Montag, 10. Dezember 2018 8:12 Uhr
Wird die Vollgeldinitiative angenommen, dürfte nur noch die Schweizerische Nationalbank Geld schöpfen. Bild: zVg / SNB

Vollgeld einmal ganz nüchtern

Vollgeld – Unser heutiges Geldsystem sei in­stabil, sagt Martin Alder. Als Ökonom und Mitglied des Komitees der Vollgeldinitiative kämpft er dafür, dass Geschäftsbanken kein Geld mehr schöpfen können. Damit wäre der Zahlungsverkehr auch in Krisenzeiten sichergestellt.

 

 

Von Martin Alder

 


Es gibt eine sehr alte Geldsystem-Debatte. Die «Banking School» wehrt sich gegen eine staatliche Währung. Sie findet, Geld sei Privatsache, der freie Markt soll entscheiden, welches Zahlungsmittel sich durchsetzt (siehe auch F.A. Hayek und Freebanking). Insbesondere der Kreditgeldschöpfung der Banken kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.


Die «Currency School» findet ein allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel und ein damit funktionierender Zahlungsverkehr sei unverzichtbare Infrastruktur einer Volkswirtschaft und darum aus Sicherheits- und souveränitätstheoretischen Gründen eine Staatsaufgabe.


Besonders heftig tobte der Streit im England des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Currency School setzte sich 1844 mit dem Banknotenmonopol der Bank of England durch. Das machte Schule: In jedem Land wurden Zentralbanken und staatliche Währungen geschaffen. In der Schweiz hat sich die Currency School mit der Volksabstimmung 1891 durchgesetzt. Damals wurde das Banknotenmonopol an den Bund übertragen und gleichzeitig die SNB geschaffen.


Mit der Zeit haben die Anhänger der «Banking School» erreicht, dass fast überall faktisch eine Zwitterkonstruktion existiert. Zwar gibt es eine staatliche Währung und physisches Bargeld wird auch vom Staat herausgegeben, dieser duldet aber gleichzeitig, dass private Banken blosse Versprechen auf Geld zum allgemeinen Zahlungsmittel erheben konnten. (Giralgeld respektive Buchgeld auf den Zahlungsverkehrskonten). Mittlerweile unterstützt der Staat dieses Vorgehen sogar aktiv. Doch dies war nur möglich, weil die Zentralbanken für die Bürger und Unternehmen (Nichtbanken) kein Buchgeld in elektronischer Form anbieten. Genau dies soll sich nun aber ändern, die aktuell diskutierten staatlichen Kryptowährungen sind Teil dieser Überlegung.


«Geldschöpfung allein durch die SNB» (Vollgeld-Initiative) ist die klassische Forderung der Currency School: Weg von der heutigen störungsanfälligen Zwitterkonstruktion, zurück zur erprobten und stabilen staatlichen Währung. Bekannte Ökonomen wie David Ricardo, John Maynard Keynes oder Milton Friedman waren Currency-Theoretiker und hätten die Initiative wohl unterstützt. Im deutschsprachigen Raum hat sich Prof. Josef Huber mit zahlreichen Veröffentlichungen für die Vollgeld-Bewegung engagiert. Er ist wissenschaftlicher Beirat des Initiativkomitees und unterstützt die Schweizer Initiative.

 


Fehler des heutigen Systems
Mittlerweile bestehen rund 90 Prozent der in der Realwirtschaft zirkulierenden Zahlungsmittel aus blossen Versprechen privater Banken auf richtiges Geld. Lediglich 10 Prozent sind noch echtes Geld von der Nationalbank (Bargeld). Weil heute jedes Zahlungsverkehrskonto auf der Passivseite der Bankbilanz geführt wird, ist jeder Kontoinhaber gezwungenermassen ein Gläubiger der Bank. 
Wenn ein wichtiger Player wie die UBS in Schieflage gerät, sind aber nicht nur die bei ihr verbuchten Zahlungsmittel gefährdet, sondern gleich auch der gesamte Zahlungsverkehr des Landes. Warum? Die Zahlungen erfolgen nämlich nicht direkt zwischen den Konten der einzelnen Bankkunden, sondern von Bank zu Bank. Trauen sich die Banken nicht mehr, tätigen sie keine Zahlungen mehr. Eine Bank ist «too big to fail», wenn es sich die Gesellschaft schlicht nicht leisten kann, sie Konkurs gehen zu lassen. Zur Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs wird dann der Steuerzahler zur Bankenrettung herangezogen.


Viele Länder hatten in der Finanzkrise 2008 ihre eigenen UBS-Fälle. Es war überall das gleiche Muster: Der Steuerzahler musste für die Folgen der Fehlspekulationen von Bankgiganten herhalten. Diese wiederum wissen natürlich, dass sie durch die Steuerzahler abgesichert sind und gehen entsprechend höhere Risiken ein. Denn solange der Zahlungsverkehr vom Bankensystem abhängt, bleibt das systemische Risiko und damit die faktische Staatsgarantie bestehen.


