Dienstag, 26. September 2017 9:12 Uhr
iBeacons ermöglichen den automatisierten Informationsaustausch über mobile Endgeräte. (Bild: wikimedia)

Medientechnologie von morgen

Innovationsförderung  Der Werbevermarkter Goldbach setzt durch ein eigenes Accelerator-Programm Impulse, um in der Schweiz digitale Media-Technologien zu fördern. Dabei sollen beide Seiten profitieren. Das erste ausgewählte Unternehmen steckt tief im angesagten Beacon-Marketing-Thema.

 

Text Yvonne von Hunnius


Martin Radelfinger, Director Business Development USA der Goldbach Group AG, hat ein Signalsystem, das ihm schnell verrät, ob eine Idee ganz gross werden kann und – noch wichtiger – was es danach braucht: «In einer frühen Phase darf ein innovatives Startup nicht von einem Corporate Partner absorbiert werden. Findet man ein Juwel, das agil und schlank ist, muss man vorsichtig sein», verrät Martin Radelfinger. Eine Devise, von der sich der erfahrene Medienmann nicht zuletzt im ­Silicon ­Valley überzeugen konnte. 


Radelfinger leitet bei Goldbach die Bereiche Innovation und Business Development und hat jüngst den Goldbach Media Accelerator aus der Taufe gehoben. Wie eine Innovationsspritze für die Medienlandschaft soll das Programm wirken, welches in Kooperation mit den ­Organisatoren der Gründerschmiede Swiss Start Up Factory (SSUF) auf die Beine gestellt wurde.  Für den Accelerator wählt Goldbach Startups mit Fokus auf digitale Medien-Technologien aus. In der Swiss Start Up Factory in Zürich durchlaufen sie dann ein strukturiertes Programm. Währenddessen soll die Idee soweit reifen, dass sie nach drei Monaten in eine Gründung mündet. Radelfinger: «Das Prinzip der SSUF ist angelehnt an das des sehr bekannten und erfolgreichen Y Combinator im Silicon Valley – perfekt für Unternehmen, die noch ganz am Anfang stehen.» Y Combinator hat unter anderem Unternehmen wie Airbnb oder Dropbox zum Erfolg verholfen. Die beiden SSUF-Initianten Mike Baur und Max Meister haben das Konzept mit weiteren Experten an hiesige Verhältnisse angepasst.
Radelfinger hat auch den Goldbach Group Innovation Hub in Palo Alto verantwortet und kennt sowohl die US-amerikanische als auch die europäische Startup-Welt. «In der Schweiz ist die zweite Runde der Anschlussfinanzierung oft eine riesige Hürde. Im Silicon Valley spielt die sogenannte Pay-Forward-Kultur eine wichtige Rolle», sagt er. Ehemalige Jungunternehmer, die zu etablierten Grössen angewachsen sind, nehmen sich dabei in einer Alumni-Funktion der Startups an und sorgen oftmals auch für deren Finanzierung. Mit den gängigen Mitarbeiterbeteiligungsprogrammen der grossen Unternehmen wie Google oder Facebook aber auch durch die erfolgreichen Exits von Gründern wird viel freies Kapital für die Finanzierung von Startups geschaffen. 


Innovationsspritze für den Standort 
In den USA, speziell im Silicon Valley an der Westküste, in New York und Boston an der Ostküste wie auch in Austin Texas an der «third coast» haben sich mittlerweile starke Netzwerke gebildet. Die SSUF will in der Schweiz im kleinen Rahmen Ähnliches erreichen. Hier braucht es dazu laut Radelfinger aber einen stärker institutionalisierten Rahmen, den der Goldbach Digital Media Accelerator mit der Swiss Startup Factory bieten könne. «Das Ziel ist ein Ökosystem für Innovationen im digitalen Medienbereich – letztlich muss auf dem Produkt nicht unbedingt Goldbach stehen. Wir werden künftig auch weitere Medienunternehmen ansprechen, denn der ganze Medienstandort soll profitieren», so Radelfinger. Der Begriff «Frenemies» hat sich in den USA schon für dieses Prinzip etabliert: Zum Zwecke der Innovationsförderung werden dabei Konkurrenten zu Partnern. 

