Freitag, 17. August 2018 3:27 Uhr
Otto Müller, Stadtpräsident von Dietikon: «Die Bevölkerung und das lokale Gewerbe werden profitieren.» Foto: zVg
Die Limmattalbahn wird auch zu einer städtebaulichen Erneuerung beitragen, so wie in Dietikon am Bahnhofplatz Ost. Foto: Architron GmbH, Zürich; Visualisierung
Bundespäsidentin Doris Leuthard beim Spatenstich auf dem Stadtplatz Schlieren. Foto: © bürobureau

«Die Limmattalbahn bringt ­allen einen ­konkreten Nutzen»

Limmattalbahn  Die Region Limmattal boomt. Um die starke Zunahme von Einwohnern, Arbeitsplätzen und den daraus resultierenden Mehrverkehr zu bewältigen, heisst die Lösung «Limmattalbahn.» Doch die Bahn ist mehr als ein reines Verkehrsprojekt: Sie wird die Kantone Zürich und Aargau noch näher zusammenbringen, sagt Dietikons Stadtpräsident Otto Müller.

Interview Inès De Boel

 

Als Bundesrätin Doris Leuthard am 28. August dieses Jahres den Spatenstich zum Bau der Limmattalbahn setzte, war die Freude gross. Nach über sechs Jahren Planung haben nun die konkreten Bauarbeiten begonnen. Wie viele Gemeinden rund um Zürich unterliegen auch jene im Limmattal einem starken Wandel. Allen voran Dietikon. Bereits in 15 Jahren soll es über 20 Prozent mehr Menschen und 30 Prozent mehr Arbeitsplätze in der Region geben. Die Limmattalbahn soll die Verkehrssituation im Limmattal grundlegend anpassen – so der Wunsch der Verantwortlichen. Auch wenn die Mehrheit der Gemeinden im Bezirk Dietikon gegen die Limmattalbahn gestimmt hat, wird diese die städtebauliche Erneuerung des Bahnhofumfelds in der Stadt Dietikon deutlich verbessern und somit ein städtebaulich attraktives Stadtzentrum für die Bevölkerung schaffen. Im September 2019 soll die erste Etappe der Limmattalbahn fertig sein und von Zürich-Altstetten bis Schlieren in Betrieb gehen. Momentan löst das Grossprojekt «Limmattalbahn» erst mal viele Baustellen aus. Am Ende werde die Bahn aber nicht nur wirtschaftliche Impulse, sondern vor allem Stadterneuerung auslösen, verspricht Stadtpräsident Otto Müller.

 

Otto Müller, Ende August fand in Schlieren im Beisein von Bundesrätin Doris Leuthard der Spatenstich für die erste Etappe der Bauarbeiten der Limmattalbahn statt. Freuen Sie sich? 

Natürlich freue ich mich sehr! Es ist toll zu sehen, dass dieses Projekt nun umgesetzt wird, bei dem ich von der Idee über die Planungsphase bis zur Ausführung beteiligt war. 

 

Der Aargauer Regierungsrat und Landammann Stephan Attiger bezeichnete die Limmattalbahn als «Schlüsselprojekt» des Agglomera­tionsprogramms der Kantone Zürich und Aargau. Warum ist die Limmattalbahn weit mehr als ein schlichtes ÖV-Projekt?

Die Limmattalbahn ist ein Gesamtverkehrsprojekt. Der öffentliche Verkehr wird ausgebaut und das Strassennetz angepasst. In diesem Zusammenhang ergeben sich auch Chancen für zukunftsgerichtete städtebauliche Veränderungen. Letztlich löst die Limmattalbahn also auch Stadterneuerung aus.

 

Welchen Mehrwert bzw. welche tatsächlichen Verbesserungen bringt die Bahn mit sich? 

Das Limmattal ist schon seit zehn Jahren im stetigen Wachstum. Es ist eine Trendregion geworden mit mehr Einwohnerinnen und Einwohnern und Arbeitsplätzen. Die Verkehrsleistung muss dieser Entwicklung angepasst werden bzw. sie abfangen. Die Limmattalbahn ist auf die Verkehrsmenge ausgerichtet, die laut Prognosen für das Jahr 2030 erwartet wird. Sie garantiert die gute Erreichbarkeit des Limmattals und sichert damit auch seine Wirtschaft.

 

Warum ist die Stadtbahn notwendig für die Stadt Dietikon und für die gesamte Region?

