Donnerstag, 20. September 2018 2:31 Uhr
Markus Weber, Präsident von Bauen digital Schweiz.

Der ­
Bauherr 
der 
Vernetzung

Bauen Digital Schweiz – Als Präsident von Bauen digital Schweiz setzt sich Markus Weber für eine engere Kooperation in der Bauwirtschaft ein. Die neuen Technologien forderten die Vernetzung aller ­Stakeholder, erklärt er.

 

 


Interview Roman Brauchli

 


Herr Weber, Sie sind Präsident von Bauen digital Schweiz. Welche Ziele hat der Verein?
Bauen digital Schweiz ist die einzige Non-Profit-Organisation der Baubranche, die die ganze Wertschöpfungskette der Bauwirtschaft umfasst – von der Bestellung, Planung und Ausführung über die Zulieferindustrie bis hin zu den Betreibern. Alle anderen Organisationen sind auf bestimmte Zielgruppen fokussiert.


Und wie kommt das «digital» in den Namen der Organisation?
Digitalisierung bedeutet durchgängige Vernetzung. Aus diesem Gedanken heraus ist Bauen digital Schweiz entstanden. Es brauchte eine Organisation, die die gesamte Wertschöpfungskette vernetzt, weil die Digitalisierung dies zunehmend erfordert.


Wo steht die Schweizer Bauwirtschaft in Sachen Digitalisierung?
Die USA und vor allem die skandinavischen Länder haben das Thema bereits vor zehn Jahren aufgegriffen. In der Schweiz neigen wir dazu, Veränderungen mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Inzwischen – auch durch Bauen digital Schweiz – hat man eine Basis geschaffen, um die Digitalisierung koordiniert vorwärts zu bringen. Wir konnten die Akteure der Wertschöpfungskette an einem Tisch zusammenbringen. Heute ist die Bauwirtschaft noch sehr disziplinär organisiert, jeder schaut für sich. Digitalisierung bedeutet hingegen, dass vorgelagerte und nachgelagerte Prozesse miteinander verknüpft werden und dass die verschiedenen Akteure sich deshalb miteinander abstimmen müssen 

 

BIM (Building Information Modeling) ist ein Synonym für die Digitalisierung in der Bauwirtschaft. Was ist BIM eigentlich? 
Bei BIM geht es um die Erstellung und Nutzung eines digitalen Zwillings des realen Gebäudes sowie um die Vernetzung der Akteure. Wir erstellen eine riesige Datenbank, wo alle Beteiligten ihre Daten in strukturierter Form allen anderen zur Verfügung stellen. Architekten, Gebäudetechniker, Tragwerks- oder Brandschutzplaner werden bereits in der frühen Planungsphase miteinbezogen. Zusammen entwickeln wir ein virtuelles Gebäudemodell. Bevor ein Gebäude physisch gebaut wird, wird es virtuell als Modell kreiert und zu jedem Bauteile werden die relevanten Informationen zur Verfügung gestellt.


Jedes Bauteil bekommt eine digitale Identität?
Eine Wand beispielsweise hat einen Dämmwert und eine bestimmte Oberflächenbeschaffenheit. Bis anhin hat der Planer im Plan zwei Striche gezeichnet, die die Wand darstellten. Dazu lieferte er noch ein Dokument zu den bauphysikalischen Anforderungen mit. Der Unterschied heute ist, dass alle Informationen im Gebäudemodell enthalten sind. Letztlich geht es auch um einen Veränderung der Zusammenarbeitskultur. Bis heute hat jeder disziplinär für sich gearbeitet und jetzt müssen alle am gleichen Modell und in vorgegebenen Strukturen gleichzeitig arbeiten. Es gibt klare Vorgaben, wie die Informationen den anderen Partnern zur Verfügung gestellt werden müssen. Nur wenn die Daten in strukturierter Form aufbereitet sind, kann der Bauphysiker diese Werte mit seinen digitalen Werkzeugen verknüpfen. Wenn wir bei Amstein + Walthert eine Energieberechnung erstellen wollen, müssen wir heute alle Angaben einzeln zusammentragen, um den Verbrauch zu berechnen. In Zukunft werden wir ein digitales Modell irgendwo in der Cloud haben, sodass wir direkt auf die Daten zugreifen können, ohne diese selbst einlesen zu müssen.


Was sind die Vorteile von BIM?
Am Ende geht es um Effizienz und Qualität. Wenn die Informationen allen Akteure zur Verfügung stehen, gibt es keine heiklen Schnittstellen mehr. Wenn jeder alle Informationen direkt nutzen kann, dann entsteht aus der Schnittstelle eine Verbindungsstelle, was natürlich wesentlich effizienter ist. Und schliesslich geht es um Qualität: Die Bauwirtschaft hat ein riesiges Qualitätsproblem.


