Mittwoch, 16. August 2017 23:32 Uhr
Jan Harder: CEO Molinari Rail Systems GmbH, Berlin-Dessau und Vice President Sales and Supply Chain Management Molinari Rail Group. Bilder: zVg

Viel Zug nach Übersee

Molinari Rail Group Die Schweiz sei der Benchmark im Eisenbahnsektor, sagt Jan Harder, CEO der Molinari Rail Systems GmbH. Das Technologieunternehmen beliefert die Eisenbahnindustrie weltweit. Was für eine erfolgreiche Exporttätigkeit wichtig ist, erklärt er im Interview.

 

Interview Roman Brauchli

 

 

Die Molinari Rail wurde für den Export Award von Switzerland Global Enterprise nominiert. Wieso ist Ihr Unternehmen so erfolgreich?
Im Bahnmarkt ist die Schweiz der Benchmark mit den höchsten Qualitätsstandards, vor allem auch wegen der SBB. Die angegliederte Wirtschaft kann diese Schweizer Qualität nach aussen tragen und verkaufen. Doch es ist nicht nur die Qualität. Das Schweizer Schienennetz ist eines der dichtbefahrensten in Europa. Darum ist die Schweiz zwangsläufig sehr innovativ und geniesst einen sehr guten Ruf im weltweiten Bahnmarkt.


Wie bleibt man trotz der hohen Produktions­kosten wettbewerbsfähig?
Die Schweiz hat eine hohe Innovationskraft und dies muss auch weiterhin im Exportgeschäft genutzt werden. Wenn man Low-Cost-Szenarien ausarbeitet und die Fertigung verlagert, macht man sich abhängig und kann viel Know-how aus dem Fertigungsprozess verlieren. Wir müssen dieses Know-how in der Schweiz behalten. Da helfen Automatisierung und Digitalisierung. Am Ende sollte man nicht nur auf die Produktionskosten schauen, sondern den Mehrwert der Marke Schweiz und der Technologieführerschaft in vielen Bereichen nutzen. In China zum Beispiel werden zwar mittlerweile Hochgeschwindigkeitszüge  selber zusammengebaut, aber die Hauptkomponenten – Traktion, Bremsen, Energieversorgung – werden bis heute immer noch von Firmen wie Bombardier, Alstom, Siemens oder Hitachi geliefert.


Wie schwer wiegt die Frankenstärke?
Die Schweizer Industrie hat in den letzten zwei Jahren gezeigt, dass sie mit der Frankenstärke umgehen kann. Das beste Beispiel ist Stadler Rail, die es schafft, durch ihr internationales Fertigungsnetz wettbewerbs­fähig zu bleiben. Natürlich kommt nicht alles aus der Schweiz. Man muss Alternativen suchen, um die Produktionskosten senken zu können. Neben der Frankenstärke ist für uns aber vor allem die Volatilität unseres Geschäfts eine Herausforderung. In den USA und in Äthiopien haben wir Dollar-Verträge mit unseren Kunden, in Indien haben wir Rupien und in Russland Rubel als Vertragswährung. Nach der Wahl Trumps zum Präsidenten wurde der Dollar zunächst gestärkt, mittlerweile ist der Wert wieder abgefallen. Für uns, mit einer Fertigungsbasis in Deutschland, aber auch den Standorten in der Schweiz und Österreich ist das ein Auf und Ab. Für Komponenten, die wir in Deutschland fertigen lassen und in die USA exportieren, kriegen wir plötzlich weniger Geld. Für uns als KMU ist das eine grosse Herausforderung, aber wir nutzen hier die vorhandenen Finanzinstrumente der Schweizer Banken wie auch die Schweizerische Export­risikoversicherung (SERV).


Die Molinari Gruppe erzielt 80 Prozent ihres Umsatzes durch den Export. Welches sind die wichtigsten Exportländer?
Neben Sonderprojekten wie in Äthiopien sind es vor allem die Nachbarländer, wo die grossen Schienenhersteller sitzen. Es sind aber auch und vor allen Dingen die USA. Denn einer unserer Hauptkunden ist GE Transportation, die Lokomotiven baut. Da machen wir schon seit über zehn Jahren ein sehr gutes Geschäft und sind strategischer Partner. Im Zusammenhang dieser Zusammenarbeit ist seit neustem auch Indien wichtig, wo wir für einen Grossauftrag der GE Komponenten für 1000 Lokomotiven liefern können, die wir selbst entwickelt und gebaut haben.


