Sonntag, 21. Oktober 2018 22:44 Uhr
Martin O. Winterhalter ist es gelungen, einen Reissverschluss zu konstruieren, der sich serienmässig herstellen lässt. Ebenso entwickelte und baute er die Maschinen zu deren Fabrikation. (Bilder: Keystone, zVg/riri Group)

Irrsinniges Genie

Martin Othmar Winterhalter  Zwei Seiten, die sich verzahnen: Analog seiner Erfindung griff sein schöpferisches Genie nahtlos in seinen Wahnsinn über. Martin Winterhalter war eine umstrittene Persönlichkeit, die eine heute unverzichtbare Erfindung alltagstauglich gemacht hat: Den Reissverschluss.

 

Text Anouk Arbenz


Erste Patente eines Reissverschlusses tauchten bereits im 19. Jahrhundert auf, taugten in der Praxis aber nicht viel. Das erste brauchbare Patent meldete der Schwede Gideon Sundbäck im Jahr 1908 an. Etwa zur gleichen Zeit entwickelten die beiden Schweizer ­Catharina Kuhn-Moos und Henri Forster einen Reissverschluss, der dem heutigen sehr ähnlich sieht. Mangels Interesse geriet die Erfindung allerdings schon bald in Vergessenheit. 1923 kam der nun eingebürgerte Amerikaner Sundback, der bis anhin nur Gelächter für seine Erfindung geerntet hatte, in die Schweiz. Dort schien nur einer verrückt genug zu sein, den Wert seiner Erfindung zu erkennen: Martin Othmar Winterhalter. 


Schulabbrecher, Frauenheld und ­Opportunist

In den 1920er-Jahren brach eine neue Zeit an. Plötzlich musste alles schnell gehen. Damit war die Zeit reif für den Reissverschluss, der das An- und Abziehen der Kleidung so viel schneller und einfacher machen würde. Den Siegeszug des Reissverschlusses verdanken wir Martin Winterhalter, der diesen serienreif machte. Sein Leben war so verrückt wie die Geschichten, die man sich über ihn erzählt. Nicht immer besteht Einigkeit darüber, was wirklich geschah und wer Martin Winterhalter tatsächlich war. Eins aber ist klar: Er war ein Tüftler und ein Lebemann, der sein Vermögen mit vollen Händen ausgab und ausgelassen feiern konnte.


Martin Othmar Winterhalter wurde am 4. Mai 1889 in St. Gallen geboren. Bereits im Kindesalter wurde er von einem seiner sechs Geschwister als «abnorm, skrupellos, manisch und undiszipliniert» beschrieben. Im Alter von 15 Jahren flog Winterhalter von der Klosterschule Einsiedeln. Sein ­Verhältnis zu Lehrern und Autoritäten war angespannt, sein Interesse an Mädchen grösser als sei­ne Begeisterung für geistige Übungen. Winterhalter fasste den ambitionierten Entschluss, Millionär zu werden. Er entschloss sich für ein Jus-Studium an der Universität in Leipzig, das er mit dem Verkauf von selbstentwickelten Hernienbändern fi­­­nanzierte. Ursprünglich für den Eigen­gebrauch entwickelt, da er selbst an Bauchhöhlenbrüchen litt, fanden die «federlosen Hernienbänder» während des ersten Weltkriegs bei älteren Offizieren reissenden Absatz. Nach dem Studium zog Winterhalter mit seiner Frau und Studienkollegin Emma-Elena Puklitsch nach St.Gallen, wo er sein Geschäft weiterführte. 


Als im selben Jahr Gideon Sundback seinen Laden betrat, packte Winterhalter die Chance. Nachdem Sundback ihm sein Verfahren zur Herstellung des «hakenlosen Kettenverschlusses mit Metallzähnen» vorgestellt hatte, so wird vermutet, zog ihn Winterhalter über den Tisch und kaufte ihm das Patent für Europa zu einem Schnäppchenpreis ab. Wie viel Geld genau geflossen ist, bleibt unklar. Bekannt ist jedoch, dass Winterhalter sein gesamtes Vermögen veräusserte – bis zum Tafelsilber. Er setze alles auf eine Karte.


Riri – Reissende Rippen und Rillen

Winterhalter entwickelte den Entwurf weiter und verwendete statt den Kugelgelenken und Klemmbacken von Sundback Rippen und Rillen. Er nannte seine Erfindung daher «Riri». 1925 wurden im deutschen Wuppertal in seiner neuen Fabrik die ersten Riri-Reissverschlüsse produziert. Insgesamt 25 Patente zur maschinellen Produktion meldete er an. 1928 folgten die ersten Ableger in Luxemburg, Mailand und St. Gallen. Martin Winterhalter war immer und überall in Europa unterwegs.
Der Reissverschluss wurde zum Welterfolg – jeder wollte ihn haben. Anfangs insbesondere im Militär für die Fliegerjacken und Schwimmwesten verwendet, schaffte er es ab 1930 gar auf den Laufsteg der «Haute Couture». Schon bald produzierten weltweit Dutzende Fabriken den Riri in Lizenz. Den definitiven Durchbruch schaffte Winterhalter ein Jahr später mit der Entwicklung eines neuen Spritzgussverfahrens. Die neuen Tech­niken wurden auch an die «Väter» des Reissverschlusses nach Amerika zurückverkauft. Damit schloss sich der Kreis. 


