Absatzmarkt digital
Die Zukunft ist anderswo
Die Schweizer Digitalbranche ist ein unbekannter Riese mit einem Milliardenumsatz. Doch sie ist vor allem auf den Binnenmarkt orientiert. Ausgerechnet eine der am stärksten globalisierten Branchen hat mit der Globalisierung Mühe. Der Mangel an Fachkräften und die geringe Grösse vieler Unternehmen hindern am Schritt ins Ausland.
Text Steffen Klatt
Hermann Arnold ist eine mehrfache Ausnahme. Der Innsbrucker ist nach dem Studium an der Universität St. Gallen (HSG) geblieben, hat ein Unternehmen gegründet und nach nur einem Jahrzehnt verkauft. Er bleibt aber Chef. Obendrein ist seine Firma umantis global tätig. «Unsere Kunden nutzen unsere Software in über 120 Ländern und über 60 Sprachen», sagt Arnold. Das ist ungewöhnlich. Viele Schweizer Software-Unternehmen konzentrieren sich auf den Heimmarkt.
Soziale Netzwerke im Unternehmen
Umantis setzt auf die betriebliche Nutzung sozialer Netzwerke und des Potentials aller Mitarbeiter. Das Unternehmen in St. Gallen, das heute gut 50 Mitarbeiter hat, ist aus einer Studenteninitiative hervorgegangen, die unternehmerisch denkende Studenten und Investoren vernetzen wollte. «Unsere Software will Menschen zusammenbringen», sagt Arnold. Genutzt wird sie von Personalabteilungen ebenso wie von Vorgesetzten und den Beschäftigten selbst, für das Management der im Unternehmen vorhandenen Talente wie für die Steuerung der Aus- und Weiterbildung. Auch dank des Aufstiegs von Facebook sei das Thema nun in den Unternehmen angekommen. Umantis muss nun stark investieren, um nicht von anderen überholt zu werden. Verschiedene Varianten der Finanzierung wurden geprüft. Die Wahl fiel auf den Verkauf an die deutsche Haufe Gruppe, ein Medien- und Softwareunternehmen mit dem Schwerpunkt Personalverwaltung. Mit der Übernahme kann das Unternehmen weiter wachsen. «Ich freue mich auf die kommenden Jahre», sagt Arnold.
Marktführer wächst im Heimmarkt
Auch Abacus in Wittenbach SG ist eine Gründung von HSG-Studenten – wenn auch schon anderthalb Jahrzehnte zuvor. Heute, im 27. Jahr seines Bestehens, ist es Schweizer Marktführer bei Standardprogrammen für die Ressourcenplanung von Unternehmen. Absolute Zahlen gebe Abacus nicht bekannt, sagt Thomas Köberl, Mitgründer und Mitglied der Geschäftsleitung. Aber das Unternehmen wachse stetig. So sei der Umsatz im vergangenen Jahr um 10 Prozent gewachsen. Im Kerngeschäft, dem Verkauf von Lizenzen für Geschäftsprogramme, habe der Zuwachs sogar 14 Prozent betragen. Auch die Zahl der Kunden habe sich erhöht, 2181 kamen im vergangenen Jahr hinzu. Dazu trägt vor allem die netzbasierte Lösung bei: Deren Nutzerzahl hat sich fast verdoppelt, um 1341 auf 2777. Zu den neuen Kunden gehören etwa Immobilienverwaltungen. «Die Software wird uns förmlich aus den Händen gerissen.»
Auch in Zukunft sieht Köberl Raum zu Wachstum. Viele veraltete oder individuelle Lösungen würden derzeit durch Standardlösungen abgelöst. Abacus habe gegenüber Wettbewerbern wie SAP, Microsoft und Sage bei der Software noch einen Vorsprung. Auch der Verzicht auf eigene Vertriebsstrukturen zahle sich aus.
Der Schritt ins Ausland dagegen dauert länger als erwartet. Vor drei Jahren ist Abacus auf den deutschen Markt gegangen. Köberl spricht immer noch von einer Aufbauphase. Es seien schöne Projekte verwirklicht worden, etwa mit einer Tochterfirma des Autobauers Audi. Doch gerade die unterschiedlichen Rechtssysteme hätten den Ausbau gebremst, etwa bei der Lohnsoftware. Auch der Vertriebskanal fehle. Deutschland wird zunächst der einzige Auslandmarkt sein. «An andere Länder denken wir nicht.»
