90 Prozent aller ­Ingenieure und Naturwissenschaftler leben in Asien und es sollen noch mehr ­Spitzenuniversitäten aufgebaut werden.

 

Weltmacht China

Ende der westlichen Dominanz

Lange werden die USA und Europa die 88 Prozent der Weltbevölkerung, zu denen unter anderem China und Indien gehören, nicht mehr dominieren können. China tritt aus dem Schatten der westlichen Mächte und wird möglicherweise bereits 2030 im Wirtschaftssektor die Nase vorn haben.

 

Text Peter Abplanalp

 

Marco Polo unternahm als einer der ersten Europäer bereits im 13. Jahrhundert eine Reise nach China. Den Bericht über seine Reise können wir heute noch nachlesen. In den Ohren seiner Zeitgenossen in Europa klangen seine Geschichten so unglaublich, dass ihn manche Mitbürger der Lüge ­bezichtigten. Doch die ersten Jesuiten, die Ende des ­16. Jahrhunderts nach China reisten, konnten vieles ­bestätigen, was Marco Polo drei Jahrhunderte zuvor berichtet hatte. Matteo Ricci, der wohl berühmteste dieser ­Missionare, wurdegar Botschafter der Europäer am Hof des chinesischen ­Kaisers in Peking. Seine Berichte aus China erschütterten die Grundlagen des europäischen Denkens mit einer Gewalt, die wir uns heute kaum noch vorstellen können.

Es war auch vor allem den Jesuiten zu verdanken, dass im 17. und 18. Jahrhundert die Kultur Chinas mehr und mehr die ­Aufmerksamkeit bedeutender Forscher auf sich zog. ­Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) war etwa überzeugt, dass Europa von den Chinesen lernen könnte, da sie

uns «in den Regeln eines kultivierten Lebens» überträfen. Und der berühmte Vortrag «Über die praktische Philosophie der ­Chinesen» (Oratio de Sinarum philosophia practica) von Christian Wolff in Halle 1721 wird manchmal gar als ­«Startschuss zur Aufklärung» in Deutschland bezeichnet.

 

Vom Vorbild zum Statisten

Im 18. Jahrhundert wurde China zum Vorbild einer «aufgeklärten» Gesellschaft («absolutisme éclairé»). Auch dürfen wir nicht vergessen, dass bis ins 18. Jahrhundert Naturwissenschaften und Technik in China und in Europa etwa auf dem gleichen Niveau waren. Dies änderte sich erst mit dem Beginn der Industrialisierung, und im 19. und 20. Jahrhundert gehörten dann Europa und Amerika zu den entscheidenden Akteuren der Weltgeschichte. Die Chinesen waren bloss noch Statisten, die etwa nach Meinung des Philosophen Johann Gottfried Herder «nie wie Römer und Griechen werden» können.

 

Die westliche Dominanz besteht bis heute

Internationale Organisationen werden von westlichen Ländern dominiert. Die westlichen Länder weisen bei weitem die höchsten Militärausgaben auf und die NATO ist die mit Abstand mächtigste Militärorganisation der Welt. Vier der fünf offiziellen Atommächte sind westliche Staaten. Die meisten Top-Universitäten sind in westlichen Ländern zu finden.

Die grössten erfolgreichen Volkswirtschaften finden sich immer noch in Europa und Amerika. Aber ist diese ­westliche Dominanz heute noch gerechtfertigt? Können zwölf Prozent der Weltbevölkerung (Europa und Amerika) weiterhin die 88 Prozent der Leute beherrschen, die ausserhalb des Westens leben? Lassen wir die Antwort vorerst offen.

