Montag, 26. September 2016 8:58 Uhr
Seit 1970 befindet sich der Sitz der Härterei Gerster AG im solothurnischen Egerkingen. (Fotos: zVg)

Härterei Gerster AG

Mit Wärme sparen

Zusammen mit der Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW) hat die ­Härterei Gerster AG 25 erfolgreiche Energie­­-Spar­massnahmen formuliert und ­umgesetzt. Mit einer ­Energieeinsparung von 80 Prozent ist die neue Wärmepumpe des ­Betriebs ein Paradebeispiel für wirtschaftlichen ­Klimaschutz.

 

Text und Interview Janick Tagmann

 

In den Werkhallen der Härterei Gerster im solothurnischen Egerkingen stehen 50 Ofenanlagen und nochmal so viele Induktionshärtungsanlagen, mit denen das Unternehmen die Verschleiss- und Korrosionsbeständigkeit der Bauteile ihrer Kunden erhöht. Wärmebehandelt werden beispielsweise Abschlussblöcke für hydraulische Aggregate oder Ventile für Verbrennungsmotoren. Der Kundenstamm, der zu einem Grossteil aus der Region stammt, ist heterogen und umfasst Automobilzulieferer, die Medizinaltechnik und die Maschinenindustrie.


Energieintensives Geschäft

Die Wärmebehandlung ist ein energieintensives Geschäft. Die Energiebeschaffung ist, nebst den Personalkosten, ein grosser Posten in den Betriebskosten der Härterei. Diese Kosten zu senken, ist die Aufgabe von Jürg Moser. Als Leiter Anlagenmanagement kümmert sich der Maschineningenieur seit 1996 um die gesamte Anlagen- und Infrastrukturbeschaffung des Unternehmens. Mit der EnAW arbeitet Moser bereits seit 2001 zusammen: «Wir machen uns nicht erst seit der Zusammenarbeit mit der EnAW Gedanken über unseren Ressourceneinsatz. Als uns die EnAW 2001 kontaktierte, kamen wir aber schnell zum Schluss, dass das EnAW-Modell zukunftsweisend ist und für uns den richtigen Weg darstellt.»

Betreut wird Gerster seit diesem Entschluss durch EnAW-Moderator Daniel Meier. Dieser kümmert sich um das Monitoring der umgesetzten Massnahmen, diskutiert mit Moser neue Massnahmen und hilft dem Betrieb bei der Erarbeitung von Anträgen für Fördermittel. Für die bereits 13 Jahre währende Zusammenarbeit findet Moser nur lobende Worte: «Wir haben mit Daniel Meier sehr viel Kontakt, wenn wir neue Massnahmen ins Auge fassen. Die Zusammenarbeit ist sehr erfolgreich und aus der gegenseitigen Wertschätzung sind weitere Geschäftsbeziehungen entstanden, bei denen er und seine Mitarbeiter für uns die Bauherrenvertretung bei der Umsetzung der Massnahmen übernehmen.»


Im zweiten Anlauf erfolgreich

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Austausch der beiden Herren Ausgangspunkt der bisher grössten CO2- und Energieeinsparung des Betriebs ist. Bereits 1985 installierte der Familienbetrieb eine Wärmepumpe zur Energieeinsparung. Die Technik war jedoch nicht ausgereift und die Pumpe lief nicht zufriedenstellend. Ein zweiter Anlauf zusammen mit der EnAW führte 2013 zum Erfolg. Moser erklärt: «Für die Kühlung aller Produktionsanlagen benötigt man ein Industriewassernetz. Die Rückkühlung dieses Industriewassers erfolgt über Kühltürme, damit eine konstante Temperatur, beispielsweise für den Abschreckungsprozess bei den Vakuumofenanlagen, gewährleistet werden kann.

 

Über Jahre wurde die Wärmeenergie nicht genutzt

und stattdessen elektrische Energie verbraucht, um Wasser in den Kühlturm zu pumpen. Heute nutzen wir die Wärme des Industriewassers, um die Wärmepumpe zu betreiben. Die physische Trennung zwischen Industriewasserversorgung und Abwärmenutzung sowie der technologische ­Fortschritt im Bereich Wärmepumpen hat den Erfolg bewerkstelligt.»

Dass das Unternehmen durch die umgesetzte Massnahme seinen Erdgasverbrauch für die Komfortwärme­erzeugung um 80 Prozent senken konnte, ist eindrücklich. Moser betont denn auch in diesem Zusammenhang, dass es ihm nicht um Augenwischerei gehe: «Auf der einen Seite sparen wir Erdgas ein. Auf der anderen Seite muss man jedoch mehr elektrische Energie ins System stecken, wobei die Kühlturmpumpen und -ventilatoren durch die Nutzung der Abwärme mit der Wärmepumpe wiederum entlastet werden. Wenn wir von 80 Prozent sprechen, ist dies nicht einfach so dahingesagt, sondern die Gesamteinsparung bei Betrachtung des gesamten Systems. Ansonsten würden wir uns selbst etwas vormachen.»


Gerüstet für die Zukunft

Insgesamt hat der Betrieb seit 2001 bereits 25 der zusammen mit der EnAW formulierten Massnahmen umgesetzt. Jüngst wurden die Förderpumpen für das Industriewasser optimiert. Dank neuen Motoren mit einem drehzahlunabhängig konstant hohen Wirkungsgrad werden jährlich 100 Megawattstunden Strom eingespart. Auch für die neue Zielvereinbarungsperiode bis 2020 ist das Unternehmen bestens gerüstet. Als nächstes wird – in Erwartung eines Förderbeitrags durch ProKilowatt – die Beleuchtung der Hallen komplett auf LED umgestellt.