Engpass Mitarbeiter
Auch der Konkurrent Opacc in Kriens konzentriert sich mit seiner Geschäftssoftware auf den Heimmarkt Schweiz. «Immer mehr Kunden setzen unsere Lösungen auch an ihren Standorten ausserhalb der Schweiz ein – inzwischen auf allen Kontinenten», sagt Gründer und Chef Beat Bussmann. «Dies unterstützten und forcieren wir. Weitergehende Absichten im Ausland haben wir aber nicht. Wir sehen in unserem aktuellen Markt noch mehr als genug Wachstumschancen.» Das habe auch damit zu tun, dass Schweizer Unternehmen es schätzten, wenn der Lieferant ihrer Geschäftssoftware mit den hiesigen Eigenheiten vertraut ist. «Wir können unsere Lösungen stark an die Prozesse unserer Kunden anpassen», sagt Bussmann. «Unsere Kunden sind bereit, dafür auch einen guten Preis zu zahlen.»
Doch das Wachstum hat einen Engpass: die Mitarbeiter. «Heute werden generell qualifizierte Mitarbeiter gesucht», sagt Bussmann. Opacc baut deshalb gezielt eigene Mitarbeiter auf. Zweimal im Jahr werden während fünf bis zehn Tagen künftige Mitarbeiter auf die Arbeit im Unternehmen vorbereitet. «Sie bleiben dann im Schnitt zehn Jahre.»
Entwicklung teilweise ausgelagert
Andrej Vckovski ist einen anderen Weg gegangen, um den Engpass zu bewältigen. Der Mitgründer und Chef von Netcetera hat vor einem Jahrzehnt eine Tochterfirma in Mazedonien eröffnet. Von den 300 Netcetera-Mitarbeitern arbeitet ein Drittel dort. Damit fängt Vckovski primär den Fachkräftemangel, sicher aber auch die hohen Lohnkosten in der Schweiz auf. Der eigentliche Export freilich stockt auch beim Anbieter von massgeschneiderter Software. Vor fünf Jahren startete das Unternehmen mit einem Büro in Dubai. Es sollte ein erster Schritt zur Internationalisierung werden. Netcetera wollte vor allem in aufstrebende Märkte gehen. Dubai schien mit seiner starken Dienstleistungswirtschaft ein idealer Ausgangspunkt. Doch dann erreichte die Finanzkrise das Emirat am Golf. «Es wurde nicht so einfach wie gedacht», sagt Vckovski. «Wir sind aber weiterhin überzeugt, dass dies ein guter Schritt war.» Zuhause läuft das Geschäft derzeit weiter rund: Die Wachstumsraten lägen jährlich zwischen 10 und 14 Prozent, sagt Vckovski. Der Umsatz betrage knapp 40 Millionen Franken.
Bis zu einem Fünftel wird exportiert
Abacus, Opacc und Netcetera sind typisch für die Branche: «Für die meisten Unternehmen ist die Schweiz der wichtigste Markt», sagt Vckovski, zugleich Präsident des Branchenverbandes der Schweizer Internetwirtschaft (Simsa). Der Nachteil dieses Markts: Wegen seiner Kleinheit eigne er sich kaum als Erstmarkt etwa für Konsumprodukte. Internetunternehmen könnten nicht Produkte entwickeln, um sie wie ihre US-Konkurrenten gleich an 300 Millionen Konsumenten auszuprobieren. Vckovski schätzt dennoch, dass die Branche zwischen 10 und 20 Prozent ihres Umsatzes im Ausland erzielt, bei einem geschätzten Gesamtumsatz der Internetbranche von bis zu einer Milliarde Franken. «Die Branche exportiert mehr, als man denkt.» Exakte Zahlen gebe es allerdings nicht. Simsa sei nun daran, die Daten zu erfassen. Allerdings sei bereits die Abgrenzung der Branche schwierig. «Ist Swisscom ein Internetunternehmen oder nicht?», fragt Vckovski rhetorisch. Gerade die grossen Finanzdienstleister entwickelten hier auch Lösungen, die weltweit angewandt würden – und würden mit ihrer grossen Nachfrage und attraktiven hohen Löhnen den Arbeitskräftemangel der Branche noch akzentuieren. Auch klassische Industrieunternehmen wie der Hörgerätehersteller Sonova seien heute vor allem Softwarehersteller. Umgekehrt drängten zunehmend ausländische Softwareanbieter auf den Schweizer Markt. «Immer mehr von ihnen nehmen an Ausschreibungen teil.» Vckovski wünscht sich jedenfalls für seine Branche eine öffentliche Exportförderung, so wie sie andere Branchen bereits erhalten haben – etwa Medizintechnik, Architektur und Design, Cleantech.
Binnennachfrage bremst Exporte
Aus der Sicht von Ruedi Noser ist der geringe Exportanteil allerdings letztlich auch eine Folge des Erfolgs der Branche. Die Nachfrage der Industrie, des Finanzplatzes und der Verwaltung nach IT-Lösungen sei so stark, dass die Branche kaum nachkomme, sagt der Chef der Noser Gruppe, Zürcher FDP-Nationalrat und Präsident des Branchendachverbandes ICT Switzerland.
