Freitag, 27. April 2018 10:28 Uhr
Schweizer sind Spezialisten darin, das Glas nicht zu neun Zehntel als voll, sondern zu einem Zehntel als leer zu sehen. Das trifft auch auf wirtschaftliche Entwicklungen zu.

Organisieren statt Produzieren

Wertschöpfung  Immer mehr Stellen werden ins Ausland verlagert, Arbeits­plätze in der industriellen Produktion verschwinden. Warum diese Entwicklung dem Wachstum in der Schweiz dennoch keinen Abbruch tut.

 

Text Mathias Binswanger


Für traditionelle Arbeit in der Fabrik oder im Büro ist die Schweiz mittlerweile ein teures Pflaster geworden. Vor allem hohe Löhne machen die Schweiz als Produktionsstandort unattraktiv. Gemäss Informationen von Arbonia-Forster kostet ein Angestellter im Werk in Altstätten in der Schweiz 90 000 Franken pro Jahr. Schon in Thüringen kostet er jedoch nur ein Drittel davon. Deshalb werden «produktive» Tätigkeiten in Länder mit geringerem Lohnniveau verlagert, wo bei praktisch gleicher Produktivität und Qualität wesentlich billiger produziert werden kann. Diese Entwicklung ist symptomatisch für einen Trend, der schon seit Jahrzehnten andauert und sich aufgrund des starken Schweizer Frankens in den letzten Jahren nochmals akzentuiert hat.

Die Produktionsverlagerung ins Ausland hat zur Folge, dass die Wertschöpfung in der Schweizer Wirtschaft immer weniger mit Produktion zu tun hat. Deshalb ist der Begriff Bruttoinlandprodukt mittlerweile irreführend. In Wirklichkeit müsste man von Bruttoinlandorganisation sprechen, denn heute wird in der Schweiz vor allem organisiert und nicht mehr produziert. Und je weniger wir produzieren, umso besser scheint die Wirtschaft zu laufen. Die Schweiz hat trotz der Verlagerungen produktiver Tätigkeiten ins Ausland kaum Arbeitslosigkeit und die Wirtschaft wächst schneller als in anderen europäischen Ländern. 

 

Weniger Industrie, mehr Dienstleistungen
Ein hochentwickeltes Land wie die Schweiz ist heutzutage nicht wirtschaftlich erfolgreich, weil es begehrte Produkte und Dienstleistungen produziert, sondern weil es begehrte Produkte und Dienstleistungen erfolgreich entwickelt, organisiert und vermarktet. All diese Tätigkeiten sorgen für wesentlich mehr Wertschöpfung als die Produktion selbst. Diese findet dank des technischen Fortschritts mit immer weniger Arbeit und dank der Verlagerung in Billiglohnländer mit immer geringerer bezahlter Arbeit statt. 
Doch die heutige Wertschöpfung in der Schweiz hängt nicht nur an Entwicklung, Organisation und Vermarktung von an­derswo produzierten Produkten und Dienstleistungen. Noch mehr Arbeitsplätze werden in der Schweiz mittlerweile in der öffentlichen Verwaltung, im Bildungs- oder im Gesundheitswesen geschaffen. Dabei geht es um Tätigkeiten, die der Organisation, Entwicklung und Erhaltung der Gesellschaft als Ganzes dienen. Diese sorgen dafür, dass auch die Beschäftigung weiterhin wächst. Da ist in erster Linie das Gesundheitswesen zu nennen, das in der Schweiz mittlerweile am meisten Menschen beschäftigt. Aber auch das Bildungswesen, der Betrieb von Heimen oder unternehmensbezogene Dienstleistungen haben in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten massiv Arbeitsplätze geschaffen. Auf diese Weise wird der Abbau der Beschäftigung in der Industrie und in einigen Dienstleistungsbranchen kompensiert und wir haben trotz permanenter Rationalisierung in der Industrie weiterhin praktisch Vollbeschäftigung.


Der Autor

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel in Fachzeitschriften und in der Presse. Sein Buch: «Die Tretmühlen des Glücks» (2006) wurde zum Schweizer Bestseller. Zu Beginn des letzten Jahres kam sein neuestes Buch «Geld aus dem Nichts» auf den Markt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Finanzmarkttheorie, Makro- und Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen. Gemäss dem Ökonomen-Ranking der NZZ im Jahr 2016 zählt Mathias Binswanger zu den zehn einflussreichsten Ökonomen der Schweiz.
Schweizer sind Spezialisten darin, das Glas nicht zu neun Zehntel als voll, sondern zu einem Zehntel als leer zu sehen.

VZH