Donnerstag, 17. Mai 2012 22:00 Uhr
Zürich,
14°C
My Great Web page

Euresearch

Brüssel will näher kommen

Auch Schweizer KMU haben die Möglichkeit, an Projekten des 7. EU-Forschungsrahmenprogramms ­teilzunehmen. Im nächsten Jahr steht dabei mit neun Mrd. Euro deutlich mehr Geld zur Verfügung als ­bisher. Die EU fördert dabei explizit die Beteiligung von KMU.

 

Interview Steffen Klatt


Euresearch versteht sich als Tor für die Schweizer ­Wirtschaft zum 7. Forschungsrahmenprogramm. Ist das auch für KMU interessant?
Olivier Küttel: Durchaus. Das ist ein politisches Ziel der EU-Kommission. Mindestens 15 Prozent des Budgets soll an die KMU gehen. In der Schweiz haben wir 13 bis 14 Prozent erreicht.


Welche KMU sollen sich angesprochen fühlen?

Das 7. Forschungsrahmenprogramm umfasst 52 Mrd. Euro über sieben Jahre. Es gibt dabei verschiedene Teile. Einige Teile stehen nur Forschungseinrichtungen offen und solchen Unternehmen, die selber Forschung betreiben. Dazu zählen auch Hightech-KMU. Das sind Unternehmen, die bewusst innovieren und dafür Kooperationen suchen. Oft sind das Startups.


Wie funktioniert die Zusammenarbeit der ­Unternehmen mit den Forschungseinrichtungen?
Ein EU-Projekt hat im Schnitt neun Partner. Die EU-Kommission schreibt jedes Jahr Themen aus. Konsortien aus Forschungseinrichtungen und forschenden Unternehmen bewerben sich darum. Die KMU sind dabei, etwa weil sie Kompetenzen bei der Erarbeitung der Projektideen oder der Umsetzung haben. Die grösste Herausforderung für KMU ist, dass man sie in Europa kennenlernt. Wenn sie erst einmal im Netzwerk drin sind, wird die Zusammenarbeit schnell mal ein Selbstläufer.


Und Sie helfen den Unternehmen, in diese Netzwerke hineinzukommen?
Wir helfen bei der Information. Wir beraten bei der Projekteingabe. Wir geben auch eine gewisse Hilfestellung, die richtigen Netzwerke zu finden. Da stossen wir allerdings auch an unsere Grenzen.
Es gibt aber auch Teile des Rahmenprogramms, die ähnlich wie die Schweizer KTI (die Innovationsförderagentur des Bundes, stk) funktionieren. Dort betreibt eine Forschungseinrichtung die Forschung für ein KMU, welches das nicht selber machen kann.


Können sich Unternehmen bei Ihnen melden, wenn sie Kooperationspartner unter Forschungseinrichtungen in der EU suchen?
Genau. Die Themen sind dabei nicht vorgegeben. Die Projekte sind auch kleiner. In der Regel beteiligen sich jeweils vier bis fünf Partner. Dafür stehen eigene Fördermittel zur Verfügung, die jedes Jahr neu ausgeschrieben werden.


Wie aufwendig sind solche Bewerbungen um Mittel des EU-Forschungsrahmenprogrammes, verglichen etwa mit Bewerbungen um KTI-Mittel?
Es ist in der Tat aufwendiger. Aber das muss man ­relati­vieren: Es geht dabei um Projekte mit bis zu 20 Mio. Euro. Entsprechend gross ist auch der Aufwand. Es gibt für die Beteiligten besonders am Anfang einen grossen Lernaufwand. Da möchten wir den Unternehmen helfen. Wenn sie das System mal begriffen haben, geht das in der Regel relativ gut.
Ein Teil des Aufwandes hat auch mit den Konsortien selbst zu tun: Da sind mehrere Partner beteiligt, verteilt über ganz Europa. Wie gut die Zusammenarbeit funktioniert, hängt vor allem auch von der Qualität der Koordination und des Management des Projektes ab.



Das 7. Forschungsrahmenprogramm ist zum grösseren Teil bereits gelaufen. Ist das noch für Unternehmen interessant?

Es wird sogar immer interessanter für Unternehmen.
Zum einen wird der Umfang der zur Verfügung stehenden ­Mittel mit jedem Jahr grösser. Die nächste Runde be­ginnt im Juli 2012. Dann stehen neun Mrd. Euro zur Ver­fügung. Zum anderen geht die Diskussion auf EU-Ebene immer mehr in Richtung auf Innovation. Es geht dabei um Unterstützung der KMU für die Umsetzung der Forschungsresultate. Es gilt bei den Ausschreibungen teilweise schon heute die Bedingung, dass beispielsweise 35 Prozent des Budgets eines Projekts an KMU gehen müssen. Das hat es früher so nicht gegeben.

 

Brüssel geht also auf die KMU zu?
Die EU-Kommission geht auf die KMU zu. Die politische Verankerung des Forschungsrahmenprogramms hat immer mit dem Ziel zu tun gehabt, die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu erhöhen.


Gibt es Erfolgsgeschichten?
Es gibt viele. Die Schweiz ist gut aufgestellt bei den Lifesciences und in der Biotechnologie, erstaunlicherweise in der Informations- und Kommunikationstechnologie, aber auch in Nanotechnologie und Energie. Obwohl wir in der Schweiz keine grossen Unternehmen wie Siemens oder Phillips haben, gibt es hier viele kleine und sogar kleinste Firmen, die exzellente Produkte herstellen.


Würden Sie Firmen ermutigen, zu Ihnen zu kommen?
Auf jeden Fall. Wir sind nicht nur zuständig für das 7. Forschungsrahmenprogramm, sondern für alle Möglichkeiten der europäischen Kooperation im Bereich von Forschung und Innovation. Auf EU-Ebene gibt es etwa auch das Enterprise Europe Network. Das wurde gegründet, um KMUs bei der Innovation sowie bei Marktzugang zu helfen. Wir vermitteln Technologieangebote aus ganz Europa und sind auch erste Anlaufstelle für  viele andere Programme, wie Eurostar und AAL (Ambient Assisted Living, ein EU-Programm zur Förderung der Lebensqualität älterer Menschen mit Hilfe der Informations- und Kommunikationstechnologien, stk).

Für KMU, die eine europäische Strategie haben, stellt sich die Frage, ob sie nur auf den Markt wollen oder schon vorher in der Forschung und Entwicklung auf europäische Kooperation setzen wollen. Da gibt es eine breite Palette von Instrumenten. Wir sehen es als unsere Rolle, für jedes KMU, das bei uns vorbeikommt, die beste Lösung zu suchen.

Anzeige

VZH