Donnerstag, 17. Januar 2019 19:57 Uhr
Projekt «Linie 12»: Der Shuttle des Swiss Transit Lab verkehrt im Zentrum von Neuhausen im Linienbetrieb. Fotos: zVg/Swiss Transit Lab, VBZ

Transformation 
am Rheinfall

Swiss Transit Lab – In Schaffhausen wird erstmals ein selbstfahrender Bus im Linienbetrieb des öffentlichen Verkehrs im Einsatz stehen. Das Swiss Transit Lab, das hinter dem Projekt steht, will sich damit als Innovationshub rund um das ­Thema automatisiertes Fahren positionieren.

 

 

Von Roman Brauchli

 

 

Ab Ende März verkehrt ein autonomer Shuttlebus im Zentrum von Neuhausen. In der Gemeinde am Rheinfall bei Schaffhausen wird damit erstmals ein selbstfahrendes Fahrzeug in den öffentlichen Verkehr integriert. Der Bus der Linie 12 wird zwischen Zentrum und Industrieplatz im Linienbetrieb unterwegs sein und Platz für elf Personen bieten. Im Gegensatz zu anderen Projekten wie dem «SmartShuttle» der PostAuto AG, das seit 2016 in der Innenstadt von Sitten die Fahrgäste bedient, ist der Schaffhauser Shuttlebus in das Leitsystem der Verkehrsbetriebe Schaffhausen (VBHS) eingebunden. «Uns ist kein anderes Projekt bekannt, bei dem selbstfahrende Fahrzeuge zusammen mit der traditionellen Flotte überwacht und gesteuert werden», erklärt Dominique Müller, Geschäftsführer von AMoTech, den Unterschied. «Nur bei unserem Projekt wird das Fahrzeug auf den Darstellungen der Leitstelle zusammen mit den anderen Fahrzeugen gezeigt. Und nur bei uns erscheint das Fahrzeug auf den Haltestellenanzeigen und kann übers Internet und das Smartphone überwacht werden.»

 

Als Geschäftsführer der AMoTech, einer Tochtergesellschaft des weltweit tätigen ÖV-Systemspezialisten Trapeze, ist er zusammen mit den Verkehrsbetrieben Schaffhausen und der Standortentwicklung des Kantons verantwortlich für das Projekt. Gemeinsam haben die beteiligten Partner Anfang 2018 das Swiss Transit Lab gegründet, das sich als internationales Labor zur Mobilität der Zukunft positionieren möchte. Noch wird der Shuttlebus im Testbetrieb eingesetzt, und noch muss aus Sicherheitsgründen eine Aufsichtsperson das Fahrzeug begleiten, doch die Partner sehen grosses Potenzial von selbstfahrenden Fahrzeugen im öffentlichen Verkehr. Eine Streckenerweiterung ist bereits geplant. Dereinst soll der Shuttle vom Neuhauser Ortzentrum zum Rheinfall fahren.

 

Auf dem Weg zum automatisierten ÖV

Begleitet wird das Projekt einer ETH-Studie, die die Auswirkungen von selbstfahrenden Fahrzeugen auf die Gesellschaft untersuchen soll. Dafür werden Fragebogen an rund 8000 Einwohner des Kantons Schaffhausen versandt, um deren Einstellung gegenüber dem automatisierten Verkehr abzuklären. Doch der vollautomatisierte ÖV wird so schnell noch nicht Realität sein. Noch sind die technischen Herausforderungen gross. Bei den heutigen Bussen handle es sich um die erste Generation selbstfahrender Fahrzeuge, erklärt Dominique Müller. Das aktuelle Modell könne beispielsweise noch nicht selbständig Verkehrshindernissen ausweichen. Im Moment bleibt das Fahrzeug einfach stehen, wenn ein unvorhergesehenes Hindernis auf der Fahrbahn auftaucht. Zudem sei ein Betrieb nur auf einer vordefinierten Route möglich, wobei der Streckenverlauf vorgängig in eine digitale Karte eingelesen werden muss.

