Sonntag, 18. November 2018 21:29 Uhr
Tel Aviv: die modernste und multikulturellste Metropole in Israel und im Nahen Osten. Foto: iStock/Anna Bryukhanova

Im Silicon Wadi liegt die Zukunft! 

Finance – Wirtschaftswunderland und Startup-Nation Israel wird eine echte Konkurrenz zum Silicon Valley. Ein guter Grund, in Israel zu investieren.

 

 

Von Tanja Schliebe

 

 

Frischzellenkur in Sachen Digitalisierung gefällig, die Ihnen im Rennen um die besten Lösungen der Zukunft einen Vorsprung verschafft? Vergessen Sie das Silicon Valley! Pilgern Sie ins «Silicon Wadi» nach Israel. Das vergleichsweise winzige Land ist ein Paradies für Hightech-Firmen und Start-ups aller Art. Dank eines einzigartigen Zusammenspiels von Forschung, Wirtschaft, Staat und Militär.


In Israel leben in etwa so viele Menschen wie in der Schweiz. Und dennoch hat dieses Land 92 Firmen an die US-Börse Nasdaq gebracht, mehr als jede andere Nation ausser den USA und China. Nirgends auf der Welt werden so viele Hightech-Firmen je Einwohner gegründet. Das kleine Land am Mittelmeer zwischen Libanon, Syrien, Jordanien und Ägypten entwickelt gerade eine bemerkenswerte Anziehungskraft für Grosskonzerne aus aller Herren Länder. IT-Riesen wie Apple, Cisco, Google, Intel, Microsoft und IBM unterhalten dort Forschungszentren. ProSiebenSat.1, Merck, RWE und BMW residieren auch schon in Israel – Axel Springer lädt israelische Gründer regelmässig nach Deutschland ein, um ihnen im eigenen «Accelerator Plug and Play» auf die Beine zu helfen.


Aktuell exportiert das Land allein Cyber-Security-Lösungen im Wert von sechs Milliarden Dollar im Jahr – ein Weltmarktanteil von 10 Prozent. Diese Expertise will sich auch die Schweizer Wirtschaft zunutze machen. Dabei ist es ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Israel gründet zwar Hightech-Unternehmen wie am Fliessband, hat aber keinen ausreichend grossen Markt vor der Haustür. Ohne Partner oder Investor tun sich viele Jungunternehmer schwer, die Welt zu erobern.

 


Bilaterale Beziehungen


Israel ist ein wichtiger Handelspartner der Schweiz im Nahen Osten. Zu den erfolgreichsten Exportgütern Schweizer Firmen zählen nach Chemikalien Edelmetalle und Edelsteine, Maschinen und elektronische Ausrüstungen, Instrumente, Uhren und Schmuck sowie land- und forstwirtschaftliche Produkte. Auch Schweizer Banken und Finanzberatungen haben zunehmend den israelischen Markt für sich entdeckt. Einem Bericht von Credit Suisse nach sind die Israelis so reich wie der Durchschnittseuropäer. Die Wirtschaft boomt. Die Mittelschicht wächst. Die israelische Regierung hat massive Investitionen in die Infrastruktur angekündigt. Beste Voraussetzungen für profitable Unternehmungen von Schweizer Firmen.


Viele Schweizer haben das schon länger erkannt: Rund 18 00 Schweizerinnen und Schweizer leben in Israel und bilden eine der grössten Auslandschweizer-Kolonien. Seit 1993 besteht ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und Israel. Die Schweiz rangiert in der Liste der Partner, welche die meisten Waren, Dienstleistungen und Finanzmittel nach Israel ausführen, nach der Europäischen Union, den USA und China auf Platz vier. 2015 betrug das Gesamtvolumen dieser Exporte 3,6 Milliarden US-Dollar. Bereits die Gründung des Staates Israel ist eng mit der Schweiz verknüpft: Der erste Zionistenkongress 1897 fand in Basel statt. 

 


Was macht die Start-up-Nation aus?


