Sonntag, 23. September 2018 18:51 Uhr
Garry Gürtler, Geschäftsführer der International Workplace Group Schweiz (IWG), zu der auch Regus und Spaces gehören. Foto: zVg/Picasa

«Für Sitzungen 
braucht es kein Büro»

Coworking – Mitarbeiter wollen flexible Modelle. Homeoffice und Arbeiten von unterwegs gehören für viele bereits zum Alltag. Die zunehmende Digitalisierung macht dies in immer mehr Berufen möglich. Garry Gürtler, Geschäftsführer des Workingspace-Anbieters IWG Schweiz, erklärt, wie Arbeitgeber darauf reagieren.

 

 

 

Interview Roman Brauchli

 

 

Herr Gürtler, wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Arbeitsplatz?

Ich bin seit bald 18 Jahren bei Regus (heute IWG) und arbeite seither mit flexiblen Bürolösungen. Meine Mitarbeiter machen sich einen Spass daraus, mein Büro so schnell wie möglich wieder zu vermieten, sodass ich wieder umziehen muss.


Arbeiten Sie hauptsächlich in Zürich?

Ich arbeite nicht in einem fixen Zentrum. Seit Oktober bin ich hier am Bleicherweg im Spaces, weil wir das Zentrum neu eröffnet haben. Aber morgen oder übermorgen bin ich in einem anderen Center.

 

Noch vor einigen Jahren war «Coworking» vielen ein Fremdwort. Inzwischen gibt es unzählige Angebote. Was sind die Treiber dieser Entwicklung?

Viele benutzen den Begriff «Coworking», doch für uns geht es allgemeiner um flexibles Arbeiten und flexible Arbeitsplatzlösungen. Unternehmen in der ganzen Welt erkennen zunehmend, dass flexible Arbeitsräume einen Wettbewerbsvorteil schaffen, Kosten einsparen, die Produktivität steigern und dabei helfen können, Talente anzuziehen und zu halten. Ein wichtiger Treiber ist die Digitalisierung, die möglich macht, dass man heute von überall her arbeiten kann – nicht nur, aber auch weil die Verbindungsqualität für den Datenaustausch noch weiter zunimmt. Ein weiterer Treiber sind die Arbeitnehmer selbst: Fast die Hälfte aller Arbeitnehmer arbeitet bereits heute mindestens die Hälfte der Arbeitszeit nicht an einem fixen Arbeitsplatz. Dieser Trend spürt die gesamte Immobilienindu-
strie. Büroräumlichkeiten in der Schweiz sind zwar vermietet, aber die Arbeitsplätze stehen zu 50 Prozent leer. Damit kommt für die Arbeitgeber die Kostenstruktur neu in den Blick. Durch flexible Arbeitsplatzlösungen kann man die Fixkosten reduzieren und trotzdem einen höchst attraktiven Arbeitsplatz für seine Mitarbeitenden schaffen.

 

Warum wollen Mitarbeiter flexible Lösungen?

Wenn wir unsere Kunden befragen, heisst es: Die Leute sind produktiver, wenn sie ihr Arbeitsumfeld selbst gestalten können. Sie haben mehr Freiheiten, wenn sie ihren Arbeitstag selber gestalten. So können sie Privatleben und Geschäft besser verknüpfen und damit effizienter arbeiten.


Wofür braucht es trotzdem einen fixen Arbeitsplatz?

Ich bin überzeugt, dass konventionelle Büroflächen weiterhin bestehen werden. Flexiblen Lösungen sind ein Marktsegment. In jeder erfolgreichen Firma identifizieren sich die Mitarbeiter mit der Firma, mit der Philosophie, dem Produkt, sie arbeiten gerne für das Unternehmen. Dafür braucht es einen gemeinsamen Ort, wo man sich austauschen und Erfahrungen teilen kann.


Und für Sitzungen?

Dafür braucht es nicht unbedingt fixe Büros. Meetings können auch in Sitzungsräumen unserer Center stattfinden.


Wie kann ein Unternehmen den Mitarbeitenden mehr Flexibilität bieten?

Zunächst muss die Geschäftsleitung flexibles Arbeiten im Unternehmen integrieren – das muss von oben kommen. Flexible Arbeitsmodelle brauchen andere Formen der Führung, einen anderen Umgang mit den Mitarbeitern. Das ist ein Prozess, denn es geht nicht nur um Büroräumlichkeiten sondern um eine Veränderung der Unternehmenskultur.


Viele Grossunternehmen haben inzwischen flexiblere Lösungen: Nicht mehr ein Arbeitsplatz pro Mitarbeiter, sondern vielleicht für zwei. Nicht alle sind damit zufrieden. Können Sie das Bedürfnis nach einem fixen Arbeitsplatz nachvollziehen?

