Mittwoch, 18. Oktober 2017 2:18 Uhr
Mehr Frauen in Führungspositionen – davon würden alle profitieren. Bild: zVg/Liip AG

Gleichheit lohnt sich

Gleichstellung  Könnten mehr Männer Teilzeit arbeiten, würden wir in Sachen Gleichberechtigung einen grossen Schritt vorwärts machen. Denn davon würden nicht nur die Väter profitieren.

 

Text Roman Brauchli

 

Männer verdienen im Durchschnitt knapp 20 Prozent mehr als Frauen. Dies ist aber nicht primär auf eine lohndiskriminierende Behandlung durch die Arbeitgeber zurückzuführen, sondern vor allem auf strukturelle Faktoren. Wie eine Studie von Avenir Suisse von 2015 zeigt, sind die aus marktwirtschaftlichen Gründen nicht zu rechtfertigenden Lohunterschiede wesentlich niedriger als die beklagten 20 Prozent. Ein Grossteil der ­Lohnunterschiede muss damit erklärt werden, dass Frauen häufiger Berufe mit schlechter bezahlten Jobs wählen oder auf ein Vollzeitpensum und eine steile Karriere zugunsten von mehr Kinderzeit verzichten. Die lohnrelevante Berufspraxis ist damit im Durchschnitt geringer als bei den männlichen Kollegen. Mit anderen Worten: Der Grundsatz «gleicher Lohn für gleiche Arbeit» ist in der Umsetzung viel weiter fortgeschritten, als es viele wahrhaben wollen. Die Arbeitgeber können für jene 20 Prozent also nur teilweise verantwortlich gemacht werden.

 

Dennoch ist selbst jener Teil der Lohnschere, der durchaus aus den üblichen Regeln am Arbeitsmarkt zu erklären ist, nicht mit unseren Idealvorstellungen von einer gerechten und fairen Arbeitsteilung zu vereinbaren. Wieso entscheiden sich viele Frauen gegen eine anspruchsvolle Karriere? Sollten nicht mehr Frauen in den Chefetagen der Unternehmen über die wirtschaftlichen Geschicke unseres Landes mitbestimmen, schlicht und einfach deswegen, weil dies die Bevölkerung adäquat in der Wirtschaft abbilden würde? Und wieso gibt es eigentlich so wenige Ingenieurinnen und Softwareentwicklerinnen? Solche und ähnliche Fragen zeigen, dass das Thema Gleichstellung mit dem ansonsten fairen Wettbewerb des freien Arbeitsmarktes noch nicht erledigt ist.

 

Vielfalt als Mehrwert

Freilich können Unternehmen dennoch einiges zur Gleichstellung beitragen. Denn der Weg zu egalitäreren Lohnverhältnissen führt letztlich über einen Arbeitsmarkt, der die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben besser gewährleistet, über eine Gleichstellungspolitik, die sich primär als Familienpolitik versteht. Erst wenn Teilzeitstellen keine Karrierekiller mehr sind, mehr Vaterschaftsurlaub gewährt wird und flexible Arbeitszeitmodelle gefunden werden, wird auch die verbleibende wirtschaftliche Ungleichstellung verschwinden. Denn erst dann können Mütter mehr arbeiten, mehr Zeit in ihre Karriere investieren und so lohnrelevante Berufserfahrung ansammeln. Denn eines zeigte die Studie von Avenir Suisse auch: Die entscheidenden Lohnunterschiede bestehen zwischen Vätern und Müttern – nicht zwischen Frauen und Männern.

Wer an dieser Stelle die beschränkte Flexibilität insbesondere von kleineren Betrieben anführt, sollte bedenken, dass sich eine Diversitätsstrategie auch in unternehmerischer Hinsicht lohnt. Wie diverse Studien zeigen, sind Unternehmen mit einer gut durchmischten Belegschaft im Durchschnitt erfolgreicher, gemischte Teams wesentlich produktiver. Diversität im Team ist natürlich nur über entsprechende Arbeitsbedingungen zu haben, welche die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch wirklich gewährleisten. So könnte nicht nur das oft beklagte brachliegende Potenzial der top ausgebildeten weiblichen Fachkräfte besser genutzt werden, es würde auch mehr Vielfalt in die Betriebe hineingetragen, was letztlich zum unternehmerischen Erfolg beiträgt.

Der Prix Balance wird alle drei Jahre vom Kanton Zürich an Firmen verliehen, welche die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit vorbildlich umsetzen. Im Oktober 2017 wird der Preis zum dritten Mal verliehen. Wir haben bei der Kuhn Rikon AG, der letztmaligen Gewinnern, nachgefragt, wie die Vereinbarkeit im Betrieb umgesetzt wird. Die Liip AG, Gewinnerin des Prix Egalité des Kaufmännischen Verbands, gewährte ebenfalls Einblick in ihre Personalpolitik. Und auf der nächsten Seite erklärt Yvonne Seitz, Diversity Manager bei der AXA Winterthur, wie ihr Unternehmen für eine gute Vereinbarkeit und attraktive Arbeitsbedingungen sorgt.

