Donnerstag, 21. Juni 2018 22:04 Uhr
Sita Mazumder, Vorstandspräsidentin der Chief Digital Community (CDC).

Die Transformation der KMU im Fokus

Chief Digital Community – Ende 2017 wurde die Plattform Chief Digital Community (CDC) gegründet. Sie möchte den KMU als Sparringpartner in der digitalen Transformation zur Seite stehen. Denn vielen Unternehmen fehlt die Übersicht. Sie wissen nicht, wo mit der Transformation beginnen, sagt CDC-Präsidentin Sita Mazumder.

 

  

Interview Roman Brauchli

 

 

Frau Mazumder, Ende 2017 haben Sie gemeinsam mit Partnern der Wirtschaft die «Chief Digital Community» (CDC) aus dem Departement Informatik der Hochschule Luzern heraus gegründet. Warum?

Wir beobachten schon eine ganze Weile, dass zahlreiche der Plattformen und Initiativen im Bereich der digitalen Transformation von grossen Unternehmen getrieben sind. Entsprechend sind die Angebote zu wenig konkret und zu wenig auf die Situation der KMU geschnitzt. Da die KMU das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bilden, wollen wir mit der CDC diese Lücke füllen.


Was sind die Ziele des Vereins?

Kurz gesagt: Wir sind der Sparringpartner der Schweizer KMU für die erfolgreiche digitale Transformation. Wir unterstützen und begleiten diejenigen Personen in KMU, die die digitale Transformation an die Hand nehmen, und zwar indem wir orientieren, einordnen, vernetzen, umsetzen und teilen.


Was ist Ihre persönliche Motivation als Präsidentin des Vereins?

Ich stamme aus einer Unternehmerfamilie und arbeite seit langem und gerne mit KMU zusammen. Anders formuliert: Mir ist die Situation der KMU sehr bewusst und als Betroffene brennt sie mir unter den Nägeln. Entsprechend ist die CDC für mich eine logisch richtige Initiative, die mir aber auch persönlich sehr am Herzen liegt.


An privaten und politischen Initiativen rund um das Thema digitale Transformation mangelt es ja nicht. Was will die CDC anders machen?

Die Mehrheit der Initiativen sind von Grossunternehmen getrieben. Das ist nicht zu werten, aber es bedient nur einen Teil des Marktes. Wir fokussieren uns in allem, was wir tun, auf die KMU, auf deren Situation und Gegebenheiten, die sich in aller Regel von jenen bei Grossunternehmen unterscheiden. Unsere Aktivitäten müssen «hands-on» und bodenständig sein, dürfen nicht auf der Makroebene bleiben und dann die konkrete Umsetzung offen lassen. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist auch, dass wir eine Initiative des Departements Informatik der Hochschule Luzern (HSLU) sind. Entsprechend verbinden wir als neutrale Plattform die angewandte Wissenschaft der HSLU mit dem Marktwissen unserer Kooperationspartner und unseres Netzwerks.

 
Sie arbeiten mit Netzwerken zusammen, unter anderem mit KMU SWISS. Weshalb braucht es einen zusätzlichen Verein?

Wir fokussieren auf diejenigen Personen in den KMU, die für die digitale Transformation zuständig sind, welche Funktion, welchen Rang oder welche Bezeichnung sie auch immer haben. Sie unterstützen und begleiten wir, damit das KMU erfolgreich die digitale Transformation meistern kann. KMU SWISS als einer unserer Kooperationspartner ist breiter aufgestellt, was Themen und Zielgruppe anbelangt. Die Initiative ist also leicht anders ausgerichtet. Die CDC als neutrale Plattform nahe der angewandten Wissenschaften hat zum Ziel, gute Initiativen im Netzwerk zusammenzubringen und für unsere KMU-Community zielgerichtete Angebote transparent zu machen.


Der Verein will KMU praxisnah bei der digitalen Transformation unterstützen. Was dürfen Unternehmen vom Netzwerk erwarten?

