Montag, 18. Dezember 2017 8:02 Uhr
Das Arosa Humorfestival findet dieses Jahr bereits zum 26. Mal statt – vom 7. bis 17. Dezember 2017 in Arosa. Bild: zVg/Arosa Humorfestival
Pascal Jenny ist seit 2008 Tourismusdirektor von Arosa. Davor war der 43-Jährige Betriebsökonom Geschäftsführer des Schweizer Sportfernsehens (SSF).

«Die Gäste 
sind heute wählerischer»

Arosa – Das Wintergeschäft ist in vielen Schweizer Tourismus-orten rückläufig. Wie Bergregionen wieder mehr Gäste anlocken können, haben wir Pascal Jenny, Tourismusdirektor von Arosa, gefragt.

 

INTERVIEW ROMAN BRAUCHLI

 

 

Perfekt präparierte Pisten gehören heute zum Standard. Sechsersessellifte auch. Trotzdem verbringen immer weniger Schweizer ihre Sportferien in den klassischen Wintersport-orten. Der einstige Nationalsport Skifahren hat seinen Status verloren und wurde von anderen Sportarten verdrängt. Schuld an den schwindenden Gästezahlen im Winter sei auch der zunehmende Schneemangel, sagt Pascal Jenny. Tourismusorte versuchen dies mit Alternativprogrammen zu kompensieren – und dem Ausbau des Sommerangebots. Das Humorfestival in Arosa ist ein Beispiel dafür, wie das gelingen kann.

 

 

Herr Jenny, Arosa hat letztes Jahr den Tourismuspreis «Milestone» in der Kategorie Innovation gewonnen. Was ist innovativ am Tourismuskonzept von Arosa?
Unsere Innovation besteht in der Konsequenz, auf Veranstaltungen zu setzen. Das hat sich in dem Sinn ausbezahlt, dass in Arosa fast jede Woche irgendeine Veranstaltung stattfindet. So erreichen wir eine recht gute Basisauslastung der Hotels und Ferienwohnungen. Über die letzten zehn Jahre konnten wir dadurch die Logiernächte mehr als verdoppeln.

 


Der Wintertourismus ist für viele Bergregionen ein Sorgenkind. Warum ist das so? 
70 Prozent der Gesamtwertschöpfung erzielen wir im Winter. Das ist bei fast allen Schweizer Alpenregionen so. Wenn die Haupteinnahmequelle wegbricht, dann muss man sich Sorgen machen. Die Gründe sind vielschichtig. Im Infrastrukturbereich hat man zu lange mit Erneuerungen gewartet – in Bezug auf künstliche Beschneiung oder Pistenpräparation. Zudem ist Skifahren in der Schule heute viel weniger ein Thema.


Sie sprechen die Schullager an?
Genau. In diesem Bereich hat man jetzt gute Massnahmen ergriffen – mit der Initiative «GoSnow», die Tanja Frieden präsidiert. Die Situation bessert sich. Aber man hat in den vergangenen Jahren viel verloren. Früher gab es in den Schulen Wartelisten für Skilager, heute bieten einige Schulen gar keine Lager mehr an.


Sport ist aber nach wie vor wichtig. Findet ein Kulturwandel statt?
Sport ist sogar noch wichtiger als früher, aber es gibt mehr Alternativen. Dadurch wird der Schneesport in den Schulen natürlich auch verdrängt. Eine weitere Ursache ist sicher der Schneemangel im Unterland. Früher konnte man noch vor der Haustüre am Übungshang Ski fahren. Die Gäste sind auch wählerischer geworden. Bei schlechtem Wetter gehen die Leute nicht mehr Skifahren. Und die Aufenthaltsdauer geht generell zurück.


Braucht es bessere Beschneiungsanlagen?
Mit der Infrastruktur verändert sich auch das Qualitätsempfinden der Gäste. Man muss heute in die Infrastruktur investieren. Das hat man auch getan, aber das ist halt ein Prozess. Heute muss man jede Nacht jede Piste präparieren. Vielleicht müsste man hier umdenken. Eine unpräparierte Piste zu befahren, kann auch ein Erlebnis sein. Dadurch könnten wir auch Kosten sparen, was sich wiederum auf den Ticketpreis auswirken würde.


Müsste man auch vielfältigere Ticketangebote schaffen?
Absolut, wir müssen näher zum Produkt, zum Gast kommen. Ein Yield-Prizing wie in der Flugbranche wäre eine Möglichkeit. Wenn ich im Herbst ein Ticket für den März kaufe, bekomme ich 30 Prozent Rabatt. Oder man könnte 20-Stunden-Tickets anbieten und die Gäste könnten frei wählen, wo und wann sie in der Schweiz diese 20 Stunden Ski fahren gehen. An solche Modelle müssen wir herankommen.