«Es ist uns fast nicht gelungen, die in der Schweiz bestehende Nachfrage zu befriedigen, so dass sich keine Exportindustrie entwickeln konnte.» Und was exportiert werde, stecke vor allem in IT-Lösungen in Industrieprodukten. Vielleicht verschenke die Schweiz damit eine Chance. Aber daran werde sich vorderhand nichts ändern. Denn
jährlich brauchte es 6000 neue qualifizierte Fachkräfte. Doch nur 3500 würden hier ausgebildet. «Wir können das bis auf 4500 steigern, aber mehr nicht.» Allein bis 2017 dürften mehr als 30.000 qualifizierte Mitarbeiter in Pension gehen - bei nur 170.000 Mitarbeitern in der Branche insgesamt.
Viele Verkäufer
Wie stark die Orientierung auf den Binnenmarkt ist, wird deutlich, wenn die ganze digitale Branche betrachtet wird. «Unsere Mitglieder sind vor allem Verkaufsorganisationen», sagt Paul Brändli, bis Ende April Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes für die digitale Schweiz (Swico). Die 400 Mitglieder des Verbandes erzielen einen Umsatz von insgesamt rund 20 Milliarden Franken. Zur «digitalen Schweiz» gehören auch Druckunternehmen, Konsumelektronikanbieter, Anbieter von Informatikhardware und aus der Fotoindustrie. Brändli, der ein halbes Jahrhundert in der Branche tätig war, sieht einen starken Trend zur Internationalisierung und Globalisierung.
Die lokale Produktion von Geräten, wie sie anfangs üblich war, ist weggefallen. «Die Marge selber wird von Jahr zu Jahr dünner.» Immer mehr Produkte, die früher getrennt gewesen seien, würden zusammengeführt. Was eben noch utopisch gewirkt hat, wird nun Standard. Auch die Trennung von Geschäfts- und privater Welt löse sich in der Informatik- und der Kommunikationsbranche auf.
Die Arbeitswelt wird mobiler
Einer, der das bestätigen kann, ist Bernhard Gysi. Der Geschäftsführer des Computerbedarfshändlers ARP Schweiz macht einen starken Trend hin zu einer Benutzung privater Geräte im Unternehmensalltag aus. Noch seien es vor allem internettaugliche Telefone und Tablets. Für die IT-Abteilungen bedeute das auch einen empfindlichen Kontrollverlust. «Insbesondere im Bereich Sicherheit kommen entsprechend neue Herausforderungen auf die Unternehmen zu», sagt Gysi. Der andere starke Trend: die Mobilität. Der feste Arbeitsplatz gehöre für immer mehr Mitarbeiter der Vergangenheit an. Entsprechend brauche es mehr Lösungen, die den mobilen Zugriff auf die Unternehmensdaten ermöglichten.
Schwellenländer hängen Europa ab
Und dann ist da noch ein anderer Trend: die Marginalisierung. Zukunft ist anderswo. Die Innovation finde immer noch in den alten Zentren statt, sagt Dennis Pamlin, einer der internationalen Vordenker der digitalen Branche. Doch die Geschäftsmodelle würden in Kalifornien und zunehmend in den Schwellenländern entwickelt. Dort sei die Bereitschaft, Neues zu wagen, grösser als im Westen und vor allem als in Europa. Der alte Kontinent habe eine beeindruckende Tradition der Innovation. Doch wenn es an Geschäftsmodelle gehe, werde er abgehängt.
Die Schweiz, die so stolz ist auf ihre Innovationskraft, bildet da keine Ausnahme. Hier hat IBM, einer der Pioniere der digitalen Branche, 1956 sein erstes Forschungszentrum ausserhalb der USA eingerichtet. Dessen Mitarbeiter Gerd Binnig und Heinrich Rohrer erhielten 1986 den Nobelpreis für die Erfindung des Rastertunnelmikroskops, nur ein Jahr später Karl Alex Müller und Georg Bednorz den Nobelpreis für ihre Forschung zur Leitfähigkeit von Keramik. Vor einem Jahr doppelte IBM nach und investierte 60 Millionen Franken in ein gemeinsames Nanotechnologiezentrum mit der ETH Zürich. Aber ansonsten ist die Schweiz für den Riesen nur ein Absatzmarkt. Ähnlich bei Google: Der Suchmaschinenriese hat sein grösstes Forschungslabor ausserhalb der Schweiz in der ehemaligen Hürlimann-Brauerei in Zürich eingerichtet. Die Nähe zu den Hochschulen, die leichte Erreichbarkeit innerhalb Europas und die Lebensqualität der Stadt haben eine grosse Rolle gespielt. Aber das Geld wird anderswo verdient.