 

Die Vorteile eines dereinst automatisierten öffentlichen Verkehrs sind jedenfalls vorhanden. «Fahrzeuge in der Grösse des eingesetzten Shuttlebusses sind ideal, um Quartiere an die nächstgrössere ÖV-Linie anzubinden», erklärt Christoph Wahrenberger, Leiter Kommunikation VBHS. «Auf dem Rückweg könnten die Fahrgäste wieder am ÖV-Hub abgeholt und in die Quartiere verteilt werden. Nebst den städtischen Quartieren können solche Lösungen auch den dünn besiedelten ländlichen Raum erschliessen oder Ausflugsziele, die dadurch autofrei würden.» Mit selbstfahrenden Fahrzeugen könnte aber nicht nur ein dichteres öffentliches Verkehrsnetz aufgebaut und damit entlegenere Gebiet angebunden werden, das Angebot könnte zudem passgenauer auf die Mobilitätsbedürfnisse der Bevölkerung zugeschnitten werden. Denkbar seien etwa On-Demand-Angebote mit flexiblen Routen und Halteorten, sagt Wahrenberger. Vielleicht wird es so in Zukunft möglich sein, Shuttlebusse des öffentlichen Verkehrs wie Taxis an einen bestimmten Ort zu bestellen.

 

Noch ist das Zukunftsmusik, doch die Ziele des Swiss Transit Lab sind ambitioniert. «Unser Ziel ist es, dass sich das Swiss Transit Lab in Zukunft zu einem Kompetenzzentrum rund um die Themen Verkehr und Smart City entwickelt», sagt Patrick Schenk von der Regional- und Standortentwicklung des Kantons Schaffhausen. Neben dem aktuellen Projekt «Linie 12» werden weitere Projekte hinzukommen. Ziel sei es vorerst, Erfahrungen im Bereich moderner Mobilitätslösungen zu sammeln. Was hingegen bereits jetzt klar zu sein scheint: In Zukunft wird Mobilität vorwiegend als Dienstleistung über verschiedene Verkehrsträger verstanden. Klar ist auch, dass aufgrund der Komplexität dazu verschiedene Stakeholder zusammenarbeiten müssen. Das Swiss Transit Lab dürfte in diesem Sinn ein erster Schritt in die richtige Richtung sein.

Stadtpräsidentin Corine Mauch präsentierte zusammen mit VBZ-Direktor Dr. Guido Schoch den «Self-e». Bild:zVg

VBZ testete 
selbstfahrenden Shuttlebus

Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) führten vom 9. bis 23. Februar 2018 einen Testbetrieb mit dem selbstfahrenden Shuttle des Swiss Transit Lab durch. Während der Betriebszeiten verkehrte der Bus auf dem abgesperrten VBZ-Areal in Zürich Altstetten, wo Mitarbeitende ihn während zwei Wochen testen konnten. Dabei legte er eine Strecke von 1,3 Kilometer zurück und steuerte fünf Haltestellen an, wobei auch eine Buskante angefahren wurde. Das Fahrzeug musste sich auf dem Areal im Werkverkehr zurechtfinden und querte Testgleise auf dem Areal. Auf seinen Fahrten wurde der Elektrobus von einer Begleitperson begleitet, die im Notfall eingreifen konnte. Der «Self-e» orientierte sich dabei mit GPS und verschiedenen Lidar-Laserscannern sowie Kameras und konnte damit Hindernisse erkennen und Kollisionen vermeiden.


Die VBZ nannten das Projekt «Self-e», weil der eingesetzte Shuttle selbst­fahrend ist und rein elektrisch angetrieben wird. Die VBZ möchte aus dem Test Rückschlüsse auf die aktuellen technischen Möglichkeiten im Bereich des automatisierten Fahrens ziehen, um Erfahrungen für einen späteren Betrieb autonomer Fahrzeuge zu sammeln, wie das Unternehmen der Stadt Zürich in einer Mitteilung schreibt. Gegenstand des Projektbetriebs ist auch die Frage, wie sich das automatisierte Fahren auf die Mobilität der Zukunft auswirken wird. Gemäss Stadtpräsidentin Corine Mauch müsse das Projekt in einem umfassenderen Kontext gesehen ­werden. Wichtig sei es, Lösungen ­auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Die VBZ verfolgen als Unternehmen der Stadt Zürich das Ziel, die Chancen der technischen Innovation und der fortschreitenden Digitalisierung zu nutzen. Zu den erklärten Zielen der VBZ für das Jahr 2018 gehöre es, konkrete Erkenntnisse zum Potenzial von autonomen Fahrzeugen zu gewinnen.

VZH