Plötzlich tonangebend: Innerhalb von 30 Jahren hat sich das Land zur Hightech-Supermacht gemausert. Aus aller Welt pilgern Konzerne, Unternehmer, Landesfürsten und Investoren nach Israel, um Technologiefirmen zu kaufen, Trends aufzuspüren oder Ideen für die Entwicklung des eigenen Projektes zu erhalten. Wie konnte das gelingen? 


Einwanderung gehört in Israel zur Staatsdoktrin. So hatte Israel beispielsweise Anfang der 1990er-Jahre eine Masseneinwanderung zu stemmen, die sich letztlich als Segen für das Land herausstellte. Innerhalb weniger Jahre wanderten etwa eine Million Menschen aus der zerfallenden Sowjetunion nach Israel ein – was die Bevölkerungszahl um fast ein Sechstel erhöhte. Viele Immi-granten hatten einen hohen Bildungsgrad, waren etwa Ingenieure oder Ärzte und überdurchschnittlich unternehmensfreudig und risikobereit. In Israel überlegen Ingenieure schon an der Uni, ob sie aus ihrer Doktorarbeit nicht ein Start-up machen könnten. Europäer denken beim Doktortitel meist nur an die Vita und das Prestige, das der Titel mit sich bringt.


So ist neben der Einwanderung ein zentrales Momentum der Erfolgsgeschichte der israelischen Entwicklung der Israeli selbst. Das Land besitzt wenig natürliche Rohstoffe, eine überschaubare Bevölkerung und befindet sich seit seiner Gründung in permanenter Bedrohung durch seine Nachbarn. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist – übrigens unabhängig von der Konfession der Bürger – gross. 
Auch die historischen Erfahrungen des jüdischen Volkes, seine Traditionen, seine Kultur, sind zentral bei der Frage nach dem Erfolg der Nation. Viele Israelis sind wenig autoritätsgläubig, mutig, ungeduldig, direkt. Herausforderungen werden angenommen, Risiken akzeptiert. Bildung hat einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Dementsprechend verfügt Israel über hervorragende Universitäten und Forschungsinstitute. Scheitern gehört dazu und beschädigt niemanden – im Gegenteil. Darauf lässt sich eine junge, innovative und erfolgreiche Ökonomie aufbauen. 

 


2000 Start-ups und eine Kapital­beschaffung von USD 4,8 MRD



Eine zentrale Rolle spielt der Staat. Er offeriert Anreize für Unternehmer, Risikokapitalgeber und Konzerne. Staatsbeihilfen gibt es vor allem aus Mitteln des Chefwissenschaftlers im Wirtschaftsministerium. Das Amt des Chefwissenschaftlers fördert alle Stadien der Entwicklung innovativer, potenziell marktfähiger Produkte und Unternehmungen, insbesondere in Technologieinkubatoren angesiedelte Frühphasenprojekte. In Technologieinkubatoren können Start-ups geortet werden, die Investoren suchen. Bei den Inkubatoren handelt es sich etwa um Incentive, Incubit, Alon Medtech Ventures und NGT-VC. 


In den 90er-Jahren wurden staatliche Risikokapitalfonds ins Leben gerufen, die den Mangel an privatem Kapital beheben sollten. Für jeden investierten Franken legte der Staat mindestens einen Franken drauf. Er bürgte für Verluste auf seinen «Anteil», verzichtete aber auf die Gewinne. Nach einigen Jahren lief das «Projekt» und der Staat konnte aus den Fonds aussteigen. Wagniskapitalfonds sind heute die wichtigste Finanzierungsquelle für Start-ups. Dabei handelt es sich sowohl um israelische als auch ausländische Fonds. Zu den führenden in Israel tätigen Wagniskapitalfonds gehören unter anderem: Carmel Ventures, Gemini Israel Funds und Genesis Partners.


Erfolgversprechende Projekte erhalten zudem ein zinsloses Darlehen vom Staat, das nur bei Erfolg zurückzuzahlen ist und lediglich 15 Prozent Eigenfinanzierung verlangt. Diese mutige und gewiss intern nicht unumstrittene Politik der Regierung legte den Grundstein für die heute aussergewöhnlich lebendige Risikokapital-Branche in Israel. Risikokapitalgeber können ihre Investitionen im Übrigen bei der Steuer vom Einkommen abziehen und internationale Konzerne mit Forschungsdependance in Israel geniessen besonders attraktive Steuerbedingungen.

