
- Rund 600 Schweizer Firmen sind bereits in der Türkei tätig und der Importbedarf der Türkei steigt jährlich.
Exportmarkt Türkei
Der Bosporus lockt
Die türkische Wirtschaft floriert. Das haben auch Schweizer Unternehmen entdeckt und wollen vom Aufschwung profitieren. Neben vielen Chancen gibt es aber auch Stolpersteine für ausländische Unternehmen.
Text Raphael Corneo
Die Schweiz möchte teilhaben am türkischen Erfolg. Das Land hat in den vergangenen Jahren mit einem beeindruckenden Wirtschaftswachstum überzeugen können. «Die Türkei präsentiert Wachstumsraten, die fast schon chinesische Verhältnisse aufweisen. Im Jahr 2011 betrug das Wachstum wieder über zehn Prozent», sagt Alberto Silini, Berater für den Bereich Nahe Märkte bei der Osec. Und auch die Wirtschaftskrise konnte dem Aufschwung nichts anhaben: Als einziges OECD-Land konnte die Türkei ihr Kredit-Rating während der Wirtschaftskrise verbessern.
Die Wirtschaft brummt
Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass das Land am Bosporus in den nächsten Jahren zu den zehn wichtigsten Wirtschaftsmächten aufsteigen wird. «Auch die Staatsfinanzen hat das Land in den vergangenen Jahren immer besser in den Griff bekommen», sagt Silini. Mit der guten wirtschaftlichen Lage steigt auch der Importbedarf des Landes. «Die Importe sind im letzten Jahr auf einen Rekordwert von 181 Milliarden Euro (220 Milliarden Franken) gestiegen. Das ist auch für die Schweiz erfreulich», so Silini. Der Wert entspricht einem Plus von 80 Milliarden Euro.
Längst haben auch Schweizer Unternehmen die Türkei entdeckt und wollen von der florierenden Wirtschaft profitieren. Rund 600 Firmen sind heute schon in der Türkei aktiv. Neben den grossen Unternehmen wie Novartis, Roche oder Nestlé sind auch kleinere wie der Messtechnik-Hersteller Endress+Hauser, die Bühler Group oder das Managementunternehmen Tomato AG in der Türkei aktiv. «Die internationalen Schweizer Grosskonzerne sind schon seit Jahren vor Ort. Doch auch kleinere Firmen, die mit einheimischen Partnern arbeiten, nehmen Tag für Tag zu», sagt Ümit Özeflatun, Präsident der Schweizerischen Handelskammer in der Türkei und Geschäftführer von OTTO’S Türkei.
Ein Markt mit vielen Chancen
Am stärksten vertreten ist dabei die Pharmaindustrie. Mehr als 30 Prozent der Schweizer Exporte in die Türkei stammen aus diesem Sektor, gefolgt von Maschinen und chemischen Erzeugnissen. Importiert werden aus der Türkei vor allem Textilien und landwirtschaftliche Produkte. Özeflatun sieht gerade für Schweizer KMU ein grosses Potenzial in der Türkei: «Für sie ist die Türkei auch deshalb interessant, weil die Lohnkosten gegenüber der Schweiz viel kleiner sind und das Land zudem auch strategisch gut positioniert ist, um den ganzen nahen Osten zu beliefern», sagt er. Das sieht auch Silini so. «Die Einflussnahme in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht hat stark zugenommen». Türkische Firmen dienen als ideale Plattform, wenn es in Richtung Nordafrika, Mittlerer und Naher Osten geht. Zudem nimmt mit dem wirtschaftlichen Aufschwung die Kaufkraft in der Türkei immer weiter zu. «Vor allem bei der jüngeren Bevölkerungsschicht», sagt Silini. Mit 75 Millionen Einwohnern ist das Land fast so gross wie Deutschland. «Die geografische Nähe zu Europa, das dynamische Geschäftsumfeld, die junge produktive Bevölkerung und ungesättigte Märkte machen das Land auch attraktiv für internationale Investoren». sagt Türkeiexpertin Devrim Yetergil (siehe Interview). Die Schweizer Investitionen beliefen sich per Ende 2010 insgesamt auf 2,9 Milliarden Franken. Dabei beschäftigten Schweizer Unternehmen 15 360 Mitarbeiter.
Schneider-Ammann betont Gemeinsamkeiten
Gerade weil das Land ein grosses Potenzial für Schweizer Unternehmen darstellt, ist es nicht verwunderlich, dass Ende März auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann das Land am Bosporus besucht hat. Auf seiner Reise nach Ankara und Istanbul wurde der Bundesrat von 15 Vertretern aus der Schweizer Wirtschaft begleitet. Dabei betonte Schneider-Ammann die Gemeinsamkeiten der beiden Länder, die beide nicht Mitglied der EU sind. Nachdem die Türkei lange darauf gedrängt hat, Mitglied zu werden, ist heute diese Bestrebung nicht mehr so zwingend wie auch schon. Die Türken seien sich ihres Erfolgs der letzten Jahre sehr bewusst und hätten ein grosses Selbstbewusstsein, sagte Schneider-Ammann.
Doch auf der Wirtschaftsreise, auf der auch Treffen mit Vertretern der türkischen Regierung sowie von verschiedenen türkischen Organisationen auf dem Programm standen, ging es auch darum, Differenzen auszuräumen. Die Pharmaindustrie klagt über zu lange Zulassungsfristen, die Maschinenindustrie über die Bevorzugung einheimischer Firmen. Der Landwirtschaft machen die hohen Zölle zu schaffen. Ausserdem werden viele Schweizer Produkte in der Türkei gefälscht, da der Schutz für geistiges Eigentum noch Lücken aufweist. Trotz alledem betonte aber auch Schneider-Ammann das grosse Potenzial für Schweizer Unternehmen.
Infrastruktur, Automatisierung, Cleantech
Besonders grosses Potenzial macht die Osec in Infrastrukturbereich aus, da dort grosse Investitionen geplant sind. «Zudem bestehen noch grosse Chancen für Automatisierungsanbieter. Auch da ist in der Türkei doch noch ein massiver Nachholbedarf auszumachen», sagt Silini. Auch Cleantech wird in der Türkei immer mehr zum Thema. Gerade dort hat die Schweiz einiges zu bieten und versucht dies auch in der Türkei bekanntzumachen. «Schon im November 2009 wurde eine Absichtserklärung zwischen unseren beiden Staaten unterzeichnet, welche die Kooperation im Cleantech-Sektor vorantreiben soll», sagt Silini. So sieht es auch Özeflatun. Man spüre in der Türkei die Bestrebungen der Politik, in diesem Bereich voranzukommen.
Man muss sich vorbereiten
Ein Einstieg will aber gut überlegt sein. Die Rückmeldungen der Firmen, die den Schritt gewagt haben, sind gemischt. «Ich habe von einigen Firmen auch über Probleme wie Importbestimmungen, Steuern, langsame Bürokratie und ähnliches gehört», sagt Özeflatun. Gleichzeitig bestätigen Unternehmen jedoch, dass es nicht mehr so schwierig ist, wie in der Vergangenheit. Auch bei der Osec gibt es die ganze Bandbreite von Rückmeldungen. «Zu wenig vorbereitete Firmen bezahlen immer wieder ein teueres Lehrgeld in der Türkei», sagt Silini. Deshalb sei vor einem Einstieg eine gute Vorbereitung so wichtig.







