Mittwoch, 18. Oktober 2017 2:13 Uhr
Erwin Heri ist überzeugt: Je mehr Menschen über Finanzwissen verfügen, desto eher wird sich das Vertrauen in die Finanzmärkte stabilisieren. (Bild: depositphotos, vlado)

Die Mission des Erwin Heri

Mehr Finanzwissen  Der Basler Finanzmarktprofessor Erwin Heri macht etwas, was die Schule oder die Finanzbranche schon lange hätte tun müssen, nämlich für mehr Finanzwissen im breiten Publikum zu sorgen.

 

Text und Interview Fredy Gilgen


Einfach nicht. Über Geld spricht man einfach nicht. Ob man nun viel davon hat oder gar keines, Geld bleibt ein Tabu. Dies nicht bloss aus Scham oder wegen einer allzu grossen Zurückhaltung, sondern häufig deshalb, weil man schlicht und einfach zu wenig davon weiss. Bei Fragen, die sich ums Geld drehen, verstehen die meisten Bahnhof – auch in anderen Gebieten sonst gut ausgebildete Eidgenossen. Regelmässig erscheinende Studien bestätigen dieses Unwissen. So konnte in einer internationalen Studie nur jeder zweite Schweizer drei einfache Fragen von Finanzwissenschaftlern richtig beantworten. Ähnlich gross oder sogar noch grösser sind die Wissenslücken in andern westlichen Industrieländern, ausgeprägt in Italien, Frankreich oder Schweden. 
In welchem Land auch immer: Das Allheilmittel gegen den Finanzanalphabetismus ist in der Regel rasch zur Hand: An den Schulen solle doch bitte mehr Finanzwissen gelehrt werden. Oder der Staat solle diesen Unterricht fördern. Doch die zaghaften Versuche, die Vermittlung von Geldwissen in den Schulen zu verstärken, sind meist rasch wieder versandet. Bis heute ist auch in unserem Land wenig bis nichts passiert.

 

Ignoranz kann teuer werden
Ohne rudimentäres Finanzwissen ist es aber schwierig, nur schon einen Kredit zu beantragen oder eine Versicherung abzuschlies­sen. Und wer selbst einfache Geldfragen nicht richtig beantworten kann, wird schnell einmal Opfer von skrupellosen Betrügern. Privatanleger ihrerseits müssen sich ständig mit neuen Investmentprodukten auseinandersetzen. Doch um diese Offerten richtig beurteilen zu können, ist Finanzwissen unerlässlich. Und wer beispielsweise unsorgfältig in seine Altersvorsorge investiert, setzt mit dieser Unwissenheit eine solide Rente aufs Spiel. Bei Aktienanlagen beispielsweise folgen viele Investoren einfach dem Herdentrieb. Sie investieren genau dann in die Aktienmärkte, wenn das Kursniveau am höchsten ist. «Aus den Augen, aus dem Sinn» ist beim Thema Geld und Vorsorge also keine geeignete Strategie. Falsche oder zu späte Entscheide wirken sich jahre- oder jahrzehntelang negativ aus und können rasch einmal zehntausende von Franken kosten. Denn beim langfristigen Sparen ist jedes Prozent von enormer Bedeutung.

 

