Donnerstag, 19. Oktober 2017 16:17 Uhr
Viktor Giacobbo. Bild: Vanessa Püntener

Mit Humor die Welt 
ernst nehmen

Casinotheater Winterthur Vor Jahren dem Verfall preisgegeben, beschloss eine Initiativgruppe 
aus Künstlern, das Casinotheater Winterthur in eine 
einzigartige Kulturstätte zu verwandeln. Das Haus mit 
der wechselvollen Geschichte ist heute aus der Schweizer Kabarett- und Kleinkunstszene nicht mehr wegzudenken und untrennbar mit Satiriker Viktor Giacabbo verbunden.

 

Text Inès De Boel

 

Wer zur blauen Stunde durch Winterthurs Altstadt schlendert, dem fällt das hell erleuchtete Gebäude im klassizistischen Stil in der Stadthausstrasse schon von Weitem auf. Draussen und im Foyer des Casinotheaters Winterthur sammeln sich Menschentrauben und unterhalten sich angeregt. Es herrscht eine heitere, entspannte Atmosphäre. Dass das rege Kulturleben an diesem Fleck so erfreulich blüht, ist längst nicht selbstverständlich. Denn seit Beginn der 1980er Jahre befand sich das Casino in einem erbärmlichen Zustand und war stark sanierungsbedürftig.

 

Die Rettung naht
Als 1979 das Stadttheater Winterthur seinen Betrieb in das neu erbaute Th­eater am Stadtgarten verlegte, wurde das Casino-Gebäude nur noch ab und zu für Aufführungen genutzt und dümpelte in den darauffolgenden Jahren traurig vor sich hin. Obwohl der Winterthurer Stadtrat verschiedene Möglichkeiten in Erwägung zog, das Gemäuer zu sanieren oder sogar neu zu bauen, stellte er es schlussendlich 1996 unter Denkmalschutz. Doch es regte sich alsbald kreativer «Widerstand» aus Künstlerkreisen, welchen das morsche Gebäude auffiel. Sie beabsichtigten, es aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken und wieder mit Leben zu erfüllen.


Bereits drei Jahre später, im Jahr 1999, packte eine Initiativgruppe aus Schweizer Künstlern mit Wagemut und Eifer ein Kulturprojekt an, das sich durch sein aussergewöhnliches Konzept auszeichnete. Der bekannte Satiriker Viktor Giacobbo gründete zusammen mit Patrick Frey, Mike Müller und anderen Künstlerinnen und Künstlern das neue Casinotheater Winterthur, das den Anspruch hatte, ein Zentrum der Schweizer Comedy- und Kabarett-Szene zu werden. Vor fünfzehn Jahren konnte es feierlich eröffnet werden. Der Plan, ein Haus von Künstlern für Künstler zu errichten, ging auf. Das Haus wird von Besuchern aus nah und fern angenommen, zeigt sich Viktor Giacobbo zufrieden: «Immer wieder, wenn unser Restaurant vollbesetzt ist, das Theater ausverkauft und ein toller privater Event im Festsaal gleichzeitig abläuft, denke ich: Genau dafür haben wir dieses Haus gegründet!»

 

Bühne für Künstler und Köche
Auf die erfolgreiche Etablierung und damit einhergehende überregionale Bekanntheit des Casinotheaters ist Komiker und Mitinitiant Viktor Giacobbo stolz: «Ich habe das natürlich nicht allein gemacht. Der Erfolg ist aufgrund des Zusammenschlusses zahlreicher talentierter Menschen gekommen.» Er freue sich, dass bekannte Künstlerinnen und Künstler als Aktionäre zusammengefunden hätten, um in der Schweiz eine herausragende Plattform für Kleinbühnen-Kunst zu schaffen, die Satire, Kabarett, Comedy, aber auch Poetry-Slam und Musik vereint. Damit der ganzjährige Theaterbetrieb samt hauseigenem Restaurant reibungslos funktioniert, braucht es vor und hinter den Kulissen die richtigen Leute.


