Donnerstag, 17. Januar 2019 20:15 Uhr
Vom Bus aufs Mietauto umsteigen: Mobility verfügt über das grösste Flottennetz hierzulande und dominiert den Carsharing-Markt noch. Foto: zVg / Mobility
In Berlin kann man Scooter auch mieten. Die Firma Coup ist 
derzeit der grösste ­Anbieter. Foto: zVg / Coup

Vernetzt von A nach B

Sharing Mobility – Sharing im Mobilitätsbereich wird zunehmend ­beliebter. Dies zeigt eine Studie der ZHAW. Langfristig dürften die neuen Angebote den ­Mobilitätsmarkt gründlich aufmischen.

 

 

Von Roman Brauchli

 

 

Sharing-Angebote erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Die Flottengrösse stieg im 2017 bei praktisch allen Anbietern an – sei es beim Bike- oder beim Carsharing, sei das in Paris, London oder Berlin. Dies zeigt die jüngste Studie von ZHAW-Studierenden des Studiengangs Verkehrssysteme. Immer mehr Menschen mieten ein Fahrzeug lieber, anstatt es zu besitzen. Dadurch sparen sie Geld und Zeit, indem weder Parkplatzsuche noch Wartungskosten zum Problem der Nutzer werden. Langfristig führe dies auch zu einer grundsätzlichen Veränderungen des Mobilitätskonzepts, wie Studiengangleiter Thomas Sauter-Servaes erklärt.

  
Für die Nutzer besonders erfreulich: Die Preise sanken teilweise massiv im Vergleich zum Vorjahr, besonders beim Bike-Sharing, wo neue Anbieter auf den Markt drängten. Zudem werden in verschiedenen europäischen Städten inzwischen auch Scooter im Sharing-Modell genutzt. Zwar ist der Motorroller-Verleih noch deutlich teurer als eine vergleichbare Mobilitätsdienstleistung durch den ÖV, doch die Preise dürften sich langfristig angleichen, wenn die Flotten­grös­se und die Anzahl Nutzer weiter steigt.


Kritische Grösse
Beim Carsharing verzeichnete Barcelona den deutlichsten Anstieg bei der Anzahl Fahrzeuge. Um 40 Prozent ist die Flottengrösse über alle Carsharing-Anbieter gewachsen. In Berlin gab es über 300 neue Fahrzeuge mehr auf dem Markt, in Paris sogar 600. Und auch beim klassischen Verkehrsträger sinken die Preise konti­nuier­lich, auch wenn der ÖV in den meisten Städten noch günstiger ist.


Dies ist noch ein deutlicher Nachteil, doch mit zunehmender Anzahl Nutzer dürften sich die Preise angleichen. Zum einen ist die Sharing-Branche auf eine dichte, städtische Besiedlung angewiesen und damit auf viele Nutzer. Nur so kann eine hohe Auslastung der Fahrzeuge erreicht werden. Zum anderen steigt mit der Flottengrösse auch die Attraktivität des Angebots. Bestes Beispiel dafür ist O-Bike.


Der Bike-Sharing-Anbieter überschwemmte letztes Jahr Zürich förmlich mit neuen Fahrrädern. Per Smartphone kann man das Fahrrad orten, das Schloss entriegeln und an einem beliebigen Orten der Stadt wieder abstellen. Doch erst durch eine kritische Grösse ist es für einen Anbieter überhaupt möglich, solche ­One-Way-Angebote zu schaffen: Nutzer steigen an einem Ort ins Fahrzeug ein und stellen es am Zielort ab. Solche Angebote sind natürlich einiges attraktiver und vor allem flexibler nutzbar als das klassische Rundfahrten-Modell, bei dem man sein Auto am gleichen Ort wieder abgegeben muss. 


Vernetzung als Treiber
Angetrieben wird die Entwicklung durch die Digitalisierung. Stationslose One-Way-Angebote funktionieren erst, wenn Fahrzeuge per Smartphone geortet und aufgeschlossen werden können. Denkbar ist ein künftiger Mobilitätsmarkt, in dem verschieden Anbieter ihre Dienstleistungen verknüpfen und dem Kunden einen Verkehrsträger übergreifenden Mobilitätsservice anbieten. Die Koordination der verschiedenen Dienstleistungen und die entsprechende Kommunikation mit dem Nutzer funktioniert wiederum nur über den Einsatz von digitalen Technologien (siehe Interview).


