Freitag, 27. April 2018 10:31 Uhr
Patrik Schär ist CEO und Mitgründer von Selma Finance. Der Banker (MSc) und Finanzanalyst arbeitete über zehn Jahre in der Bankindustrie, bevor er 2016 Selma Finance gründete.

«Wir sind keine Produkt­schleuder der Banken» 

Selma Finance – Das Start-up automatisiert die Vermögensverwaltung. Doch Patrik Schär hat Mühe mit dem Begriff Robo-Advisor. Für den Banker und CEO von Selma Finance ist der persönliche Kontakt zum Kunden zentral. Denn genau dieser fehle oftmals im Bankengeschäft. 

 

Interview Roman Brauchli

 


2016 haben Sie Selma Finance gegründet. Was haben Sie davor gemacht?
Ich bin auf der Rigi aufgewachsen und habe eine Banklehre bei der Luzerner Kantonalbank gemacht. Danach ging ich zum VZ Vermögenszentrum und schliesslich zu einer Privatbank in Zürich. Irgendwann fragte ich mich ernsthaft, ob ich für den Rest meines Lebens im Banking bleiben möchte. Darum ging ich nach Kopenhagen, um zu studieren – ich wollte die Welt sehen. Dort kam ich mit den Start-ups in Berührung.


Obwohl Sie die Bankenwelt verlassen wollten, haben Sie zurückgefunden. Warum?
Viele Bankkunden erhalten heute keine guten Dienstleistungen oder bezahlen einen zu hohen Preis dafür. Zudem werden sie mit standardisierten Produkten abgefertigt. Sie haben lediglich die Wahl zwischen Profil A, B oder C, individuelle Angebote gibt es für die meisten Kunden nicht. Besser wird es erst ab einer Anlagesumme von einer Million. Die Grossbanken sind auf dieses Kundensegment fokussiert, das gesamte Retailgeschäft ist komplett standardisiert, um möglichst hohe Margen zu erwirtschaften. Ich wollte ein Produkt kreieren, das dem Retailkunden die gleiche Individualität und Qualität bietet, wie man es vom Private Banking her kennt.


Was machen Sie anders als traditionelle Finanzdienstleister?
Banken haben eine Einwegkommunikation. Sie entwickeln ein Produkt und rollen es danach am Markt aus. Erst später merken sie vielleicht, dass gar niemand dieses Produkt will. Der Ansatz von Start-ups ist völlig anders. Sie kommen sehr schnell mit einem ersten Produkt auf den Markt und entwickeln es dann weiter.


Sie beziehen Ihre Kunden in den Entwicklungsprozess mit ein. Wie muss man sich das vorstellen? 
Jeder, der sich bei uns anmeldet, bekommt eine E-Mail, in der wir ihn um sein Feedback bitten. Die Rückmeldungen beziehen wir dann in die Produktentwicklung mit ein. Auf unserer Homepage können sich Kunden anschauen, woran wir gerade arbeiten. Unsere Entwicklungsroadmap ist öffentlich einsehbar. Das steht im Gegensatz zu den traditionellen Finanzanbietern. Wir erhoffen uns davon natürlich, ein Produkt zu entwickeln, das der Markt wirklich braucht und das unsere Kunden guten Gewissens ihren Freunden weiterempfehlen können. Ein Grossteil unseres Wachstums kommt bereits heute auf diese Weise zustande.


Sie sagen, die Banken kümmern sich nicht um den Kleinanleger. Geht es Selma Finance vor allem darum?
Zunächst wollen wir einfach eine bessere, persönlichere Dienstleistung anbieten. Doch wir wollen auch anders mit unseren Kunden umgehen. Ein Retailkunde bekommt heute einfach keine persönliche Beratung. Der Grund ist klar: Jemanden einzustellen, ist zu teuer. Darum muss man gewisse Prozesse automatisieren, und ein Onlineservice bietet die Möglichkeiten dazu. Das bedeutet, dass Kunden nicht in jedem Fall mit uns persönlich reden, teilweise kommunizieren sie direkt mit der Plattform.


Mit Selma?
Genau. Das ist unser Chatbot, der Fragen beantwortet und Kunden bei der Erstellung ihres Anlageprofils unterstützt.