Auch in der Schweiz?
Ja. Untersuchungen zeigen, dass die Bauwirtschaft rund 5 Milliarden pro Jahr für die Behebung von  Baumängeln ausgibt. Dabei geht es beispielsweise um eine Leitung, die neu verlegt werden muss. Das passiert natürlich auch deshalb, weil die Informationen nicht durchgängig allen Beteiligten zur Verfügung stehen. Wenn wir nun zuerst ein virtuelles Duplikat des Gebäudes erstellen, in dem alles auskoordiniert, wo jede Leitung, jede Wand berücksichtigt ist, können wir mit verschiedenen digitalen Werkzeugen prüfen, ob es irgendwo zu Kollisionen kommt. Die Bauwirtschaft hatte in den letzten 50 Jahren keine Produktivitätssteigerung zu verzeichnen. Das produzierende Gewerbe hat in der gleichen Zeit die Produktivität verdoppelt. Das zeigt, dass wir mit unseren konventionellen Planungs- und Baumethoden nicht effizient sind. Zudem sind die Gebäude wesentlich komplexer geworden, gerade wenn man die Gebäudetechnik miteinbezieht.


Dabei geht es auch um das Thema Nachhaltigkeit.
Bis vor kurzem war ich Präsident der Konferenz der Gebäudetechnik, ein Zusammenschluss von rund 40 Vereinen und Verbänden aus dem Bereich Energie- und Gebäudetechnik. Die Konferenz wurde vor fünf Jahren gegründet, als in Bern die Diskussionen zur Überarbeitung des Energie- und CO2-Gesetzes  Gestalt annahmen. Wir haben festgestellt, dass die Branche der Gebäudetechnik in den Diskussionen völlig ausser Acht gelassen wurde. Der Fokus lag dabei auf dem Energie-Gesetz, die Potenziale der Gebäudetechnik in diesem Bereich wollten wir stärker in die Diskussion einbringen. Wir konnten schliesslich verschiedene Artikel im Energie- und CO2-Gesetz über das Parlament einbringen. Inzwischen gibt sogar eine parlamentarische Gruppe Gebäudetechnik.

 
Wie gross ist das Potenzial?
Die Gebäudetechnik hat viele Potenziale, die zur Energieeffizienz und Energiesenkung beitragen. Leider werden sie noch zu wenig genutzt. Viele Massnahmen sind wirtschaftlich und wären innerhalb von 1-3 Jahren amortisiert, aber sie werden nicht umgesetzt, weil sie zu wenig bekannt sind und weil die Branche noch zu wenig fit ist. Zudem ist der Energiepreis nach wie vor zu tief, damit sich Investitionen in diesem Bereich für Unternehmen lohnen. Wir haben unter den 40 Vereinen und Verbänden damals eine Umfrage gestartet. So konnten wir rund 150 Massnahmen sammeln, die zur Energieeffizienz beitragen würden. Anschliessend haben wir mit dem Bundesamt für Energie eine Studie erstellt. Die Studie zeigte, dass man durch die 150 Massnahmen den Energieverbrauch nochmals um 15 Prozent und den CO2-Ausstoss um 40 Prozent senken könnte.

 

Der Gebäudepark ist in der Schweiz zu einem Grossteil für den Energieverbrauch sowie den CO2-Ausstoss verantwortlich. Liegt das vor allem an der alten Bausubstanz?
Ja. Der Gebäudepark ist für rund 40 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich, aber nicht nur in der Schweiz. Ein neues Gebäude ist im Durchschnitt zehn Mal effizienter als ein Altbau. Energieeffizienz ist das eine und das andere ist der CO2-Ausstoss. Hier ist auch die Frage entscheidend: Ist die Energie fossil?


Ist es einfach eine Frage der Zeit, bis man die alten Gebäude ersetzt hat?
Bezüglich Neubauten sind wir in der Schweiz sehr gut unterwegs. Das Problem ist nach wie vor die Sanierung des Altbestands. Die Erneuerungsrate, wie wir sie in der Energiestrategie vorgesehen haben, ist deutlich zu tief. Die politischen Rahmenbedingungen werden momentan korrigiert, um andere  Anreizsysteme zu schaffen – Steuererleichterungen beispielsweise, sodass man Sanierungen über mehrere Jahre abschreiben kann.


