
Weltwirtschaftskrise
Europa hat sein Verschuldungsproblem im Griff
Die Schweiz dürfte im nächsten Jahr zu den Sorgenkindern gehören. Bleibt der Franken stark, ist eine Rezession kaum mehr abzuwenden, sagt Klaus Wellershoff. Die USA und Japan leiden unter ihren Schulden, China unter den hohen Investitionen. Europa dagegen dürfte trotz der Sparanstrengungen eine Rezession erspart bleiben.
Interview Steffen Klatt
Droht der Welt jetzt eine Rezession?
Klaus Wellershoff: Guten Gewissens kann man derzeit nur prognostizieren, dass wir im nächsten Jahr in den Industrienationen sehr tiefe Wachstumsraten erleben werden. Daher ist klar, dass es nur wenig braucht, damit das niedrige Wachstum in einem Land oder in mehreren in eine Rezession umschlägt.
Welche Regionen werden diesmal besonders stark getroffen werden?
Im Mittelpunkt der Sorge müssen nun diejenigen Regionen stehen, die bisher wenig getan haben, um ihre hausgemachten Probleme zu lösen. Da denke ich vor allen Dingen an die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie haben noch gar nicht angefangen zu sparen. Wenn der amerikanische Staat anfängt zu sparen bei gleichzeitig schwachem Trendwachstum, sind sie sehr schnell in der Rezession.
Warum spielt die Verschuldung des Staates eine solch starke Rolle? Das war vor der Krise von 2008/09 nicht der Fall gewesen.
Die Schulden sind zu hoch. Die Tatsache, dass wir alle auf diese Defizitzahlen schauen, hat damit zu tun, dass die Staaten insgesamt an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sie sich nicht stabil finanzieren können. Länder, in denen die Schulden im Verhältnis zum Volkseinkommen wachsen, sind eine Bedrohung auch für die Unternehmen in diesem Land. So werden die Rechtssicherheit und die Konstanz des Steuersystems nicht mehr im gleichen Mass gegeben sein, wie das in der Vergangenheit der Fall war.
Die Märkte reagieren also nicht über?
Wir sind überrascht, wie ruhig die Märkte sind. Immerhin stehen die grösste und die zweite Volkswirtschaft der Welt am Rande eines fiskalischen Kollapses.
Mit der zweiten Volkswirtschaft meinen Sie . . .
. . . Japan. Japan ist seit vielen Jahren in der Stagnation. Es zeigt deflationäre Tendenzen. Japan ist auch aktuell in einer Rezession, die angefangen hat, bevor die schrecklichen Ereignisse um Tsunami und Reaktorunfall eingetreten sind.
Wie gefährdet ist die Eurozone?
Die Sparbemühungen werden beim Wachstum Spuren hinterlassen. Wir müssen aber feststellen, dass die Europäer die Defizitquote im kommenden Jahr auf drei Prozent gesenkt haben werden. Das entspricht in etwa dem nominalen Wachstum. Das heisst, die Verschuldung ist stabil. Damit steht Europa qualitativ und quantitativ viel besser da als die USA und Japan. Aufgrund der Daten, die wir bisher haben, können wir nicht darauf schliessen, dass es in Europa zu einer Rezession kommt.
Europa ist also auf dem Weg, sein Verschuldungsproblem in den Griff zu bekommen?
Europa hat sein Verschuldungsproblem im Griff.
Wie bitte?
Wenn die Verschuldung in einer Phase tiefen Wachstums stabil ist, wenn man sich die institutionellen Änderungen – Stichwort Schuldenbremse – anschaut, wenn man sich die Massnahmen der letzten Jahre im Einzelnen anschaut, dann sind die Zahlen beeindruckend. Im Vergleich zu den anderen grossen Volkswirtschaften und Währungen, zum Dollar, zum Yen oder zum Pfund, haben die Europäer die beste Performance.
Aber wenn dem so ist, sollte sich der Euro, vor allem wenn sich Griechenland und Italien politisch stabilisieren sollten, nicht mittelfristig aufwerten?
Staatsverschuldung hat empirisch keine Auswirkung auf die Stärke einer Währung. Wie sonst liesse sich erklären, dass der Yen sich in den letzten Jahren genauso aufgewertet hat wie der Franken? Übrigens ist auch der Euro heute handelsgewichtet genau bei seinem Einführungswert.
Kommt in China die nächste Schuldenkrise?
Das ist schwer zu sagen. Die Daten aus China sind alles andere als eindeutig. Ich weiss nicht, ob das Schuldenproblem der öffentlichen Hand dort das grosse Problem ist, oder nicht vielmehr die enorm hohe Investitionstätigkeit. Noch nie hat eine so grosse Volkswirtschaft so hohe Investitionsquoten gehabt. China wird das nicht durchhalten können. Wenn sich dieser Trend ändert – und das kann verbunden sein mit der Frage der Provinzfinanzen -, wird sich die Entwicklung des Wachstums dramatisch verschlechtern.
Werden sich die hohen Investitionen Chinas irgendwann auszahlen?
Wir kennen so hohe Investitionsraten bisher nur von kleinen Schwellenländern, die andere Bedürfnisse in der Infrastruktur haben und dann in der Regel sehr schnell auf den Lebensstandard der Industrienationen aufgeschlossen haben. Ich denke an Singapur und Hongkong. Es fragt sich auch, wie in Zukunft in China die Abschreibungen auf den Kapitalstock finanziert werden sollen. Denn was einmal aufgebaut worden ist, muss auch instand gehalten und später ersetzt werden. Und dann hilft auch eine so hohe Investitionsquote kaum noch, den produktiven Apparat in dem bisherigen Ausmass zu steigern.
