Sonntag, 16. Dezember 2018 2:15 Uhr
Kreative und innovative Lösungen finden: Am besten gelingt dies, wenn die Qualitäten jedes Einzelnen geschätzt und gefördert werden.
Kreative Atmosphäre im Coworking Space. (Fotos: zVg)

Powerteams: Erfolgsfaktor Mensch

Teambildung  Braucht es überhaupt noch einen Beitrag zur Wichtigkeit von gut funktionierenden Teams? Wurde nicht schon genug darüber geschrieben? Geschrieben vielleicht schon, aber nicht getan. Gerade im Zeitalter der Technologisierung, der Digitalisierung und jeder weiteren Automatisierung stellt der aktive Austausch zwischen möglichst verschiedenen Menschen einen entscheidenden Erfolgsfaktor da.

 

Text Martin Günter

 

Während früher Menschen ganz automatisch zu – meist recht homogenen – Gruppen zusammenfanden, sind heutige Arbeitsgruppen typischerweise interdisziplinär und international zusammengesetzt. Das fordert die soziale Kompetenz jedes einzelnen Teammitglieds und natürlich auch grosse Kompetenz der involvierten Führungskräfte. Früher wurden Menschen in Gruppen zusammengefasst, um im funktionalen Silo ein paar spezifischen Aufgaben nachzugehen, die nicht mehr von einer Person alleine erfüllt werden konnten. So funktionieren Firmen auch heute noch oft. In der Produktion wird gemeinsam an einem Werkstück gearbeitet, im Lager lagern mehrere Menschen Waren ein oder sie stellen diese bereit. Auch in der Buchhaltung kann nicht einer alleine die Bücher mit Zahlen befüllen, und so wird die Arbeit unter Spezialisten aufgeteilt – genauso wird in der Rechtsabteilung oder in der Forschungsabteilung gemeinsam an einem Fall getüftelt.

 

Der Mensch als Problemlöser

Vor allem aufgrund der stetigen Automatisierung bis hin zur «vierten industriellen Revolution» – also der Digitalisierung als «Automatisierung von Denkleistung» – können immer mehr dieser funktionalen und standardisierten Arbeitsabläufe an Maschinen delegiert werden. Der Faktor Mensch ist insbesondere dann gefragt, wenn es um nicht standardisierte Aufgaben, um Problemlösungsprozesse oder um Innovation im weitesten Sinne geht. Um solche Aufgaben erfolgreich zu lösen, ist keine homogene Gruppe von Gleichgesinnten hilfreich, sondern vielmehr ein Team mit einem hohen Grad an Diversität. Divergierende Ausgangspunkte, verschiedene Herangehensweisen und vor allem unterschiedliche Denk-Präferenzen beflügeln sich gegenseitig und führen zu einer ganzheitlichen Lösung. Wenn von Diversität die Rede ist, bedeutet dies etwas viel Tiefgreifenderes als die wenig nutzbringende Diskussion um Quoten von Schwarz und Weiss oder Mann und Frau. Die zentrale Frage ist, wie kann eine gesunde Diversität in einem Team erreicht werden?

 

Voraussetzung soziale Kompetenz

Ein sogenanntes «Powerteam» aufzubauen ist einfach und schwierig zugleich – oder auf Neudeutsch «simple but not easy». Zwei Punkte sind ausschlaggebend: Einerseits muss jedes Teammitglied seine Denk-Präferenz kennen und akzeptieren, dass diese Präferenz sich auf seine Wahrnehmung auswirkt. Dies bedeutet, dass jeder Charakter einer Gruppe ein Bewusstsein dafür entwickeln muss, wie sein bevorzugter Denkstil ihn bei der Begegnung von Aufgaben und Problemstellungen beeinflusst und wie er sich von seinen Teammitgliedern unterscheidet. Andererseits ist aufgrund dieser unterschiedlichen Denkweisen viel Einsicht nötig, die es zulässt, andere Denk- und Wahrnehmungspräferenzen zu akzeptieren, zu respektieren und schätzen zu lernen. Kurz: Es geht darum zu akzeptieren, dass es mehr als eine «Wahrheit» gibt und dabei das gute Zusammenspiel dieser «Wahrheiten» als kritischen Erfolgsfaktor im Kontext der Zielerreichung zu betrachten.

