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Die Welt ist keynesianisch – aber nicht vulgärkeynesianisch

Sparen oder investieren im Euro-Land?

Unter den Ökonomen herrscht ein Glaubenskrieg. Es ist nicht der erste. Es geht um die Streitfrage, wie der westlichen ­Wirtschaft im OECD-Raum auf die Beine zu helfen sei und wie es mit der Euro-Währung weitergehen soll.

 

Von Rudolf Strahm* 

 

Innerhalb der G-20 und zwischen den EU-Leadern gibt es grosse Differenzen. Sie sind nur ein Spiegelbild der gegensätzlichen Sichtweisen der Ökonomen. Die weltweit vertretenen Sichtweisen sind vielfältiger, origineller und pluralistischer, als das, was die immer gleiche, besserwisserische Glaubensdoktrin im NZZ-Wirtschaftsteil den Lesern vorsetzt.

Ich habe mich auf einer griechischen Insel der Lust hingegeben, die neuesten Wirtschaftsbücher von Heiner Flassbeck, Thilo Sarrazin, Paul Krugman und Myret Zaki zu lesen und zu vergleichen (Büchertitel am Schluss dieses Artikels). Zusammen umfassen sie über tausend Seiten Analysen – oder konkreter ausgedrückt: Streitschriften – zeitgenössischer Makroökonomen. Hier ein wertender Überblick über den Ökonomenstreit.

 

Sprengkräfte im Euro

Was fast alle Ökonomen einigt, ist die (späte) Erkenntnis, dass die Produktivitätsunterschiede innerhalb Europas die Eurozone auseinander treiben und diese in Nord- und Südländer spalten. In Deutschland, Holland, Österreich, Finnland: hohe Produktivität mit hohen Lohn- und Konsumsteigerungen und einem «Leben auf Pump». Die südlichen Euroländer leiden strukturell unter der Industrieverdrängung durch die Billigimporte aus Ostasien. Und mangels Berufsbildung haben sie wenig Spielraum zur Höherqualifikation der Arbeitnehmer für eine Hochpreisproduktion. Die Desindustrialisierung drängt sie in immer grössere ­Handelsbilanzdefizite. Hätten sie ihre eigene Währung, könnten sie diese abwerten, damit im Export wieder konkurrenzfähiger werden und gleichzeitig die einheimische Produktion durch Importverteuerung gegen die billige asiatische Ware schützen. Die nördlichen Euroländer haben demgegenüber dank ihres besseren Arbeits- und Bildungssystems die Möglichkeit, auf die höherpreisige Spezialitätenproduktion auszuweichen und damit gleichzeitig konkurrenzfähig zu bleiben.

Das ist, mit Nuancen, die gemeinsame Erklärung der Ökonomen, die manche Politiker nicht wahrhaben wollen. Doch bei der Frage nach den Ursachen, und noch mehr bei den einzuschlagenden Strategien, kommen die grossen Glaubensrichtungen zutage.

 

Der Ultrakeynesianismus des Heiner Flassbeck

Heiner Flassbeck, früher Staatssekretär im deutschen Finanzministerium und heute Chefökonom der UNO-Welthandelskonferenz Unctad, übernimmt mit seinem jüngsten Buch die Rolle des Ultra-Keynesianers.

Für Flassbeck ist Deutschland der Hauptsünder für die europäischen Disparitäten: Die dort praktizierte Lohnzurückhaltung bei gleichzeitiger Produktivitätssteigerung – was sich in stabilen Lohnstückkosten (Löhne dividiert durch Produktivität) auswirkt – führte zur Spaltung innerhalb Europas in der Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland sollte nach Flassbeck höhere Inflationsraten und höhere Löhne zulassen, um die Wettbewerbsfähigkeit in der Euro-Zone zu nivellieren. Das ist wohl ein unrealistischer Wunsch vom Schreibtisch. Flassbeck hat indes sicher recht mit seiner Behauptung, dass die von Deutschland diktierte rigide Sparpolitik Südeuropa in die Rezession gedrückt hat. Denn dort, wo der Stadt einen derart grossen Anteil am BIP hat, wirken sich rasche Staatsausgabensenkungen klar rezessiv aus. Erstaunlicherweise gibt es aber für Flassbeck hinsichtlich Staatsverschuldung praktisch keine Grenzen.