So sind die täglichen Herausforderungen, denen sich die Verantwortlichen im Dreispartenhaus mit über 700 Einzelveranstaltungen pro Jahr stellen müssen, nicht nur künstlerischer Natur. «Weil unser Haus ein anspruchsvolles Theaterprogramm auf die Beine stellt, für das andere Theater staatliche Subventionen erhalten, ist es immer eine neue Herausforderung, das Geschäftsjahr mit einer schwarzen Null abzuschliessen», betont Giacobbo, der als Verwaltungsratspräsident der Casinotheater AG amtet. Mit Marc Bürge als Geschäftsführer sowie engagierten Mitarbeiterinnen, Köchen, Kellern und Technikern sei der operative Teil des Unternehmens hervorragend geführt. Er, beschreibt Viktor Giacobbo seine Rolle als Unternehmer, sei ursprünglich mit der simplen Idee eines Hauses von Künstlern für Künstler angetreten, habe aber schnell gemerkt «dass es vielleicht eine schlechte Idee ist, wenn ein Komiker die Buchhaltung macht.»

 

Innovation in jeder Hinsicht
In der Schweizer Kulturlandschaft ist das Casinotheater Winterthur nicht nur dank seines Betriebskonzepts, welches Theater, Restaurant und Veranstaltungen unter einem Dach beherbergt, unvergleichlich. Als eigenständiges, staatsunabhängiges Unternehmen wird es von fünfzig Künstler-Aktionären getragen, wie Viktor Giacobbo nicht ohne Stolz verdeutlicht: «Das Casino ist deshalb besonders, weil es als Theater-KMU funktioniert, nämlich ohne öffentliche Subventionen und mit einer grossen, erfolgreichen Gastronomiesparte.»

 
Letztendlich sind es natürlich die Künstler, die ebenfalls dazu beitragen, dass das Theater fixer Anziehungs- und Ausgehpunkt der Stadt Winterthur ist. Viktor Giacobbo ist es wichtig, weitere Impulse für das Theater zu setzen. So sei es wichtig, neben den laufenden künstlerischen Projekten und hauseigenen Theaterproduktionen auch innovative Formate zu realisieren, denn ein kreatives Haus müsse sich stetig selber erneuern, ist er überzeugt. Besonders am Herzen liegt dem umtriebigen Winterthurer Kabarettisten aber etwas anderes: «Ich setze alles daran, junge Künstler zu motivieren, Aktionäre zu werden, das Haus später zu übernehmen und sich im Verwaltungsrat zu engagieren», sagt Giacobbo. Sorgen um die Zukunft des Hauses mache er sich aber keine und fügt an: «Viele junge Komiker, Kabarettisten oder Poetry-Slammer fühlen sich dem Casinotheater verbunden, weil sie hier die erste Chance bekamen, auf der Bühne aufzutreten.»

Nach dem Schlussapplaus können Besucher im hauseigenen Restaurant «Casino­theater» den Abend bei Wein und Häppchen gemütlich ausklingen lassen. Bild: zVg Casinotheater Winterthur

Casinotheater Winterthur

 

Das Casinotheater ist ein von Künstlern und Sympathisanten getragenes Kulturhaus, das seit 2002 auf eigenes Risiko ohne öffentliche Beiträge einen ganzjährigen Theaterbetrieb führt. Als Plattform für Kleinbühnen-Kunst jeglicher Art bekommen hier nicht nur etablierte, sondern auch junge, noch unbekannte Künstler eine Bühne geboten. In seiner 150-jährigen, wechselvollen Geschichte fanden im Casinotheater von Anfang an Konzerte, Theater- und Ballettaufführungen, aber auch diverse Festivitäten statt. Vor dem zunehmenden Verfall gerettet wurde das Gebäude 1999 von einer grossen Künstler-Initiativgruppe um den Komiker Viktor Giacobbo, die ihre Idee von einem Haus von Künstlern für Künstler 2002 erfolgreich verwirklichen konnte. Das hauseigene Restaurant und die Veranstaltungen in den stimmungsvollen Event-Räumen machen das Casinotheater zu einem attraktiven «Dreispartenhaus»: Theater, Restaurant und Event sind unter einem Dach vereint.

 

www.casinotheater.ch

 

 

VZH