Sonntag, 11. Dezember 2016 14:43 Uhr
Zur Person: Daniela Merz ist CEO der Dock Gruppe AG, welche langzeitarbeitslosen Menschen eine Anstellung in den Bereichen Industrie und Recycling bietet. (Foto: zVg)

 

Sorgfalt und Pragmatismus

Daniela Merz, CEO Dock Gruppe AG  Seit über 15 Jahren beschäftigt die Dock Gruppe AG langzeitarbeitslose Menschen. CEO Daniela Merz erklärt, was das lang­fristige Ziel der Sozialfirma ist und wieso die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt immer schwieriger wird.

Interview Saverio Genzoli


Die Arbeitslosigkeit liegt in der Schweiz weit unter fünf Prozent. Umfassender Wohlstand und eine hohe Beschäftigungsquote sind die Aushängeschilder der schweizerischen Arbeitsmarktpolitik. Dennoch sind auch hierzulande viele langzeitarbeitslose Menschen auf Sozialfirmen wie die Dock Gruppe angewiesen.


Die Dock Gruppe bietet Arbeitsplätze für ­Menschen, die lange Zeit ohne Arbeit waren. Was ist das Ziel dieser Beschäftigung?
Daniela Merz Das Ziel ist eben, dass es keine Beschäftigung ist. Es geht nicht darum, etwas künstlich herbei zu führen, sondern den Menschen ihren Fähigkeiten, Ressourcen und Lebenssituationen entsprechend einen reellen Arbeitsplatz zu bieten, der aber an die jeweiligen Rahmenbedingungen ­angepasst ist. Im Prinzip übernehmen wir die Regeln des ersten Arbeitsmarktes in einer vereinfachten Form für den zweiten Arbeitsmarkt und dessen Menschen – mit den gleichen Zielen, die Arbeit für uns ­­­hat: ­Bestätigung, Wertschätzung, Inhalt, ­Konflikte lösen zu lernen und die Möglichkeit, sich in einem Team einbringen zu können.

 

Ist das langfristige Ziel die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt?
Selbstverständlich. Leider wird das aber immer anspruchsvoller. Die vorgelagerten Stellen, also die regionalen Arbeitsvermittlungen, machen ihre Arbeit sehr gut. Sie bringen diejenigen Leute, welche den ­Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes noch entsprechen, wieder direkt an die Unternehmen. Bei uns landen dann die Leute mit einer niedrigeren Arbeitsmarktfähigkeit – in der Regel zwischen 50 bis 80 Prozent. Obwohl 80 Prozent Leistungsfähigkeit eigentlich ­relativ viel wäre, reicht das in einem normalen Industriebetrieb einfach nicht aus.

 
Wieviele meistern den Wiedereinstieg in den ­ersten Arbeitsmarkt durch die Dock Gruppe?
Das sind etwa 15 bis 20 Prozent. Diese Zahl mag ich jedoch nicht besonders. Es wird immer versucht, die Arbeitsintegration an dieser Statistik zu messen. Entscheidend ist jedoch vielmehr, wieviele Leute sich durch die Arbeit bei uns in ihrer Lebenssituation stabilisieren können. Mit unserem Betrieb leisten wir einen ordentlichen Beitrag zur Volkswirtschaft. Wir machen hier nicht irgendwelche Bastelarbeiten.


In was für Tätigkeitsbereichen wird in erster Linie gearbeitet?
Wir sind eine verlängerte Werkbank. Das heisst, wir machen klassische Industriearbeit, die sonst in ein Billiglohnland ausgelagert würde. In der Regel umfasst das Arbeiten, die automatisiert werden können. Wir versuchen im Prinzip, diejenige Arbeit wieder zu erschliessen, welche sonst auf einen Lastwagen verfrachtet und in den Osten zur Verarbeitung abgegeben worden wäre.


Aber es muss schon eine Tätigkeit sein, die ohne den entsprechenden beruflichen Hintergrund ausgeführt werden kann?
Ja, grundsätzlich schon. Wir haben aber auch nicht den Anspruch, Facharbeit zu leisten. Diese soll im ersten Arbeitsmarkt erbracht werden. Es geht uns darum, dass Arbeiten, welche normalerweise in einem Prozess ins Ausland ausgelagert würden, hier gemacht werden können. Was irgendwelchen Menschen in einem Billiglohnland erklärt werden muss, das können wir unseren Leuten auch erklären.