Das privat geschaffene Giralgeld hat nur vorübergehenden Charakter. Es wird von der Bank durch Kreditvergabe geschaffen und verschwindet wieder bei der Rückzahlung. Es ist also systemisch instabil. Um die zirkulierende Geldmenge zu erhalten, ist es notwendig, nach einer Kreditrückzahlung möglichst nahtlos einen neuen Kredit in gleicher Höhe zu vergeben. Wenn einige Wirtschaftssubjekte die Zahlungsmittel für ihre Geschäftstätigkeit gleich selber herstellen können, sind diese gegenüber allen anderen massiv privilegiert. Die Zahlungsmittel für den Eigenkauf von Wertpapieren, Immobilien oder Rohstoffen erschaffen die Banken per Bilanzverlängerung gleich selber. Eine Nichtbank muss sich diese zuerst beschaffen, bevor sie Gleiches erwerben kann. Auf den Finanz-, Rohstoff- und Immobilienmärkten ist dies ist eine krasse Benachteiligung der Realwirtschaft gegenüber einer Bank. 80 Prozent aller neu vergebenen Kredite gehen direkt in die spekulative Finanzwirtschaft und nicht in die wertschöpfende Realwirtschaft. Jedes KMU kann das bestätigen: Das bestehende Bürogebäude lässt sich leicht belehnen, aber für eine innovative Geschäftsidee gibt es kaum Kredit.


Mittlerweile unterhält der Staat kostspielige Institutionen, um dieses einseitig die Banken privilegierende System aufrechtzuerhalten. Diese wiederum haben sich eine unverzichtbare Stellung geschaffen. Welches andere Unternehmen hätte das nicht auch gerne?

 


Lösung Vollgeld
Im Vollgeld-System stammen alle Zahlungsmittel in Schweizer Franken von der SNB. Die Banken sind Geldvermittler wie heute, aber nicht mehr gleichzeitig auch Geldhersteller. Das von der SNB geschaffene Geld ist stabil und zirkuliert in der Wirtschaft. Der Markt stellt sicher, dass die Zahlungsmittel dahin fliessen, wo sie gebraucht werden. Sollte ein Zinsanstieg anzeigen, dass es davon zu wenig hat, kann die SNB jederzeit neues Geld in Umlauf bringen (und umgekehrt). Geld ist nicht mehr als Schuld definiert, sondern ein stabiler Tauschwert in sich selber, wie die Banknote. Somit kann die Geldmenge wachsen und die Gesamtverschuldung trotzdem sinken.


Der Zahlungsverkehr funktioniert auch in der schlimmsten Krise, denn die Zahlungen gehen direkt von einem Konto aufs andere, ohne Umweg über eine Bankbilanz. Banken würden zu normalen Unternehmen. Deren Spielraum wird vergrössert, aber ihr Risikoappetit wird gezügelt. Damit sind besondere Too-big-to-fail-Regelungen überflüssig und die Aufsichtskosten sinken.

 


Keine exakte Wissenschaft
Die Auswirkungen von Vollgeld werden von den Gegnern sehr fantasievoll in den düstersten Farben gemalt, Befürworter verwenden fürs Gleiche den rosa Pinsel. Alles reine Spekulation! Ökonomie ist keine exakte Wissenschaft, darum sind auch Wirtschaftsprognosen notorisch ungenau. Unbestritten ist, dass das Vollgeld-System die Stabilität und Sicherheit des Zahlungsverkehrs nachhaltig verbessert und dass alle Wirtschaftsakteure einander geldsystemisch gleichgestellt werden.
Werden die Zahlungsverkehrskonten teurer? Wird es zur Staatsfinanzierung durch die SNB kommen? Wird das Direktorium der SNB noch mächtiger? Wird der Schweizer Franken steigen oder sinken? Niemand kann das sagen. Dem allgemein formulierten Verfassungsartikel wird ein stimmiges Ausführungsgesetzeswerk – u.a. ein neues Nationalbankgesetz – folgen, das auch alle ins Feld geführten Behauptungen und Befürchtungen berücksichtigen kann.

 

 

 
Die Volksabstimmung zur Initiative findet am 10. Juni statt.

Zur Person

 

 

 

Martin Alder ist Ökonom und Mitglied des Initiativkomitees zur Vollgeld-Initiative.

 

 

 

Weitere Informationen zur Initiative unter 
www.vollgeld-initiative.ch

 

 

 

Rudolf Minsch ist Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands economiesuisse.

