Donnerstag, 17. Januar 2019 20:44 Uhr
Stephan Brücher, Corporate Finance Advisory und Partner bei Deloitte Schweiz.

Schweizer KMU zeigen sich kauffreudig

M&A – Schweizer KMU haben sich 2017 übernahmefreudig gezeigt. Dies spiegele die Robustheit der Unternehmen hierzulande wieder, sagt Stephan Brücher, Partner bei Deloitte Schweiz.

 

Erstmals seit 2013 ist die Zahl der inländischen Transaktionen wieder angestiegen. Aber auch ausländische Käufer waren an Schweizer KMU interessiert. Insgesamt stieg die Anzahl Akquisitionen und Fusionen auf 201, was einem Plus von 5,2 Prozent entspricht. Dies zeigt die Studie von Deloitte zu den M&A-Aktivitäten von KMU in der Schweiz.


Schweizer KMU sind zudem begehrte Zielobjekte, erklärt Stephan Brücher. 2017 gaben 141 Unternehmen ihre Unabhängigkeit an Konkurrenten oder Investoren ab, die die Kapitalmehrheit übernahmen. Die ausländischen Käufer kamen dabei vorwiegend aus Nordamerika oder Deutschland. Chinesische Käufer hielten sich 2017 zurück. Für den Anstieg von 5,2 Prozent sind hauptsächlich inländische Transaktionen verantwortlich. 

 

Die KMU hierzulande zeigten sich auch kauffreudig im Ausland. Insgesamt wurden 61 Auslandinvestitionen 2017 getätigt, 82 Prozent davon in Europa und 57 Prozent in den Nachbarländern.

 

Die komplette Studie von Deloitte unter hier Opens external link in new window

 

 

 

 

Interview Roman Brauchli

 

 

Erstmals seit 2013 ist die Anzahl inländischer Transaktionen wieder angestiegen. Was sind die Gründe dafür?
Für die aktuellen Entwicklungen sind wohl die weiterhin tiefen Zinsen verantwortlich sowie die gute Konjunktur im EU-Raum. Letzteres hat auch Auswirkungen auf den inländischen Transaktionsmarkt. Zudem stehen Investoren und Private-Equity-Unternehmen unter Anlagedruck. Strategische Käufer sind wieder zuversichtlicher, weil sich der Franken abgeschwächt hat.


Vor allem die inländischen Transaktionen sind angestiegen. Was bedeutet das für die Schweizer KMU?
Für die insgesamt 71 Unternehmen kann es durchaus erfreulich sein, dass sie von Schweizer und nicht von ausländischen Unternehmen gekauft wurden. Aus kultureller Sicht bevorzugen es viele Unternehmen, in Schweizer Händen zu bleiben. Ökonomisch betrachtet ist das aber nicht immer die beste Lösung.


Zeigt die Zunahme an inländischen Transaktionen, dass die Schweizer KMU gut aufgestellt sind?
Das kann man so interpretieren. Als der Franken stark wurde, mussten viele Unternehmen Arbeitsplätze ins Ausland verlagern respektive Produktionsstätten schliessen. Die aktuelle Entwicklung auf dem Transaktionsmarkt deutet darauf hin, dass inländische Investoren davon ausgehen, dass sich ein Investment in den Heimmarkt (wieder) lohnt.


Welche Ziele verfolgen die inländischen Akteure mit den Zukäufen im Inland?
Ein Ziel kann sein, Synergien zu schaffen oder neue Vertriebswege zu erschliessen. Teilweise geht es auch darum, Know-how oder die Technologie einzukaufen. Und natürlich geht es um Investitionen in einem Land, in dem die Grundbedingungen sehr gut sind. Eine Akquisition im Ausland bringt viel mehr Risiken mit sich. Zudem teilt man dieselbe Sprache und eine gemeinsame Kultur.