Flucht vor den Nazi-Klauen
Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland gerieten seine Riri-Fabriken in Gefahr. 1936 wollte der Deutsche Staat diese wegen angeblicher Steuervergehen unter staatliche Vormundschaft stellen. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion packte Winterhalter seine Maschinen auf einen Lastwagen und liess sie in die Schweiz schmuggeln. In Mendrisio im Tessin baute er eine neue Fabrik und nahm die Reissverschlussproduktion wieder auf. Folglich liess das deutsche Finanzministerium Winterhalters Gut­haben beschlagnahmen. Dieser liess sich aber nicht unterkriegen: Er brachte die eidgenössische Regierung dazu, deutsche Gelder in derselben Höhe zu blockieren. Man einigte sich schliesslich, die Guthaben gegeneinander zu verrechnen. Damit war die Geschichte gegessen.


Sabotage der eigenen Fabrik
Als in den Anfängen der 1950er-Jahre seine ersten Patente verfielen und die weltweite Billigproduktion einsetzte, ging es mit Riri bergab. Die Kunststoffreissverschlüsse der Konkurrenten waren flexibler und vor allem billiger, was sie sehr beliebt machte. Eine wahrhaftige Tal- und Irrfahrt setzte sich in Gang, als Winterhalter begann, seine eigene Fabrik gezielt zu ruinieren.
Man kann sich fragen, ob sein Skiunfall in Engelberg, der zu einer Gehirnquetschung führte, seine Wahnvorstellungen und Riri-Besessenheit auslöste. Jedenfalls war es zu diesem Zeitpunkt, als der Irrsinn Überhand nahm. Winterhalter verprasste sein Geld, veranstaltete rauschende Feste und tätigte unvernünftige Investitionen. Er schenkte seiner Köchin und seinem Arzt bedingungslos Aktien und machte bei seiner Fabrik in Mendrisio fiktive Bestellungen, um sie in den Ruin zu treiben. Wenn sie einmal Konkurs gegangen wäre, so der Plan, würde er sie über eine Tochtergesellschaften vom Ausland her aufkaufen. Mit seinen geschäftsvernichtenden Aktionen brachte er seine eigenen Mitarbeitenden gegen sich auf. Neben seiner Familie, die ihn schon lange für verrückt hielt, waren nun auch sie der Meinung, dass Winterhalter vor sich selbst beschützt werden musste.


Unser Don Quijote und seine ­Fluchthelferinnen
Immer wieder versuchten seine Geschwister, die sein Geld verwalten wollten, ihn in die Klapsmühle zu stecken. Immer wieder flüchtete er sich ins Ausland und entging damit seiner Einweisung. Zweimal gelang es seiner Familie, die Unterstützung von den Fabrikmitarbeitern erhielt, ihn einzuweisen – beide Male schaffte er es, mit Hilfe seiner Sekretärin und Geliebten, zu entfliehen. Jedes Mal eine andere, versteht sich.
Im September 1950 unternahm Winterhalter mit seinem Pferd eine (letzte) Reise über die Alpen, von Morcote nach Liechtenstein. Er wollte endgültig beweisen, dass er kein Spinner war – und erreichte damit nur das Gegenteil. Das Bild glich einer Szenerie aus dem Roman von Miguel de Cervantes, dessen verrückte Hauptfigur Don Quijote sich als Held seiner Mitmenschen versteht. Zwei Monate später sass das Genie wieder in der Klapse. Wieder verhalf ihm eine blutjunge Sekretärin zur Flucht. In der Folge wurde ihm ab 1951 jeglicher Kontakt mit der Aussenwelt verwehrt. 
Zehn Jahre später stirbt Winterhalter – allein und einsam – während seine Fabrik ihr 25-Jahre-Jubiläum feiert. Die glorreichen Jahre waren Geschichte, doch immerhin: Noch heute werden in St. Gallen Riri-Reissverschlüsse hergestellt.

 

Beschleuniger des Alltags
Für den täglichen Gebrauch ist der Reissverschluss heute unverzichtbar. An Kleidern, Schuhen, Taschen und Portemonnaies finden wir ihn, für Zelte, Tauchanzüge, Fischer- und Vogelschutznetze, ja sogar als Verbindung von künstlichen Rasenstücken auf Fussballfeldern und für Ölsperren wird er genutzt. Einer der grössten Reissverschlüsse liegt auf dem Grund des Atlantiks, wo er die Schutzhülle des 6300 Kilometer langen transatlantischen Telefonkabels (TAT) zusammenhält. In der Medizin wird Patienten mit Bauchfellentzündung ein Reiss­verschluss in die Bauchdecke genäht oder er wird als Pflasterverband für Wundränder verwendet. Der heutige grösste Produzent von Reissverschlüssen befindet sich in Japan und heisst Yoshida Kogyo. 

 

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VZH