Die Belegschaft der Kuhn Rikon AG schätzt die Individualisierung der Arbeitszeit. Bild: zVg

Kuhn Rikon AG

 

Die Kuhn Rikon AG aus dem zürcherischen Tösstal produziert seit 1926 Kochgeschirr für den Privathaushalt. 1949 lancierte das Unternehmen sein wohl erfolgreichstes Produkt, den Dampfkochtopf Duromatic, der schnell zum Schweizer Klassiker avancierte. Inzwischen gehören Brat- und Wokpfannen, Brot- und Rüstmesser, Backformen, Vakuumier-Boxen und viele weitere Küchenutensilien zur Produktepalette. Im nach wie vor inhabergeführten Familienbetrieb arbeiten zurzeit rund 190 Mitarbeitende. 

Für Daniel Obrist, Leiter Dienste bei der Kuhn Rikon AG, sind es die Flexibilität und Lösungsbereitschaft sowohl des Unternehmens wie auch der Mitarbeitenden, die für eine gute Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben sorgen und diese überhaupt möglich machen: «Als KMU mit rund 190 Mitarbeitenden in der Schweiz haben wir keine niedergeschriebene Regelung, wie wir mit diesem Thema umgehen. Zu unterschiedlich und individuell sind die Bedürfnisse unserer Mitarbeitenden.» 

 

Zentrale Bausteine der Vereinbarkeitsstrategie seien die Förderung von Homeoffice, die Unterstützung bei Betreuungspflichten sowie eine grösstmögliche Individualisierung der Arbeitszeit. Die Personalleiterin beispielsweise arbeitet bei einem 100-Prozent-Pensum ein bis zwei Tage im Home­office. Entscheidend sei jedoch die Bereitschaft, gemeinsam nach individuellen Lösungen zu suchen. «Unsere Mitarbeitenden können auf ihre direkten Vorgesetzten oder die Personalabteilung zugehen und mit diesen persönliche Anliegen besprechen. Sie wissen, dass wir unkomplizierte und individuelle Lösungen finden», erläutert Daniel Obrist. Die Bereitschaft, auf die individuelle Lebenssituation der Mitarbeitenden einzugehen, bedinge auf der anderen Seite deren grosse Loyalität mit dem Unternehmen. Die Mitarbeitenden schätzten die Flexibilität sehr und zeigten eine überdurchschnittliche Identifikation mit der Firma, so Obrist. Nach der Aufhebung des Mindestkurses durch die SNB stiess die vorübergehende Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 40 auf 42 Stunden 
für ein Jahr auf viel Verständnis – ohne dass dies finanziell vergütet worden wäre.

Die Liip AG zeigt: Teilzeit ist möglich. Fast alle Väter arbeiten weniger als 100 Prozent. Bild: zVg

Liip AG

 

Die Liip AG ist an insgesamt fünf Standorten in der Schweiz (Zürich, Bern, Fribourg, St. Gallen und Lausanne) präsent und beschäftigt aktuell rund 150 Mitarbeitende, darunter auch zehn Lernende im kaufmännischen und im Bereich Applikationsentwicklung. Ein Fokus der jungen Softwareentwicklungsfirma liegt auf der Entwicklung von Lösungen für den Auftritt im Web. Neben Custom-Web-Development bietet das Unternehmen auch Content-Management-Systeme, App-Entwicklungen, API sowie E-Learning und E-Commerce-Plattformen. Für die Migros entwickelte die Liip AG die Konsumenten-Plattform «Migipedia», auf der Kunden sich über Produkte austauschen und sich aktiv an neuen Produktentwicklungen beteiligen können.

 

Als Gewinnerin des Prix Egalité setzt die Liip AG ganz auf eine familienfreundliche Personalpolitik. Zwei Drittel der Belegschaft arbeiten Teilzeit. Frischgebackene Väter beziehen einen vierwöchigen, bezahlten Vaterschaftsurlaub und die Kinderzulagen werden sogar verdoppelt. Mütter erhalten während 16 Wochen 100 Prozent Lohn, statt der gesetzlich vorgeschriebenen 80 Prozent. Die Familienfreundlichkeit entspricht dabei durchaus einem Grundsatzentscheid, wie Nadja Perroulaz, Partnerin der Liip AG, festhält: «Seit der Firmengründung hat Gleichstellung einen hohen Stellenwert. Uns geht es um die Gleichberechtigung der Mitarbeitenden, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrem Alter oder ihrer Herkunft, weil Gleichstellung gerecht ist.» Natürlich ist dies im gegenseitigen Interesse aller Beteiligten, schliesslich fördere eine gute Vereinbarkeit die Mitarbeiterzufriedenheit, ist Perroulaz überzeugt: «Teilzeitarbeit ermöglicht auch in den Familien eine Gleichstellung bei der Kindererziehung, im Haushalt sowie im Beruf. Insgesamt motivieren diese Faktoren die Mitarbeitenden und sorgen für eine ausgeglichene Leistung.» 

Angesichts des Fachkräftemangels und den vieldiskutierten Ansprüchen der Generation Y sind diese Faktoren nicht zu unterschätzen. Insbesondere jüngere Mitarbeitende konnten durch die attraktiven Arbeitsbedingungen für das Unternehmen gewonnen werden, wie Nadja Perroulaz betont. «Bei uns ist Teilzeitarbeit kein Karriererisiko. Fast alle Väter bei Liip arbeiten Teilzeit. Dadurch tragen sie dazu bei, dass sich ihre Partnerinnen weiterhin im Berufsleben engagieren können.» Dass dies im Wettbewerb um junge Talente ein entscheidender Vorteil ist, dürfte klar sein.

VZH