Brachiale Initiative gefährdet unser Geldsystem

Vollgeld – Die Urheber der Vollgeld-Initiative sehen unser Geldsystem seit der Finanzkrise von 2008 unverändert in Schieflage. Und sie verlangen eine radikale Korrektur. Doch ihre Initiative stellt das ganze System auf den Kopf, entgegnet Rudolf Minsch, Chefökonom von economiesuisse.

 

 

Von Rudolf Minsch

 

 

Wird die Initiative angenommen, wäre die Zäsur radikal: Sie enthält ein Verbot von Sichtkonten, die Beschränkung der Kreditvergabemöglichkeiten der Banken, Umbuchungen von mehreren hundert Milliarden Franken, die Änderung des geldpolitischen Konzepts zur Steuerung der Preisstabilität und zusätzliche Aufgaben für die Nationalbank. Nach Meinung der Initianten kann das alles reibungslos umgesetzt werden.


Doch volkswirtschaftliche Experimente sind keine Sandkastenspiele. Das Absturzrisiko und die Fallhöhe sind hoch. Mit Vollgeld würde die Schweiz völliges Neuland betreten, denn kein Land hat ein vergleichbares System getestet. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es um eine unbedeutende Reform ginge. Doch die Initiative will erstens den Geld- und Kreditkreislauf komplett umkrempeln, der für das Funktionieren einer arbeitsteiligen und internationalen Wirtschaft absolut zentral ist. Zweitens verlangt sie, dass die SNB künftig Geld in Umlauf bringt, indem sie es direkt an Bund, Kantone und Bevölkerung verschenkt. Beide Vorschläge sind desaströs für unseren Wohlstand.


Aber der Reihe nach: Die Vollgeldinitiative will die heutigen Lohn- oder Kontokorrentkonti verbieten. Die sogenannten Sichtguthaben müssten künftig – ähnlich einem Kundendepot – ausserhalb der Bilanz geführt werden. Dass das mit hohen Gebühren verbunden wäre, verschweigen die Initianten. Sie erhoffen sich, dass künftig keine Bank Runs mehr stattfinden werden, weil bei einem Konkurs niemand Angst um sein Geld haben müsste. Doch dies betrifft lediglich die Vollgeldbestände, nicht aber die Sparguthaben. Die Banken werden daher nicht unbedingt stabiler. Auch in einem Vollgeldsystem kann es zu einer Immobilien­blase kommen und es würde eine Finanzmarktkrise wie 2008 nicht verhindern. Schliesslich sind gefährliche Ketten­reaktionen nach wie vor möglich. So könnte ein Konkurs einer Bank einen Vertrauens­verlust auslösen und dazu führen, dass Kunden anderer Banken ihre Spar­anlagen nicht verlängern. Weil die Kredite wohl auch künftig meist längere Laufzeiten als Spargelder aufweisen, würden diese Banken rasch Liquiditätsprobleme erhalten.


Die Schweiz ist seit 2008 nicht untätig geblieben und hat die Systemstabilität deutlich erhöht. Insbesondere wurde die Too-big-to-fail-Problematik angegangen und die Eigenkapitalanforderungen deutlich verschärft. Das Verbot von Sichtguthaben ist deshalb unnötig. Es hat zudem einen hohen Preis: Den Banken wäre es künftig verboten, diese Guthaben zur Finanzierung von Krediten zu nutzen. Sie hätten noch zwei Möglichkeiten, um beispielsweise Hypotheken zu finanzieren. Erstens müssten sie über den gleichen Betrag an Sparguthaben verfügen oder zweitens müssten sie einen Kredit bei der SNB nachfragen. Da das Kredit­volumen in der Schweiz die Sparguthaben übersteigt, wäre eine weitgehende Verstaatlichung der Kreditvergabe die Folge.


Es lässt sich leicht ausrechnen, welchem politischen Druck die SNB damit ausgesetzt wäre – nicht nur im Bereich der Kredit­mengensteuerung, sondern auch im Hinblick auf die hohen Geldausschüttungen. Die Initianten versprechen, dass man damit Sozialwerke sanieren oder Steuern senken könnte. Damit aber nimmt man der SNB die Möglichkeit einer unabhängigen, allein der Preisstabilität verpflichteten Geldpolitik. Der Widerstand der Beschenkten wäre enorm, wenn der jährliche Geldsegen plötzlich ausbliebe. Noch schwieriger würde es, wenn die Nationalbank die Geldmenge aufgrund hoher Inflation reduzieren müsste. Denn verschenktes Geld innert nützlicher Frist wieder einzuziehen, ist nur schwer möglich. Heute erhöht die SNB die Geldmenge, indem sie neu geschaffene Franken in Devisen, Aktien oder Anleihen investiert, die sie nötigenfalls wieder abstossen kann. Muss sie das Geld aber verschenken, dann fehlt ihr diese Möglichkeit.

 

Kurzum: Vollgeld ist weder nötig noch sinnvoll, sondern höchst gefährlich.

VZH