Montag, 22. Oktober 2018 20:47 Uhr
Simon Enzler (links) wusste schon als Elfjähriger, dass er Menschen unterhalten wollte, vorerst aber noch nicht wie. Nach ersten privaten Kurzauftritten und einem erfolgreich abgebrochenen Philosophiestudium seit 2002 hauptberuflich und leidenschaftlich als Kabarettist unterwegs. Claudius Fischli, Dr. phil. Universität Zürich, begleitet seit über 20 Jahren Führungskräfte, Teams und Unternehmen als Gruppendynamiker, Psychologe und Trainer. Wobei immer gilt, dass Arbeiten und Leben einen gewissen Unterhaltungswert nicht unterschreiten sollten.

Humor ist Chefsache

Führung – Gelacht wird in Unternehmen immer. Die Frage ist nur, wer worüber oder wer über wen lacht. Und ob alle lachen können oder es für einige nichts mehr zu lachen gibt. Wo sitzen die Lacher? Oben in den Teppichetagen oder in den unteren Gefilden, in den Teeküchen und Pausenecken?

 

 

Interview Ruedi Stricker

 

 

Herr Fischli, geführt wurde schon immer. Was hat sich seit dem Bau der Pyramiden oder den Eroberungszügen des Dschingis Khan geändert?
Claudius Fischli Die Rollenverteilung war damals sehr klar: Oben in der Hierarchie wurde gedacht und entschieden, unten wurde ausgeführt. Der autoritäre Führungsstil und die hierarchische Struktur einer Organisation passten perfekt mit der Aufgabenstellung zusammen. Heute steht eine Führungskraft nicht selten vor einer völlig anderen Situation. Sie ist dem Team fachlich meist nicht mehr klar überlegen und sollte deshalb in einer neuen oder komplexen Situation auch nicht mehr allein entscheiden, wenn Erfahrung, Expertise oder beides fehlen.


Was bedeutet das für die Aufgabe und Rolle eines modernen Chefs?
Fischli Er ist nicht mehr «The Great Man», der alles besser kann. Und weil er den Aufwand für eine Arbeit nicht abschätzen kann, ist es ihm auch kaum mehr möglich, die Effizienz zu beurteilen. Er muss sich damit zufrieden geben, das vorher vereinbarte Resultat beurteilen zu können. Der Fokus wandert also von der ständigen Überwachung und Kontrolle zur Delegation und damit zum Vertrauen. Die Beziehung zum Team auf fachlicher, aber auch persönlicher Ebene wird damit elementar wichtig. Man könnte sagen, dass der Chef zum Beziehungsingenieur wird.


Und was bedeutet das in einer typischen Führungssituation?
Fischli Unser Bild von einer typischen Führungssituation ist, dass es Führung genau dann braucht, wenn noch keine Expertise, Erfahrung, best practices vorhanden sind. Dann, wenn neue Lösungen gefordert sind für neuartige Fragen. Oder – der Klassiker schlechthin – wenn es legitime und gleichzeitig sich widersprechende Interessen gibt, die sich zu einem Dilemma verdichten. Wofür soll ich mich zum Beispiel als Geschäftsleiter entscheiden? Für Profitabilität oder Nachhaltigkeit, strategische Weitsicht oder aktuelle operative Notwendigkeit, Kontrolle oder kreative Freiräume für die Belegschaft? Einfache Lösungen greifen hier selten. Hier und in ähnlichen Situationen ist die Führungskraft gefordert, einen Prozess hin auf einen zielführenden Umgang mit dem Dilemma zu gestalten. Das braucht klare Sicht, starke Nerven, zwischenmenschliche Fähigkeiten für den Einbezug der relevanten Player und vor allem: Gelassenheit. Die Coolness des inneren «Das kommt schon gut».


Und was hat das alles mit Humor zu tun?

