Donnerstag, 29. Juni 2017 12:52 Uhr
Daniel (l.) und Markus Freitag in ihrer Weberei unweit der italienischen Modemetropole Mailand. (Fotos: zVg/Lukas Wassmann)

Das Allwetter-Unikat

Die Gebrüder Freitag  Schon vor 24 Jahren beschäftigten sich zwei junge Brüder mit dem Gedanken ­eines nachhaltigen Konsums. Mit ihrem Recyclingprodukt haben Daniel und Markus Freitag die halbe Welt ­erobert und eine Design-Ikone geschaffen.

 

 

Text Anouk Arbenz

 

 

Der neue Bahnhof in Zürich Oerlikon ist ein weiterer Schritt in einer Reihe von Massnahmen, um Oerlikon in die Moderne zu führen: Stilvolle Wohnungen, Büros, Fitnessstudios und innovative Parks haben das Industriequartier Schritt für Schritt aufgepeppt, ohne dass dieses seinen «Industrieschick» verlor. Es ist gerade diese raue, elegante Architektur, die Jungunternehmen nach Oerlikon zieht. So auch die Freitag Lab AG – ein inzwischen etabliertes Unternehmen –, die seit 2011 Ankermieterin des Gewerbehauses NŒRD ist. Auf rund 7 500 Quadratmeter werden hier Lkw-Planen zerlegt, gewaschen und von Hand zugeschnitten, um später rund um den Globus als Tasche, Portemonnaie oder Laptop-Hülle in einem der 460 Vertragspartnern von Freitag, in den 16 eigenen Läden oder online verkauft zu werden.

 

Kaum zu glauben, dass die Freitag-Tasche bereits vor über 20 Jahren erfunden wurde! Und sich noch immer grösster Beliebtheit erfreut. Freitag steht für typisch schweizerische Werte wie Funktionalität, reduzierte Form und ökologisches Bewusstsein. Das Wiedererkennungsmerkmal ist gross – jeder Versuch von Nachahmungstätern (so zum Beispiel die Migros mit «Donnerstag»), die Tasche zu kopieren, blieb erfolglos. Nicht verwunderlich also, dass die Entwürfe von Daniel und Markus Freitag zu den wichtigsten zeitgenössischen Beiträgen zur Schweizer Design-Geschichte zählen. Die Freitag Lab AG beschäftigt heute 170 Mitarbeitende weltweit, verkauft in zwei Produktlinien über 50 unterschiedliche Artikel und produziert rund 400 000 Einzelstücke pro Jahr – alles Unikate. Doch spulen wir etwas zurück: Wie kommt man auf die Idee, aus Lastwagenplanen Taschen zu machen?

 

 

Die Geschichte der Taschenpioniere

Anfang der 90er-Jahre lebten Markus Freitag und sein um ein Jahr jüngerer Bruder Daniel gemeinsam in einer WG im Zürcher Industriequartier. Markus arbeitete als Dekorationsgestalter, Daniel war Grafiker. Es störte sie, dass ihre grossen Entwürfe und Zeichnungen in keine Tasche passen wollten und dass es keine kluge Lösung gab, diese per Fahrrad zu transportieren, ohne dass die Zeichnungen der Gefahr ausgesetzt waren, nass zu werden oder zu verknittern. Eines Tages kam ihnen eine Idee, als sie von ihrem Küchenfenster aus den regen Schwerverkehr auf der Hardbrücke beobachteten. Ein paar Wochen später fuhr Markus Freitag mit dem Fahrradanhänger die erste Lkw-Plane von einem Speditionsbetrieb zu seiner WG. Aus der Plane, Autogurten und Fahrradschläuchen, die sie auf einem Schrottplatz fanden, bastelten sie sich die erste «Freitag-Tasche». Inspiriert wurden sie von den Messenger-Taschen der New Yorker Fahrradkuriere.

