Montag, 10. Dezember 2018 8:26 Uhr
Der Hauptsitz von Zühlke in Schlieren. (Bilder: zVg/Zühlke)

Mit Zug nach vorn

Zühlke Engineering AG  Der in Schlieren ansässige Dienstleister steht für Aufbruchsstimmung und Unternehmergeist. Zahlreiche Unternehmen zählten bei ihren Innovationsprojekten schon auf die Expertise von Zühlke.

 

Text Roman Brauchli


Anfangs lag der Fokus auf der Produktentwicklung für die Industrie, bald schon kamen Softwarelösungen zum Portfolio hinzu. Inzwischen gehören auch Engagements im Medtech- und Healthcare-Bereich sowie in der Finanz- und Versicherungsbranche dazu. Eines hat sich dabei seit der Gründung 1968 nicht verändert: Stets lag der Fokus auf starken Wachstumsmärkten sowie Branchen und Produkten mit hohem Innovationspotenzial. Das sind beispielsweise Produkte wie der neue Lawinenrucksack von Mammut mit Airbag-System oder die für den Berner Verkehrsbetreiber BLS entwickelte Reise-App, die den Ticketpreis automatisch und individuell je nach zurückgelegter Strecke berechnet.

Als Partner für Innovationsprojekte unterstützt Zühlke Unternehmen bei der Entwicklung von neuen Produkten und Anwendungen. Das Dienstleistungsangebot deckt dabei den kompletten Innovationsprozess ab: Von der Entwicklung der Idee, über die Realisierung von Prototypen bis hin zur Produktion von Testserien und zum Betrieb selber wird alles aus einer Hand geboten. Das Kerngeschäft des Innovationsdienstleisters ist damit so divers wie komplex. Weder ist jeweils klar, worin die Innovation besteht, noch gibt es dafür ein allgemeines Rezept. Und manchmal liegt ein entscheidender Fortschritt im Detail.

Gutes Beispiel dafür ist der inzwischen patentierte Labormischer «PrioCLIP», den Zühlke für die Thermo Fisher Scientific Prionics AG neu konzipierte. Die in Schlieren angesiedelte Biotech-Firma entwickelt Testverfahren zur Erkennung von Prionenerkrankungen bei Tieren, wie beispielsweise BSE. Zur Testvorbereitung werden Gewebeproben in einer Pufferlösung im Labormischer homogenisiert. Ein entscheidender Vorteil des neuen Mischers bestand in der Reduktion der Bauteile von acht auf drei, wodurch die Herstellungskosten um 80 Prozent gesenkt werden konnten. Nicht zum ersten Mal hat Zühlke damit das Unternehmen aus Schlieren vorangebracht (siehe Box).

 

Effiziente Arbeitsteilung
Das Beispiel zeigt vor allem, dass für eine Innovation die konkrete Umsetzung genauso entscheidend ist wie die Originalität der Idee selber. Kleine Veränderungen bewirkten eine wesentliche Verbesserung des Produkts. Insbesondere vor diesem Hintergrund ist die langjährige Erfahrung des Innovationsspezialisten ein echter Mehrwert. Denn Dynamik und Innovationskraft gehen vor allem von Startups und kleineren, agileren Unternehmen aus. Mit 730 Mitarbeitenden gehört Zühlke nicht unbedingt zu dieser Kategorie. Als Innovationsspezialist hat Zühlke dies erkannt und engagiert sich mit der Zühlke Ventures AG als Investor und Coach in verschiedenen Startups, zum Beispiel bei Leman Micro Devices. Das 2010 gestartete E-Health-Unternehmen entwickelt ein Sensormodul, das in Smartphones integriert wird und Gesundheitsdaten wie Blutdruck, Körpertemperatur oder Pulsfrequenz sammelt und diese an Ärzte, Verwandte oder Kliniken übermittelt.
Ziel von Zühlke Ventures ist es, Hightech-Startups mit grossem Wachstumspotenzial in den ersten Jahren schnell voranzubringen. Die Startups sollen neben dem Kapital auch vom Netzwerk und der Kompetenz von Zühlke profitieren. Ist der Markteintritt geglückt, zieht sich Zühlke rasch zurück. Die Erfahrung von inzwischen über 8000 Software- und Produktentwicklungsprojekten können mit dem Angebot «Rent-a-Startup» auch etablierte Unternehmen nutzen, die mit Produkteinnovationen Neuland betreten wollen. Mit dem Entscheid, den Hauptsitz ab 2019 in die ehemalige NZZ-Druckerei zu verlegen, dürfte die Innovationskraft den Startups aus Schlieren noch eine Weile erhalten bleiben.

Das Exoskelett der Noonee AG.

Thermo Fisher Scientific Prionics AG
Kriminalserien wie CSI zeigen, wofür sie gut sind: Instrumente zur DNA-Probeentnahme. Die forensischen Werkzeuge bestehen aus Wattestäbchen und Verschlussbehälter und werden in der Polizeiarbeit zur Spurensicherung oder auch für Vaterschaftstests verwendet. Führender Hersteller solcher Instrumente ist die im Biotechnopark Schlieren beheimatete Thermo Fisher Scientific Prionics AG. Einen gewissen Anteil am Erfolg hat auch Zühlke. Für den Kunden entwickelte der Innovationsdienstleister ein automatisches Proben-Abwurfsystem für die DNA-Analysestäbchen, um den Aufwand bei der Präparierung der DNA-Proben im Labor zu minimieren. Den Abwurfmechanismus hat Thermo Fisher Scientific Prionics zum Patent angemeldet.