Wie sieht die Zusammenarbeit mit Stadler Rail aus?
Am 18. Mai durfte Michele Molinari im Beisein von Bundesrätin Leuthard am Rollout des EC 250 Giruno in Bussnang beiwohnen. Die Partnerschaft mit Stadler ist für uns entscheidend. Wir sind stolz, an dem neuen EC 250 mitgearbeitet zu haben. Seit mehreren Jahren pflegen wir eine intensive Zusammenarbeit im Bereich der Entwicklung mit dem Hause Stadler Rail. Das geht von Haltestangen, über Kleinstkomponenten bis zur Mitarbeit beim Systemengineering. Beim Schlafwagen für Aserbaidschan entwickelten und bauten wir das Generatorenset, ein Dieselaggregat, sowie einen intelligenten Schiebetritt, da es dort verschiedene Plattformhöhen gibt und die Schiebetritte daher regulierbar sein müssen.


Sie haben das Äthiopien-Projekt erwähnt. Was genau exportieren Sie dorthin?

Für ein Projekt der äthiopischen Eisenbahngesellschaft haben wir die Wartungsdepots de­signt und die Maschinen und Werkstattausrüstung ausgewählt, die für die Wartung der Lokomotiven, Güter- und Passagierwagen erforderlich sind. Wir liefern von Schweizer, österreichischen und deutschen Unternehmen die Komponenten. Von der Firma Nencki aus Langenthal lieferten wir Prüfgeräte für die Drehgestellprüfungen. Wir liefern alles, was es eben in einem Depot braucht, zum Beispiel auch Schraubenzieher, Werkzeugkasten und Werkstatteinrichtungen von der Firma Hasler aus Winterthur. Im Bereich der Bahninfrastruktur liefern wir sogar ganze Eisenbahnbrücken aus Österreich und aus der Schweiz Fahrleitungen, Verkabelungen und Bahnstromversorgungsanlagen. Wir übernahmen das Projektmanagement und die volle Lieferverantwortung.


Wie schätzen Sie eigentlich den chinesischen Markt ein?
Das Wachstum im Bahnsektor ist in China durch die Investitionsprogramme, die neu aufgelegt wurden, riesengross. Abgesehen von den Ballungszentren passiert in vielen Regionen nicht viel. Der Regionalverkehr in Städten von etwa 1 Million Einwohnern wird vernachlässigt. Und da liegt für die Schweizer Industrie ein grosses Potenzial, aber auch in den Wintersportgebieten, die China jetzt entwickeln will. Dort entsteht grosser Aufholbedarf im Bereich der Seilbahnen.

Seit 2017 ist die Molinari Rail auch in Indien präsent.

Molinari Rail Group

Das mittelständische, inhabergeführte Technologieunternehmen mit Sitz in Winterthur beliefert die Schienenfahrzeugindustrie auf der ganzen Welt. Die Molinari Rail unterstützt Kunden bei der Konzeption und Entwicklung von Fahrzeugen und Subsystemen, bei Fahrzeugzulassungen, Inbetriebnahmen sowie bei der Wartung und Modernisierung von Fahrzeugen. Zu den Kunden zählen Eisenbahnunternehmen, Hersteller von Schienenfahrzeugen wie Bombardier, Siemens, Stadler Rail oder die GE Transportation aus den USA sowie Baufirmen und Behörden im In- und Ausland. Neben den Schweizer Standorten ist das Unternehmen ausserdem in Österreich und Deutschland sowie seit neuestem auch in Indien präsent. Im Rahmen eines Grossauftrags der indischen Staatsbahn beliefert die Molinari Rail die GE Transportation mit Komponenten für 1000 Lokomotiven. Die Komponenten (Hilfsantriebseinheiten) für die Diesellokomotiven wurden in Österreich entwickelt (Design und Engineering) und werden am 2017 eröffneten Fertigungs- und Montagestandort im indischen Lucknow gefertigt. 

 

Die Molinari Rail wurde 1994 von Michele Molinari als Einzelfirma in Wiesendangen (ZH) gegründet. Ab 1999 begann das Unternehmen zu wachsen, als es die Bayerische Oberlandbahn beim Retrofit des Integral-Triebzuges unterstützte. Bis 2003 wuchs der Mitarbeiterstamm auf rund 20 Ingenieure an. Im gleichen Jahr fand die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft statt. Anfangs 2005 erfolgte die Gründung der Molinari Rail Austria mit Sitz in Jenbach durch die Übernahme des ehemaligen Engineeringteams der Jenbacher Werke von der Connex Verkehr. Heute beschäftigt die Molinari Rail in Österreich rund 70 Mitarbeiter. Im November 2016 kam ein weiterer Standort in Deutschland hinzu. In Dessau übernahm die Molinari Rail Systems GmbH die in Insolvenz befindliche FTD Fahrzeugtechnik Bahnen Dessau GmbH. Der Standort ist auf die Herstellung von Wagenkästen und Subsystemen sowie die Reparatur und Modernisierung von Schienenfahrzeugen konzentriert. Dadurch können wichtige Angebotslücken insbesondere im Fertigungsbereich geschlossen werden, erklärt Jan Harder, CEO der Molinari Rail Systems GmbH.

VZH