 

Aufgrund des festen Materials der Planen ruinierten die beiden zum Ärger ihrer Mutter zwei Nähmaschinen, bis sie sich ein Profi-Gerät besorgten. Dieses war dringend nötig, da immer mehr Freunde und Bekannte auf die Taschen aufmerksam wurden und Bestellungen aufgaben. 1998, fünf Jahre nach der Gründung, gingen bereits 6 000 Exemplare über den Ladentisch. Ein Jahr zuvor ging es erstmals nach Japan, wo die Taschen ausserordentlich gut ankamen. Im selben Jahr erhielten die Freitag-Brüder den Eidgenössischen Designpreis. 1999 eröffneten sie in Davos ihren ersten eigenen Laden. Heute weist das Sortiment über 70 verschiedene Modelle auf. Neben den Taschen sind allerlei Lifestyle-Goods käuflich: Von der Smartphone-Hülle über die Einkaufstausche und das Portemonnaie bis zur Notebook-Tasche. 2010 wurde die Kollektion «Freitag Reference» am Markt eingeführt, um auch Anzugträger und eleganter gekleidete Konsumenten anzusprechen. Im Online-Store von Freitag werden inzwischen über 5 000 Unikate angeboten. Seit 2014 entwickelt, produziert und verkauft Freitag auch biologisch abbaubare Kleider.

 

 

Denken und Handeln in Kreisläufen

Freitag begeistert Jung wie Alt. Und sie begeistert die Fachjury: Zahlreiche Designpreise in Deutschland und in der Schweiz zeugen vom Erfolg der Marke. Im Museum MoMA in New York ist die erste Kuriertasche von Freitag zu sehen, und auch das grösste europä­ische Taschenmuseum in Amsterdam hat Freitag in seine Sammlung aufgenommen. 2012 widmete das Museum für Gestaltung Freitag gar eine eigene Ausstellung. Ausserdem durften Daniel und Markus im Jahr 2013 einen Swiss Award entgegennehmen, gewiss eine grosse Ehre. Die Freitag-Tasche ist heute noch so beliebt und aktuell, weil sie mit der Nachhaltigkeit ein Thema berührt, das seit den 70er-Jahren – mit der Ölkrise und der Mobilmachung gegen Atomkraft – immer stärker an Bedeutung gewonnen hat. Nachhaltigkeit dürfe jedoch keinesfalls ein Positionierungsmerkmal sein, meinen die Brüder. Sie sei eine Pflicht. Der Zyklusgedanke zieht sich bei Freitag durch die ganze Produktion – angefangen mit dem Regenwasser, das in einem grossen Tank gesammelt wird, um die Planen damit zu reinigen, bis hin zur Verpackung aus Karton, die gleichzeitig als Aufbewahrungsort und Verkaufsgestell im Laden dient. Freitag-Taschen würden auch niemals im Ausverkauf landen. Die Produkte werden wieder zurückgeholt, wenn sie sich nicht mehr verkaufen lassen.

 

Die Brüder haben ein Händchen dafür, ihre Marke in Szene zu setzen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Flagshipstore in Zürich aus übereinander gestapelten Containern, der vermutlich zum meistfotographierten Objekt in Zürich gehört. Sie nutzen die Sozialen Medien, um mit der Community in Kontakt zu bleiben. Diese befindet sich inzwischen auf der ganzen Welt. Neben den drei Läden in Zürich, dem Laden in Davos und in Lausanne besitzt Freitag je einen Laden in Berlin, Köln, Hamburg, Wien und Bangkok sowie zwei Läden in Tokio. Seit November 2016 gibt es nun auch in Basel und seit Ende März auch in Mailand einen Freitag-Store.

 

 

Kompostierbare Kleider

Seit knapp drei Jahren stellt Freitag auch Kleider her. Die Textilien werden von Grund auf selbst entwickelt: Die Bast- und Hanffasern für die Kleider werden in der Normandie geerntet, in Italien und Tunesien zu Tüchern gesponnen und schliesslich in Polen und Italien konfektioniert. Die Shirt-Knöpfe sind aus Steinnuss, die Hosenknöpfe zwar aus Metall, können aber herausgeschraubt und wiederverwendet werden. Entstanden war die Idee, als die Freitags nach nachhaltig produzierter Workwear suchten, um ihre Mitarbeitenden gemäss ihren Überzeugungen einzukleiden. Ihre Suche endete erfolglos. Sie realisierten, dass es kaum Angebote gab, welche diese Bedürfnisse abdeckten. Also beschlossen sie, das selbst in die Hand zu nehmen – Ein hartes Stück Arbeit, das fünf Jahre in Anspruch nahm. Doch sie haben es geschafft: Es gelang ihnen, Kleider zu entwickeln, die zu 100 Prozent biologisch abbaubar sind und im Umkreis von maximal 2 500 Kilometern produziert werden. Damit konnten sie der Modewelt den Spiegel vorhalten und zeigen, dass Nachhaltigkeit weiter geht als das Ansticken eines Öko-Zertifikats. Ob die kompostierbaren Kleider die Kunden überzeugen können, wird sich zeigen.

 

 

www.freitag.ch

VZH