 


Partner über Technologie-Scouts ­suchen – oder Inkubatoren nutzen


In frühen Phasen der Unternehmensentwicklung gilt das Interesse israelischer Start-ups der Suche potenzieller Investoren oder Geschäftspartner, um ihren Produkten zur Marktreife zu verhelfen. Hier bieten sich für ausländische Investoren und Unternehmen gute Möglichkeiten, ihrerseits erfolgversprechende Ideen in Israel zu finden und zu fördern. 


Viele grössere multinationale Unternehmungen setzen zu diesem Zweck sogenannte Technologie-Scouts ein, die die israelische Hightech-Branche beobachten. Man muss aber keinen Scout bemühen, um sich einen Überblick zu verschaffen und Kontakte zu bekommen: Technologieinkubatoren geben Auskunft und sind immer auf dem aktuellsten Stand. Sie sind auf einen bestimmten Technologiebereich spezialisiert und verfügen über das nötige Branchenwissen über den regionalen Markt hinaus. Übrigens: Zum Förderungskatalog des israelischen Staates zählen auch Express-Visa für ausländische Unternehmer und Techniker.

 


Persönlicher Kontakt schlägt ­kostspielige Repräsentanz


Israel ist ein Dorf. Zumindest, was die Geschäftswelt angeht. Von daher braucht es keine sündhaft teure Repräsentanz in Tel Aviv Downtown (mit dem nötigen Kapital spricht aber auch nichts gegen ein Büro am Rothschild Boulevard). In Israel kennen sich die einflussreichen Personen alle untereinander, von daher sind Kontakte zu Einheimischen und Vermittler, die einem Türen öffnen können, von grosser Bedeutung. Die Gründung eines Unternehmens (Limited) ist in Israel unkompliziert, es bedarf keiner Einlage von Eigenkapital. Die Eintragung ins Firmenregister ist für eine Gebühr von umgerechnet knapp 700 Franken erhältlich.

 
Bei aller Euphorie über die Hightech-Supermacht: Israel ist kein Neuland mehr, das gleichsam entdeckt und kolonisiert werden will. Schweizer Unternehmen in Israel sind einem intensiven lokalen und internationalen Wettbewerb ausgesetzt. In einigen Branchen gibt es strenge Regulierungen. Und man braucht ein dickes Fell, wenn man es mit Regierungsorganisationen zu tun hat, die – entgegen den sonstigen Gepflogenheiten im Geschäftsleben Israels – einen mit bürokratischen Hürden den letzten Nerv rauben können. Zudem sollte man Willens sein, weniger offizielle Wege als in der Schweiz zu beschreiten, da informelle und persönliche Beziehungen eine sehr viel grös­sere Rolle als in Europa spielen. Es lohnt sich.

 

 

 

Recherchehilfen und Adressen

 

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Die Datenbank der Firma IVC Research ermöglicht die Ermittlung von Hochtechnologiefirmen nach Branche, Sparte, Stadium der Firmenentwicklung und Mitarbeiterzahl. Suchergebnisse müssen gekauft werden.

 

www.ivc-online.com

 

 

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Das gemeinnützige israelische Industriezentrum für Forschung und Entwicklung MATIMOP listet Kooperationsangebote israelischer Hightech-Unternehmen – ohne Gebühren.

 

www.matimop.org.il

 

 

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Das israelische Institut für Exporte und Internationale Kooperation fungiert als Kooperationsvermittler zwischen israelischen Unternehmen und potenziellen ausländischen Partnern. Ausländische Unternehmen können sich online ohne Umweg an die Direktoren der einzelnen Fachbereiche wenden.

 

www.export.gov.il

 



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Mail: info@swissisrael.ch
www.swissisrael.ch


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Mail: Chamber@chamber.org.il


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