Wie wichtig war der Zusammenschluss mit der Lenzerheide?
In Bezug auf ausländische Gäste und neue Märkte ist es ein echtes Asset. Inzwischen kommen 7 Prozent des Wintergästeanteils aus Skandinavien. Vorher hatten wir gar keine skandinavischen Gäste. Einen zusätzlichen Mehrwert sehe ich vor allem darin, dass die Gäste die Angebote beider Orte nutzen können. Viele Gäste besuchten letzten Sommer den Mountainbike-Weltcup in der Lenzerheide. Auch das Humorfestival kann von der Lenzerheide aus besucht werden.


Mittlerweile hat das Festival über 16000 Besucher. Welche Bedeutung hat das Festival für die ganze Region?
Es ist unser Leuchtturm. Es entstand vor 26 Jahren, weil die «Wedelwoche», die damals im Dezember stattfand, nicht mehr attraktiv war. Als Alternative lancierte man das Humorfestival. Heute stellt es unseren Saisonauftakt dar. Die Hotels können früher öffnen und sich auf die Festtage vorbereiten. Das Festival zieht Gäste an, die sonst nicht nach Arosa kommen würden. Zudem ist es wetterunabhängig. In den letzten zwei Jahren hatten wir noch keinen Schnee während des Festivals und konnten trotzdem eine gute Wertschöpfung erzielen.

 

In Arosa gibt es über das ganze Jahr unzählige Alternativprogramme. Was braucht es damit ein Programm funktioniert?
Erstens braucht es jemanden, der ein Thema als Profi gestalten kann. Beim Humorfestival ist Frank Baumann der künstlerische Leiter. Für das Mundart-Festival, das wir im Oktober zum ersten Mal durchgeführt haben, hat Bänz Friedli das Programm zusammengestellt. Zweitens muss die Organisation mit hoher Qualität inhouse erledigt werden. Externe Agenturen haben keinen Bezug zum Ort. Der dritte zentrale Punkt ist die Positionierung im Jahreskalender. Für das Humorfestival im Dezember sind die Weihnachtsmärkte im Unterland die Konkurrenz. Viel mehr gibt es nicht. Darum passt es.


Wieso hat man so lange mit dem Ausbau des Sommerangebots gewartet?
Es war vielleicht eine gewisse Trägheit, denn man war schlicht nicht darauf angewiesen. Der Wintertourismus lief lange gut und viele Hotels hatten im Sommer geschlossen. In den letzten Jahren ist der Druck deutlich gestiegen. Das Wintergeschäft ist eher rückläufig und teilweise ins nahe Ausland abgewandert. Inzwischen haben aber alle realisiert, dass der Sommer ein riesiges Potenzial birgt.


Wie versucht man in Arosa den Sommertourismus anzukurbeln?
Ein wichtiges Standbein ist unser Ausbildungsangebot. Wir haben beispielsweise die grösste Musikkurswoche Europas. Zweitens haben wir das Sportangebot massiv ausgebaut, zum Beispiel im Bereich Biking. Ein weiterer Fokus liegt auf den Eissportarten. Unsere Eishalle hat für zwölf Monate durchgängig geöffnet. Fast tausend Kinder nahmen im vergangenen Jahr an den Hockeytrainingslagern von Ochsner Sport teil. Ein drittes Standbein ist die Rhätische Bahn von Chur nach Arosa. Wir wollen diese Fahrt insbesondere für Ausländer als Erlebnis positionieren. Zudem setzen wir auf den Fokus Tiere, den wir jetzt mit dem Bärenland nochmals verstärken konnten.


Letztes Jahr hat die Bevölkerung von Arosa Ja zum Bärenland gesagt. Am 2. August haben Sie die Baubewilligung erhalten. Was ist der Stand des Projekts?
Ende August haben wir mit dem Bau begonnen. Wir bauen zunächst den Zaun um das knapp 3 ha grosse Gelände. Es gibt einen Stall, in dem die Bären im Winter schlafen. Es hat Platz für fünf Bären, die durch die Kooperation mit der Tierschutzorganisation Vier Pfoten den Weg nach Arosa finden werden. Auf dem Stall wird sich eine Besucherplattform befinden, auf der eine Inszenierung zur Geschichte des Bärs zu sehen sein wird. Wir wollen das Bärenland nicht nur für Übernachtungsgäste, sondern auch als Tagesausflug-Erlebnis etablieren. So können wir Arosa als Region bekannter machen. Dann kommen vielleicht auch wiederum mehr Gäste im Winter.

Arosa Humorfestival

 

Das Comedy- und Kleinkunstfestival findet dieses Jahr zum 26. Mal in Arosa statt. Die Besucher erwarten an insgesamt zehn Tagen 26 Vorstellungen mit 24 verschiedenen Künstlern – unter anderem Duo Divertimento, Claudio Zuccolini, The Umbilical und Andreas Thiel.

 

Vom 7. bis 17. Dezember 2017 in Arosa.

 

Weitere Infos unter www.arosa.ch oder www.humorfestival.ch

VZH