Freitag, 14. Dezember 2018 1:38 Uhr
Foto: iStock/TARIK KIZILKAYA

Digitalt – 
Erfahrung 
ist nicht 
digitalisierbar

 

 

Von Dani Weder

 



Einerseits fühle ich mich energetisch, andererseits gehöre ich binär bereits in die Kategorie «alt». Eine Binsenwahrheit besagt, dass eine Person so alt ist, wie sie sich fühlt. Binsen gehören in die Kategorie der Gräser und stehen auch sinnbildlich für die weite Verbreitung von Informationen, die keinen besonderen Wert haben. Im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken kommen mir solche Trivialitäten bekannt vor. Denn exemplarisch stehen soziale Netzwerke oft für binsenhafte Informationsflut mit spärlichem Inhalt.

 


Dabei unterschätzen wir, dass auch scheinbar belanglose Informationen über uns ein wertvoller Rohstoff sind. Gesammelt und vernetzt werden sie zu Goldgruben von Firmen, welche wiederum zunehmend Einfluss auf unser Leben nehmen. Verrückt, oder? Als mir ein Kollege vor über zwanzig Jahren dieses System erklären wollte, habe ich abgewunken. «Science-Fiction», sagte ich. Ehrlich gesagt, es hat sich tatsächlich so entwickelt wie prognostiziert. Mit zunehmendem Alter nehme ich diese Prognosen ernster. Ja, wir sind mitten drin in der digitalen Revolution, und wir spüren erst das Warmlaufen.

 


Während der Transformation wird der Umgang mit und zwischen den Menschen genauso in den Fokus rücken wie die Technologie als solches. Aufgrund von sich massiv ändernden Prozessen werden sich Arbeitsformen und damit Strukturen wandeln. Das tägliche Leben wird künftig vom jetzigen Alltag abweichen. Der Einfluss der Digitalisierung auf unsere Kultur und Normen wird noch stärker werden. Das ist faszinierend und möglicherweise löst das eher bei den Älteren Unbehagen aus.

 


Da drängt sich die Frage auf: Wie viel Digitalisierung verträgt der Mensch? Bereits früher wurden aufgrund von einschlägigen Innovationen Kultur- und Weltkrisen heraufbeschworen. Jedoch: Wo wären wir heute ohne die industrielle Revolution? Die digitale Welt eröffnet grosse Chancen. Wer das Momentum nutzt, kann sich individuell verwirklichen. Wer an dem Bestehenden festhält, läuft Gefahr zu verlieren. Da sind wir Älteren gefordert.

 


Was ist alt und was ist jung im digitalen Zeitalter? Ab 25 Jahren gilt eine Person in der digitalen Welt als älter und ab 40 als uralt. Angesichts der digitalen Anwendungen entwickeln sich die Gehirnstrukturen der heutigen Kinder anders. Die jungen Menschen wachsen in einer Welt auf, in welcher 65 Prozent der künftigen Jobs noch gar nicht existieren. Ja, binär gesehen wechseln wir immer schneller zu alt.

 


Die laufende Transformation von der analogen in die digitale Welt ist komplex und Horizont erweiternd zugleich. Sie benötigt Menschen, welche offen sind, zu lernen, und neugierig sind, die Welt weiter zu explorieren. In diesem Zusammenhang ist die Erfahrung von älteren Menschen wichtig. Die Erfahrungen der Älteren und die digitalen Fähigkeiten der Jüngeren haben erhebliches Synergiepotenzial. Langer Rede kurzer Sinn: Erfahrung ist nicht digitalisierbar, aber Digitalisierung ist erfahrbar.

Der Autor

Dani Weder arbeitet als unabhängiges Board-Mitglied, Berater und Referent und ist Inhaber von Weder Management. Vorher leitete er als CEO das schweizerische Flugsicherungsunternehmen Skyguide von 2007 bis 2017. Weder ist unter anderem Vorstandmitglied der Chief Digital Community CDC. In regelmässiger Folge schreiben Mitglieder der 2017 gegründeten Plattform in der Unternehmerzeitung über Themen der digitalen Transformation.

 


Weitere Informationen zur Plattform unter www.chiefdigital.ch

 

 

VZH