Dietikon und Schlieren werden vom Durchgangsverkehr entlastet. Der Verkehr, der heute noch durch die Zentren rollt, wird auf die Achse Überland­strasse - Bernstrasse verlagert. Diese Strassen werden schrittweise ausgebaut. Die Limmattalbahn löst Stadterneuerung aus; alte Bausubstanz weicht Neuem oder es wird saniert. Das Interesse ist gross. Um diese Entwicklung zu fördern, hat der Stadtrat Dietikon Richtlinien für die Erneuerung entlang dem Limmattalbahntrassee erlassen. Anreize sollen gute städtebauliche Qualität auslösen.

 

Welche konkreten Investitionen verspricht sich die Stadt Dietikon mit dem Claim «Wirtschaftsstandort mit Lebensqualität»? 

Bereits an sechs Stellen entlang des Trasses besteht Interesse, neu zu bauen. Meist setzen Gestaltungspläne den rechtlichen Rahmen. Ebenso werden Plätze wie der Bahnhofplatz, Teile der Zürcher- und der Bahnhofstrasse in Dietikon für die Bevölkerung neu und attraktiver gestaltet. Vom geplanten Investitionsvolumen wird auch das lokale Gewerbe profitieren.

 

Das Projekt «Limmattalbahn» hat bei den Stimmbürgern in den betroffenen Gemeinden keine Mehrheit gefunden. In Dietikon stimmten lediglich 36 Prozent für die Limmattalbahn, in der Stadt Zürich waren es dagegen fast 73 Prozent. Nehmen Sie die Befürchtungen weiter Teile der Bevölkerung, dass die Bahn ein erneutes, ungezügeltes Wachstum in der Region auslösen könnte, genügend ernst? 

Die Limmattalbahn ist kein Projekt, das Wachstum auslösen will. Sie ist die verkehrstechnische Antwort auf das prognostizierte Wachstum, das auch ohne Bahn stattfindet. Natürlich nehmen wir aber die Bedenken und Befürchtungen der Bevölkerung ernst und suchen deshalb über diverse Informationsgefässe den Kontakt mit ihr. 

 

Wie räumen Sie die Bedenken der Kritiker aus?

Die Limmattalbahn bringt allen einen konkreten Nutzen. Diesen gilt es aufzuzeigen. Genauso wichtig ist es jedoch, die diffusen Ängste im Zusammenhang mit der Limmattalbahn durch fundierte und sachliche Information abzubauen. Wer gut informiert ist, kann die Situation besser und realistischer einschätzen. Aus diesem Grund legen wir sehr viel Wert auf eine stetige und sachliche Informationsarbeit. Diese ist vielseitig und geht über einen Runden Tisch zu einem Informationspavillon bis hin zu zielgruppenspezifischen Veranstaltungen.

 

Der Kanton Zürich muss sparen. Was entgegnen Sie den Gegnern der Initia­tive «Stoppt die Limmattalbahn – ab Schlieren», welche die zweite Etappe unter anderem aus diesem Grund stoppen wollen? 

Es ergibt keinen Sinn, nur die halbe Strecke zu bauen, denn die Limmattalbahn ist ein Gesamtverkehrssystem und soll Platz schaffen auf den Strassen für Personen, die das Auto wirklich brauchen, zum Beispiel für das Gewerbe. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt deutlich, dass Investitionen in den öffentlichen Verkehr mehr als sinnvoll sind.

 

Wird das Projekt «Limmattalbahn» die Städte und Gemeinden in der Region näher zusammenrücken lassen? 

Ja, denn es entstehen neue Verbindungen, beispielsweise zum Spital in Schlieren, zur Kantonsschule in Urdorf oder nach Spreitenbach.

 

Was werden Sie 2022 denken, wenn die geplante zweite Etappe der Limmattalbahn erfolgreich abgeschlossen sein wird?

Ich werde froh sein, mich für das Projekt eingesetzt zu haben und schmunzle immer wieder, wenn ich feststelle, dass ehemalige Kritiker dieses neue Tram auch benutzen.