 

Aufstieg und Fortschritt

Doch wir alle haben es inzwischen bemerkt. Die Chinesen (und die übrigen Asiaten) melden sich zurück. Die Gründe dafür sind vielfältig. 1911 dankte in China der letzte Kaiser ab. Ehemalige Kolonien wie Indien und Indonesien wurden nach dem ersten und zweiten Weltkrieg in die Selbständigkeit entlassen. Heute gehören Länder wie Indien, Pakistan oder Nordkorea gar zu den faktischen bzw. fraglichen Atommächten. Zudem wächst die Bevölkerung in Asien weit schneller als die Bevölkerung im Westen. In China werden etwa vier Mal mehr Kinder geboren als in Amerika oder Europa, in Indien gar sechs Mal mehr. Bis 2050 wird der Anteil der Bevölkerung, die in westlichen Ländern leben, auf zehn Prozent sinken. Das wiederum hat auch Auswirkungen auf die weltweite Bildungssituation. So wird China bald das Land werden, in dem am meisten Menschen ­Englisch sprechen. Die 25 Prozent der Bevölkerung in China mit dem höchsten IQ umfassen heute schon mehr Menschen als die gesamte Bevölkerung von Nordamerika und über als 30 Mal mehr als in der Schweiz leben. Kein Wunder also, dass heute schon 90 Prozent aller promovierten Ingenieure und Naturwissenschaftler in Asien leben. Der Osten hat also mehr Spitzenleute als wir im Westen Leute haben. Das ist sicherlich eine gute Grundlage für den Plan Chinas, bis 2020 etwa 75 Spitzenuniversitäten aufzubauen. In den vergangenen zehn Jahren ist in China mehr oder weniger aus dem Nichts bereits der grösste Hochschulsektor der Welt entstanden. Nach den USA ist China heute auch die zweitgrösste Wirtschaftsmacht  der Welt (hat kürzlich Japan überholt). Bis 2030 wird es nach heutigen Schätzungen die USA ­überholt haben. Bereits heute produzieren China und Indien gemeinsam annähernd 50 Prozent des Weltsozialproduktes. Seit Beginn der 1980er Jahre hat sich der Anteil Asiens am Welthandel mehr als verdoppelt. Zugleich ist die Armut in Ostasien zwischen 1980 und 2010 drastisch reduziert ­worden.

 

Technische Entwicklung

Heute benutzen beinahe zwei Milliarden Chinesen und Inder ein Handy. Ausserdem ist China weltweit gesehen auf dem ersten Platz bezüglich der Anzahl Internet-Nutzer (389 Millionen waren es Ende 2009, wovon 270 Millionen einen Breitbandanschluss nutzen). An diesen Zahlen lässt sich die Entwicklung im technischen Bereich ablesen.

 

Fazit

Bedenkt man all dies, besteht kaum noch Zweifel am Aufstieg Asiens. Wir müssen uns dieser Realität bewusst werden, denn sie wird unsere Zukunft beeinflussen. Aber wir brauchen keine Kriegsrhetorik gegenüber unseren neuen Konkurrenten aus dem Osten. Was wir brauchen ist ein rationaler Diskurs, insbesondere mit Ländern wie China und Indien. Im Zentrum eines solchen Diskurses steht die Suche nach den gemeinsamen Werten, die Ost und West zusammenhalten. Angesichts der neuen Realitäten und Herausforderungen brauchen wir mehr Gemeinsamkeiten anstelle von mehr Abgrenzungen. Dazu müssen wir im ­Westen uns unvoreingenommen mit den Fakten und mit den östlichen Denkstrukturen auseinander setzen und beispielsweise zur Kenntnis nehmen, dass es kulturelle Unterschiede im Denken gibt. Wir können aber auch westliche Tugenden in diesen Diskurs einbringen, etwa Pragmatismus, Meritokratie, den hohen Stand in Naturwissen­schaften und Technik, die Ideen der Marktwirtschaft und der Rechtsstaatlichkeit sowie die starke Gewichtung von ­Bildung und Forschung. Und um es mit Henry Kissinger zu sagen: «Asiens Aufstieg wird unsere grösste Heraus­forderung».