Konkreten, bodenständigen Inhalt. Das klingt banal, ist aber Mangelware. Gerade beim Thema digitale Transformation wird überwiegend auf zu hoher Flughöhe gesprochen. Letztendlich geht es immer um die Frage, wie mit oft sehr beschränkten Ressourcen in einer sich schnell verändernden Welt das Geschäft so entwickelt werden kann, dass auch übermorgen noch profitabel gearbeitet werden kann. Ein Beispiel: Wir haben das Format der CDC Challenge ins Leben gerufen, bei welchem sich ein Unternehmen in Sachen digitale Transformation «auszieht». Die Teilnehmenden inklusive CDC-Vorstand challengen das Unternehmen in einer maximal 90-minütigen Session. Das Unternehmen erhält umsetzbare Inputs und die Teilnehmenden lernen von einem konkreten Case. Wir durften bereits eine CDC Challenge bei Arcmedia in Luzern durchführen und es war absolut toll. Die nächste Challenge wird im Juni bei Mobility in Rotkreuz stattfinden.


Was wird eigentlich transformiert in der digitalen Transformation?

Plakativ gesagt: alles. Zunächst mal ist die digitale Transformation für jedes Unternehmen individuell. Es gibt hier keinen Sieben-Punkte-Plan zum Erfolg. Wir unterscheiden in unserer CDC-Methode folgende Bereiche, die ineinandergreifen und deren Gewichtungen für jedes Unternehmen anders ausfällt: Kunden, Kollaboration, Prozesse, Portfolio, Security und Reputation. Im Kern steht immer der Business Case: Wie verdient man in Zukunft Geld? Die Frage stand schon immer im Zentrum der unternehmerischen Entscheidung. Das ist nichts Neues, aber Kriterien und Parameter haben sich durch die zunehmende Digitalisierung und insbesondere in der digitalen Transformation verändert.

 

Verändern sich durch die Transformation auch die Prinzipien von Unternehmensführung und Zusammenarbeit? 

Absolut. Alle Bereiche der Trilogie «Strategie, Kultur und Struktur» werden verändert, also auch sämtliche Querschnittsbereiche wie untere anderem die Unternehmenskultur, das Führungsverständnis und die Aufbauorganisation. Das eine geht nicht ohne das andere. Stellen Sie sich vor, Sie wollen in einer Firma eine agile Organisation realisieren, leben aber immer noch komplexe Hierarchien, lange Dienstwege und starres Rangordnungsführungsgebaren. Das führt eher früher als später zu ineffizienten Prozessen, unzufriedenen Mitarbeitenden, Abnahme der Qualität, Zunahme von Risiken, Kundenverlust und vielem mehr.


Wird das disruptive Potenzial der Transformation Ihrer Meinung nach unterschätzt?

Aus unseren Erfahrungen mehrheitlich schon, wobei die Gründe unterschiedlich sind. Einigen Organisationen ist noch nicht bewusst, was die digitale Transformation im Kern verändert, nämlich den Business Case. Mit einer App für Kunden ist es darum nicht getan. Andere wiederum sind sich bewusst, dass der Wandel tiefgreifend ist, sind aber mit offenen W-Fragen konfrontiert: wer, was, wann, wo, warum, wie, wozu? Dann wiederum gibt es Firmen, die sich auf den Weg der digitalen Transformation begeben haben und vom Ausmass und den daraus sich ergebenden Effekten überrollt werden. Immer wieder sehen wir auch Organisationen, wo Bedenken und Befürchtungen Veränderungen verhindern.

 
Die Medienbranche spürte den Umbruch als eine der ersten. Am Finanzplatz ist einiges im Gange und der Onlinehandel boomt. Welche Branche kommt als nächstes? 

Wenn eine Branche den Umbruch zu spüren bekommt, heisst das nicht, dass da auch am meisten transformiert wird. Nehmen wir die Finanzbranche. Das Geschäftsmodell wurde bisher kaum verändert, obwohl Entwicklungen wie Kryptowährungen dieses in Frage stellen. Auf der anderen Seite lesen wir kaum etwas über die Pharmabranche, die sich bereits früh auf die Reise begab. Und wenn wir schon beim Reisen sind: Das Sterben der Reisebüros ist nach wie vor im Gange, auch deshalb, weil kein neuer Business Case gefunden wurde. Insofern hoffe ich sehr idealistisch darauf, dass nicht ein spezifischer Branchendruck, sondern eine weitflächige Sensibilisierung der Firmen dazu führen wird, die digitale Transformation erfolgreich zu meistern. Proaktiv ist hier besser als reaktiv.

 
Was bereitet den Unternehmen in diesem Prozess besondere Mühe?

