
- Im Falle des Kaufes des schwedischen Kampfflugzeuges Gripen könnte es eine weitere Dynamisierung der Handelsbeziehungen zu Schweden geben.

- Die Exportwirtschaft leidet unter der Frankenstärke. Doch nicht alle Exportmärkte sind davon gleichermassen betroffen. Auf manchen Märkten haben Schweizer Unternehmen besonders gute Karten
Skandinavien
Vieles spricht für den Norden
Der skandinavische Markt hat schon viele Schweizer in den Norden gelockt – und das zu Recht. Denn Skandinavien bietet den Unternehmen viele Chancen. Meist werden sie in Skandinavien offen empfangen.
Text Raphael Corneo
Schweizer Produkte werden für Europa wegen der Frankenstärke zu teuer, richtig? Nur bedingt. Denn auch die nordischen Währungen haben gegenüber dem Euro aufgewertet, wenn auch nicht so stark. Sowohl die norwegische als auch die schwedische Krone haben als sichere Häfen gegenüber der Gemeinschaftswährung zugelegt. Nur die dänische Krone ist an den Euro angebunden. Gleichzeitig gehört ganz Skandinavien zum EU-Binnenmarkt, Schweden und Dänemark als EU-Mitglieder, Norwegen als Mitglied des EWR. Über die bilateralen Abkommen und die Europäische Freihandelszone (Efta) steht Schweizer Unternehmen ganz Skandinavien offen. Eine ähnliche Mentalität und ein ähnliches Qualitätsbewusstsein erleichtern den Zugang.
Gripen soll noch mehr Schub bringen
Für einen weiteren Anschub könnte der Typenentscheid des Bundesrats für die Beschaffung der neuen Kampfflugzeuge sorgen. Überraschend entschied man sich für den schwedischen Gripen. Insgesamt sollen 22 Jets im Wert von 3,1 Milliarden Schweizer Franken gekauft werden. «Der Hersteller Saab und die Lieferanten haben sich verpflichtet, 100 Prozent des Kaufpreises über Offsetgeschäfte zu kompensieren», gab der Bundesrat im Dezember in einer Mitteilung bekannt. Davon könnten Schweizer Unternehmen profitieren und der Markt Skandinavien würde wieder belebt werden. «Man kann davon ausgehen, dass es im Falle des Kaufes des schwedischen Kampfflugzeuges Gripen eine weitere Dynamisierung der Handelsbeziehungen zu Schweden geben könnte», sagt auch Luca Albertoni, Präsident der Schweizer Industrie- und Handelskammern.
Hohe Direktinvestitionen
Viel wichtiger seien aber die Direktinvestitionen. «Schweizer Firmen beschäftigten im wichtigsten Markt Schweden im Jahr 2009 insgesamt 22.500 Menschen und durch schwedische Investitionen sind in der Schweiz 12.500 Personen beschäftigt», sagt Albertoni. Umgekehrt investiert Skandinavien auch stark in der Schweiz. Für den norwegischen Pensionsfonds – mit einem Volumen von rund 530 Milliarden Franken der grösste Staatsfonds der Welt – ist die Eidgenossenschaft ein wichtiger Zielmarkt. Er hat fast 17 Milliarden Franken in 102 Schweizer Unternehmen angelegt. Dazu gehören grosse von ABB bis Zurich Financial Services, aber auch kleinere von AFG Arbonia Forster bis zur Züblin Immobilien Holding. Zum Vergleich: In Deutschland hat der Fonds 17,6 Mrd. Franken in 141 Unternehmen investiert.
Skandinavien hat viele Stärken
Skandinavien belegt zwar im Vergleich zu anderen Handelspartnern der Schweiz keine Spitzenposition. Trotzdem sind sehr viele Schweizer Unternehmen in den skandinavischen Ländern aktiv - und das kann sich durchaus auszahlen. «Es gibt viele Gründe, weshalb Skandinavien für Schweizer Unternehmen attraktiv ist», sagt Anna Sieg, Beraterin beim Aussenwirtschaftsförderer Osec und Expertin für Skandinavien. Die Osec unterstützt Schweizer und Liechtensteiner Unternehmen beim Auf- und Ausbau von Handelsbeziehungen. «In Skandinavien sind die Eintrittshürden für Unternehmen gering. Ausserdem haben die Skandinavier eine hohe Kaufkraft und damit haben auch innovative Qualitätsprodukte zu wettbewerbsfähigen Preisen eine gute Chance auf dem Markt», sagt sie. Zudem gibt es auf den überschaubaren Märkten in Skandinavien eine hohe Rechtssicherheit und sehr gut ausgebildete Fachkräfte. Auch die Offenheit gegenüber internationalen Unternehmen ist sehr hoch. Schon heute profitieren davon viele Schweizer Unternehmen - vor allem aus der Maschinenindustrie. «In Schweden und Norwegen erfreuen sich Schweizer Maschinen, Apparate und Präzisionsinstrumente grosser Bekanntheit und auch Beliebtheit», sagt Sieg. Doch auch für pharmazeutische Erzeugnisse und Medizinaltechnik ist der skandinavische Markt sehr interessant. «Die staatlichen Ausgaben für den Gesundheitsbereich sind enorm hoch», sagt Sieg. Im Jahr 2009 hat beispielsweise Norwegen umgerechnet 19 Mrd. Franken für den Pflege- und Gesundheitssektor budgetiert.
Chancen – aber auch Stolpersteine
Der Medtech-Bereich soll in den kommenden Jahren in Skandinavien noch weiter ausgebaut werden. Dies ist eine Chance für die innovativen Schweizer Unternehmen in dieser Branche. «Auch im Bereich des Maschinenbaus wäre noch eine stärkere Zusammenarbeit möglich und wünschenswert», sagt Albertoni. In diesem Bereich hat die ABB in Schweden mit ihren Wurzeln in der schwedischen Asea Heimvorteil. Auch sie profitiert dabei vom Cleantech-Trend, der in Zukunft noch eine wichtigere Rolle spielen wird. «Daraus ergeben sich für Schweizer Firmen interessante Chancen in den Bereichen, wo grosses Know-how gefragt ist», sagt Sieg. So könnten die Unternehmen beispielsweise beim Ausbau der Infrastruktur, bei der Abfallbewirtschaftung oder bei der energieeffizienten Nutzung von Fernwärme aktiv werden.
Die Rückmeldungen von Schweizer Unternehmen, die den Schritt nach Skandinavien gewagt haben, sind meist positiv. «Die Unternehmen berichten ganz allgemein über gute Erfahrungen», sagt Albertoni.
Doch auch wenn die nordischen Märkte viel Potenzial bieten, es liegen einige Stolpersteine auf dem Weg. «Vor einem Eintritt muss man sich einen genauen Überblick über den Markt insbesondere die Konkurrenz und die Vertriebswege machen», sagt Sieg. Denn die Konkurrenz auf dem Markt ist stark.