Kann auch die Digitalisierung zu mehr Nachhaltigkeit beitragen?
Ja, in der Gebäudetechnik gibt es verschieden Anwendungen, die dazu beitragen können, zum Beispiel: Kein Betrieb, ohne Nutzen. Heizungen können heute problemlos entsprechend gesteuert werden. Ein Aspekt, den ich unbedingt in den Vordergrund rücken möchte: Im Moment ist die Diskussion auf den Energieverbrauch fixiert. Es heisst ja Energiewende, aber eigentlich brauchen wir eine «Leistungswende». Unser Energiebedarf wird zunehmend aus erneuerbaren Quellen gedeckt, Erneuerbare erzeugen jedoch nur sehr unregelmässig Energie. Wir brauchen darum Gebäude, die dann effizient sind, wenn wenig Energie zur Verfügung steht, etwa an kalten, bedeckten Wintertagen. Ein Beispiel sind Wärmepumpen, es gibt die Luftwärmepumpen, die die Wärme aus der Umgebungsluft bezieht, und Erdwärmepumpen. Luftwärmepumpen sind günstiger in der Anschaffung und energetisch über das ganze Jahr betrachtet nicht viel schlechter als Erdwärmepumpen: Doch an kalten Wintertagen haben sie einen extrem tiefen Wirkungsgrad. Erdwärmepumpen sind auch bei minus 10 Grad effektiv.


Ist BIM letztlich auch ein Wettbewerbsfaktor für die Schweizer Bauwirtschaft?
Ganz klar. Wenn die Schweizer Bauwirtschaft die digitale Wende nicht schafft, wird es schwierig. In den umliegenden Ländern sind alle am Aufrüsten. Durch die digitalen Technologien werden wir effektiver und damit wird auch das Preisniveau sinken. Die Schweiz als Hochpreisinsel ist natürlich besonders gefordert. Unsere deutschen Kollegen sind 30 Prozent günstiger. Deutsche Planungs- und Bauunternehmen sind natürlich sehr interessiert, in der Schweiz Fuss zu fassen. Der Schweizer Ableger des niederländischen Generalunternehmers BAM hat 2016 den Auftrag für den Bau des Felix Platter Spitals gewonnen – möglicherweise auch wegen ihres Know-hows im BIM-Bereich.

 
Wie wird sich die Baubranche in 20-30 Jahren durch die Digitalisierung verändert haben?
In 20, 30 Jahren wird man ein Gebäude fast wie in einem Computerspiel konfigurieren, der Planer kann seine Ideen vorgängig in einem digitalen Modell beliebig miteinander kombinieren, so wie das heute bei Fahrzeugen schon der Fall ist. Damit das möglich ist, müssen die Informationen bereits während der Planung an die Produktion und die gesamte Zulieferkette weitergeleitet werden. In dem Moment, in dem ich etwas konfiguriere, muss die Information bis zum Hersteller des jeweiligen Bauelements gehen.


Was bedeutet das für die Unternehmen?
Das kann man an anderen Branchen ablesen, die bereits weiter sind. Immer mehr Arbeiten, die heute noch von Hand erledigt werden, werden durch digitale Technologien übernommen. Das heisst natürlich, dass es eine Jobverlagerung gibt.


Was bedeutet das für die Bauarbeiter?
Ich glaube nicht, dass sich in diesem Bereich der grösste Einfluss bemerkbar macht. Was sicher der Fall sein wird, ist, dass der Vorfertigungsgrad steigen wird. Man plant die Duplikate mit modularen Systemen und dadurch können mehr Bauteile in der Fabrik vorgefertigt werden. In Zukunft wird man auf der Baustelle vermehrt vorgefertigte Bauteile zusammensetzen, anstelle der Fertigung auf der Baustelle.


Droht ein Jobverlust?
Es wird sicher eine Jobverlagerung geben, doch die Software und die Maschinen müssen auch irgendwo entwickelt werden. Das grosse Problem der Digitalisierung ist ihre Geschwindigkeit. Wenn man das mit den anderen technischen Entwicklungen vergleicht, hatten die Menschen stets über Generationen hinweg Zeit, sich anzupassen. Wichtig scheint mir aber, dass man die Digitalisierung als Chance sieht – und im Moment haben wir noch die Möglichkeit dazu.

 


www.bauen-digital.ch

 

 

Zur Person

 

Markus Weber ist Präsident von Bauen digital Schweiz. Die ­Interessengemeinschaft vereint bestehende Institutionen, Verbände und Unternehmungen rund um das Planen, Bauen und Betreiben und will die digitale Transformation der Schweizer Bauwirtschaft gemeinsam voran bringen. Der Ingenieur (FH) ist zudem stellvertretender Geschäftsführer der Planungs- und Beratungsunternehmung Amstein + ­Walthert AG.

VZH