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18.06.2015

17 Stunden pro Tag sind genug

Kategorie: Online News

Boston – Praktikanten bei Goldman Sachs sollen nicht mehr rund um die Uhr arbeiten. Die New Yorker Investmentbank hat angeordnet, dass sie frühestens um 7 Uhr erscheinen und um Mitternacht draußen sein müssen. Goldman reagiert auf Fälle von Selbstmord.

 

Von John Dyer


Die amerikanische Investmentbank Goldman und Sachs will etwas gegen den gesundheitsgefährdenden Stress an der Wall Street unternehmen. Immer wieder hatte es Meldungen über den Suizid von Bankern oder auch Praktikanten bei der Grosbank gegeben. Zumindest für die Praktikanten wird die Arbeitszeit jetzt beschränkt. Und Goldman Sachs Sprecher Michael DuVally schließt nicht aus, dass positive Erfahrungen mit den jungen Leuten später auch auf das Stammpersonal übertragen werden. «Das ist ein laufender Prozess», sagte DuVally.


Nur noch von 7 bis 24 Uhr
Wer eine der heiß begehrten Praktikumsstellen bei der Grossbank ergattert hat, ist auch bereit, rund um die Uhr zu arbeiten. Viele haben das in der Vergangenheit getan, buchstäblich bis zum Umfallen. Damit ist bei Goldman Schluss. Praktikanten dürfen nur noch ab sieben Uhr morgens ins Büro und müssen es um Mitternacht verlassen haben. 17 Stunden seien für jeden der 2900 Praktikanten genug, die in diesem Sommer meist zehn Wochen bei Goldman Sachs arbeiten.


Die Arbeitswut ohne Blick auf die Uhr wird den Studenten, die dann die Praktika im Sommer absolvieren, schon an ihren Elitehochschulen beigebracht, von Harvard bis Princeton im Osten über Chicago im Mittleren Westen bis zu Stanford in Nordkalifornien am Pazifik. Die Studenten dieser und andere Universitäten sind heiß auf das Sommerpraktikum. Denn in späteren Bewerbungsschreiben, wenn sie in einem oder zwei Jahren den Universitätsabschluss haben, gilt die Arbeit für Goldman Sachs manchmal mehr als gute Noten. 


Harter Wettbewerb bei Goldman Sachs
Die Bewerber für einen Sommerjob schicken meist hunderte von E-Mails an ehemalige Absolventen ihrer Hochschule mit der Bitte um Unterstützung bei der Sommerbewerbung. Sie stellen ihre guten Noten heraus, ihre Leistungen im Sport, ihre Fremdsprachen und ihr Engagement an der Universtität außerhalb des Lehrplans, von Theatergruppen bis Campus-Zeitungen. Oft hilft einer der Ex-Alumni und lässt seine Beziehungen spielen.  


Bei Goldman Sachs ist der Wettbewerb am härtesten. Die Bank gilt als die anspruchsvollste und erfolgreichste an der Wall Street. Sie ist weltweit die erste Adresse bei Fusionen und Unternehmenskäufen, hat im vergangenen Jahr solche Transaktionen mit einem Volumen von fast 984 Milliarden Dollar abgewickelt (863 Milliarden Euro / 904 Milliarden Franken).  


Die harte Arbeit im Finanzwesen fordert ihren Tribut. Goldman und die Bank of America und einige andere Banken haben deshalb die Gehälter der Junior-Banker angehoben. Goldman und Credit Suisse haben überdies die Arbeit an Samstagen verboten.


Einlenken nach mehreren Selbstmorden
Dieses Eingehen auf die Nöte der stressgeplagten Mitarbeiter hat seine Ursache in einer Reihe von Selbstmorden. Im April hatte sich Sarvshreshth Gupta in San Francisco aus dem Fenster seines Apartments zu Tode gestürzt. Der 22-jährige Inder war Studenten an der Universität Pennsylvania und arbeitete als Analystenpraktikant bei Goldman Sachs in San Francisco. Viel Aufsehen erregte ein von seinem Vater publiziertes Essay in dem eine 100-Stunden-Woche, Übernachten im Büro und übermäßiger Stress in dem Satz gipfelten: «Es ist einfach zu viel. Ich habe seit zwei Tagen nicht geschlafen, habe morgen einen Kundentermin, muss eine Präsentation fertig bekommen. Mein Vorgesetzter ist verärgert und ich sitze allein im Büro.» Danach stürzte er sich von seinem Apartment auf den Parkplatz und starb.


Das ist durchaus kein Einzelfall. Im Mai fiel der Investmentbanker Tom Hughes (29) unter Aufputschmitteln von einem Hochhaus in Manhattan. Der 21-jährige Moritz Erhardt starb an einem epileptischen Anfall, nachdem er 72 Stunden lang durchgearbeitet hatte.  Er war Praktikant im Londoner Büro der Bank of America.


VZH