Selbstverständlich. Jeder möchte einen Ort, wo er sich Zuhause fühlt. Die Einführung von flexiblen Lösungen ist eine Veränderung, und viele Mitarbeiter reagieren darauf zunächst mit Ablehnung, bis sie erkennen, dass damit neue Freiheiten verbunden sind. Eine Firma sollte verschiedene Arbeitsmodelle zulassen, dann stimmt die Balance. Im Sinne der Identifikation und Zufriedenheit der Mitarbeiter wird das konventionelle Büro weiterhin ein wichtiger Erfolgsfaktor bleiben.


Warum wollen Grossunternehmen zunehmend flexible Arbeitsplatzlösungen?

Firmen sind mit ihren internen Umstrukturierungsmassnahmen an einem Punkt angelangt, an dem sie einen externen Partner brauchen. Zudem verändert sich der Markt: Produktlebenszyklen werden kürzer, die Unsicherheiten nehmen zu. Wenn man in einen neuen Markt will, ist das mit vielen Ungewissheiten verbunden. Vielleicht scheitert ein Projekt. Darum macht es Sinn, zunächst für sechs oder zwölf Monate ein flexibles Büro in einem neuen Markt zu mieten. Auch um neue Distributionskanäle zu nutzen, kann ein Unternehmen auf unsere Infrastruktur zurückgreifen. Zudem sind unsere Büros eine Lösung bei Umbauten.

 

Grossunternehmen haben eigene Immobilien. Werden sie selbst zu Coworking-Anbieter?

Das sind sie teilweise bereits. Doch die meisten Unternehmen haben nicht den Mut, ihre Arbeitsplätze für Externe zu öffnen. Flexible Lösungen werden nur intern angeboten. Viele Grossunternehmen haben eigene Real-Estate-Abteilungen, die für die optimale Nutzung der Büroräumlichkeiten verantwortlich sind. Für grössere Gebäude, am Hauptsitz, funktioniert das perfekt, doch sobald es um dezentrale Standorte geht, wo der Bedarf schnell wechseln kann, bekommen sie Probleme. Darum lagern grössere Unternehmen die Standorte an Business Centers wie uns aus.


Ist darum die Grösse des Netzwerks für euch entscheidend?

Absolut. Das ist ein strategischer Vorteil der IWG, darum verfolgen wir auch eine Wachstumsstrategie. Heute sind es 3125 Standorte, und es sollen 20 00 werden. In der Schweiz wollen wir in den nächsten vier Jahren von heute 30 auf 100 Standorte wachsen. 40 Mietverträge sind bereits unterschrieben.


Offensichtlich sind Sie zuversichtlich. Warum sehen Sie dieses Potenzial?

Regus ist seit 25 Jahren in der Schweiz. Mark Dixon, der Gründer von Regus, wusste damals bereits, das eine Entwicklung hin zur Flexibilisierung der Arbeitsplätze stattfinden würde. Es könne nicht sein, dass alle Industrien schneller und flexibler werden, der Immobilienbereich aber davon ausgenommen sei. Er erzählt seit 25 Jahren, dass der Tipping-Point kommt. Und jetzt ist er da.


Letzte Frage: Sind Sie ein Dienstleister oder ein Immobilienverwalter?

Wir betreuen jeden Tag weltweit 2,5 Millionen Kunden, diese wollen wir produktiver machen. Wir sind ganz klar ein Dienstleister.

 

 

 

Über IWG

Die International Workplace Group (IWG) ist Betreiberin von verschiedenen Workspace-Providern. Zur Gruppe gehören neben Regus und Spaces die Unternehmen No18, Basepoint, Open Office und Signature. Insgesamt stellt IWG damit weltweit mehr als 2,5 Millionen Arbeitnehmern einen temporären Arbeitsplatz zur Verfügung, in rund 3000 Business Center in fast 900 Städten in 120 Ländern. Die verschiedenen Brands wie Spaces und Regus stehen jeweils für einen bestimmten Fokus: Spaces steht für Community, Kollaboration und den Austausch über Unternehmensgrenzen hinweg und ist an zwei Standorten in der Schweiz präsent, unter anderem am Bleicherweg in Zürich. Geplant sind ausserdem Büros im Ambassador House in Zürich Nord und im The Circle am Flughafen Zürich. Regus ist aktuell mit 28 Standorten in der Schweiz vertreten. Insgesamt will IWG in den nächsten vier Jahren von heute 30 auf 100 Standorte in der Schweiz wachsen.

 

 

Zur Person

 

Garry Gürtler ist Geschäftsführer der International Workplace Group Schweiz (IWG), zu der auch Regus und Spaces gehören. Er stieg 2001 als Country Manager Schweiz bei Regus ein. Über Stationen in Österreich und im mittleren Osten fand er 2014 als Geschäftsführer den Weg zurück in die Schweiz.

 

 

VZH