Wer macht den ersten Schritt?
Weiterbildung im Bereich der Geldfragen wird aber nicht nur kaum angeboten, die meisten Konsumenten sind zusätzlich überzeugt davon, eigentlich genügend Finanzwissen zu besitzen. Eine Selbstüberschätzung, die effiziente Hilfe schwer macht. Schwer, aber nicht unmöglich, sagte sich der bekannte Basler Finanzmarktprofessor Erwin Heri. Er wollte nicht mehr einfach untätig zuschauen, wie das Finanzwissen brach liegt und begann auf der frei zugänglichen Internetplattform Fintool in Kurzvideos Begriffe und Zusammenhänge aus der Finanzwelt zu erklären. Gratis, franko und explizit für Otto Normalverbraucher. «Man muss kein Ökonomiestudium absolviert haben, um die in einfacher Sprache vorgetragenen Erklärstücke zu begreifen», unterstreicht Erwin Heri (siehe Interview). Themen sind beispielsweise Gold und Inflation, Lombardkredite, Warren Buffett oder Alternativanlagen: Wer sich schon immer gefragt hat, was unter diesen Begriffen oder Personen zu verstehen ist, kann diese Wissenslücken bei fintool.ch stopfen. 
Was er tue, sei eigentlich eine Bringschuld der Finanzbranche, erklärt der umtriebige Finanzmarktprofessor. Denn je mehr Menschen gut informiert seien, desto eher werde sich das Vertrauen in die Finanzmärkte stabilisieren. Besonders wenn an den Märkten mal wieder stürmische Zeiten herrschten, wünscht sich Heri, dass auch diejenigen ohne BWL-Studium über mehr Finanzwissen verfügten. «Ausbildung ist die beste Regulierung», sagt der 62-jährige. «Wir geben uns Mühe, eine breite Palette von Geld-, Anlage- und Wirtschaftsthemen völlig unabhängig aufzuarbeiten.» So kompliziert, wie man die Sachen oft gerne darstellt, seien sie nämlich gar nicht.

 

Fintool als umfassendes Learning-Tool
Als nächstes Ziel will Heri die rund 250 Videos, die bisher gedreht wurden, in einen systematischen Zusammenhang bringen. Neben dem reinen Videoportal, in welchem wie bisher zweimal wöchentlich ein neues Video ausgestrahlt wird, soll Fintool zu einem echten, videobasierten Learning-Tool werden. Zu diesem Zweck ist geplant, alle Videos zu Themen-Serien zusammenzubinden. Schon vorhanden sind die Serien Aktien, Obligationen, Anlagestrategien, Alternative Anlagen/Strukturierte Produkte und generelles Wirtschaftswissen. Nach Möglichkeiten sollen dann auch Selbsttest- oder Prüfungsmöglichkeiten anboten werden. «Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt», sagt Heri. «Insbesondere werden wir natürlich die Möglichkeiten ausloten, spezifische Ausbildungsangebote für Institute zu entwickeln, die in diesem Bereich mehr und mehr Ausbildungsbedarf für ihre Berater haben.» Die eigentlichen Learningtools von Fintool werden kostenpflichtig sein (ca. 10 Franken pro Monat). Heri betont aber mit Nachdruck, dass die zweimal wöchentlich ausgestrahlten Videos für Mrs. und Mr. Everybody immer gratis bleiben werden: «Die Verbreitung von Finanzwissen ist und bleibt eine Bringschuld der Finanzindustrie. Und für eine Bringschuld bezahlt man nichts.»

 

«Ausbildung gehört zu ­unserer Berufung»

 

Herr Heri, was hat Sie veranlasst, das äusserst magere Finanzwissen von Herr und Frau Jedermann verbessern zu wollen?
Erwin Heri  Ich selber bin Uni-Professor, einige meiner Kollegen sind Dozenten an anderen Hochschulen und Bildungsinstitutionen. Ausbildung gehört also praktisch zu unserer Berufung. Im Übrigen haben wir alle, die wir uns für das Projekt engagieren, sowohl aus der Theorie als auch vor allem aus der Praxis relativ viel über Wissen und Erfahrung zu Finanzmärkten und Finanzen allgemein angesammelt. Wissen, das wir gerne weitergeben. 

 

Nach dem Hörsaal nun die Onlinemedien also?
Genau. Ich habe früher Bücher im Bereich der Wissensvermittlung von Anlage-, Finanz- und Wirtschaftsfragen geschrieben, heute sind es halt Videos. Die Motivation ist irgendwie also auch intrinsisch. Im Übrigen sind wir überzeugt, dass es nötig ist, das Wissen von Herr und Frau Schweizer im Finanz- und Anlagebereich zu verbessern. Stichworte dazu sind: Tiefzinsumfeld, Demografie, angespannte Vorsorgesituation, Eigenverantwortung usw. Wir glauben auch, dass es sich hierbei um eine Bringschuld der Finanzindustrie handelt. Dies ist mit ein Grund, weswegen wir die zwei Videos pro Woche allesamt umsonst zur Verfügung stellen. Inzwischen sind es rund 250 Videos mit Lehrstoff für fast 18 Stunden.