Auch in den Bereichen Wärmeverteilung und Lüftung sieht Moser noch Optimierungspotenzial. Erste Sitzungen mit EnAW-Moderator Meier und möglichen Lieferanten haben bereits stattgefunden. Meier sieht das Unternehmen für die Zukunft positiv aufgestellt: «Die erzielten Ergebnisse beweisen, dass gemeinsame Motivation, gegenseitiges ­Vertrauen und eine langfristig und nachhaltig ausge­richtete Energiestrategie des Unternehmens zu ausgezeichneten Ergebnissen führen. Die umgesetzten Massnahmen sind – auch dank Förderbeiträgen – wirtschaftlich und ­ökologisch und sie positionieren die Härterei Gerster AG auch in Sachen Energieeffizienz als starke Marktteilnehmerin.»

 

 

 

Jährliche Energieeinsparungen

Die bis 2012 durchgeführten Projekte führten zu einer

Ein­sparung von 135 Tonnen CO2 pro Jahr. Aus den ab 2013 umgesetzten Massnahmen resultiert eine weitere Reduktion von 196 Tonnen CO2 pro Jahr.

– Einsatz einer Wärmepumpe zur Nutzung der Abwärme des Industriewassers: 800 Megawatt-Stunden Erdgas und

160 Tonnen CO2

– Ersatz der Motoren der bestehenden Industriekühlwasserpumpen: 100 Megawatt-Stunden Strom

– Bau eines Abgasrekuperators im Härteofen:

100 Megawatt-Stunden Erdgas und 20 Tonnen CO2

– Druckluftabwärmenutzung: 80 Megawatt-Stunden Erdgas und 16 Tonnen CO2

 

 


Energie-Modell

Das Energie-Modell der EnAW ist auf die Bedürfnisse von mittleren und grossen Unternehmen mit jährlichen Energiekosten von über 500 000 Franken ausgerichtet. Die Härterei Gerster AG ist Teilnehmerin des Energie-Modells. Die teilnehmenden Unternehmen profitieren nicht nur von der fachmännischen Beratung und der kontinuierlichen Betreuung: Regelmässige Treffen innerhalb der Gruppen fördern den Erfahrungsaustausch zwischen den Technik- und Energieverantwortlichen der Unternehmen. So bietet sich die Möglichkeit, sich auch von branchenfremden Lösungen zur Erhöhung der Energieeffizienz im eigenen Unternehmen inspirieren zu lassen. www.enaw.ch

 

 


Jürg Moser, Leiter Anlagenmanagement

«Ist etwas ökonomisch ­sinnvoll, machen wir es»

Was produziert die ­Härterei Gerster AG?

Jürg Moser: Wir produzieren keine eigenen Produkte. Wir bieten unseren Kunden Veredelungsdienstleistungen an. Alle Bauteile in unseren Hallen gehören nicht uns, sondern unseren Kunden.


Welche Heraus­forderungen prägen heute Ihre Branche?

Wärmebehandlung ist vor allem eine regionale Tätigkeit. So gesehen ist unsere Konkurrenz auch in der Schweiz. Jedoch müssen unsere Kunden gegenüber dem Ausland mit den Preisen bestehen. Dies und auch die aktuelle Währungssituation spüren wir auch bei uns. Neue Konzepte und Strategien sind daher sehr gefragt. Wenn ein Kunde grosse Stückzahlen an Bauteilen wärmebehandeln muss, bieten wir ihm auch unser Know-how im Bereich Verfahren und Anlagebeschaffung an, damit er die Wärmebehandlung in seinem eigenen Betrieb durchführen kann. Bereits haben wir Projekte durchgeführt, bei denen wir für die Kunden die Anlagebeschaffung betreut und schlussendlich die Anlage in Betrieb genommen haben. Contracting und Consulting werden in Zukunft wichtige Standbeine der Härterei Gerster.


Wie sieht Ihre Zu­­sammenarbeit mit der Energie-Agentur der ­Wirtschaft (EnAW) aus?

Mit unserem EnAW-Moderatoren Daniel Meier verfügen wir über einen externen Spezialisten, der Projekte ohne Betriebsblindheit analysieren kann. Unter Leitung von Meier findet zudem jährlich ein Workshop mit allen Teilnehmern der Energie-Modell-Gruppe Solothurn statt, der uns hilft, auch mit Unternehmen aus anderen Branchen den Erfahrungsaustausch zu pflegen.


Kommen Sie im Rahmen Ihrer Energiesparbemühungen in den Genuss von Fördermitteln?

Der EnAW-Moderator unterstützt uns, damit wir unsere Anträge bei den nicht ganz einfachen Ausschreibungen richtig und zeitgerecht einreichen. Für unsere neue Wärmepumpe erhielten wir von der Klimastiftung Schweiz und vom Kanton Solothurn Förderbeiträge. Der Ersatz unserer Industriewasserpumpen wurde durch ProKilowatt unterstützt. Sie haben keine Erwartungssicherheit, ob Sie bei den Auktionen Fördergelder erhalten und wenn ja, in welcher Höhe. Für die Härter Gerster ist jedoch klar: Wenn etwas umwelttechnisch und ökonomisch sinnvoll ist, dann machen wir es.


Hat das CO2-Gesetz des Bundes Auswirkungen auf Ihre Energieeffizienzbemühungen?

Aufgrund unserer Zielvereinbarung mit dem Bund zur Befreiung von der CO2-Abgabe haben wir uns intensiv mit Einsparmöglichkeiten beschäftigt. Ohne das Gesetz wäre das Wissen in der Wirtschaft sicherlich kleiner. Für das Unternehmen ist dies ein Vorteil: Verwaltungsrat und Geschäftsleitung wurden für das Thema sensibilisiert und wir haben mehr Projekte umgesetzt.

 

VZH