Tenon Technology AG
Die Medtech-Firma stellt ein Implantat zur Fixation des Iliosakralgelenkes her. Das Gelenk verbindet den Hüftknochen mit der Wirbelsäule und ist in entzündetem Zustand für einen hohen Prozentsatz der Rückenschmerzen in der Bevölkerung verantwortlich. Zühlke Ventures erkannte das Marktpotenzial und investierte in das in Schlieren stationierte Unternehmen. Das innovative Implantat bietet zwei entscheidende Vorteile: Es kann ohne Schrauben fixiert werden und erfordert nur einen minimal-invasiven operativen Eingriff an einer leicht zugänglichen Stelle. Neben dem eigenen finanziellen Investment ermöglichte Zühlke Ventures auch den Zugang zu US-amerikanischen Investoren. 

 
Noonee AG
Ein Studentenjob in einem Verpackungswerk soll dazu beigetragen haben, dass Keith Gunura, CEO und Mitgründer der noonee AG, letztlich von der Idee überzeugt war: eine tragbare Haltungsunterstützung für Fliessbandarbeiter. Sogenannte Exoskelette werden üblicherweise zur Rehabilitation von Patienten eingesetzt. Mit dem «Chairless Chair» eröffnete das 2014 gegründete Spin-off der ETH Zürich einen neuen Markt: Autohersteller wie Audi und BMW, wo Fliessbandarbeiter an Fertigungsstrasse den ganzen Tag im Stehen arbeiten, haben ein Interesse an ergonomischen Arbeitsplätzen für ihre Mitarbeiter. Zühlke Ventures unterstützte das im Firmensitz untergebrachte Startup bei der Weiterentwicklung des Prototypen. Gemeinsam konnte ein marktfähiges Produkt entwickelt werden, das inzwischen in Serie produziert wird. Als weltweit erster Anbieter von tragbaren, mechatronischen Exoskeletten möchte die noonee AG die Schweiz zum weltweit führenden Standort für diese Geräte machen.

«Innovation ist in unserer DNA»

 

Ab 2019 will die Zühlke Engineering AG ihren Hauptsitz in die ehemalige NZZ-Druckerei verlegen. Mit Zühlke Ventures ist der Partner für Innovationsprojekte in mehrere Startups investiert und möchte dieses Engagement weiter ausbauen. Als Coach und Investor dürfte der Dienstleister eine wichtige Zugkraft des neuen Innovationshubs werden. Wir fragten Philipp Sutter, CEO von Zühlke, was ihn an Schlieren überzeugt.

 

Was zeichnet den Standort Schlieren aus Sicht von Zühlke aus?

Philipp Sutter Schlieren hat schon in der Vergangenheit innovative Firmen angezogen und tut dies auch heute noch. Zudem erhalten wir mit dem Standort Schlieren Zugang zu vielen, talentierten Fachkräften des Grossraums Zürich. Ausserdem schätzen wir die sehr gute Erreichbarkeit und Verkehrsanbindung an Zürich.


Welche Gründe waren ausschlaggebend dafür, den Hauptsitz ins neue Zentrum zu verlegen?
Für Innovationen ist eine kreative und attraktive Arbeitsumgebung sehr wichtig. Im ehemaligen NZZ-Druckzentrum haben wir viele Gestaltungsmöglichkeiten, mit denen wir die dazu nötige Arbeitsatmosphäre schaffen können. Wir haben uns bewusst gegen einen Neubau entschieden. Das Gebäude, dessen ursprüngliche Nutzung der Digitalisierung zum Opfer gefallen ist, passt gut zu uns und unseren Wachstumsplänen.
 
Inwiefern ist Zühlke entscheidender Träger des geplanten Zentrums?
Unser Ziel ist es, ein Magnet für Startup-Unternehmen zu werden. Wir haben bereits die Entwickler von Blinkers bei uns im Gebäude. Die fünf jungen Ingenieure werden im September ihr smartes Velolicht lancieren. Mit noch zwei weiteren Startups im Haus stossen wir nun an unsere Kapazitätsgrenzen. Im NZZ-Druckergebäude wird’s dann reichlich Platz geben, unser Innovationszentrum auszubauen.


Wie können Startups und andere Unternehmen von der Kompetenz Zühlkes profitieren?
Innovation ist in unserer DNA. Wir leben sie täglich. Unsere langjährige Erfahrung aus 8000 Projekten geben wir Jungunternehmern weiter. Dabei nutzen wir unser Know-how und unser Netzwerk aus unserem Zühlke Venture Geschäft. Auch mit dem Angebot «Rent-a-Startup» sind wir sehr erfolgreich unterwegs. Unsere Kunden profitieren von unseren Startup-Teams, die gemeinsam mit ihnen Ideen zum Markterfolg bringen.


Inwiefern profitiert Schlieren von Zühlke?
Wir hoffen, dass wir noch viele weitere innovative Unternehmen anziehen werden. Im Sinne der Standortförderung ist es somit für Schlieren und für uns eine Win-Win-Situation. Unsere Mission «empowering ideas» wollen wir weiterhin in Schlieren fortsetzen.

VZH