Für viele Unternehmen ist es ein «Digi-Dschungel». Das Thema ist riesig, die Buzzwords zahlreich und die Frage, wo und wie man beginnen soll, ist für viele KMU die erste grosse Hürde. Das führt oft dazu, dass die Unternehmen die Transformation nicht aktiv angehen, sondern sich reaktiv treiben lassen. Konkreter: Datensicherheit ist ein grosses Thema, aber anstatt sich proaktiv mit der eigenen Situation bezüglich Datensicherheit auseinanderzusetzen und Massnahmen zu ergreifen, wird bei einer Gefahr oft reaktiv das Nötigste getan, um diese zu mitigieren.


Je mehr Geschäftstätigkeiten digital abgewickelt werden, desto grösser ist das Schadenpotenzial von Cyberangriffen. Kleinere Unternehmen sind in ihren Mitteln aber oftmals beschränkt. Wie geht man das Thema professionell an?

Das Wichtigste ist zu realisieren, dass Datensicherheit nicht primär ein IT-Problem ist, sondern ein Personenthema. Es braucht eine professionelle Analyse und Einschätzung der Risiken, die alsdann im Rahmen eines modernen Risikomanagements zu bewirtschaften sind. Die Massnahmen auf der technologischen Seite sind notwendig, aber nicht hinreichend. Es gehört heute dazu, IT-seitig den Schutz aktuell zu halten, der grösste Risikofaktor ist aber nach wie vor der Mensch. Dieser Tatsache wird oft zu wenig Rechnung getragen und wir Menschen klicken einfach zu gerne auf Nachrichten, wenn da beispielsweise das schnelle Geld, wahre Liebe oder ewige Jugend versprochen wird.


Sehen Sie auch Gefahren der Digitalisierung – sowohl für den Einzelnen als auch für uns als Gesellschaft?

Natürlich, und nicht zu knapp. Wo es Möglichkeiten gibt, lauern auch Gefahren. Ich möchte nur ein paar wenige herauspicken: Die Digitalisierung überfordert viele Menschen, Stichwort «digitales Burnout». Social Media kann, wie wir jüngst erlebt haben, zu manipulativen Zwecken eingesetzt werden und damit die Gesellschaft verändern. Als Volkswirtschaft werden wir Branchen wegfallen sehen, weil sie nicht mehr benötigt werden, und wir werden bisher erfolgreiche Firmen «sterben» sehen, weil sie gemäss Wiliam G. Pollard, dem amerikanischen Physiker, irrten: «Die Arroganz des Erfolgs ist zu glauben, dass das, was man gestern gemacht hat, auch morgen noch genügen wird.»


Eine letzte Frage: Was ist das Schöne an der Digitalisierung?

Wir müssen Digitalisierung und digitale Transformation unterscheiden. Digitalisierung machen wir ja schon sehr lange und als Tech-Freak schlägt mein Herz bei technologischen Innovationen und deren Möglichkeiten höher. Die digitale Transformation ist tiefgreifender und existenzieller für die Firmen. Neue Geschäftsfelder tun sich auf, bisherige gehen zu. Technologische Werkzeuge verändern sich schnell, die Vernetzung nimmt stark zu und stehen bleiben ist keine Option mehr. Um es mit einem Zitat des Wirtschaftsprofessors Oren Harari auszudrücken: «Das elektrische Licht wurde nicht als Weiterentwicklung von Kerzen erfunden.» Ich finde es berauschend, für Firmen das elektrische Licht zu entwickeln.

 

Zur Person

 

Sita Mazumder ist Professorin am Departement Informatik der Hochschule Luzern. Die Informatikerin (ETH Zürich) und promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin führt ein eigenes Beratungsunternehmen und hat zahlreiche Verwaltungsratsmandate. Daneben ist sie Vorstandspräsidentin der Chief Digital Community.

 

 

 

 

CHIEF DIGITAL COMMUNITY

Die Chief Digital Community (CDC) wurde Ende 2017 aus dem Departement Informatik der Hochschule Luzern heraus gegründet. Die Plattform unterstützt KMU in der digitalen Transformation. Anlass zur Gründung des Vereins war der Mangel an Angeboten, die KMU mit konkreter, anwendungsorientierter und neutraler Hilfestellung begleiten. Weiterbildungsangebote und Veranstaltungen setzen dies hands-on um. Der Vorstand besteht aus Persönlichkeiten der Wirtschaft mit ausgewiesenem Know-how im Bereich der digitalen Transformation. Prof. Dr. Sita Mazumder ist Gründungsmitglied und Präsidentin des Vorstands von CDC. 

 

 

Weitere Informationen unter www.chiefdigital.ch

 

 

VZH