Freitag, 17. August 2018 3:27 Uhr
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«Weiterbildung auf Vorrat macht wenig Sinn»

Weiterbildung – Die Nachfrage nach Weiter­bildungsangeboten steigt stetig. Das hat vor ­allem mit dem technologischen Wandel zu tun. Doch wann ist eine Weiterbildung wirklich sinnvoll? Zwei Experten geben Antwort.

  

Von Roman Brauchli

 


Für die meisten Unternehmen ist die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter wichtig. Dies zumindest legen die Zahlen des Bundesamtes für Statistik nahe. Demnach unterstützten 2015 98 Prozent der KMU in irgendeiner Form die Weiterbildungsaktivitäten ihrer Mitarbeitenden. Bei den Kleinbetrieben (zehn bis 49 Mitarbeitende) liegt dieser Wert immerhin noch bei 87 Prozent. Eine nicht-repräsentative Umfrage des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB) hat zudem ergeben, dass ein Grossteil der Betriebe mehr in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden investieren wollen.


Dieses Ergebnis ist wenig überraschend. Viele Berufsbilder befinden sich im Wandel, manchen Berufen droht gar das Aus. Der Technologiewandel macht sich in allen Unternehmensbereichen bemerkbar. Entsprechend werden von den Mitarbeitenden andere Qualifikationen und Kompetenzen gefordert. Denkt man die Entwicklung konsequent weiter, wird klar, dass Weiterbildungen eine strategisch entscheidende Rolle für die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft einnimmt. Swissmem-Präsident Hans Hess hält sogar eine zweite «Lehre für Erwachsene» für denkbar, um sie aus den alten, im Verschwinden  begriffenen in die neuen Berufe hinüberzuführen (siehe UZ 2017, Nr. 9/10) – wohlgemerkt mit finanzieller Beteiligung des Bundes, um die Lohneinbussen wettzumachen. Diese Einschätzung deckt sich auch mit den Ergebnissen der KMU-Studie 2017 der Credit Suisse. Als eine der grössten Herausforderungen identifzierten die Unternehmen den Fachkräftemangel. Mehr als die Hälfte der Firmen hat Mühe, geeignete Kandidaten für offene Stellen zu finden.


Das alles zeigt: Angesichts des technologischen Wandels dürften Weiterbildungen weiter an Bedeutung gewinnen. Doch Bildung alleine nützt wenig, wenn die Praxisrelevanz fehlt. Entscheidend für die Qualität und den Nutzen der Weiterbildung ist immer die konkrete Anwendbarkeit. Eine «Weiterbildung auf Vorrat» macht wenig Sinn, wie Prof. Dr. Erik Nagel von der Hochschule Luzern – Wirtschaft sagt. Wir haben ihn und Theres Kuratli vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation darum gefragt, wann Weiterbildung wirklich sinnvoll ist.

Dr. phil. Theres Kuratli, Projektverantwortliche Ressort Weiterbildung und Projekte am Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI.
Prof. Dr. Erik Nagel ist Ressortleiter Weiter­bildung an der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

Wieso werden Weiterbildungen zunehmend wichtiger?
Erik Nagel Die Umwälzungen in Wirtschaft und Gesellschaft verlangen von Unternehmen, agil und kreativ zu sein. Sie müssen je länger je mehr mit unvorhergesehenen Entwicklungen zurecht kommen. Dabei braucht es neues Wissen und die Fähigkeit, über den Tellerrand der eigenen Erfahrungen hinauszuschauen. Bei einer Weiterbildung passiert genau dies. Unternehmen wissen das und sie wissen auch, dass es sich lohnt, in gute Weiterbildungen zu investieren, da so neues Konzept- und Erfahrungswissen in das Unternehmen integriert werden kann. Mitarbeitende setzen sich dann beispielsweise mit digitalen Tools im Controlling oder Marketing auseinander und können dieses Know-how im eigenen Unternehmen umsetzen.

 

Theres Kuratli Weiterbildung zeugt von Neugierde und Flexibilität und ist deshalb in einem sich schnell wandelnden Kontext wichtig.

