Donnerstag, 25. Mai 2017 23:55 Uhr
Es ist zentral, dass sich der Verwaltungsrat auch mit dem Thema Krisenmanagement und -Kommunikation auseinandersetzt. (Bild: Depositphotos.com,w razihusin)

Fit für die Zukunft

VR-Upgrade  Eine gute Entscheidung basiert auf Wissen und nicht auf Zahlen – dies war bereits Platos Ansicht. Zahlen sind lediglich Teil des Wissens – dies gilt auch für Verwaltungsräte. Nur, welches Wissen ist relevant? Gerade im Zeitalter der Digitalisierung ist es existenziell wichtig, dass Verwaltungsräte über aktuelle Herausforderungen richtig und umfassend informiert sind. 

 

Text Martin Zenhäusern und Sita Mazumder

  

Veränderungen stellen neue An­­sprüche an den Verwaltungsrat: Veränderungen in den Umweltsphären (Gesellschaft, Ressourcen), bei den Anspruchsgruppen (Kapitalgeber, Kunden, Mit­­ar­­­­beitende, Medien) wie auch bei Prozessen, ­Ent­wicklungen und neuen Technologien. Themen wie echtes Leadership, ­Digitalisierung, IT-Sicherheit und Krisenmanagement beschäftigen heute alle Organisationen und sind deshalb zentral auf der Agenda jedes Verwaltungsrates. Dies bedingt zum einen die richtige Zusammensetzung der ­strategischen Oberleitung in Bezug auf den Kompetenzen-Mix und die Persönlichkeitsprofile der Mitglieder, zum anderen die permanente Aktualisierung des Wissens. Gerade bei den vier genannten Themenbereichen werden in jüngerer Zeit immer wieder grosse Lücken deutlich.

 

Leadership von Mensch zu Mensch

Studien und persönliche Erfahrungen belegen: Viele Führungskräfte sind überfordert. Sie kommunizieren vorwiegend über E-Mails oder nutzen Social Media, um ihr Unternehmen zu führen. Sie finden sich in der Fülle der neuen Kommunikationsmittel nicht mehr zurecht und vergessen, das Wesentliche zu tun: direkt mit den Mit­arbeitenden zu sprechen, Präsenz zu zeigen und berechenbar und transparent zu handeln. Eine besondere Herausforderung an die Führungsqualitäten stellt die ­Generation Y dar, welche mit eigenen Prinzipien und einem neuen Führungsverständnis ­aufgewachsen ist. Liquid Leadership und kollaborative Arbeitsformen lösen straffe Strukturen und den kompetitiven Wettbewerb ab. Der Verwaltungsrat sollte in der Lage sein, erstens die neuen und kommenden Führungswerkzeuge beurteilen zu können und zweitens für die Geschäftsleitung auch beim Thema moderne Führung ein ­glaubwürdiger Sparringpartner zu sein. Wer die modernen Werkzeuge kennt und richtig einsetzt, ohne die herkömmlichen und bewährten zu vernachlässigen, kann in einem sich ständig verändernden und fordernden Umfeld den entscheidenden Vorsprung bei der Gewinnung der Talente und der Bindung der Leistungsträger herausholen.

 

Digitalisierung – notwendiger Er­folgsfaktor

Die Digitalisierung abzulehnen ist heute keine Option mehr. Und es schickt sich auch nicht an, denn jede und jeder benennt Digitalisierung als ein «Must». Nur, was darunter verstanden und umgesetzt wird, mit welchen Auswirkungen und Effekten zu rechnen ist, ist längst nicht so homogen, wie die inflationäre Verwendung des Begriffs vermuten liesse.

Der 5. Kondratjew-Zyklus gilt ganz der Informationstechnik. Diese hat dazu geführt, gerade in den letzten zehn Jahren, dass der persönliche, digitale Bereich eine starke Expansion erfahren hat und ­gleichsam die Privatsphäre eine Ver­öffentlichung. Dass diese Daten Geschäft bedeuten, wurde ­spätestens durch Facebook klar: Daten sind das neue Gold. Die ­Vermischung der ­digitalen persönlichen Welt mit der ­digitalen geschäftlichen Welt führt zu neuem ­Kundenverhalten, neuen Risiken, aber ebenso zu neuen ­Möglichkeiten. Die echte digitale Transformation in einer ­Organisation geht deshalb weit über die Digitalisierung von analogem Material ­hinaus. Sie verändert die Geschäftsmodelle, lässt Fabriken intelligent werden, führt zu neuen Stellenprofilen und vielem mehr.

Die echte Digitalisierung als Erfolgsfaktor ist notwendig, aber nicht hinreichend – oder anders formuliert: Sie garantiert nicht den Erfolg eines Unter­nehmens, aber ohne sie ist der Misserfolg garantiert.