Wie finanziert sich die Dock Gruppe?
Unsere Leute arbeiten für ihr Geld, anstatt Sozialhilfe zu beziehen. Wenn jemand also 2000 Franken Sozialhilfe hat, aber für 1000 Franken bei uns arbeitet, bekommt er nachher noch 1000 Franken Sozialhilfe. Die 1000 Franken an Lohnkosten stellen wir dann dem Staat in Rechnung. Wir haben also nur eine Subjektfinanzierung der Angestellten. Nicht wir bekommen das Geld vom Staat, sondern der Arbeitnehmende selber. Wir kriegen folglich keine Subventionen. Die Infrastrukturkosten, wie zum Beispiel die Mieten unserer Räumlichkeiten oder die Löhne des anleitenden Personals, müssen wir selber einbringen. Wir leben also de facto nur von der Wertschöpfung, welche unsere Leute erwirtschaften.

 
Die Dock Gruppe wird als Sozialfirma bezeichnet. Sind Sie demnach eine Sozialarbeiterin?
Nein, gar nicht. Eine Sozialfirma hat aber im Gegensatz zu einem Betrieb im Erst­arbeitsmarkt klare Vorteile. Wir gehören einer Stiftung an und müssen uns daher vor keinem Shareholder rechtfertigen. Unsere Aufgabe ist die Gemeinnützigkeit, nicht die Gewinnmaximierung. Wir betreiben also kein Renditegeschäft, sondern wollen ­einfach möglichst viele Arbeitsplätze schaffen. Reich werden will und kann damit niemand.


Die Schweizer Arbeitsmarktpolitik schmückt sich mit tiefen Arbeitslosenquoten und gilt deshalb als Erfolgsmodell. Zu Recht?

In einem gewissen Masse wohl schon. Das Problem ist einfach, dass die Lang­-
zeit­­arbeitslosen in diesen Statistiken nicht mit eingeschlossen sind. Es stellt sich dann die Frage, inwiefern diese Menschen überhaupt arbeitsmarktfähig sind. Wir müssen ­anfangen, über Modelle nachzudenken, in denen auch teilarbeitsfähige Menschen Platz finden.


Ist Arbeitslosigkeit in der Schweiz ein ­Tabuthema?
Oftmals fehlt etwas die Betroffenheit und damit das Verständnis. Die Schweiz lässt sich den Sozialstaat aber immer noch was kosten. Mit der Sozialhilfe kann man in ­diesem Land auf einem tiefen Niveau leben. Sie schafft die Möglichkeit, dass grundsätzlich jede Person eine reelle Chance erhält. Einem Menschen geht es aber nicht per se gut, nur weil er Geld zum Leben hat. Über eine längere Zeit ist Arbeitslosigkeit ein enormer Stress­faktor. Dies wird vielfach nicht erkannt. Sich dieser Tatsache zu stellen ist etwas, das die Öffentlichkeit nicht gerne tut.


Wird die Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt immer ­schwieriger?
Dadurch, dass die Arbeitsplätze immer spezifischer und die Anforderungen an die Arbeitskräfte immer höher werden, wird die Schere immer grösser. Wer heute längere Zeit ohne Arbeit ist, hat eine sehr schlechte Perspektive.


Was sind die Gründe für diese Tendenz?
Der Arbeitsmarkt ist nicht geschaffen für Teilzeitarbeitskräfte. Infrastrukturtechnisch muss ich für einen Angestellten, welcher nur 20 Prozent arbeitet, denselben Aufwand betreiben wie für einen Vollzeitarbeiter. Das können sich viele Betriebe nicht leisten. Für solche Situationen müsste es klare Formen geben. Der Arbeitsmarkt ist so ausgerichtet, dass jeder 100 Prozent arbeiten und 100 Prozent Leistung bringen muss. Für alles andere gibt es keine Übersetzung. Weder bei den Mindestlöhnen, noch bei den Versicherungsleistungen.

 
Was wünschen Sie sich von der Schweiz in Bezug auf die Arbeitsmarktpolitik?
Die Diskussion in der Arbeitsmarktpolitik muss unbedingt ganzheitlich und damit sorgfältig geführt werden. Entscheidend ist, dass man primär den ersten Arbeitsmarkt im Griff behält und anfängt, über den Anschluss des zweiten nachzudenken. Das Augenmerk sollte weiterhin auf dem ersten bleiben. Denn nur, wenn es dem ersten Arbeitsmarkt gut geht, kann es auch uns gut gehen. 


VZH