 

Der teutonische Ultramonetarismus des Thilo Sarrazin

Das andere Extrem in der Debatte vertritt der Deutsche Thilo Sarrazin, früherer Finanzsenator in Berlin und Mitglied im Aufsichtsrat der Bundesbank. Mit schier unerträglichem Dogmatismus verteidigt er die monetaristische  Glaubensdoktrin deutscher Prägung. Mit «teutonischer Ridigität», wie dies die Engländer nannten, verteidigt er die harte Währung, die Nullinflation, den schlanken Staat und geisselt auf mehreren hundert Seiten die «Sünden» der EZB, die Verletzung des No-Bail-out-Prinzips (Verbot der Quersubvention zwischen den Euro-Staaten) und der Maastricht-Kriterien. Jetzt sollen die Länder sparen, sparen, sparen – koste es, was es wolle.

«Die Europäische Währungsunion erfordert, wenn sie funktionieren soll, dass sich die Volkswirtschaften und Gesellschaften aller teilnehmenden Staaten mehr oder weniger so verhalten , wie es deutschen Standards entspricht», fordert der deutschtümmelnde Ex-Bundesbank-Aufsichtsrat. Deutschland und nochmals Deutschland und seine Interessen, sie werden laut Sarrazin von der heutigen politischen Elite der Bundesrepublik zu wenig verteidigt. Nach meiner Einschätzung vertritt er lauthals wohl das, was im Mainstream der konservativen deutschen Ökonomiezunft geglaubt wird.

 

Der neokeynesianische Mittelweg des Paul Krugman

Der amerikanische Wirtschaftswissenschafter Paul Krugman, Princeton-Professor und Nobelpreisträger, schlägt in seinem neuen Buch einen Mittelweg zwischen den Extremen ein, allerdings einen aus US-amerikanischer Optik. Wer Krugmans Gedankengängen folgen kann, hat die moderne Makroökonomie verstanden.

Krugman analysiert, wie andere, die wachsende Kluft innerhalb der Euro-Zone. Er erklärt, weshalb Industrie­länder mit eigener Währung tiefe Zinsen geniessen und selbst dann, wenn sie hoch verschuldet sind und gigantische Staatsdefizite kennen, wie die USA, Japan, England: Sie können eben jederzeit ihre Währung abwerten und sich damit real entschulden und gleichzeitig ihre Exporte verbilligen. Offensichtlich akzeptieren die Finanzmärkte diese Politik.

Demgegenüber sind Länder, die sich in fremder Währung (im Euro) verschulden müssen und bei Ertragsbilanzdefiziten ihre Währung nicht abwerten können, hohen Zinsen unterworfen. Griechenland, Spanien, Portugal, Italien sind derzeit Kandidaten dieser starren Währungsschraube. Sie zahlen dies mit höheren Schuldzinsen.

Krugman plädiert nicht etwa für die Zerschlagung der Euro-Zone, allenfalls ist er für den geordneten Austritt Griechenlands, damit es seine eigene Währung abwerten kann. Er plädiert für die Überwindung der Krise durch Deficit Spending und expanisive Notenbankpolitik. Als Neo-Keynesianer zeigt er, dass neben der Stabilisierung der Finanzsysteme auch aktive Konjunkturprogramme nötig sind, wenn die Wirtschaft in der Liquiditätsfalle (Liquidity Trap) stecken bleibt, wenn also trotz tiefster Zinsen nicht investiert wird: «In einer Zeit, in der Schuldner versuchen, mehr zu sparen und ihre Schulden zu bezahlen, muss irgendjemand das Gegenteil tun, also Geld aufnehmen und ausgeben, und dieser Jemand ist der Staat.» Wer die Liquiditätsfalle ignoriert, versteht die heutige Situation nicht. Er versteht nicht, weshalb trotz tiefster Zinsen die Wirtschaft nicht anspringt, obschon sie sich nach Lehrbuch selber erholen sollte.

