Donnerstag, 17. Januar 2019 20:20 Uhr

Praktisch überall

Jacques Edwin Brandenberger  Er schuf eine völlig neue Möglichkeit, Lebensmittel hygienisch verpackt aufzubewahren. Ein Weinfleck auf einer Tischdecke gab den Anstoss zu einer praktischen Erfindung, die sich weltweit durchsetzte: Die Zellophan-Folie.

 

Text Anouk Arbenz

 

Zellophan ist eine fast 110-jährige Erfindung, die vielseitige Verwendung findet: Im Haushalt zum Aufbewahren von Essensresten, im Detailhandel zum Abpacken von Lebensmitteln, als Geschenk- und Bastelpapier und aufgrund seiner farbig reflektierenden Oberfläche sogar in der schillernden Modewelt. Sein Name leitet sich ab von «Zellulose» und dem französischen Wort «diaphane» für durchsichtig. Die Zellophan-Folie ist hauchdünn, selbstklebend und – im Gegensatz zum Konkurrenzmaterial Polypropylen – biologisch abbaubar. Erfinder dieser aussergewöhnlichen Folie ist ein Schweizer: Jacques Edwin Brandenberger.


Weintropfen weckt Erfindergeist

Ursprünglich wollte Jacques E. Brandenberger etwas ganz anderes erfinden: Als er in einem Restaurant sass und zusah, wie ein Kellner Wein auf das weisse Tischtuch verschüttete, kam ihm die Idee, ein Material zu entwickeln, das Flüssigkeit abstösst, statt sie einzusaugen. Er besprühte die Textilien mit einer wasserabweisenden Flüssigkeit. Ohne Erfolg: Der Stoff wurde steif und unbrauchbar, die Beschichtung löste sich sogleich wieder ab. Dies brachte ihn auf eine andere Idee: Er beschloss, die Möglichkeiten dieser transparenten, wasserabweisenden Beschichtung genauer zu erforschen. Zwölf Jahre verbrachte er damit, die Zusammensetzung und Beschaffenheit der Folie zu perfektionieren und eine – 70 Meter lange! – Maschine zu deren Herstellung zu entwickeln. Sein Verfahren wird noch heute in nahezu unveränderter Form von den 40 weltweit produzierenden Firmen angewendet.


Wer war Jacques Edwin Brandenberger?

Jacques E. Brandenberger wurde 1872 als Sohn des Direktors einer Pianofabrik geboren. Über seine Jugend weiss man nur, dass er mit 19 Jahren am Technikum Winterthur abschloss und sich bereits früh für die Welt der Materialwissenschaften interessierte. Als der junge Chemie-Student an der Universität Bern promovierte – Summa cum laude, versteht sich –, war er gerade mal 22 Jahre alt. Anschliessend zog Brandenberger nach Frankreich, wo er zunächst als Farbstoffexperte bei der Blanchisserie et Teinturerie de Thaon arbeitete. Das Vorzeige-Unternehmen hatte mehrere Preise gewonnen, darunter die Goldmedaille an der Weltausstellung in Paris im Jahr 1878. Während dieser Zeit forschte und tüftelte Brandenberger in seiner Freizeit fleissig weiter, bis er 1908 schliesslich das Patent zur Herstellung der Zellophan-Folie erhielt. Fünf Jahre später gründete er die S.A. La Cellophan mit Sitz in Paris und einer Fabrik in Bezons.


Amerikanische «Cellophanie»

Der erste Weltkrieg, der zu dieser Zeit in vollem Gange war, verhinderte kurzweilig die Produktion der Zellophan-Folien. Das Unternehmen beschränkte sich gezwungenermassen auf die Herstellung von Schutzfolien für Gasmasken. Nach dem Krieg wurde das Zellophan zu einem Welterfolg: Das Joint Venture mit Du Pont de Nemours legte den Grundstein für den wirtschaftlichen Aufstieg. Besonders die Amerikaner liebten die Folie und verwendeten sie für praktisch alles. Da die ersten Patente bereits 1920 ausliefen, musste sich Brandenberger stets neue Anwendungsmöglichkeiten und Verfahren ausdenken, um neben der neuen Konkurrenz nicht unterzugehen. So wurde die Folie beispielsweise immer dünner, was zu einem enormen Rückgang bei den Produktionskosten führte.

 

Brandenberger Stiftung

Jacques Edwin Brandenberger wurde von vielen Seiten geschätzt. Im Jahr seines Todes wurde er gar zum Offizier der Französischen Ehrenlegion ernannt. 1990 gründete seine Tochter die Stiftung Dr. J. E. Brandenberger mit Sitz in Zürich. Sie prämiert jährlich Schweizer Persönlichkeiten, die zum sozialen Fortschritt oder zur Hebung des Lebensstandards in besonderem Masse beigetragen haben. Mit 200000 Franken ist der Brandenberger-Preis einer der höchstdotierten Preise, die in der Schweiz vergeben werden. Diesjährige Gewinnerin ist die Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini, die sich als Leiterin heikler Missionen für die Friedenserhaltung eingesetzt hat.

Mehr dazu unter: stiftungbrandenberger.ch 



 

 

 

 

 

Für die Erfindung des Zellophans erhielt Jaques E. Brandenberger 1973 die Golden Elliot Medal des Benjamin Franklin Instituts und rangiert sich damit neben grossen Namen wie Thomas Edison und Albert Einstein ein.

 

 

VZH