 

Geschätzte Individuen

Wie fast immer, ist die nutzbringende Zusammenarbeit in divergierenden Gruppen leichter gesagt, als in der Praxis umgesetzt. Powerteams entstehen nicht von heute auf morgen. Ihr Aufbau benötigt in der Mehrheit der Fälle einiges an Arbeit und in manchen auch externe Unterstützung. Doch der Aufwand lohnt sich allemal: Die erzielten Lösungsansätze werden ganzheitlicher und somit qualitativ besser und zudem effizienter erreicht. Ausserdem – und das ist vielleicht der wichtigste Faktor – werden Menschen in ihrer Einzigartigkeit geschätzt, was wiederum zu ganz neuer Motivation und Verbindlichkeit führt. Denn die Menschen im Unternehmen dürfen so sein, wie sie sind und müssen sich nicht für ihren Chef oder das Unternehmen verstellen.

 

Die Führungskraft als Prozess-Begleiter

Über die Rolle des Teamleiters, der Führung im Allgemeinen und der Unternehmenskultur im diversitäts- und innovationsfreundlichen Unternehmen könnte ein ebenso umfassender Text geschrieben werden. Das Fazit deshalb vorweg genommen: Das neue Rollenbild des Teamleiters hat mit dem Rollenbild einer klassischen Führungskraft wenig gemein. Eine von der eigenen Meinung eingenommene und autoritäre Person, die das Fähnlein des Bereichs(-leiters) hochhält und den Leuten sagt, wo es lang geht, ist in diesem Umfeld nicht hilfreich. Wer ein Powerteam (an)führen will, muss sich vielmehr als Prozessbegleiter verstehen, der in der Lage ist, unterschiedlich denkende Menschen auf einem gemeinsamen Kurs zu halten und die Qualitäten eines jeden einzelnen zu schätzen und zu fördern.

 

Mehr als die Summe der Einzelteile

Mit ein paar Feedbackrunden, einem gemeinsamen Grillplausch und einem jährlichen Teamausflug ist es also bei weitem nicht getan. Da die Anforderungen an die Teamarbeit in digitalisierten Unternehmen sogar steigen, versagen viele gängige Rezepte der Team­entwicklung, was ein neues, interessantes Feld eröffnet. Damit Powerteams funktionieren und optimale Ergebnisse erzielen, müssen bereits ihre Zusammensetzung, aber auch ihr Aufbau und ihre Pflege massgeschneidert sein. Teams sind nur dann erfolgreich, wenn sie die Kraft der Diversität für sich nutzen können und dadurch das Ganze mehr wird als die Summe der Einzelteile. Dieser Anspruch setzt viele Teammitglieder und Führungskräfte vor ganz neue, interpersonelle Herausforderungen. Nur wenn diese überwunden werden und die Arbeit am Team genauso wichtig wird wie die Arbeit im Team, entstehen effiziente, kreative und innovative Lösungen.

 

Der Autor

Martin Günter-Pavel ist Leiter von «La Werkstadt – das Haus der Möglichkeiten» in Biel. Im Rahmen dieses Pilot-Projekts von Swisscom begleitet er seit zwei Jahren Unternehmen und Einzelpersonen bei Innovationsvorhaben und Transformationsprozessen. Seit über 10 Jahren arbeitet er an der Schnittstelle zwischen Leadership, Development und Innovation. Die Schlüsselthemen seiner Arbeit sind: Trends in der Veränderung der Arbeit und die Konsequenzen für Mitarbeitende sowie in der Führung.

 

 

 

 

VZH