Viele verkaufen an Schweizer Unternehmen. Wieso sind diese als Käufer begehrt?
Zunächst einmal ist es recht naheliegend, im eigenen Land nach einem Käufer Ausschau zu halten. Hinzu kommt, dass ein Unternehmer, der seine Firma hier aufgebaut hat, sich oft wohler fühlt, wenn ein Schweizer Unternehmen oder Investor der Käufer ist. Trotz allen Vorbehalten, die Schweizer gegenüber Deutschen haben mögen, gilt das auch für deutsche Käufer. Was die Deutschschweiz betrifft, ist man sich kulturell doch relativ nahe. Das ist kein Vergleich zu einer Transaktion mit einem Investor aus fernen Ländern, wie zum Beispiel China.


Das ausländische Interesse an Schweizer KMU ist gross, insbesondere aus Nordamerika und Deutschland. Warum?
Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Deutschland und Nordamerika gehören weltweit zu den führenden Wirtschaftsnationen und sind die wichtigsten Handelspartner der Schweiz. Zufällig ist Deutschland auch ein direkter Nachbar. Neben der gemeinsamen Kultur geht es dabei auch um Vertrauen. Schweizer Unternehmer vertrauen deutschen Vertragspartnern. Das gilt ähnlich auch für die Amerikaner. In den USA ist zudem das Corporate-Finance-Geschäft äusserst weit entwickelt, M&A-Transaktionen gehören dort quasi zum Alltag. Und natürlich sind die USA ein riesiges Land mit vielen Unternehmen, die wachsen müssen. In der Schweiz finden sie ein attraktives Umfeld, sowohl politisch als auch wirtschaftlich, mit vielen Zielunternehmen, die Produkte und Dienstleistungen höchster Qualität anzubieten haben.


Hat es auch damit zu, dass der Schweizer Markt zu klein ist?
Ja. Wir beraten ja regelmässig Firmen bei solchen Transaktionen und müssen nach potenziellen Käufern für Firmen suchen. Wenn ein Kunde seine Beteiligung an einem Schweizer Unternehmen verkaufen möchte, suchen wir einen geeigneten Interessenten. In der Regel gibt es eine Handvoll Schweizer Firmen, die grundsätzlich in Frage kommen, aber oftmals müssen wir v.a. auch im Ausland Ausschau nach Käufern halten. Häufig ist ein ausländischer Käufer aus strategischer Sicht die bessere Option.


Wie nachhaltig sind die Investments ausländischer Käufer?
Aus Schweizer Sicht könnte man das als Bedrohung wahrnehmen, aber die Frage ist doch, ob eine ausländische Kontrolle über ein Schweizer Unternehmen die Arbeitsplätze hier mehr gefährdet, als wenn das Unternehmen in Schweizer Händen bleibt. 


Ein Investor könnte ein Unternehmen nur wegen des Know-how oder wegen eines Patents kaufen.
Ja, aber das Unternehmen, dem das Patent gehört und das vielleicht teilweise noch hier produziert, kann am Ende auch davon profitieren. Durch den neuen Eigentümer erschliesst es sich einen neuen Markt. Es gibt ein gutes Beispiel: Letztes Jahr wurde die Bartholet Maschinenbau AG an einen europäischen Investor verkauft, der mit ihren Produkten den chinesischen Markt erobern möchte.


Schweizer KMU investieren rege im Ausland. Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Das sind ähnliche Gründe. Es geht um Diversifikation und neue Produkte, um die Erschliessung neuer Märkte – schliesslich ist der hiesige Markt begrenzt – oder die Auslagerung der Produktion. Wechselkursüberlegungen spielen häufig auch eine Rolle, denn der wichtigste Absatzmarkt liegt für viele Schweizer Unternehmen im Ausland. Wenn man dort auch produzieren kann, reduziert man das Wechselkursrisiko.


Private Equity-Fonds zeigen wachsendes Interesse an Schweizer Firmen. Warum?
Private Equity-Fonds haben schon immer gerne in der Schweiz investiert. Die Fondsvolumina steigen an und es gibt immer mehr Finanzinvestoren, die nach Anlagemöglichkeiten suchen. Es ist also sehr viel Kapital vorhanden, und die Finanzierungen sind seit geraumer Zeit äusserst günstig. Das hängt auch damit zusammen, die Banken ihr Geld nicht bei der Nationalbank parken möchten. Das führt zu einem hohen Investitionsdruck. Schweizer Firmen sind da hochbegehrte Zielunternehmen.

VZH