungsmodell finden, das möglichst viele, welche von unseren Aktivitäten profitieren, in die Pflicht nimmt. Das wird der Beweis sein, ob es der Wirtschaft tatsächlich ernst ist, gegen den ICT-Fachkräftemangel anzutreten. Alleine schafft das kein Unternehmen. Dazu braucht es einen Verband wie ICT-Berufsbildung Schweiz.
Was konnten Sie bis jetzt schon bewirken?
Bezüglich der quantitativen Ziele kann ich noch keine fundierte Aussage machen. Der statistische Betrachtungszeitraum ist zu kurz. Die «Inkubationszeit» unserer Massnahmen ist viel länger als nur ein paar Monate. Wir müssen den Trend über die nächsten Jahre verfolgen. Trotzdem gibt es einige punktuelle und direkte Erfolge aus dem Wirken vieler Akteure zu verzeichnen: Im Kanton Bern wird z.B. ab 2012 neu eine Informatikmittelschule aus der Taufe gehoben. Im Kanton Zürich konnten schon in diesem Jahr zusätzliche Schulplätze geschaffen werden. Andernorts werden vermehrt Mediamatiker ausgebildet. Im Bereich der höheren Berufsbildung wurden im Juli vier neue Prüfungsordnungen für ICT-Fachausweise eingereicht. Die Ausbildungen starten bereits im Herbst 2011. Und auch als Verband werden wir wahrgenommen. Wie gesagt, konnten wir bereits auf Antrag hin neue Mitglieder in die Trägerschaft aufnehmen. Dafür dass die neue Geschäftsstelle erst seit dem 1. Mai dieses Jahres operativ in Betrieb ist und wir per 1. Juli noch den Sitz-Wechsel von Zürich nach Bern vollzogen haben, bin ich mit dem bisher Erreichten sehr zufrieden. Klar: Wunder konnten wir in diesen paar Monaten noch keine bewirken. Doch das wird vermutlich auch in Zukunft so bleiben, denn an Wunder glaube ich nicht. Viel eher müssen wir weiter hart arbeiten und die Unternehmen vom ökonomischen Nutzen einer starken Berufsbildung überzeugen.
Es gibt viele Quereinsteiger in der ICT-Branche. Ist das eine Chance zur Behebung unseres IT-Spezialisten-Mangels?
Diejenigen, die heute in der ICT tätig sind und keine formale ICT-Ausbildung von der Pike auf absolviert haben, werden in Zukunft immer mehr einer Minderheit angehören. Die Berufsbilder in der ICT sind verglichen mit den meisten gewerblichen Berufen sehr jung, weshalb eine entsprechende Grundausbildung gar noch nicht so lange möglich ist. Dementsprechend gibt es heute viele Quereinsteiger. Diese ICT-Fachkräfte sind aber mit der Entwicklung in der ICT gewachsen. Zudem hat die Dot-com-Blase Quereinsteiger begünstigt.
Die ICT ist aber heute dermassen komplex, dass Quereinstiege immer schwieriger werden; zumindest in den ICT-technischen Bereichen wie der Applikationsentwicklung oder der System- und Netzwerktechnik. Und gerade in diesen Bereichen werden Fachspezialisten gebraucht. Vielmehr müssen wir dafür sorgen, dass weniger ICT-Qualifizierte aus dem Beruf abwandern. Das ist heute rund ein Drittel! Da arbeiten wir am Berufsimage und die Unternehmen sind gefordert ihre Personalentwicklung sorgfältiger anzugehen.
Die Schweiz liegt trotz Fachkräftemangel im internationalen IT-Vergleich gemäss «Global Information Technology Report 2009-2010» des World Economic Forum unter den ersten fünf. Das ist eine beachtliche Leistung. Woran liegt das?
Es ist immer eine Frage des Blickwinkels. Das «Digital economy ranking 2010» z.B. führt die Schweiz auf Rang 19 an. Vor 5 Jahren noch lag die Schweiz auf Rang 3. Dieses Ranking beurteilt die Länder bezüglich deren ICT-Fitness. Es ist richtig, dass wir in der Schweiz die besten Voraussetzungen haben, um im ICT-Bereich Weltspitze zu sein. Unser Bildungssystem, insbesondere das duale, ist hervorragend. Aber auch mit der ETH haben wir auf akademischem Level eine Hochschule mit Weltruhm. Dank unserer liberalen Wirtschaftsordnung haben wir eine extrem wettbewerbsfähige Wirtschaft. Unser einziger Rohstoff, den wir haben, ist unser Know-how. Damit können wir namhaft Wertschöpfung generieren. Bereits heute generieren die ICT-Fachkräfte in der Schweiz eine Wertschöpfung von rund 25 Mia. Franken. Das ist in etwa gleichviel wie die Versicherungsbranche oder die Chemie. Mit der sog. Digitalen Agenda 2020 haben ICTswitzerland und economiesuisse kürzlich die Diskussion auf politischer Ebene lanciert. Ziel ist es, dass die Schweiz bezüglich ICT-Position auf einen weltweiten Spitzenplatz zurückfindet.
Sie werben im Banner ihrer Homepage auch Frauen an. Sind Jobs in der Informatik ideal für Frauen?
Ja, sehr. Kaum ein anderes Berufsfeld ermöglicht derart flexible Arbeitsmodelle wie die ICT. Teleworking, Homeoffice und Arbeit zu jeder Tageszeit sind z.B. optimal mit Familienaufgaben vereinbar. Leider bestehen falsche Vorstellungen von ICT-Jobs, welche Frauen oft von dieser Berufswahl abhalten. ICT ist nicht primär technisch und mathematisch, sondern abwechslungsreich, dynamisch, kreativ und mit vielen Kontakten zu Kunden und Arbeitskollegen verbunden. Wir arbeiten intensiv daran das völlig falsche Klischee vom schmuddeligen, dicken und introvertierten Hacker abzulegen. ICT-Leute müssen genauso dynamisch sein wie ihr Umfeld, in welchem sie sich tagtäglich bewegen.