Was heisst es für den Rest der Welt, wenn China nicht mehr so schnell wächst wie bisher?
Für viele Unternehmen ist das problematisch. Die meisten, die ich kenne, sind davon ausgegangen, dass die Wachstumsentwicklung Chinas sich wie bisher weiterschreibt. Für die Weltwirtschaft ist das noch von keiner so grossen Bedeutung. Die gesammelten Importe Chinas entsprechen heute gerade etwas mehr als dem Budgetdefizit der USA.
Warum spielt China in der Wahrnehmung eine so grosse Rolle?
Das liegt an Ihnen, den Medien.
In der Krise 2008/09 wurde gesagt, dass das Wachstum in Asien den Abschwung im Westen auffängt . . .
Das war Schwachsinn. Als die Finanzkrise ausbrach, waren die gesammelten Importe Chinas kleiner als das amerikanische Budgetdefizit. Das kann rechnerisch gar nicht aufgehen. Asien kann die Weltwirtschaft nicht am Laufen halten. Das war damals nicht richtig und ist es heute auch nicht.
Wo kann im nächsten Jahr sonst Wachstum herkommen?
Im Augenblick müssen wir uns eher Sorgen machen, dass die Wachstumsraten rückläufig sind. Es gibt erhebliche Rezessionsrisiken. In der Schweiz liegen sie deutlich über 80 Prozent.
Warum?
Das ist das schwächer werdende weltwirtschaftliche Umfeld, aber vor allem der Wechselkurs. Er ist auf einem Niveau stabilisiert, das viel zu hoch ist, als dass es den Exporteuren wirklich helfen würde.
Die Schweiz ist mit der Aufwertung kollektiv reicher geworden. Hat das keine positive Wirkung?
Wir haben grössere Konsummöglichkeiten. Aber alles das, was wir aus dem Ausland einführen, schlägt sich in der nationalen Buchhaltung zwar positiv beim Konsum, aber negativ bei den Importen nieder. Das gibt ein Nullsummenspiel. Bei den Wachstumsraten dagegen haben wir einen extrem engen Zusammenhang mit der Aufwertung der Währung. Das deutet daraufhin, dass wir jetzt sehr schnell in Richtung negatives Wachstum gleiten. Vielleicht sind wir da schon drin.
Welchen Wechselkurs braucht es?
Wenn Sie den Euro nehmen, weil 60 Prozent unserer Exporte in den Euroraum gehen, dann wären Wechselkurse knapp unter 1,40 wahrscheinlich handelsneutral.
Anfang August stand der Euro bei gut einem Franken, jetzt immerhin bei 1,22 . . .
Wir haben empirische Evidenz aus der Vergangenheit: Überbewertungen von zehn bis 15 Prozent waren selten und immer von einer extremen Wachstumsschwäche oder sogar Rezession begleitet. Das liegt an der sehr engen Verflechtung der Schweizer Wirtschaft mit ihren Nachbarn.
Hat die Schweiz die Mittel, den Franken wieder abzuwerten?
Natürlich. Die Nationalbank hat 1,20 als Untergrenze eingezogen. Sie kann genauso gut 1,25 oder 1,30 nehmen. Wir rechnen damit, dass sie das noch im vierten Quartal tun wird. Die Wirtschaftsdaten werden zunehmend alarmierend aussehen. Da die Nationalbank mit ihrem ersten Schritt so überaus erfolgreich gewesen ist und dafür nicht einmal so viel Geld einsetzen musste und das auch noch den politisch positiven Effekt einer Steigerung des Nationalbankgewinns hat, gibt es für uns keinen Grund, warum die Nationalbank dies nicht tun sollte.
Kann damit eine Rezession noch verhindert werden oder ist der Zug schon abgefahren?
Wenn die Wechselkurse dort blieben, wo sie jetzt sind, müssten wir mit vier, fünf, vielleicht sogar sechs Quartalen negativen Wachstum in Folge rechnen.
Also eine härtere Situation als 2008/09?
Deutlich härter.
Wird die gesamte Volkswirtschaft gleich hart getroffen?
Das wird sektoral unterschiedlich ausfallen. Verlierer sind in der Exportwirtschaft und im Tourismus zu suchen. Verlierer wird es auch im Detailhandel geben. Damit werden auch andere Bereiche angesteckt. Auch der inländische Konsum wird betroffen sein.
Sie haben von einer Wahrscheinlichkeit deutlich über 80 Prozent gesprochen, dass die Rezession eintritt. Woraus besteht der Rest?
Prognosen können falsch sein. Die Schweizer Wirtschaftspolitik wird versuchen, die Lage zu stabilisieren. Die Ausweitung des Kurzarbeitergelds ist dafür sicher eine geeignete Massnahme. Es ist zu hoffen, dass die Kantone in der Gestaltung ihrer Fiskalpolitik im nächsten Jahr nicht zu vorsichtig sein werden. Es wäre noch schwieriger für die Schweizer Wirtschaft, wenn im nächsten Jahr die Kantone und der Bund auf die Bremse treten.

Zur Person
Klaus Wellershoff, Jahrgang 1964, ist Gründer und Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners in Zürich. Bis 2009 war er Chefökonom der UBS. Wellershoff hat an der Universität St. Gallen studiert und promoviert. Dort ist er seit 2011 Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre.