Montag, 18. Dezember 2017 8:01 Uhr
Christof Hasler, Präsident des KMU-Verbands Winterthur und Umgebung und Geschäftsführer des Familienunternehmens «Hasler + Co AG». Bilder: zVg

«Wir sollten wieder mehr Mut haben»

Region Winterthur Den Winterthurer KMU geht es gut, aber Nachwuchs zu finden ist schwierig. Warum die Berufslehre für Schüler eine gute Wahl ist, verrät uns KMU-Verbandspräsident Christof Hasler im Interview.

 

Interview Inès De Boel

 

 

Christof Hasler, am Anfang ein kurzer Rückblick auf das vergangene Jahr. Welche wichtigen Themen standen für den KMU-Verband Winterthur im Fokus?
Es gab wie immer viele spannende Themen. Es waren primär solche Themen, die wir schon in den Vorjahren behandelt hatten. Der KMU-Verband hat zwei Schwerpunkte: Einerseits bieten wir unseren Mitgliedern Netzwerkanlässe, an denen sie Firmen aus anderen Branchen kennenlernen und den Austausch pflegen können. Andererseits führen der Vorstand und die Geschäftsführung hinter den Kulissen Gespräche mit der Stadt und der Verwaltung, um die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen zu verbessern. Das sind die zwei Hauptthemen, mit denen wir uns immer beschäftigen. Aktuelles Thema war letztes Jahr das «House of Winterthur» sowie die Lehrlings- und Lehrstellenthematik. Für den Berufsnachwuchs haben wir zum ersten Mal die «KMU Open Days» organisiert, deren Ziel es ist, spannende Berufslehren vorzustellen. Ein weiterer Schwerpunkt war die Stärkung der bürgerlichen Politik.


Winterthur und die Region sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Mit der Bevölkerung ist auch die Anzahl der Betriebe und Arbeitsstellen gestiegen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Grundsätzlich betrachte ich die Entwicklung – speziell auch für unsere KMU – positiv. Durch den schweren Einschnitt aufgrund des Stellenabbaus von Sulzer und anderen Industrieunternehmen haben die KMU einen grösseren Stellenwert erhalten. Dominierten vorher Sulzer und Rieter das Wirtschaftsleben, haben wir nun viele kleine Betriebe, die mindestens genauso spannend sind. Es ist ein erklärtes Ziel der Stadt Winterthur, mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Allerdings sind wir noch nicht da, wo wir sein wollen. Für viele Leute ist es attraktiv, in Winterthur zu wohnen und in Zürich zu arbeiten. Oder sie wohnen im Thurgau, weil es dort günstiger ist, und arbeiten in Winterthur. Es ist schwierig: Im Industrieareal Neuhegi sind sehr viele Wohnungen entstanden. Dort kommt es oft zu Konflikten mit den Gewerbeansässigen und der produzierenden Industrie wegen Lärmemissionen. Unser Anliegen als KMU-Verband ist, dass Gewerbebetriebe erhalten bleiben und nicht am Ende die neu Zugezogenen den Lärm beanstanden. Das Zusammenkommen von Wohnen und Arbeiten wird man lösen müssen. Das richtige Rezept zu finden ist nicht leicht. Es kann nicht sein, dass der Bäcker in der Altstadt aufgrund von Anwohnerreklamationen weg muss, weil er schon um drei Uhr früh anfängt zu produzieren. Ich bin der Meinung, dass hier zugunsten des jeweils zuerst ansässigen Gewerbes entschieden werden muss. Dennoch ist die Veränderung der Stadt Winterthur grundsätzlich eine Chance.


Die aktuelle Winterthurer Konjunkturprognose zeichnet im Verhältnis zu den letzten beiden Jahren ein grundsätzlich positives Geschäftsklima. Die meisten Unternehmen schauen optimistisch in die Zukunft. Sind Sie mit den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen der Stadt Winterthur zufrieden oder sehen Sie Nachbesserungspotenzial?
Es ist erstaunlich: Nach dem Frankenschock vor zwei Jahren hat sich der Euro zum Franken eingependelt, der SMI ist eigentlich wieder da, wo er vor zwei Jahren war. Vordergründig ist zwar alles in Ordnung, aber man muss feststellen: Die KMU haben einmal mehr sehr stark von den Reserven gelebt, die sie in den letzten Jahren erwirtschaften konnten. Jetzt braucht es Zeit, um diese Reserven wieder aufzustocken. Viele kleinere Unternehmen haben sich anpassen müssen. Von daher kann man nicht einfach sagen, dass man wieder zum Alltag zurückkehren kann. Im Austausch mit den Berufsverbänden erfahren wir, dass die Auslastung respektive die Reserven noch mal viel kleiner geworden sind. Vor zehn Jahren hatten die meisten Betriebe je nach Branche Auftragsreserven für sechs bis acht Monate. Seit einem Jahr variieren die Aufträge jedoch zwischen Vollauslastung und überhaupt keiner Arbeit. Es gibt Schreinerbetriebe, die im nächsten halben Jahr problemlos produzieren können und solche, die noch nicht wissen, was sie in zwei Wochen machen. Generell ist die Grundstimmung aber positiv, auch wenn man sich nicht zurücklehnen kann. Alles ist sehr kurzfristig geworden, so dass wir als Verband jetzt hinsichtlich der Überreglementierung gegensteuern müssen. Wir sollten wieder mal den Mut haben können, etwas anzugehen, ohne schon vorher immer alles abzuklären. Wir sollten vielmehr sagen: Wir probieren das jetzt mal, ohne dass man vorher zu sieben Ämtern gehen und zig Bewilligungen einreichen muss. Wir sollten einfach den Mut haben, etwas zu entscheiden. Wenn einer mal einen Fehler macht, besteht die Gefahr, sofort alles zu reglementieren. Zusammengefasst: Die Wirtschaft hat den Sturm überstanden, hat sich wieder reorganisiert und ist dank ihrer Flexibilität recht zuversichtlich. Jetzt müssen wir eben kleinere Brötchen backen. Grundsätzlich geht es aber den Winterthurer Unternehmen und dem Gewerbe gut. Der Aufschwung beginnt ja bekanntlich auch im Kopf.


Die Produktion in der Schweiz ist teurer geworden, und auch eine steigende Regulierung wird beklagt. Ein tiefer Einschnitt war auch die Aufhebung des Euro-Mindestkurses vor zwei Jahren. Was bedeutet das für Winterthurer KMU und vor allem für den Produktionsort Schweiz?
Die Mehrheit der Mitglieder des KMU-Verbands ist klassisch lokal organisiert. Das sind der Malerbetrieb, der Teppichleger, der Coiffeur oder der Arzt, welche hier ihren Standort haben. Im Bereich der Zulieferfirmen sieht es natürlich anders aus. Wir haben mit unserem eigenen Geschäft gemerkt (Hasler + Co AG, Anmerkung der Redaktion), dass die Differenz eines Produkts in Deutschland oder der Schweiz 10 bis 15 Prozent teurer sein darf. Wenn die Preisdifferenz einer Bohrmaschine aber 20 Prozent höher ist, dann springen die Kunden ab. Metallbauer beispielsweise lassen gewisse Fertigteile wie Türrahmen oder Balkonteile in Deutschland produzieren und verbauen diese in der Schweiz. 


Winterthur entwickelt sich immer mehr zu einer starken Bildungsregion. Nicht nur die ZHAW, sondern auch andere Bildungsinstitutionen sind hier beheimatet und schaffen wertvolles Knowhow. Warum bleibt es dennoch so schwierig, Lehrlinge und damit letztendlich Fachkräfte zu finden?
Die Problematik ist: Die Berufslehre – samt ihren entsprechenden Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten – ist nicht bekannt genug. Viele Lehrpersonen wissen zu wenig über sie. Viel gravierender ist, dass viele Eltern auch keine Berufslehre mehr gemacht haben. Ihnen fehlt das Wissen und sie machen sich ein falsches Bild. Sie wollen gute Schüler unbedingt aufs Gymnasium schicken. Dabei kann eine Berufslehre auch für gute Schüler sehr nützlich sein. Sie hat den Vorteil, dass man schon Praxis vorweisen kann, die im weiteren Berufsleben sehr weiterhilft. Der Beruf des Bäckers oder Verkehrswegebauers ist bei den Jugendlichen zwar weniger attraktiv als die KV-Lehre oder die Informatik. Aber allgemein gibt es genug Lehrstellen. Das zeigt, dass wir teilweise ein Überangebot von Lehrstellen und zu wenig Nachwuchs haben. Die einzelnen Berufsverbände machen viel Werbung, um Nachwuchs zu rekrutieren. In grafischen Berufen existieren eher zu wenig Lehrstellen. Bei den Schreinern und Gärtnern finden wir genügend Lehrlinge. Auf dem Bau sieht es wiederum schwieriger aus. Der KMU-Verband organisiert schon seit Jahren die sogenannte Lehrstellenbörse, bei der wir auch Schnupperlehren vermitteln. Wir prämieren die besten Lehrabsolventen mit einem Goldbarren. Damit wollen wir einen Anreiz für die Lehrlinge schaffen. Ziel ist auch, dass die Medien darüber schreiben. Mit den «KMU Open Days» organisieren unsere Mitglieder und Unternehmen in Winterthur eine Woche lang Tage der Offenen Tür. Es werden Beruf und Betrieb vorgestellt und die Jugendlichen können sich über die Lehre informieren. Ein weiteres Problem ist meiner Meinung nach, dass die Berufswahl heute viel zu früh anfängt. Bereits in der zweiten Oberstufe müssen sich Jugendliche entscheiden, was sie in drei oder vier Jahren machen wollen. Für viele ist die Berufswahl zu früh, sie steigen oft in die falsche Lehre ein und hören dann nach einem Jahr bereits wieder auf. Das ist frustrierend. Das ist ein Spannungsfeld, das man weder heute noch morgen löst.

 

Trotz der hohen wirtschaftlichen Potenziale, die mit der Industrie 4.0 einhergehen, begegnen KMU – vor allem das sogenannte produzierende Gewerbe – dem Thema noch relativ zurückhaltend. Haben Sie eine Erklärung dafür? 
Es ist natürlich nicht jedes Gewerbe dafür geeignet. Im Gartenbau oder im Malerbetrieb beispielsweise braucht es wenig Digitalisierung. Haustechnikplaner etwa visualisieren bei der Plan­erstellung vieles auf digitale Weise. In naher Zukunft werden beim Hausbau Leitungen automatisch zugeschnitten und konfektioniert werden. Im Dachbau ist heute schon alles sehr digitalisiert. Es bleibt die Frage: Ist der Mensch oder der Roboter schneller, um den Dachstock zusammenzubauen? Roboter und 3-D-Drucker gibt es schon, aber können diese auch sehr individuelle Sachen herstellen? Letztendlich muss jedes Unternehmen und jede Branche diesen Schritt für sich selbst entscheiden. Ich bin überzeugt, dass es in fünf Jahren Schreinereien gibt, die hoch technologisiert arbeiten. Man darf sich der Digitalisierung nicht verschliessen. Aber man muss sehen, was der Markt verlangt und ob es dem Unternehmen nützt. Jeder denkt, dass Automatisierung und Digitalisierung gratis sind, aber das sind sie nicht. Es kostet eine Stange Geld. Jeder hat das Gefühl, er könne schnell einen Online-Shop aufmachen, aber es braucht einen Server, eine Infrastruktur und Virenschutz, das kostet alles. Das Gewerbe ist nicht rückständig, sondern eher individuell aufgestellt.


Was sind gegenwärtig die grössten Herausforderungen, denen sich KMU in der Region stellen müssen? Gibt es Branchen, die sich «warm anziehen» müssen? 
Eine Herausforderung sind sicherlich die unterschiedliche Auslastung und die Kurzfristigkeit. Wir sollten in vielen Bereichen entschleunigen. Die Erwartungshaltung wird immer grösser. Die Hektik, die uns keine Zeit mehr lässt zum Planen und umorganisieren. Die kleinen praktischen Geräte haben hier nicht unbedingt geholfen, obwohl wir uns die früheren Zeiten so nicht mehr vorstellen können. Man hat früher ohne Handy und E-Mail Häuser und andere Dinge gebaut. Heute ist alles viel schneller und hektischer geworden. Dabei weiss ich nicht, ob wir qualitativ besser geworden sind.


Sie sitzen in der Jury des «KMU-MAX», dem Unternehmerpreis des KMU-Verbands Winterthur und Umgebung, der seit 2009 einmal jährlich vergeben wird. Hier werden KMU nicht nach Zahlen und Statistiken ausgezeichnet, sondern solche, die besonders viel Leidenschaft, Kreativität und Engagement zeigen. Sind Sie mit der diesjährigen Wahl zufrieden und warum ist dieser Preis wichtig? 
Die Wahl war nie so schwer wie dieses Jahr. Umsatzwachstum, Rendite, Mitarbeiter kann man messen, aber was ist die Messgrösse von Herzblut, Engagement und Leidenschaft? Es war dieses Jahr besonders spannend, da wir viele tolle Unternehmen hatten. Die Jury hat entschieden. Auch wenn es schwierig war, finde ich den Entscheid gut. Worüber ich wirklich erfreut bin, ist, wie sich der Preis über die letzten neun Jahre seit der Lancierung entwickelt hat. Dieses Jahr sind 77 Betriebe nominiert worden, im Anfangsjahr 2009 waren es nur 15 Firmen. Der Preis ist mit einem kleinen Augenzwinkern bei einem Bier entstanden. Daraus ist ein ernstzunehmender Preis geworden, weil die drei Finalisten einen reellen Gegenwert – auch medial – erhalten. Das war auch der ursprüngliche Gedanke des Preises. Vor allem die Medien sollten über ein Unternehmen schreiben können, das man nicht kennt. Sie sollten für einmal keine negativen Schlagzeilen über Grossbanken und sonstige Konzerne schreiben, sondern einfach mal ein lokales KMU vorstellen. Der Preis ist viel wichtiger geworden, als wir uns das erträumt haben.


Mit dem «House of Winterthur», dem ersten integrierten Standortmarketing einer Grossstadt in der Schweiz, werden Winterthur Tourismus und Standortförderung Region Winterthur in einer Organisation zusammengelegt. Die Abstimmung zur Kreditvergabe ist am 21. Mai zu 56 Prozent mit Ja angenommen worden. Welche konkreten Vorteile versprechen Sie sich als Verband und als Unternehmer davon? 
Es freut mich, dass der Kredit angenommen worden ist. Aber die Stimmbeteiligung lag unter 50 Prozent. Die Vorteile des «House of Winterthur» sind zu wenig gut vorgestellt worden. Ziel des «House of Winterthur» ist es, die Synergien des Tourismus und der Standortförderung zu bündeln. Die Diskussion war negativ behaftet, weil die Standortförderung ursprünglich durch die Wirtschaft und Stadtpolitik entstanden ist und man sich zu einzelnen Themen wirtschaftlicher Natur geäussert hat. Das ist natürlich von der politischen Gegenseite nicht gut aufgenommen worden. Argument: Es kann nicht sein, dass sich eine mit öffentlichen Geldern finanzierte Organisation zu wirtschaftlichen Themen auf diese Art und Weise äussert. Aber mit dem «House of Winterthur» wird nun vieles günstiger, effizienter und schlanker. Es ist wichtig, dass wir auch mal wieder etwas Neues wagen und Mut haben. Darum bin ich glücklich, dass das der Kredit zustande gekommen ist. Wir können zukünftig noch mehr bieten. Kultur und Wirtschaft wollen gute Rahmenbedingungen haben und das können wir mit dem «House of Winterthur» bieten.


Was wünschen Sie sich als Präsident des KMU-Verbands, aber auch als Unternehmer der Hasler + Co AG für die Zukunft Ihrer Firma und für die Schweiz?
Ich wünsche mir unternehmerische Freiheit. Jedes Unternehmen will wachsen, Personen anstellen, Lehrlinge ausbilden und sich weiterentwickeln. So lange es keine Verstösse gegen die Umwelt, Gesundheit und Sicherheit gibt, soll man die Unternehmen einfach mal gewähren lassen. Ein Beispiel: Warum muss ich als Unternehmer Parkplatzbeschränkungen machen, wenn meine Kunden mit dem Auto kommen? Das Umerziehen mittels Reglementierungen finde ich falsch. Man muss doch begeistern. Diejenigen, die mit dem Auto kommen wollen, sollen dies können, und jene, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommen wollen, sollen dies auch dürfen. Die Leute sollen selbst entscheiden dürfen. Berufspolitiker und Berufsunternehmer haben sich bei solchen Fragestellungen schon sehr voneinander entfernt. Unternehmer können heute aufgrund des hohen Aufwands gar keine Politik mehr machen. Hier müssen wir wieder mehr auf einander zugehen.

Zur Person

 

Christof Hasler ist seit 2004 Präsident des KMU-Verbands Winterthur und Umgebung. Der Verband setzt sich mit seinen rund 650 Mitglied­unternehmen für bestmögliche Rahmenbedingungen und ein wirtschaftsfreund­liches Klima ein. Christof Hasler führt zudem in fünfter Generation das eigene Familienunternehmen «Hasler + Co AG», welches an mehreren Standorten in der Schweiz Detailgeschäfte der Eisenwaren- und Werkzeugbranche betreibt. Die Hasler Gruppe beschäftigt insgesamt 230 Mitarbeitende, davon 20 Lernende.

VZH