Sonntag, 18. November 2018 11:25 Uhr
Hier wurden die Suchard-Pralinen in hübsche Schachteln verpackt. Die Aufnahme zeigt Fabrik­arbeiterinnen um 1904. (Quelle: Musée d’art et d’histoire, Neuchâtel)

Le Père Suchard

Schokoladenpionier  Mit dem «Mélangeur» erfand Philippe Suchard (1797-1884) eine Maschine zur Vermengung von Zucker und Kakaomasse, die dem Prinzip nach heute noch verwendet wird. Auch die gezielte Nutzung der Wasserkraft zur Schokoladenherstellung gilt als besondere Leistung Suchards. Der «Meister der Reklame» prägte zudem das Image der Schokoladen-Schweiz in der ganzen Welt. 

 

Text Delia Bachmann

 

Chocolat Suchard war nicht das einzige Projekt des ruhelosen Zuckerbäckers aus Neuenburg – allerdings bei weitem das erfolgreichste: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war das Familienunternehmen Suchard der grösste Schokoladenhersteller weltweit. Der Aufbau eines Schokoladen-Imperiums genügte dem umtriebigen Patron aber nicht. So versuchte er sich etwa als Dampfschiffkapitän auf den drei jurassischen Seen, züchtete Seidenraupen, verkaufte Asphalt und gründete in den USA eine Siedlung für Schweizer Auswanderer. Manche seiner Projekte endeten im Debakel, andere verliefen still und leise im Sand. Einzig seine Schokolade hat den Pionier bis zum heutigen Tag überdauert. 

 

Zuckerbäcker ohne Perspektive
Geboren wurde Philippe Suchard am 9. Ok­­to­ber 1797 in Boudry im Kanton ­Neuenburg als Abkömmling hugenottischer Glaubensflüchtlinge. Er und seine sechs Geschwister mussten auf dem Hof und in der Herberge der Eltern mitarbeiten und deshalb auf eine regelmässige Schul­bildung verzichten. Obwohl Schokolade mit einem Preis von sechs Franken das Pfund ein für Suchard unbezahlbares Luxusgut darstellte und darüber hinaus nur in Apotheken erhältlich war, brachte ihn ein positives Kindheitserlebnis schon früh auf den Geschmack. Als seine kranke Mutter dank der ärztlich ­verschriebenen Schokolade wieder gesund wurde, kam ihm die Idee, selbst einmal er­schwingliche ­Schokolade ­herzustellen. Am Ufer der Areuse im ­elterlichen Garten ­experimentierte er erstmals mit der ­Wasserkraft, indem er selbstgebastelte ­Wasserrädchen in Betrieb setzte. Die Lehre als ­Zuckerbäcker absolvierte Suchard in der bekannten Confiserie seines Bruders Frédéric in Bern. Nach acht Jahren erfüllte er sich mit dem angesparten ­Vermögen von rund 6000 Franken den Traum einer ­Amerikareise. Aufgrund seiner be­scheidenen ­Bildung betrachtete er sich vor seiner Abreise selbstkritisch als Mann ohne ­berufliche Perspektive. Suchard kehrte zwar nicht wie erhofft als reicher Mann heim, dafür mit einem Rucksack, der randvoll gefüllt war mit Eindrücken, Ideen und Projekten. In ­Amerika begegnete er einem Unternehmertum, das seinen Hang zu ­mutigen unter­nehmerischen Entscheiden noch verstärkte.

 

Beruflicher Alleingang und erste ­Zerreissprobe
Nach seiner Rückkehr eröffnete Suchard 1825 seine eigene Confiserie und ein knappes Jahr später die erste Schokoladenfabrik. Es handelte sich dabei um eine leerstehende Mühle im Nachbardörfchen Serrières am gleichnamigen Bach. Im drei mal vier Meter grossen Raum begann er mit den ersten Fabrikationsversuchen. Das Wasserrad, welches eine Knet- und Stampfmaschine mit zwei grossen Mahlsteinen antrieb, hatte er selbst konstruiert. Die Maschine zermalmte die Kakaobohnen zu einem Brei, woraus sich täglich bis zu 30 Kilogramm Schokolade herstellen liessen. Die Schokolade war dunkel und rau und hatte mit den zartschmelzenden Milchschokoladen, wie wir sie heute kennen, wenig gemein. 

