Montag, 10. Dezember 2018 8:31 Uhr

In vier Schritten zum Fintech-König

Führungsrolle  Die Schweiz belegt in Sachen Innovationsfähigkeit international den ersten Platz. Sie hat daher gute Chance, auch bei der Digitalisierung der Finanz­industrie eine Führungsrolle zu übernehmen. In den meisten Fintech-Rankings taucht die Schweiz aber gar nicht auf. Was ist zu tun, um den Finanzplatz Schweiz für die Zukunft zu rüsten?

 

Text Thomas Puschmann

 

Investitionen von Wagniskapital in Fintech-Startups wie etwa Wealthfront in den USA oder Lending Club in Grossbritannien haben sich zwischen 2013 und 2014 auf mehr als zwölf Milliarden US-Dollar mehr als vervierfacht. 2015 haben die Investitionen mit über 22 Milliarden US-Dollar nochmals deutlich zugenommen. Dabei entfiel der Löwenanteil auf die USA, gefolgt von Asien und Europa. Die Schweiz ist mit Investitionen im zweistelligen Millionenbereich bislang relativ unbedeutend.

 

London, Singapur und Hongkong mit ­Vorsprung

Die eindrücklichen Investitionssummen belegen die Relevanz des Themas. Inzwischen hat London New York als bedeutendster Finanzplatz abgelöst. Dies ist auch eine direkte Konsequenz der hohen Investitionen in diesen Bereich, die London in den letzten Jahren getätigt hat. So stellte die City of ­London den Fintech-Firmen mit dem «Level39» einen Coworking Space zur ­Verfügung, in dem die neugegründeten Unternehmen gemeinsam mit den etablierten Akteuren praxistaugliche Lösungen entwickeln können. Der englische Regulator, die Federal Conduct Authority (FCA), richtete ausserdem eine Beratungsstelle für Startups ein. Auch die Bank of England hat mit richtungsweisenden Ansätzen zum Beispiel für virtuelle Währungen wie Blockchain früh den Nährboden für Innovationen bereitet. Zudem hat die englische Hauptstadt für Investoren günstig Voraussetzungen ­geschaffen, damit sich auch Startups ansiedeln können. Investitionen von Privatinvestoren in Startups sind steuerlich mit 50 Prozent abzugsfähig. Als übergreifende Organisation koordiniert die «Innovate Finance» Marketing und ­Kommunikation und zieht aus aller Welt Talente und Unternehmen an. 

Auch Singapur investiert 225 Millionen Singapur-Dollar (SGD) in den Aufbau eines florierenden Fintech-Ökosystems. Ähnlich wie in London entsteht dort mit dem ­«LATTICE 80» ein zentraler ­Innovations- und Kollaborationshub. Die Monetary Authority of Singapore (MAS) hat mit der «FinTech & Innovation Group» eine spezielle Einheit etabliert, die ein Innovations­labor (Looking Glass @ MAS) betreibt. Ähnlich wie in ­Singapur ist auch Hongkongs Ansatz zentralisiert. So stellt die für das Fintech-Programm verantwortliche «Steering Group on Financial Technologies» fünf Milliarden Hong Kong-Dollar für ­verschiedenste Aktivitäten zur Verfügung. Darüber hinaus entwickelt die Organisation auf dem «Cyberport ­FinTech Smart Space» einen Hub zur Zusammenarbeit der ­unterschiedlichen Akteure. Zudem wartet auch die Hong Kong Monetary Authority (HKMA) mit einer eigenen Fintech-­Abteilung auf, die ein eigenes Labor betreibt.


Digitalisierung erfordert neue Ökosysteme
Die Konvergenz und der Vernetzungseffekt verschiedenster Technologien und Dienste beruhen auf der immer grösseren Leistungsfähigkeit von Hardware wie etwa Smartphones und elektronischen Diensten wie beispielsweise Cloud Computing und Big Data. Dies führt zur Verkürzung von Produktlebenszyklen und des Time-to-Market. Um mit dieser Innovationsgeschwindigkeit mitzuhalten, muss das Innovationsmanagement vollständig neu organisiert und die Innovationswertschöpfungskette besser integriert werden. So gab es ein MP3-Kompressionsformat für digitale Musik schon seit den 1980er-Jahren, bevor Apple 2005 eine Infrastruktur und entsprechende Dienste anbot. Das Format wurde am Fraunhofer-Institut Erlangen und an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entwickelt. Um die Zeit zwischen Invention und Umsetzung zu verkürzen, entstehen deshalb rund um die Welt verschiedenste «Leuchtturmprojekte», welche die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis intensivieren sollen. Statt auf ein lineares setzen diese Projekte auf ein vernetztes Innovationsmodell. An der Universität Stuttgart soll etwa mit dem «Active Research Environment for the Next Generation of Automobiles» (ARENA 2036) ein Forschungszentrum entstehen, an dem Wissenschaftler und Praktiker die Zukunft der Mobilität unter dem Einfluss der Digitalisierung erforschen. New York eröffnet im nächsten Sommer auf Roosevelt Island den neuen Campus «Cornell Tech», auf dem Startups, eingesessene Unternehmen und Forscher gemeinsam an Konzepten für die Zukunft unter anderem im Medienbereich arbeiten.