In welche Richtung sich die moderne Mobilität entwickeln könnte, zeigt die SBB mit ihrem Green-Class-Projekt. Vorerst 150 ausgesuchte Personen nutzen ein Kombiangebot über verschiedene Verkehrsträger: Neben einem 1.-Klasse-GA verfügen die Testpersonen über einen vollelektrischen BMW i3, das Carsharing-Angebot von Mobility sowie ein Zugang zu den rund 900 Leih-Velos und E-Bikes von PubliBike in 30 Städten.

Thomas Sauter-Servaes ­Studiengangleiter Verkehrs­systeme, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Winterthur. Bild: zVg

«Die Karten im Mobilitätsmarkt ­werden neu gemischt»

 

Sharing-Angebote verzeichnen über alle Verkehrsträger hinweg deutliches Wachstum. Liegt das am attraktiveren Angebot oder am Umdenken der Konsumenten?
Sharing-Angebote profitieren massiv vom Megatrend Digitalisierung. Weite Teile der Bevölkerung verfügen heutzutage über ein Smartphone und damit über den entscheidenden Schlüssel zur bequemen Nutzung von Sharing-Services. Aber es gibt noch viel tun, der Weg aus der Nische ist noch lang: Ohne besseren Zugang, wettbewerbsfähigere Preise und pfiffige Gesamtkonzepte wie die SBB Green Class wird es kein Umdenken bei einem Grossteil der Bevölkerung geben.


Wie werden die neuen Angebote unsere Mobilität verändern? 
Sharing-Dienstleistungen stellen den tradierten Besitzfokus in Frage: Muss ich wirklich etwas besitzen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Langfristig wird ein breites Spektrum an derartigen kollaborativen Mobilitätsservices – zu denen im weiteren Sinne auch der öffentliche Verkehr zählt – dazu führen, dass der Fahrzeugbesitz in der Rückschau aus dem Jahr 2030 als ein extrem ineffizienter Zeitgeist des 20. Jahrhunderts betrachtet wird. Der unreflektierte «Auto-matismus» bei der Verkehrsmittelwahl wird abgelöst durch eine bedeutend flexiblere Kombination unterschiedlicher Verkehrsangebote, die genauso bequem und sehr viel günstiger sein wird.


Der Verkehrsträger wird zunehmend irrelevant. Es geht um anbieter- und verkehrsträgerübergreifende Mobilitätsdienstleistungen. Wer ist der Anbieter dieser Dienstleistungen?
Dieses Rennen wurde gerade eröffnet. Natürlich gibt es viele, die zukünftig die Google-Plattform für Mobilitätsanfragen sein wollen. Sicher ist, dass ein grosses Ertragspotenzial vor allem in den neuen Ökosystemen rund um die Kerndienstleistung Verkehr liegen wird. Um diese intuitiv nutzbar zu gestalten, haben die global operierenden IT-Unternehmen hervorragende Startbedingungen und investieren derzeit entsprechend in grossem Stil in den Mobilitätsmarkt. Aber auch für die Schweiz ergeben sich aus der Abkehr vom Hardware-Fokus und der Etablierung neuer Mobilitätsdienstleistungen spannende Chancen. Die Karten im Mobilitätsmarkt werden neu gemischt.

 

Wieso werden autonome Fahrzeuge diese Entwicklung befeuern?
Weil autonome Fahrzeuge nur als Sharing-Fahrzeuge einen Beitrag zu einer Verkehrswende und damit einen Lösungsbaustein zu unseren aktuellen Verkehrsproblemen darstellen.


Welche Vorteile würde das neue Mobilitätsverhalten aus systemischer Sicht bieten?
Beispielrechnungen des International Transportation Forums für Lissabon zeigen, dass der heutige private Strassenverkehr mit nur 10 Prozent des gegenwärtigen Fahrzeugbestands abgewickelt werden könnte, wenn die Fahrzeuge automatisiert und geteilt betrieben würden. In der Lissaboner Innenstadt könnten Stellplatzflächen im Umfang von über 220 Fussballfeldern für andere Funktionen genutzt werden, weil man sie nicht mehr für das Abstellen von Autos benötigte. Rechnungen für Stuttgart oder München kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Diese «Technologierendite» gibt uns die einmalige Chance, attraktivere Infrastrukturen für Fuss- und Veloverkehr zu schaffen und die urbane Aufenthaltsqualität auf ein vollkommen neues Niveau zu bringen.


Welche Anreize braucht es, damit mehr Personen Sharing-Angebote nutzen?
Anreize allein werden leider kaum erfolgreich sein. Nur eine geschickte Kombination von Zuckerbrot und Peitsche wird uns angesichts unseres hohen Wohlstandsniveaus dazu bringen, uns in Zukunft umweltschonender und stadtverträglicher zu bewegen.

VZH