 

Wie wird Fintool finanziert?
Wir sind ein nicht ganz klassisches Internet-Startup. Einerseits aufgrund unserer Jahrgänge und andererseits, weil wir bis jetzt praktisch alles selber finanziert haben. Wir bekommen einen kleinen Unterstützungsbeitrag von Swiss Life, können zu sehr vorteilhaften Konditionen in den Fernsehstudios von TeleTop in Winterthur drehen und haben eine Projektfinanzierung für die Fintool App vom Zürcher Bankenverband bekommen. Ansonsten ist alles selbstfinanziert.

 

Wie ist der Anklang beim Pu­blikum?
Wir wachsen in zufriedenstellendem Tempo. Bisher haben wir inzwischen rund 250 Videos abgedreht. Und wir haben bald 6 000 regis­trierte «Kunden» auf der Homepage, etwa 1 500 Abonnenten im Youtube­Kanal und etwa 1 000 App-Downloads. Unsere «Community» besteht also momentan aus etwas über 8 000 Nutzern und wir wachsen mit zwischen 100 und 200 Neu-Abonnenten pro Monat. 

 

Sie machen etwas, das eigentlich Aufgabe der Schulen oder der Finanzbranche wäre. Werden Sie von der Öffentlichkeit und den Medien genügend wahrgenommen?
Die Beachtung in den Medien ist nicht riesig, aber in Ordnung. Da wir kein Geld für Werbung ausgeben können oder wollen, da ja alles aus der eigenen Tasche kommt, sind wir einerseits auf «Mund-zu-Mund-Propaganda» angewiesen, andererseits auf ein wenig Goodwill von Seiten der Medien. Das klappt zum Teil. Auf der anderen Seite haben wir manchmal das Gefühl, an verschiedenen Orten würden wir als eine Art Konkurrenz angesehen. Und dort wird halt dann kaum über uns berichtet. Schade.

 

Und die Finanzindustrie steht Gewehr bei Fuss.
In der Tat hätten wir eigentlich mehr Unterstützung aus der Finanz­industrie erwartet. Die Geschichte mit der «Bringschuld» meinen wir wirklich ernst, das scheint aber die Finanz­industrie nicht so zu sehen. Auf der anderen Seite: Was heisst schon Finanzindustrie? Vielleicht haben wir einfach noch nicht mit den richtigen Leuten gesprochen.

 

Dafür gibt es wohl viele positive Rückmeldungen von den Nutzern?
Dem ist so. Viele Nutzer sind dankbar, dass man ihnen einmal in vernünftigen Worten und ohne allzu viel Fachchinesisch einige Zusammenhänge erklärt. Auch wenn man halt nicht völlig um einen manchmal nicht ganz einfachen Jargon herumkommt. Deswegen lautet ja auch einer unserer Claims: «Wir wollen, dass Sie finanzesisch lernen.» Äusserst dankbar sind die Nutzer auch dafür, dass sie die entsprechenden Informationen unabhängig,  neutral und ohne irgendwelche Produkt-Verkaufsideen erklärt bekommen.

 

www.fintool.ch 

 

 

 

Finanzprofessor mit viel Praxis
Erwin Heri (62) war sieben Jahre beim damaligen Schweizerischen Bankverein tätig, dann war er ebenfalls sieben Jahre Finanzchef der Winterthur Versicherungen. Es folgten fast zehn Jahre als Chairman bei der Valartis Bankengruppe. Vor drei Jahren gründete er zusammen mit einem Partner die Internetplattform fintool.ch, eine auf Finanzausbildung spezialisierte Webseite, die aktuell über 8000 Nutzer hat. Zudem lehrt Heri als Professor unter anderem Finanztheorie an der Universität Basel. 

VZH