 


Wann ist Weiterbildung wirklich sinnvoll und nicht bloss Profilierung gegenüber der Konkurrenz?
Erik Nagel Weiterbildungen sollte zur jeweiligen Arbeitssituation sowie zur Entwicklung der Person und des Unternehmens passen. Jeder Einzelne sollte sich gut überlegen, ob er die Weiterqualifizierung auch tatsächlich im Beruf oder für anstehende Entwicklungsschritte umsetzen kann. Eine Weiterbildung «auf Vorrat» zu absolvieren, macht wenig Sinn. Aber auch die Bildungsanbieter haben so zu beraten, dass Interessenten eine passende Weiterbildung zum passenden Zeitpunkt belegen. Die reine Menge an Weiterbildungen verschafft weder Unternehmen noch Einzelpersonen einen Konkurrenzvorteil.


Theres Kuratli Das Ziel von Weiterbildung sollte nicht ein unkritisches Sammeln von Zertifikaten sein, sondern zu im Arbeitsalltag verwertbaren Kompetenzen führen. Welche Weiterbildung sinnvoll ist, lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern hängt von vielen individuellen Faktoren wie persönliche Ausgangslage oder Karriereziele ab.

 


Nach welchen Angeboten wird vermehrt nachgefragt?
Erik Nagel Ganz generell lässt sich feststellen, dass das Interesse an modularisierten Angeboten stark zugenommen hat, also die Möglichkeit, mit einem Abschluss ein individualisiertes, auf die persönliche Situation und die beruflichen Anforderungen abgestimmtes Kompetenzprofil zu erlangen. Zudem lässt sich feststellen, das nebst generalistischen, branchenunabhängigen Führungs- und Managementangeboten auch branchenbezogene Angebote stark nachgefragt werden – zum Beispiel im Bereich Public Management. Zunehmend gewinnen aber auch spezialisierte Angebote wie in den Bereichen digitales Controlling, Onlinekommunikation oder Business Analytics an Bedeutung sowie Weiterbildungen, die in Kooperation mit Unternehmen oder Unternehmensnetzwerken realisiert werden.


Theres Kuratli Der Weiterbildungsmarkt ist sehr dynamisch und zeichnet sich dadurch aus, dass Angebote entstehen, wo eine Nachfrage vorhanden ist. Dieses Phänomen konnte man sehr gut beobachten, als der PC in den breiten Arbeitsalltag Einzug gehalten hat. Sowohl Angebot als auch Nachfrage waren damals enorm. Seither ist die Nachfrage nach Weiterbildung im Bereich Informatik wieder gesunken.

 

 

Wie reagiert Ihre Organisation auf die ­Situation am Weiterbildungsmarkt?
Erik Nagel Einerseits entwickeln wir neue Angebote, um dem Bedarf nach spezialisierten Programmen entgegenzukommen. So können Teilnehmende bei uns ganz gezielt neue Kompetenzen erwerben. Andererseits erhöhen wir die Möglichkeiten, einzelne Weiterbildungen zu kombinieren und so zu einem MAS-Abschluss zu gelangen. Dennoch ist aufzupassen, dass man bei der Weiterentwicklung der Angebote keiner Mode aufsitzt. Management-, Steuerungs-, Gestaltungs- und Führungsaufgaben bleiben bestehen – es ändern sich, wie in der Vergangenheit auch, die Vorzeichen, die Rahmenbedingungen sowie die Dynamik und Schnelligkeit. Eine wichtige Aufgabe von Bildungsinstitutionen ist es, dass Weiterbildungsprogramme in der Wirtschaft verständlich und anschlussfähig sind und auch tatsächlich dasjenige vermittelt wird, was in der Bezeichnung versprochen wird.


Theres Kuratli Die Rolle des SBFI besteht in erster Linie darin, für gute Rahmenbedingungen zu sorgen. In der Weiterbildung bedeuten gute Rahmenbedingungen: Markt! Die Schweiz verfügt über ein gut ausgebautes formales Bildungssystem, das stabile und umfassende Berufsqualifikationen vermittelt. Neben diesem formalen System gibt es die Weiterbildung, die das formale System dort unterstützt, wo dieses nicht schnell genug unterwegs ist. Die Dynamik des Weiterbildungsmarktes bringt es mit sich, dass letzterer vielfach als unübersichtlich empfunden wird. Als Konsument sollte man sich auf jeden Fall immer über die Inhalte informieren und gerade bei umfangreicheren Weiterbildungen darauf achten, dass ein Nachweis der hier vermittelten Kompetenzen vorgesehen ist.

VZH