Sonntag, 18. November 2018 11:27 Uhr
«Erleben, was ­Unternehmertum ­bedeutet»: Die ESPRIT-Mitarbeiter sind Studenten, die sich engagieren möchten und Erfahrungen im ­Kontakt mit Unter­nehmen sammeln ­wollen. (Foto: zVg)

Studenten beraten Unternehmen

Mehr als heisse Luft

Nestlé, Mercedes-Benz und die ­Swisscom haben sie schon beraten. Für ihre ­Kunden erstellen sie Marktanalysen oder untersuchen die Folgen eines ­neuen Freihandelsabkommens. Ihre Fachgebiete sind Betriebs- und Volkswirtschaft, Recht und internationale Beziehungen. Sie sind keine ­Consultants von McKinsey oder Ernst & Young, ­sondern Studenten der Universität St. Gallen.


Text Lukas Studer


Guter Rat ist teuer, sagen sich Unternehmensberater und bieten ihre Dienste für ein Heidengeld an. Viele KMU verzichten deshalb auf externe Berater. Doch es gibt eine bei uns wenig bekannte, dafür umso preiswertere Alternative: die Beratung durch Studenten. Die jungen Fachleute beschäftigen sich in ihrer Freizeit mit den Problemen eines Unternehmens, ihr Lohn sind Erfahrungen aus dem realen Wirtschaftsleben. So wird das eingekaufte Expertenwissen für KMU finanziell wieder interessant.


«Viele hören das erste Mal von uns»

Das Konzept der Unternehmensberatung durch Studenten ist in den späten 60er-Jahren in Frankreich entstanden. Die Studenten wollten die Theorie aus dem Studium mit der Praxis in einem Unternehmen verbinden. Heute ist die studentische Beratung in Frankreich und Deutschland stark verbreitet, ebenso in der Westschweiz. In der Deutschschweiz gibt es nur zwei studentische Unternehmensberatungen: die ETH juniors und ESPRIT von der Universität St. Gallen.

Den St. Galler Verein ESPRIT gründete 1988 eine Gruppe von Studenten aus der Romandie. Sie wollten an der Wirtschaftsuniversität HSG umsetzen, was in der Westschweiz bereits funktionierte. Aber auch nach 25 Jahren ist der Gedanke, sich von Studenten beraten zu lassen, den Unternehmern hierzulande eher fremd. «Viele hören das erste Mal von diesem Konzept, wenn wir sie anrufen», sagt Felix Meindl, der Präsident von ESPRIT. Das erschwere die Akquise von neuen Kunden. «Die Unternehmen sind im ersten Moment eher abgeneigt als begeistert», sagt Meindl.

Meist gelangen interessierte Firmen an ESPRIT, weil ein zufriedener Kunde die Studenten weiterempfohlen hat. Häufig führt ESPRIT auch Folgeprojekte für bisherige Kunden durch. Es kommt zudem vor, dass Unternehmen die Universität kontaktieren und dann an ESPRIT verwiesen werden. «Wir profitieren indirekt von der Marke HSG, die für Kompetenz in Wirtschaftsfragen steht», sagt Meindl. Ab und an ergebe sich auch ein Projekt aus dem Alumni-Netzwerk der Universität.


App konzipiert für Baufirma

Die Mitarbeiter von ESPRIT sind Studenten tieferer Semester, die sich ehrenamtlich engagieren. Die rund zwanzig Projektleiter stellen den Kontakt zu den Unternehmen her und vermitteln ihnen Studenten höherer Semester oder Doktoranden. Diese sind auf das gefragte Fachgebiet spezialisiert und erbringen die eigentliche Dienstleistung, zum Beispiel eine Wettbewerbsanalyse oder eine rechtliche Abklärung. Anders als die ESPRIT-Mitarbeiter werden sie für ihre Arbeit bezahlt.

Die Projektleiter können so auf einen Pool von 6 000 potentiellen Unternehmensberatern zugreifen. «Wir haben in St. Gallen sehr viele spezialisierte Profile», sagt Meindl. Viele Studenten haben zu ihrem fachlichen Schwerpunkt bereits erste Erfahrungen in der Praxis gesammelt, womöglich genau in der Branche, die für ein ausgeschriebenes Projekt das nötige Wissen liefert. Hinzu komme, sagt Meindl, dass die HSG dank der verschiedenen Ausbildungs-Profile prädestiniert sei für interdisziplinäre Fragen.

Ein neues Freihandelsabkommen zum Beispiel berührt gleichermassen rechtliche wie wirtschaftliche Aspekte. Oder der Master für Informations-, Medien- und Technologiemanagement (IMT), der seine Absolventen für die Schnittstelle zwischen Betriebswirtschaft, Technologie und neuen Medien befähigt. Also waren es IMT-Studenten, die für eine Baufirma eine App konzipierten, mit der sich die Bauleiter digital vernetzen können.


Sparringspartner für den Unternehmer

Vom Start-up bis zum Grosskonzern hat ESPRIT schon Unternehmen aller Grösse beraten. Eine Tochtergesellschaft der Nestlé etwa wollte ein neues Produkt auf dem Schweizer Markt einführen, die von ESPRIT vermittelten Studenten erstellten dafür eine Marktanalyse zu einem tiefen Preis. Grosse Firmen holen ESPRIT oft ins Boot, um ein eigenes Projekt mit Studenten zu besprechen; sie haben schon tausende Franken investiert und möchten eine zweite Meinung von einer unbeteiligten Fachperson einholen.

Der grösste Teil der Kunden von ESPRIT sind aber KMU. Oft kontaktiert ein Unternehmer ESPRIT, wenn er zum Beispiel ein neues Produkt lancieren will, im Betrieb aber niemand die Zeit und das Wissen für ein solches Projekt hat. Ein Student übernimmt dann die Rolle eines Sparringspartners und begleitet den Unternehmer während der Einführungsphase des neuen Produkts. Die frische Perspektive von aussen und das Fachwissen benötigen kleine Unternehmen nämlich genauso wie grosse, aber ein eigener studentischer Mitarbeiter oder ein Mandat an einen grossen Berater rechnen sich nicht.


Unternehmertum während Studium

Heute hat ein Student nach drei Jahren Universität bereits den ersten Abschluss – und zieht weiter. Alle zwei, drei Jahre erneuert sich daher das Team von ESPRIT komplett. «Das erschwert die Arbeit, weil die Konstanz manchmal fehlt», sagt Meindl, «dafür hat jede Generation die Möglichkeit, ESPRIT ihren eigenen Stempel aufzudrücken.» Der Grundgedanke, schon im Studium Praxiserfahrung zu sammeln und in der freien Zeit quasi ein eigenes Unternehmen zu führen, bleibe aber über die Jahre bestehen.

Der ESPRIT-Mitarbeiter ist motiviert und interessiert, er möchte nicht bloss ein Rädchen im System sein. Der Wille, sich zu engagieren, schaffe einen ähnlichen Zusammenhalt wie bei einer Studentenvereinigung, sagt Meindl. «Und wir erleben schon während des Studiums, was Unternehmertum bedeutet.» Wie sich Unternehmer denn von Leuten aus dem Universitäts-Umfeld unterscheiden? «Ein Unternehmer merkt sofort, wenn jemand nur heisse Luft redet.»

 

 

VZH