 

IT-Sicherheit als Chefsache

Die Gretchenfrage, ob IT-Sicherheit Aufgabe des Verwaltungsrates sei, ist schnell beantwortet: zwingend! Kaum ein Unternehmen kommt mehr ohne IT aus und kaum eine Organisation ohne schützenswerte Daten. IT ist heute zu einem integralen Bestandteil der Unternehmenswelt geworden, oft sogar zu einem Faktor, der über Erfolg und Misserfolg einer Firma entscheiden kann.

Trotzdem wird IT nach wie vor primär als Kostentreiber wahrgenommen und IT-Sicherheit immer noch oft an eine Stelle delegiert, die der Geschäftsleitung unterstellt ist. Laut der Deloitte-Studie «A Crisis of Confidence» von 2016 nennen 73 Prozent der befragten Board-Mitglieder einen Reputationsverlust als grösstes Risiko, dicht gefolgt von den Gefahren durch Cybercrime mit 70 Prozent. Bringt man nun ins Bild, dass Cybercrime als ein Risiko im Bereich der IT-Sicherheit schnell zu einem Reputationsverlust führen kann, wird umso klarer: IT-Sicherheit ist Chefsache und gehört damit in die Kompetenzen und auch den Aufgabenbereich des Verwaltungsrats. Dass dieser Umstand nicht ändern, sogar noch dominanter auf der VR-Agenda wird, zeigen folgende Zahlen: Laut der PwC-Studie «Economic Crime» von 2016 ist die Anzahl Cyber-Attacken weltweit um 48 Prozent auf 42.8 Millionen oder 117339 Attacken pro Tag angestiegen. Trustwave hat 2015 bei 97 Prozent der Applikationen mindestens eine Verwundbarkeit festgestellt, 10 Prozent davon sind als kritisch oder gar High Risk einzustufen.  

 

Vorausschauendes Krisen­management

Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist es zu spät. Warum hat niemand daran gedacht, den Brunnen zu sichern? Vorausschauende Verwaltungsräte und Unternehmensführungen stellen die entscheidenden Fragen, lange bevor eine Krise sich anbahnt. Prävention ist ebenso wichtig wie die Bewältigung einer Krise. So haben zum Beispiel nur 20 Prozent der weltweit grössten Unternehmen eine Nachfolgeregelung. Prävention heisst, dass sich das Unternehmen darüber im Klaren ist, welche finanziellen, personellen und produktbezogenen Risiken bestehen und wie sie bewertet, vermieden und gelöst werden sollen.

Oft besteht eine Betriebsblindheit, weil die Geschäftsleitung zu sehr vom Tagesgeschäft absorbiert oder mit sich selbst beschäftigt ist, oder es fehlt die gesunde Distanz, um das Gesamtbild zu sehen und Fehler oder Risiken erkennen zu können. Wie die Geschichte zeigt, haben sich kleine, eigentlich unbedeutende Schadensfälle zu existenzgefährdenden Krisen ausge­wachsen, weil die handelnden Personen überreagiert haben oder dem Druck von Medien und Öffentlichkeit nicht gewachsen waren. Das Thema Krisenmanagement und -kommunikation gehört zu den zentralen Aufgaben des Verwaltungsrats, auch angesichts der Tatsache, dass aufgrund des Erfolgsdrucks Fehlleistungen und V­ertuschungen mitunter billigend in Kauf ­genommen werden. 

 

Wissen vermehrt sich, wenn man es teilt

Bei der Fülle der Informationen ist es für einen Verwaltungsrat beinahe unmöglich, das Wesentliche herauszufiltern und wertvolles Wissen vom Informationsmüll zu trennen. Ein Verwaltungsrat kann kaum alle notwendigen Kompetenzen in seinem Gremium besetzen, wenn er schlagkräftig bleiben will. Mit dem Blick über den eigenen Tellerrand hinaus und dem Dialog mit Experten anderer Disziplinen erfährt das eigene Wissen über aktuelle Entwicklungen und kommende Trends ein wertvolles Upgrade. Wissen vermehrt sich, wenn man es teilt. Je mehr ein Verwaltungsrat über aktuelle Themen weiss und je besser er Entwicklungen und Trends einschätzen kann, desto besser wird er auch seiner Aufgabe der Oberleitung eines Unternehmens ge­­recht. Ein fitter und sattelfester Verwaltungsrat hält das Unternehmen auf Kurs und die Geschäftsleitung auf Trab – sprich: in der Erfolgsspur. 

 

www.vrupgrade.ch

 

 

 

Zu den Autoren

Martin Zenhäusern ist Führungs- und ­Kommunikationsexperte mit Erfahrung aus über 30 000 Beratungsgesprächen mit Führungskräften. Sita Mazumder ist Unternehmerin sowie Wirtschaftsprofessorin am Departement IT der Hochschule Luzern. Beide sind Mitglied mehrerer Verwaltungsräte und Autoren verschiedenster Fachpublikationen. Zusammen beraten sie Verwaltungsräte in den Themen Digitalisierung, Cyber Security, Leadership und Krisenmanagement.

VZH