 

Ein Betriebsunfall brachte die kleine Schokoladenfabrik schon in ihren ersten ­Jahren an den Rand des Ruins. Verursacht hatte ihn ein entnervter Schneider, der ­ebenfalls in der Mühle eingemietet war und der ob dem Lärm des Wasserrades keinen Schlaf finden konnte. Er öffnete das Wehr und legte die Maschinen über Nacht still. Als der aus­geruhte Schneider es am nächsten Tag ­wieder schloss und das Rad in Betrieb setzte, knallte es: In der inzwischen ­er­härteten Schokoladenmasse brachen die Flügelschaufeln ab; die Trageriemen ­zerrissen. 
Das Ergebnis war ein Totalschaden, des­­sen Behebung das gesamte Vermögen – 10000 Franken – des fassungslosen ­Jungunternehmers verschlang. Hilfe kam von der Konkurrenz: Der Schokoladen­produzent Cailler, der sieben Jahre vor Suchard zu produzieren begann, sandte ihm eine Kiste Schokolade zum Preis von 144.60 Franken, womit dieser den Produktionsausfall überbrücken konnte.

 

Suchard als Synonym für Schokolade 
In der Schweiz haperte es anfangs mit dem Absatz der Schokolade. Für die einfachen Leute war Schokolade nach wie vor viel zu teuer, zudem hegte die Bevölkerung ein gewisses Misstrauen gegenüber der ­exotischen Süssigkeit. Der preussische Hof hatte hingegen eine Schwäche für Suchard-­Schokolade. Die staatliche Zwitterstellung Neuenburgs erleichterte zudem die Exporte. Als Suchard den Versand noch selbst machte, kam es in seiner Zerstreutheit immer wieder vor, dass er den Schokoladensendungen Gegenstände wie Brillen und Bleistifte beilegte. Die Kunden waren nachsichtig und schickten die unbestellten Beilagen jeweils wieder retour. 

 

Von Anfang an achtete Suchard auf eine ansprechende Verpackung, wofür insbesondere Tochter Eugénie ein gutes Auge hatte. Später betrieb Suchard eine umfassende Drucksachen-I­ndustrie. Die Drucksachen – Plakate, Postkarten, Kalender etc. – sollten nicht nur Freude bereiten, sondern auch informieren. Aufgrund seiner ungenügenden Schul­bildung war ihm dies ein besonderes Anliegen. So wurden den Schokoladen Bildserien samt Texten beigelegt, wobei sich die Scherzbildserien besonderer Beliebtheit erfreuten. In der Zeit nach 1855, in der Vater und Sohn das Unternehmen gemeinsam führten, stieg die Nachfrage stark an. Durch Teilnahme an internationalen Ausstellungen gewann Suchard auch im Ausland immer mehr an Bekanntheit. Besonders werbeträchtig war der Auftritt an der Weltausstellung in Paris von 1867: Suchard stellte seine Schokoladen in einem naturgetreu aufgebauten Chalet aus, wodurch diese zum Aushängeschild der Schweiz wurden. 

 

Als Krönung wurde der Marken- zum Gattungsnamen; wer in einem französischen oder deutschen Restaurant eine Schokoladencrêpe verspeisen wollte, bestellte «Crêpes Suchard». Nachdem Suchard seine Marke zuerst schweizweit schützen liess, folgte 1983 mit dem Eintrag als Marke Nummer eins beim neugegründeten Internationalen Büro für geistiges Eigentum auch der weltweite Schutz. Suchard machte seinem Ruf als «Meister der Reklame» alle Ehre, als er mit der Nutzung der Nagelfluhfelswand als Werbefläche grosse Aufmerksamkeit erregte. In den ansprechend gestalteten Suchard-Werbungen waren häufig Hinweise auf gewonnene Medaillen oder Seitenhiebe gegen gestreckte Konkurrenzprodukte versteckt.