«Wohlstand ist zwar ohne ein stabiles Finanzsystem undenkbar, doch die Stabilisierung des Finanzsystems bringt noch lange keinen Wohlstand», sagt Krugman. Was das Land wirklich benötige, sei ein Rettungsschirm für die Nachfrage in der Realwirtschaft für Produktion und Beschäftigung.

Unter den meinungsführenden Ökonomen ist Krugman eigentlich der einzige, der den Schaden und die Tragik der Arbeitslosigkeit, v.a. auch der Jugendarbeitslosigkeit, so konsequent zum Thema macht. Für Geldmechaniker wie Sarrazin und die meisten Banker ist dies ein Nullthema. Er ärgert sich über den Dogmatismus der neokonservativen und neoliberalen Hardliner, die gegen jede kurzfristig expansive Konjunkturpolitik antreten. «Wer (nur) die ­langfristige Perspektive einnimmt, ignoriert das gewaltige Leid, das die gegenwärtige Krise verursacht und die vielen Leben, die sie ruiniert», hält Krugman seinen Kollegen vor. Trotz dieser Schelte (oder gerade deshalb) ist er heute der wohl einflussreichste und meist gelesene Makroökonom.

 

Die nötige Korrektur der Myret Zaki

Die Rundsicht auf die Ökonomiedebatte wäre unvollständig, wenn man nicht auch die kritische Sichtweise auf die Destabilisierung der Finanzmärkte und die Zerrüttung im Dollarraum anfügen würde. Als repräsentative (aber keineswegs einzige) Analyse aus dollarkritischer Optik ist das Buch der stellvertretenden «Bilan»-Redaktorin Myret Zaki auch auf Deutsch zu lesen.

Derzeit blicken alle wie gebannt auf die Krise Europas. Doch die extreme Verschuldung der USA – des amerikanischen Staates, der Haushalte, der ganzen US-Volkswirtschaft – ist derart gewaltig und die destruktiven Kräfte der Finanzmärkte sind derart dominant, dass möglicherweise in ein paar Jahren die Virulenz vom Dollar ausgehen wird, wie schon 2008. Diese Situation wird uns in den nächsten Jahren möglicherweise viel schmerzlicher abstrafen als der Kollaps Griechenlands.

Die Autorin Zaki zeigt, wie die amerikanischen Ratingagenturen schon immer Euro-feindlich operiert hatten, wie sie gezielt den Euro und die europäischen Banken gegenüber der Wallstreet betrachtet hatten. Ihre Demontage gegenüber europäischen Schuldnern wurde orchestriert. Zaki: «Der Euro ist seit seiner Einführung am 1. Januar 1999 der Feind Nummer eins für die amerikanische Hegemonie». Der Rating-Angriff auf den Euro ist auch eine Überlebensstrategie für die Wallstreet.

 

Fazit aus der aktuellen Debatte

Der Schlüssel zum Verständnis der aktuellen Weltwirtschaftssituation liegt in der Wechselwirkung zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft. Die Banker und Finanzer sehen die Welt nur mit ihrem Röhrenblick der Finanzmarktoptik. Krugman bringt von allen die umfassendste makroökonomische Analyse. Nur eine umfassende Kreislaufbetrachtung – eben eine makroökonomische Optik sowohl auf die Geld- und Währungspolitik als auch auf die Realwirtschaft und die Nachfrage – bringt analytisches Verständnis und Erfolg in der Wirtschaftspolitik.