Einerseits soll die Beratung individuell sein, andererseits automatisieren Sie gewisse Prozesse. Ist das nicht ein Widerspruch?
Ich glaube, unsere Kunden verstehen, dass nicht hinter jedem Kontakt ein Mensch stehen muss. Aber ein emotional positives Kundenerlebnis bleibt zentral, darum hilft uns Selma, unsere Assistentin. Ich habe Mühe mit dem Begriff Robo-Advisor. Unser Unternehmen besteht nicht aus Robotern, und Selma ist Teil unseres Teams. Es kommt nicht nur auf den Algorithmus an, der das Kapital verwaltet, sondern auch auf die Interaktion mit den Kunden.


Unterscheidet auch das von anderen Robo-Advisorn?
Bei uns ist die Kommunikation mit unserem Kunden und die Einbeziehung seiner gesamten finanziellen Situation in die Anlagestrategie zentral. Bei uns hat jeder Kunde einen persönlichen Finanzassistenten, Selma. Ein klassischer Robo-Advisor ist nicht daran interessiert, mit Ihnen zu kommunizieren. Er interessiert sich auch nicht dafür, wie der Rest Ihres Geldes strukturiert ist, wie alt Sie sind oder wie viel Sie verdienen. Will jemand demnächst ein Haus kaufen, welche Pläne hat der Kunde? Aus meiner Sicht sind das Fragen, die man klären sollte, bevor man einem Finanzalgorithmus das Kapital übergibt. Bei uns klärt Selma diese Fragen mit den Kunden.


Wenn ich eher konservativ sparen möchte, lohnt sich dann eine Anlage?
Wenn jemand langfristig anlegen will und mit gewissen Schwankungen leben kann, lohnt es sich. Je länger der Anlagehorizont, umso grösser die Wahrscheinlichkeit, dass man am Schluss keinen Verlust schreibt. Auch die Crashs nach den Finanzkrisen wurden inzwischen wieder ausgeglichen. Wenn hingegen jemand sein Geld innerhalb eines Jahr wieder braucht, macht Anlegen keinen Sinn, da es zu risikoreich ist.


Wir gross ist das Risiko?
Das Geld wird auf einem Bankkonto der Saxo Bank deponiert und liegt nicht bei uns auf der Bilanz. Wenn Selma Konkurs geht, dann verliert dadurch keiner unserer Kunden einen Rappen. Weil die Kundengelder bei einer Bank deponiert sind, stehen sie unter dem Schweizer Einlegerschutz und Konten sind bis zu 100 000 Franken abgesichert.


Viele prognostizieren der automatisierten Vermögensverwaltung grosses Wachstumspotenzial. Woher kommt das neue Kapital? Von den Kleinanlegern, die bisher nicht ­investiert haben?
Ja, oder von Kunden, die wechseln, weil sie bisher zu viel bezahlt haben. Eine Studie von AT Kearny Consulting prognostizierte, dass 50 Prozent des Kapitals von Kunden aus traditionellen Lösungen kommen und die andere Hälfte von bisher nicht investierten Kunden. Es ist schon so: Vermögensverwaltung ist ein Vertrauensgeschäft. Die Leute sind zögerlich, doch Robo-Advisor werden immer gewöhnlicher. So sinkt auch die Hemmschwelle, sein Kapital auf diese Weise anzulegen.


Arbeiten Sie auch mit Banken zusammen?
Wir führen Gespräche, aber die Unabhängigkeit und Transparenz hinsichtlich des Produktan­gebots ist zentral für uns. Wir wollen keine Produktschleuder für die Banken werden.

ZU SELMA FINANCE

 

Selma Finance ist ein Finanzdienstleister im Bereich der automatisierten Vermögensverwaltung. Das Start-up entwickelt einen digitalen Vermögensverwalter, der Kundengelder am Finanzmarkt anlegt. Ab einem Betrag von 5000 Franken können Kunden ihr Geld über die Onlineplattform bei Selma Finance investieren. Dabei werden sie vom Chatbot Selma assistiert, der sie dabei unterstützt, ein persönliches Anlage- und Risikoprofil zu erstellen. Das schweizerisch-finnische Unternehmen wurde im Frühjahr 2016 von vier Jung­unternehmern aus der Schweiz, Österreich und Finnland gegründet und ist seit Anfang 2017 als unabhängiger Vermögensverwalter in der Schweiz reguliert. Zum Gründerteam gehören neben Patrik Schär Kevin Linser (Marketing), Mikael Roos (CTO) und Valeria Gasik (Design).

VZH