 

«Ziel ist ein Ökosystem für ­Innovationen im digitalen Medienbereich»


Beacons als Umsatzmotor
Doch noch ist das Zukunftsmusik. Jetzt geht es an die konkrete Arbeit. Über 50 Ideen aus dem Bereich der digitalen Media-Technologien sind nach dem Goldbach-Aufruf eingegangen, zehn kamen in die engere Auswahl, sechs mussten gegeneinander antreten und beaconsmind ist es geworden. Etwas untypisch für das Programm, weil Max Weiland sein Unternehmen schon ge­gründet hat. Doch sein Modell ist so gut und das Thema so heiss, dass Radelfinger die Wahl als einen Glücksgriff be­schreibt. Die beaconsmind AG aus Zürich hat sich auf die sogenannten iBeacons spezialisiert. Diese kleinen Sender auf Bluetooth-Basis ermöglichen einen automatisierten Informationsaustausch über mobile Endgeräte wie Smartphones, Smartwatches oder Tablets. In diesem Falle dienen sie dazu, Kunden Nachrichten über Rabatte oder Angebote zu übermitteln, beispielsweise wenn sie in der Nähe einer bestimmten Filiale sind. Hat er zufällig Zeit und ist in Shopping-Laune, klingelt die Kasse. Auf der anderen Seite verhelfen Beacons Einzelhändlern zu Informationen über ihre Kunden, die – richtig ausgewertet und eingesetzt – wiederum für Marketingmassnahmen goldwert sind. Der Gründer Max Weiland ist überzeugt: « Beacons können den Umsatz am Verkaufsort entscheidend ankurbeln.» Er hat eine Plattform entwickelt, auf der Einzelhändler diese Daten verwalten, zentral auf sie zugreifen und sofort nutzen können. 


Kommunikation über Werbebildschirme
Der Kunde ist auf Sendung, wenn die Technologie in sein mobiles Endgerät integriert wurde – entweder über eine weitverbreitete App von Dritten oder eine eigene. Eine Option ist, die Kundenkarte zu virtualisieren. Das hat die beaconsmind AG für das Modeunternehmen Tommy Hilfiger umgesetzt: Heute gibt es die Hilfiger Club Card als App und dient als persönliche Kundenplattform. Das junge Unternehmen arbeitet auch mit dem Schmuckhändler Pandora Schweiz zusammen oder mit der Bollag-Guggenheim-Group, die in der Schweiz Marken wie Marc O’Polo oder Guess auch in eigenen Läden vertreibt. 
Für Goldbach ist die beaconsmind-Plattform eine Möglichkeit, Multichannel- und Multiscreen-Angebote miteinander zu verbinden. Beacons sind also nützliche Helfer, die Welt auf der Strasse und im Shop mit digitalen Modellen miteinander zu verbinden. Für das Goldbach-Segment Digital Out of Home bedeutet das: Über die Bildschirm-Werbesysteme der sogenannten Ad-Screen-Netzwerke könnten in einer Verkaufsstelle oder auch in öffentlichen Transportmitteln via Beacons Rabatt-Gutscheine verteilt werden. Natürlich mit persönlicher Ansprache und Angebote, die speziell auf die Vorlieben des Kunden zugeschnitten sind. Die Beacon-Reichweite liegt zwischen 50 Zentimetern und 50 Metern und kann gut auch über Bildschirme im öffentlichen Raum eingesetzt werden. Noch sind flächendeckende Projekte rar. Einen ersten Versuch für ein Beacon-Marketing-Netzwerk startet in Deutschland der Werbevermarkter Ströer. Er lässt nach einer Pilotphase 50000 Beacon-Sender in Werbeträger installieren.


Mobilmarketing ist die Zukunft
Radelfinger sieht für neue Marketing-Lösungen im Mobil-Bereich eine grosse Zukunft. «Schon heute finden über die Hälfte der Zugriffe auf Publishing- oder auch Service-Plattformen über mobile Endgeräte statt.» Mobilmarketing ist einer der fünf zentralen Trends, in die Goldbach investiert. Doch neue skalierbare und effektive Werbeformate und -prozesse sind laut Radelfinger selten und heiss begehrt. «Mit unserem Innovationsprogramm bündeln wir interne und externe Kräfte – und arbeiten am liebsten mit jungen, wendigen Unternehmen zusammen, die innovativ bleiben, weil sie ihre Freiheit behalten», so Radelfinger. 


VZH