 

Die vier Eckpfeiler
Die Finanzindustrie beruht primär auf Informationen als produzierten «Gütern». Der Effekt der Digitalisierung auf die Branche ist daher ähnlich gross wie in anderen informationsintensiven Industrien wie der Musik- oder der Medienindustrie. Für die Finanzdienstleister kann deshalb eine engere Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren von grossem Nutzen sein. Mindestens vier wesentliche Eckpfeiler sind hierbei relevant und sollten in ­Zukunft verstärkt werden:


1.  Es müssen entsprechende Rahmenbedingungen an den Hochschulen geschaffen werden. Neue Professuren, Studiengänge und Kurse sind einzurichten, welche den Anforderungen der zukünftigen Mitarbeitenden von Finanzdienstleistern in der digitalisierten Welt gerecht werden. Deren Kompetenzen müssen stärker interdisziplinär ausgebildet werden und nicht mehr isoliert in einzelnen Bereichen wie Banking and Finance oder (Wirtschafts-) Informatik. Dafür müssen die etablierten Grenzen zwischen den klassischen Hochschuldisziplinen aufgebrochen werden. Die Universität Zürich hat jüngst mit der «Digital Society-Initiative» einen Schritt in diese Richtung unternommen. 


2.  Einen zweiter Eckpfeiler bildet die enge inhaltliche wie räumliche Vernetzung von Wissenschaft und Praxis über die gesamte Innovations­wertschöpfungskette hinweg – von der Ideengenerierung über die Konversion bis hin zur Diffusion neuer Lösungen. Damit werden sowohl der Innovationstransfer in die Unternehmen hinein (Intrapreneurship) als auch die Entwicklung von Startups aus den Hochschulen heraus (Entrepreneurship) noch besser gefördert. Dafür ist ­Forschung in verschiedenen Themenbereichen zentral. Hierzu gehören beispielsweise zukünftige Finanzmarktinfrastrukturen auf Basis von Blockchain-Technologien, Open API-Ansätze und Client Behavior-Konzepte. 


3.  Es sind auf Praxisseite die wesentlichen Akteure besser zu vernetzen. Dies betrifft neben den Banken, Versicherern und Startups alle relevanten Dienstleister, Wagniskapitalgeber, die Politik und Verbände. 


4.  Es sind übergreifende Aktivitäten zu koordinieren. So ermöglicht etwa der frühe Einbezug der Finma in die Entwicklung innovativer Lösungen, dass diese regulatorischen Anforderungen gerecht werden. Die Finma plant in diesem Zusammenhang unter anderem eine «Innovatorenlizenz» zu lancieren.

 

Zukunftschance für die Schweiz 
Die Schweiz hat grosses Potenzial, zumal viele «Zutaten» bereits vorhanden sind: ein starker Finanzplatz mit international relevanten Akteuren, eine starke Hochschullandschaft und das erforderliche Kapital. Nicht nur der Finanzsektor, sondern die gesamte Schweizer Volkswirtschaft könnte von einem neuen Ökosystem profitieren, in dem neue Arbeitsplätze generiert werden. Damit kann der hohe Wertschöpfungsanteil der Finanzindustrie erhalten bleiben und langfristig sogar ausgebaut werden. Die «Transformationsreise» der Finanzindustrie hat gerade erst begonnen. Die Schweiz sollte die Chance, hierin eine führende Rolle zu spielen, wahrnehmen.

 

 

 

 

 

 

 

Der Autor
Dr. Thomas Puschmann ist Direktor des Swiss FinTech Innovation Lab an der Universität Zürich. Zudem ist er Co-Autor des Buches «Digitalisierung der Finanzindustrie – Grundlagen der Fintech-Evolution». Das Buch beschreibt die digitale Transformation und die Veränderung der Arbeitsteilung im Finanzsektor und illustriert diese Prozesse anhand von Modellen und Beispielen.

VZH