Fischli Genau hier liegt der Kern von Humor: die Bereitschaft, Dinge geschehen zu lassen, einen Tick länger zu warten, zu schauen wie sich etwas entwickelt, wenn ich nicht eingreife. Unter grossem Stress entstehen weniger neue Ideen, Wege, Lösungen. Aber Humor entspannt, hilft der Selbstreflexion: Ich bin nicht perfekt, ich kann auch mal über mich selber lachen. Und, enorm wichtg: Humor hilft, mit Menschen in Verbindung zu treten. Wer jemand zum Lachen bringt, hat schon halb gewonnen. Und in den allermeisten wirklich kniffligen Situationen bin ich besser dran, wenn ich von Menschen umgeben bin, die mich unterstützen, die mit an Bord sind, die sich engagieren für den gemeinsamen Zweck. Wenn die Mitarbeiter spüren, dass die Führungskraft nicht vor allem sich selber, sondern die Zusammenarbeit ernst meint, dann entsteht echte Motivation!


Herr Enzler, Sie sind Experte auf dem Gebiet des Humors. Wollen Sie nun jeden Chef zum Kabarettisten ausbilden?
Enzler Überhaupt nicht. Das Wichtigste in meinem Beruf ist weniger das Talent für die Bühne als die Offenheit für all die Dinge im Alltag, die bei genauer Betrachtung witzig, lustig oder paradox sind. Wir sind umgeben von Situationen, Gesprächen und Bildern, die uns irritieren, im besten Falle aber zum Lachen bringen. Es geht nicht darum witzig zu sein, jemanden zu «bespassen», sondern den Humor zu sehen und ihn zuzulassen. So wie eine grossartige Pointe sich in einem Nebensatz verstecken kann, ist es auch möglich, dass eine Lösung, eine Alternative greifbar wäre, jedoch einfach unbeachtet blieb. Schliesslich ist Humor selber paradox. Oder kennen sie sonst noch ein Gewürz, das sowohl schärfen, als auch mildern kann, je nach Situation? Durch Humor können gewisse Dinge erst sichtbar, fassbar gemacht werden. Und fast noch wichtiger: Humor macht unangenehme Situationen erträglich, was wichtig ist im Umgang mit Fehlern. Fehler passieren, vor allem wenn wir sie unbedingt vermeiden wollen. Deshalb ist es besser, sie zuzulassen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.


Fehler? Das ist doch schlechtes Qualitätsmanagement!
Enzler Im Gegenteil. Wenn es um kreative Prozesse geht, sind Fehler quasi des Pudels Kern. Fehler sind die Fingerübungen der Kreativität. Etwas Neues entsteht nie aus etwas Vollkommenem. Neue Wege beschreitet man erst, nachdem man sich verirrt hat. Diese Spannung zwischen Scheitern und Schöpfen nennt man Kreativität.


Herr Enzler, was raten Sie nun einem Chef konkret?
Enzler Ganz einfach: Machen Sie jeden Tag etwas Neues, Ungewohntes oder Lustiges.


Und Sie beide, was machen Sie morgen Lustiges?
Den Workshop!

 

 

Workshop «Humor ist Chefsache» 

Nächste Veranstaltung: Freitag, 25. Mai 2018, 9 bis 17 Uhr

 

Wo: Hotel Dorn, Webergasse 22, 9000 St. Gallen

 

Zielgruppe: Fach- und Führungskräfte, MBA (mit besonderen Absichten)

 

Inhalt: Inputs, Austausch, gemeinsames Nachdenken und Experimentieren zu Sin und Möglichkeiten, Formen und Methoden, Theorie und Praxis von Humor in Teamarbeit und Führung – und im Leben.

 

Preis: 520 Franken

 

Anmeldung: Per Mail, per Telefon, per Post, per Sönlich

 

Fischli & Enzler

Pfauengässli 6

9050 Appenzell

Telefon +41 79 653 10 67

 

post@fischli-enzler.ch

 

www.fischli-enzler.ch

 

 

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