Foto: Architron GmbH, Zürich; Visualisierung

Grossprojekt «Limmattalbahn»

 

Das Bundesamt für Verkehr hat am 7. April 2017 die Baubewilligung für die Limmattalbahn erteilt. Der Bau der ersten Etappe startete am 28. August 2017. Mit 27 Haltestellen und einem Eigentrassee von 92 Prozent wird die Bahn dereinst eine Strecke von insgesamt 13,4 km befahren und bis zu 250 Fahrgäste befördern. Die Finanzierung in der Höhe von 755 Millionen erfolgt durch die Kantone Zürich und Aargau sowie den Bund. Wer sich näher über das Projekt «Limmattalbahn» informieren möchte, kann in einer Projektausstellung im Infopavillon auf dem Stadtplatz in Schlieren mehr erfahren.

Toni Brühlmann, Stadtpräsident von Schlieren
Carmen Walker Späh, Regierungsrätin und Volkswirtschafts­direktorin des Kantons Zürich
Fabienne Chappuis, Stv. Gesamtprojektleiterin Limmattalbahn
Bruno Hofer, Geschäftsleiter Standortförderung Limmattal
Sandra Rottensteiner, Gemeindepräsidentin von Urdorf
Patrick Stäuble, Leiter und Vorsitzender der Geschäftsleitung Center Shoppi Tivoli, Spreitenbach AG. Fotos: zVg

Toni Brühlmann, Stadtpräsident von Schlieren

 

Die Limmattalbahn wird dereinst dazu beitragen, dass der Verkehr in unseren Städten und Dörfern nicht kollabiert, dass für die Benutzerinnen und Benutzer des öffentlichen Verkehrs die Anschlüsse an die S-Bahnen und damit an das nationale und internationale Verkehrsnetz garantiert sind und dass das Zentrum von Schlieren eine äusserst attraktive Neugestaltung erfährt. Ein Verzicht auf den Bau der 2. Etappe würde diese Pläne zunichte machen und das ganze Projekt seines Sinnes berauben. 2022 werde ich mit guten Gefühlen zurückdenken und überzeugt sein, dass sich der grosse Einsatz während vielen Jahren für dieses Jahrhundertprojekt gelohnt hat.

 

Carmen Walker Späh, Regierungsrätin und Volkswirtschafts­direktorin des Kantons Zürich

Das Limmattal ist attraktiv – wir wollen, dass dies auch in Zukunft so bleibt. Durch die Limmattalbahn wird die Lebensqualität für die Bevölkerung weiter aufgewertet. Seien wir uns bewusst: Auch die Mobilitätsbedürfnisse werden in Zukunft weiter ansteigen. Das Projekt Limmattalbahn steht jedoch nicht nur für eine neue Stadtbahnverbindung. Es bringt auch Verbesserungen für den Auto- sowie den Langsamverkehr. Ein gesamtheitliches Verkehrskonzept also für eine der boomendsten Regionen der Schweiz. 

Das Projekt Limmattalbahn betrifft das laufende Kantonsbudget nicht. Für Projekte des öffentlichen Verkehrs in diesem Umfang gibt es den sogenannten Verkehrsfonds. Die Gelder für die Limmattalbahn wurden dort bereits eingestellt. 

2022 werde ich mich sehr über die Eröffnung dieses neuen Symbols des Limmattals freuen. Es markiert das Ende einer umfassenden Planungs- und Bauphase. Das Limmattalbahnprojekt bringt neuen Schwung ins Limmattal. Es zeigt auch, dass es möglich ist, Visionen zu entwickeln und diese umzusetzen. Ich möchte mich bereits heute bei allen Beteiligten, von den Planern bis zu den Bauarbeitern, herzlich für ihren Einsatz zugunsten der Limmattalbahn bedanken. Mögen die Bauarbeiten unfallfrei über die Bühne gehen.

 

Fabienne Chappuis, Stv. Gesamtprojektleiterin Limmattalbahn

Zusammen mit der Limmattalbahn werden verschiedene flankierende Massnahmen im Strassenverkehr umgesetzt, so dass der öffentliche Verkehr und der Individualverkehr entlastet werden. Entlang der Strecke werden auch Massnahmen für den Veloverkehr umgesetzt. Der Limmattalbahn fällt zudem eine Schlüsselrolle bei der Siedlungsentwicklung zu: Städtebau und Verkehrsplanung gehen bei diesem Projekt Hand in Hand. 

Für ein autonomes Fahren der Limmttalbahn gibt es noch keine konkreten Pläne. In diesem Bereich laufen sehr viele Entwicklungen. Die BDWM Transport AG bereitet derzeit die Beschaffung der Fahrzeuge für die Limmattalbahn vor. Diese Fahrzeuge werden noch nicht autonom fahren können. Die BDWM möchte aber die Möglichkeit haben, schrittweise einen autonomen oder teilautonomen Betrieb einzuführen. Meine persönliche Prognose ist, dass das autonome Fahren in zehn bis zwanzig Jahren technisch möglich sein wird. Ob das dann bei der Limmattalbahn so umgesetzt wird, ist noch offen.

