Sonntag, 23. September 2018 17:52 Uhr
Bild: iStock/welcomia

Das grosse neue Spielcasino

Kryptowährungen – Der Kurs ist eingebrochen, doch der Hype ist nach wie vor gross. Bitcoin und andere Kryptowährungen beflügeln Investorenträume. Sind die Hoffnungen begründet oder ist alles nur eine riesige Spekulationsblase?

 

 

Von Heinrich Hugenschmidt

 

 

Während in New York City der Journalist Jonathan Wolfe während 36 Stunden durch die Welthauptstadt der Finanzwelt zieht, um sich alleine durch den Einsatz von Bitcoins im Wert von 50 US-Dollar am Leben zu erhalten und dabei fast verhungert, weil kaum jemand die neue Währung akzeptiert, haben der in Zermatt wohnhafte Wirtschaftsinformatiker Josef Schaller und sein Freund, der Bauunternehmer Benjamin Schaller, im Matterhorndorf für eine Million Franken auf 4000 Quadratmetern eine eigene Schürfanlage gebaut. Sie ist ausgerichtet auf die Kryptowährung Litecoin und soll die beiden Investoren spätestens ein Jahr nach der Gründung reich machen.


Die Schweiz soll nach dem Willen der beiden Bundesräte Ueli Maurer (SVP) und Johann Schneider-Ammann (FDP) die führende Krypto-Nation der Welt werden. Überzeugt hat sie davon der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser, der sich als Lobbyist der Finanzbranche einen Namen gemacht hat. Eine mit ihm befreundete Berner Werbeagentur, die mit riskanten Kampagnen für einen asiatischen Öl- und Gas-Staat aufgefallen ist, will den Kanton Zug zum Krypto-Valley machen. Der Tessin ist auf den Zug schon aufgesprungen, um den Niedergang des Finanzplatzes Lugano auszugleichen. Der Traum vom digitalen Wohlstand für alle ist ausgebrochen. Viele, darunter die Schweizerische Nationalbank, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel und die IWF-Chefin Christine Lagarde warnen vor dem Boom der digitalen Währungen als einer Blase, weil den gegen 2000 digitalen Währungen, die derzeit im Weltmarkt lanciert wurden, kein Gegenwert gegenüber steht.

 


Milliarden im Spiel


Bereits wurden in die neue Branche der globalen IT-Industrie Milliarden Franken investiert. Die ersten «coin offerings», eine Art privater Börsengänge, erbrachten 2017 über 5 Milliarden US-Dollar, im laufenden Jahr über sechs Milliarden. Das Fürstenhaus in Liechtenstein ist ebenso engagiert wie Spielcasino-Könige in Macao und eine thailändische Familie, die ihre Milliarden mit Red Bull verdiente. Es ist die bisher erfolglose Börse Gibraltar, die Zusagen gemacht hat, man könne zu einem späteren Zeitpunkt mit dieser Anlage dort richtige Börsengänge durchführen.
Der stark schwankende Börsenwert der siebzig Topcoins liegt derzeit bei 400 Milliarden US-Dollar. Es ist damit zu rechnen, dass er weiter steigen wird. Der amerikanische Bitcoin-Guru Tim Draper hat Mitte April einen Preis für die Spitzenwährung Bitcoin von 250 00 US-Dollar bis 2022 vorausgesagt. Mit der Prognose von 10 00 US-Dollar bis Ende 2017 lag er richtig. Dann brach der Kurs zusammen.

 

Obwohl ich nicht in den Fehler des deutschen Kaisers Wilhelm II. verfallen möchte, der als Reiter dem Auto um 1900 keine Chance gab, möchte ich doch eindringlich vor der Casino-Mentalität warnen, die auch in der Schweiz um sich greift. Meine Kollegen von Barclays haben die Halter solcher digitaler Währungen vor wenigen Wochen als «infected victims» bezeichnet. Es ist die Abwesenheit staatlicher Kontrolle, die Geldbesitzer aus aller Welt dazu veranlassen, einen Teil ihrer Schätze auf dieses Spielfeld zu setzen, das höchste Renditen verspricht.


Niemand kann heute wissen, ob und welche digitalen Währungen überleben werden. Es werden jedenfalls wenige sein, denn die Preise sind nicht stabil, die Transaktions- und Betriebskosten sind hoch, und mangelnde Transaktionsgeschwindigkeit ist, wie aus New York City berichtet wird, eher hemmend. Dort war der Coin-Boom bereits 2013 ausgebrochen, brach aber zwei Jahre später ein, als der Staat New York 2015 eine erste staatliche Regulierung einführte, als für den Handel eine BitLicense verlangt wurde. Bisher wurden nur vier Lizenzen ausgegeben.

 


Eine Chance für die Schweiz?


Trotz des Einsatzes zweier Bundesräte und eines Staatssekretärs für Finanzfragen stelle ich infrage, ob Bitcoin für die Schweiz eine Chance ist, wie Ständerat Ruedi Noser glaubt. Es ist vielmehr die Blockchain-Technologie, welche der digitalen Währungsmanie zugrunde liegt, die in Zukunft Bestand haben wird. Sie ist derzeit zu teuer, zu langsam und zu wenig flexibel, aber das waren die ersten Autos, Flugzeuge und Internet-Applikationen auch. Das ist nicht die Frage.


Sich in die teure Blockchain-Technologie einzukaufen, um sie erst einmal richtig zu entwickeln, wird wiederum nur wenigen gelingen. Sind es die Asiaten, die heute schon die Nase bei den IT-Investments vorn haben? Der Verdacht liegt nahe, dass der europäisch-asiatische Bitcoin-Boom nur ein attraktiver Kurzzeit-Nebenkriegsschauplatz ist, der den Aufbau der zugrunde liegenden Blockchain-Strategie ermöglichen soll.


Entwickelt wurde sie schon 2004, also vor vierzehn Jahren, vom deutschen Mathematiker Michael Mertens. Seine Firma CryptoTec beschäftigt heute über fünfzig Mitarbeiter, die Blockchains in alle Welt liefert. Bezahlung nur bei Erfolg. Mertens Vorstellung war es nie, Krypto-Milliardäre zu schaffen, die dann ihre Steuern in wirklichem Geld bezahlen, sondern ein global geltendes Verschlüsselungssystem zu schaffen, wo jedermann sicher kommunizieren kann. Die von ihm gebaute Plattform, so heisst es, sei auch den US-Militärs voraus.


Aus meiner Sicht ist heute das Geld, welches in Bitcoins und andere digitale Währungen fliesst, höchst gefährdet. Wer etwas Spielgeld hat, dessen Verlust seinen Lebensstandard nicht bedroht, kann den Versuch wagen. Ob die beiden Zermatter Unternehmer erfolgreich sein werden, sollten wir bald wissen. Jedenfalls hat der Kanton Wallis den Schürfern in Gondo den Energiebezug bereits eingeschränkt. Sie wollen jetzt in China schürfen, weil dort Energie noch billiger als bei uns ist.

 

 

Der Autor


Dr. oec. HSG Heinrich Hugenschmidt, langjähriger und erfahrener Bankier, berät als Finanzexperte Family Offices und Asset Manager auch zu Fragen des «Impact Investing» im In- und Ausland. Hugenschmidt ist als Verwaltungsratsmitglied und Interim Manager in einer Reihe von Unternehmen der Finanzbranche tätig.

 

 

 

 

 

VZH