Die volkswirtschaftliche Nachfrage ist entscheidend. Die Welt ist eben nicht monetär oder monetaristisch, sondern keynesianisch. Die Unternehmen investieren dann, und nur dann, wenn die Nachfrage steigt. Die Zinsen sind wichtig, aber zweitrangig.

Die keynesianische Sicht der Wirtschaft erlebt weltweit eine Wiederbelebung. Weil die Hajek- und Friedman-Nachfolger die Welt nicht erklären können und sich ihre Rezepte totlaufen. Ihre Austeritätspolitik hat eine Spur der Verwüstung durch Europa gezogen.    

Allerding muss eine moderne keynesianische Makroökonomie die globale Wirtschaftswirklichkeit einbauen. Meine Sicht: Sie muss modernisiert und mit vier Aspekten ergänzt werden:

– Erstens haben wir es heute mit offenen Volkswirtschaften zu tun. Man kann nicht Lohnpolitik in einem Lande betreiben (wie Flassbeck fordert), ohne den internationalen Wettbewerbsdruck auf die europäischen Länder, zum Beispiel die Konkurrenz aus China, einzubeziehen.

– Zweitens gibt es keine statische Wirtschaft mehr. Wir haben einen ständigen Strukturwandel (eine Schumpeter’sche Ökonomie), der ständig Unternehmen und ganze Wirtschaftszweige mit ausgereiften Technologien verschwinden lässt und an deren Stelle neue Technologien hervorbringt. Da hilft keine Nachfragesteuerung allein, weil sie alte Strukturen zementiert; da hilft nur Hilfe zum technologischen Wandel mit Innovation, Umschuldung, Weiterbildung, Höherqualifizierung.

– Drittens ist das Humankapital in Zukunft noch viel ­entscheidender für die Produktivität und die Angebotsseite. Konkret geht es um die Ausbildung und Befähigung zu Innovationen und zum technologischen Umbau. ­Hochpreis- und Hochlohnländer wie Deutschland, ­Holland, Österreich, die Schweiz haben dank ihren dualen ­Berufsbildungssystemen die Befähigung zu teurer ­Präzisionsarbeit und Arbeitsqualität. Alt-Keynesianer und Neoklassiker vernachlässigen diesen Aspekt gleicher­massen.

– Viertens erfordert die Erfahrung mit antizyklischer Politik, also die Konjunktursteuerung mit Staatsausgaben, eine eingebaute Pflicht, im Aufschwung die Staatsschulden zu tilgen statt durch Steuersenkungen fortzuschleppen. Die antizyklische Politik, wie Keynes sie postituliert hatte, ist kaputt gemacht worden, weil die Liberalen beim Aufschwung jeweils die Steuern senkte, anstatt die Schulden aus der letzten Rezession zu tilgen.

Wer diese vier Aspekte ignoriert, betreibt Vulgär-Keynesianismus. Der alte Lehrbuch-Autor Paul Samuelson mahnte im hohen Alter die Ökonomenzunft: «Der liebe Gott hat den Ökonomen zwei Augen gegeben: Eins für das Angebot und eins für die Nachfrage.» Die heutige Welt ist keynesianisch – aber sie ist nicht vulgärkeynesianisch!

 

* Der Autor Rudolf Strahm ist Chemiker und Ökonom. Er war von 1991-2004 Nationalrat und von 2004-2008 Eid­genössischer Preisüberwacher.

 

 

Hier besprochene Literatur:
Heiner Flassbeck: Zehn Mythen der Krise. 56 Seiten, Suhrkamp Verlag 2012
Thilo Sarrazin: Europa braucht den Euro nicht. Wie uns ­politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat. 462 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt 2012
Paul Krugman: Vergesst die Krise! Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen. 270 Seiten, Campus Verlag 2012
Myret Zaki: Dollar-Dämmerung. Von der Leitwährung zur ­grössten Spekulationsblase der Geschichte. 239 Seiten,
Orell Füssli Verlag 2012.

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