 

Bruno Hofer, Geschäftsleiter Standortförderung Limmattal

Das Limmattal ist attraktiv zum Wohnen und Arbeiten. Heute und auch in Zukunft. Deshalb gilt es vorauszuschauen. Schon heute stösst das Limmattal verkehrstechnisch an Grenzen. Die Stärkung des öffentlichen Verkehrs mit dem Mittel der Limmattalbahn ist ein sinnvoller Beitrag zur Bewältigung dieser Problemlage. Bis jetzt stehen die Zeichen auf grün für die Limmattalbahn, ich hoffe sehr, dass dies auch weiterhin so bleiben wird. Das neue Volksbegehren führt uns jedenfalls nicht weiter, weil es keine Antworten auf die Frage liefert, wie der Verkehr der Zukunft denn anders zu bewältigen wäre. 2022 werde ich denken, dass sich der Aufwand, dafür zu kämpfen, gelohnt hat und dass wir einen Schritt weiter gekommen sind auf dem Weg, das Limmattal  über die Kantonsgrenzen hinweg zusammenzuführen. Dies ist der Ausgangspunkt für eine weiterhin nachhaltige und prosperierende Zukunft in der selbstbewussten Limmatstadt vor den Toren der Weltstadt Zürich mit ihrem internationalen Ruf.

 

Sandra Rottensteiner, Gemeindepräsidentin von Urdorf 

Die Limmattalbahn bietet für Urdorf einen zentralen Mehrwert: Die Erreichbarkeit des Wirtschaftsgebietes Urdorf-Nord wird aufgewertet. Urdorf-Nord wird der besterreichbare Wirtschaftsraum im Limmattal dank Limattalbahn- und Autobahnanschluss sowie Nähe zu S-Bahn und Flughafen sein. Die Pendlerströme in der Region können mit der Limmattalbahn als Feinverteiler und den dazugehörigen Strassenoptimierungen in einem hohen Mass entflechtet werden. Dank der Limmattalbahn kann unser wichtiges Arbeitsplatzgebiet in Urdorf-Nord langfristig zu einem urbanen Raum für innovative, nachhaltige und lokale Lebens- und Arbeitsformen transformiert werden. 

Das Limmattal als Ganzes wird mit der Limmattalbahn aufgewertet. Mit der Mobilitätsoptimierung wird sich unser Limmattal zur Vorzeigeregion für Wohnen und Arbeiten entwickeln. Das Limmattal als funktionaler Raum ist heute geteilt durch die Kantonsgrenze. Mit der Limmattalbahn werden diese Kantonsgrenzen verbunden sein. Die konstruktive Zusammenarbeit mit der Limmattalbahn AG wird mir in besonderer Erinnerung bleiben.

 

Patrick Stäuble, Leiter und Vorsitzender der Geschäftsleitung Center Shoppi Tivoli, Spreitenbach AG

Das Aargauer und Zürcher Limmattal wachsen zusammen. Die Limmattalbahn ist die richtige Antwort auf die Stadtentwicklung, die Mobilitätsbedürfnisse und ist erst noch ein komfortables Transportmittel. Zudem wirkt sie als Imageträger im Sinne eines Stadttrams für unsere Region. Sie verbindet engmaschig bestehende und neue Zentren. Die Entwicklung mit der Revitalisierung des Shoppi Tivoli, aber auch mit dem Bau vom Kino und eines Hotels, hat bereits begonnen. 

Das grösste Einkaufscenter der Schweiz ist heute mit den drei Buslinien nicht ideal erschlossen. Die Limmattalbahn schliesst diese Lücke sinnvoll und wir werden neue Kunden gewinnen. Die über 1500 Arbeitsplätze, die im Shoppi Tivoli sind, bekommen eine schnelle, umweltfreundliche  Alternative für den Arbeitsweg. Die Bauvorhaben entlang der Limmattalbahn werden das Image von Spreitenbach klar verändern. Spreitenbach ist und wird ein wichtigerer Standort im Limmattal, respektive in der Limmatstadt sein, wir sind mit dem Shoppi Tivoli mittendrin.

VZH