 

Ein Minarett für Neuenburg
Bekannt wurde Suchard nicht nur als Industrie- und Werbepionier, sondern auch durch seine vorbildliche Sozialpolitik. 1876 schloss er als einer der ersten Schweizer Fabrikanten eine Unfallversicherung ab. Seiner Arbeiterschaft bot er eine unentgeltliche ärztliche Versorgung, einen Kindergarten, eine Stiftung für Arbeiterkinder, die eine Berufslehre absolvieren wollten, sowie Unterkünfte zu günstigen Mieten. 
Suchard blieb bis ins hohe Alter unternehmenslustig – von Altersmüdigkeit keine Spur. In den Jahren 1864 und 1865 bereiste er Algerien, Ägypten, Syrien und Palästina. Der Nahe Osten übte eine so starke Faszination auf ihn aus, dass er nach seiner Rückkehr den Bau eines Minaretts mit weissen Türmen und vergoldeten Kuppeln auf dem Dach seines Hauses in Neuenburg veranlasste. Das erste Schweizer Minarett wurde also von einem Schweizer gebaut und ist wesentlich älter als jene vier Minarette, die 2007 den Stein des Anstosses für eine Volksinitiative darstellten.
Trotz Bedenken seiner Verwandten bestieg Suchard mit 70 den Vesuv und startete sechs Jahre später zu einer Weltreise, die ihn durch Indien, China, Japan und quer durch Nordamerika führte. Suchard verstarb 1884, ein Jahr nach dem Tod seines Sohnes, der ihn schwer getroffen hatte. Seine Nachfolge trat Schwiegersohn Carl Russ an.

 

Die Post-Suchard Ära
Unter der Leitung von Carl Russ kam in den 1890er-Jahren nach dreissigjähriger Entwicklungsarbeit die erste Milchschokolade auf den Markt, die 1901 unter dem Markennamen «Milka» registriert wurde. 1905 wurde Suchard in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Suchard S.A. startete mit einem Aktienkapital von neun Millionen Franken. In der Folgezeit wurden in verschiedenen europäischen Ländern eigene Suchard-Fabriken errichtet. Nach dem Tod von Russ übernahm dessen Sohn Willy den Vorsitz des leitenden Geschäftsausschusses. Dieser verkaufte die Mehrheit der Suchard-Aktien 1930 für 8.25 Millionen Franken an Chocolat Poulain S.A. und kaufte seinerseits zwei Drittel von deren Aktien. Da diese Transaktion einzig der Plünderung der Suchard-Kassen durch den Erben diente, wurde Willy Russ u. A. zu Schadenersatzzahlungen verurteilt. Von 1930 bis 1960 war Hans Conrad Lichti dominierend in der Geschäftsleitung. Die Umwandlung von Suchard in eine Holdinggesellschaft erfolgte im Jahr 1937. Das Unternehmen eröffnete nun auch Fabriken in Übersee, etwa in Südafrika oder Argentinien.1931 wurde die Produktepalette um das Fruchtcaramel Sugus erweitert. Dann, 1970, fusionierte Suchard mit dem Berner Konkurrenten Chocolat Tobler AG. Milka und Toblerone wurden fortan unter dem Dach der Interfood S.A. mit Sitz in Lausanne vertrieben. Die Fusion der Interfood S.A. mit dem Kaffee-Konzern Jacobs zu Jacobs Suchard im Jahr 1982 bedeutete für das Schokoladeunternehmen den endgültigen Verlust ihrer Eigenständigkeit. Im Jahr 1990 wurde der Produktionsstandort Neuenburg komplett aufgegeben und das Unternehmen an den multinationalen Konzern Philip Morris verkauft. Dieser fusionierte Jacobs Suchard wiederum mit seiner Lebensmitteltochterfirma Kraft General Foods Europe. Seit der Aufspaltung von Kraft Foods in zwei eigenständige börsennotierte Gesellschaften gehört die Marke Suchard zur Mondelez International Inc.

VZH