Montag, 10. Dezember 2018 8:22 Uhr
Ursula Bühler Hedinger, die erste Frau in der Schweiz mit Fliegerbrevet für Düsenmaschinen, im Cockpit des neuen Lear-Jets der Rettungsflugwacht, den sie als Kapitän übernommen hat. Aufgenommen am 16. Mai 1973. (Foto: Keystone)

Zürcher Pioniergeist

Ideen aus Zürich Wer ist oder war ein Pionier? Der Seefahrer Christoph Kolumbus zum Beispiel? Pioniere sind Leute, die etwas erfinden oder zum ersten Mal tun. Die Wege dazu sind so unterschiedlich wie deren Herkunft und Bildung. Der neue Band beginnt mit dem Jahr 1900 und stellt 60 Persönlichkeiten vor.

 

Text Peter Blattner

 

Es fällt schwer, aus dem grossen «Angebot» an Persönlichkeiten einige herauszugreifen, an die man sich heute noch erinnert, obwohl sie zum Teil seit Jahrzehnten tot sind.

Spontan kommt mir Othmar Ammann in den Sinn, der geniale Brückenbauingenieur (1879-1965), der mit der George Washington Bridge in New York die damals längste Hängebrücke der Welt erbaute. Noch im hohen Alter ist er als Brückenbauer tätig, 1964 wird die Verrazano Narrows Bridge eröffnet. Für dieses Werk erhält Ammann die «National Medal of Science» aus den Händen des damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson.

Gottlieb Duttweiler (1888-1962) verstand es, den Lebensmittelhandel zu revolutionieren, indem er Verkaufswagen in Städte und Dörfer schickte und ein kleines Sortiment an Lebensmitteln zu günstigeren Preisen als die Konkurrenz anbot. Diese bekämpfte Duttweiler mit allen Mitteln und erreichte es, dass der Bundesrat 1933 ein «Filialeröffnungsverbot» erliess. Duttweiler stiess in neue Branchen vor und gründete die Hotelplan, sein erstes genossenschaftliches Projekt, das neue Gäste für die darniederliegende Schweizer Hotellerie mobilisierte. Er gründete seine eigene Partei «Liste der Unabhängigen» und wurde mit einem Glanzresultat in den Nationalrat gewählt.

Hansruedi Giger (1940-2014) war der Schöpfer der Filmfigur Alien und erhielt 1980 den Oscar für «Beste visuelle Effekte». Er wohnte in einem Einfamilienhaus in Zürich-Oerlikon. Dort empfing er Besucher in einem schwarz gestrichenen Raum. Seine makabre Neigung zeigte sich schon in seiner Bubenzeit, als er von seinem Vater (der war Apotheker bei Ciba-Geigy) einen Totenschädel bekam. Er schwärmte für Science-

Fiction-Romane und schuf so auch seine Figuren, die ein Galerist als «biomechanic» bezeichnete. Er schuf Bilder und Skulpturen, aber auch Möbel und Platten-Cover.

 

Und die Damenwelt

Ursula Bühler-Hedinger (1943-2009) pilotierte als erste Schweizerin einen Düsenjet. Als junge Frau trampte sie durch Europa und heuerte als Putzhilfe auf einem Frachter an, der in die USA fuhr. Schon damals träumte sie vom Fliegen. Die Swissair nahm aber keine Frauen als Pilotinnen auf. Flugstunden konnte sie nur in Basel nehmen. Die Crossair nahm sie als erste Linienpilotin auf. Ihr Mann, Hans Hedinger, der als Bordingenieur bei der Swissair arbeitete, liebte das Segelfliegen und nahm auch die Kinder auf die Flüge mit. Ursula Bühler arbeitete 25 Jahre lang für die Rega und holte Kranke und Verunfallte aus der ganzen Welt zurück in die Schweiz. In ihrer selbstverfassten Todesanzeige schrieb sie lakonisch: «Nun habe ich sie bezogen, meine Wolke sieben.»

Maria Düring (1908-1990) hat ihr eigenes Entkalkungsmittel geschaffen, das bestens bekannte Durgol, ihr Sohn erfand dazu die praktische Flasche mit dem gebogenen Hals, die WC-Ente. Ihr Gatte war Drogist, so hatte sie genügend Chemikalien zur Hand, um damit zu experimentieren. Sie besuchte in einem eigens angeschafften DeSoto Schulen und grosse Unternehmen, die mit zahlreichen Toiletten ausgestattet waren, um ihre Ware an den Mann zu bringen. Als 1968 eine Änderung des Giftgesetzes anstand und Durgol nur noch mit einem offiziellen Bezugsschein erhältlich gewesen wäre, änderte der Sohn die Rezeptur und so entwickelte sich das Geschäft weiter. Auf Wunsch der Konsumentinnen wurden kleinere Flaschen produziert und die Drogerien in das Verkaufsnetz integriert. Heute werden jährlich über 100 Millionen Flaschen der WC-Ente verkauft.

Marie Meierhofer (1909-1998) arbeitete 1941 als Ärztin im Zürcher Kinderspital, als man ihr einen kleinen Säugling brachte, dessen Schädel und Brustkorb deformiert waren, weil man ihn in eine zu kleine Kiste gezwängt hatte. Im Kinderspital lernte der Kleine zu sitzen und zu stehen und entwickelte sich zu einem fröhlichen Kind. Als sich kein Pflegeplatz fand, beschloss Marie Meierhofer, den kleinen Edgar bei sich aufzunehmen. Sie brachte in ihrer Spitalabteilung Kinder verschiedenen Alters zusammen und sorgte dafür, dass sie sich gemeinsam beschäftigen konnten.

Als Rotkreuzärztin setzte sie sich für traumatisierte Kinder in Frankreich ein und war wesentlich an der Gründung des Kinderdorfes Pestalozzi in Trogen beteiligt. 1957 gründete sie das Institut für Psychohygiene im Kindesalter. Im Film «Frustration im frühen Kindesalter» schilderte sie die Situation in Zürcher Heimen. Sie hielt immer fest, dass es Zeit brauche, sich auf ein Kind einlassen zu können.

 

 

 

Zürcher Pioniergeist

Porträts von Menschen mit Ideen,

Herausgeber: Beat Glogger, Fee Anabelle Riebeling, Lehrmittel­verlag Zürich,

300 Seiten, gebunden,

58.– Franken

ISBN 978-3-0313-677-5

VZH