Montag, 22. Oktober 2018 20:18 Uhr
Werner Kieser – mit Kraft zum Erfolg
Der junge Werner Kieser 1959 beim Training im elterlichen Bergdietikon.
Kiesers erstes Studio 1963 in Dietikon: schon damals puristisch.
Werner Kieser zusammen mit seinem Mentor Arthur Jones, der die Methode «High Intensity Training» entwickelte.
Mit der Rückenmaschine «Lumbar Extension» kommt der kommerzielle Erfolg.
Mit seiner Frau Gabriela, die Ärztin ist, hat Werner Kieser sein Unternehmen «Kieser Training» aufgebaut und nun nach fünfzig Jahren im April 2017 verkauft. (Fotos: Kieser PR)

Der Eiserne

Werner Kieser  Vor 50 Jahren gründete Muskelmacher Werner Kieser in Zürich die Kieser Training AG und eroberte von dort aus die Welt. Heute trainieren mehr als 300 000 Kunden nach der Kieser Training-Methode. Der Unternehmer hat auf dem Gebiet des präventiven und therapeutischen Krafttrainings unschätzbare Pionierarbeit geleistet.

Text Inès De Boel

 

Kraft und Ausdauer – diese zwei Attribute haben Werner Kieser von Beginn an begleitet. Sie beziehen sich nicht nur auf seine Arbeit als erfolgreicher Unternehmer in der Fitnessbranche, sondern ebenso auf seine ganzheitliche Denk- und Lebensweise. Das Lebenswerk des mittlerweile 77-Jährigen Werner Kieser würde man heute mit dem Wort «Nachhaltigkeit» beschreiben. Und zwar mit allem, was dazu gehört. Wer eines der 151 Studios seiner mittlerweile bis nach Australien expandierten Fitnesskette betritt, wird sich darin bestätigt fühlen. Die Einrichtung ist spartanisch, wirkt asketisch und ist dem Kieser-Konzept geschuldet, welches vorsieht, dass der Trainierende sich ganz auf das Krafttraining konzentrieren kann.

 

Werner Kieser betrachtet den menschlichen Körper als etwas, um das man sich ein Leben lang kümmern sollte, auch wenn dieser den Menschen manchmal so hart herausfordert, dass es wehtut. Kieser hat sich dafür die vom US-Amerikaner Arthur Jones ent­wickelte Methode HIT (High Intensity Training) angeeignet. Danach führt  der Trainierende Übungen mit mittlerem Gewicht bis zur vollständigen lokalen Erschöpfung des jeweiligen Muskels aus. Dass die Effekte des Krafttrainings von unschätzbarem Wert sind und den Körper bis ins hohe Alter im Lot halten, hat Werner Kieser schon früh erfahren. 

 

Sportunfall als Initialzündung

Als er erst 17-jährig bei einem Boxkampf eine Rippenfellquetschung erleidet, raten ihm sowohl Arzt wie auch Trainer zur Schonung. Ein spanischer Boxer empfiehlt ihm dagegen, es einmal mit Krafttraining zu probieren, um schneller gesund zu werden. Kieser macht die Probe aufs Exempel. Der Boxer behält recht, Werner Kieser ist schneller wiederhergestellt, als ihm die Experten voraus gesagt hatten. Angespornt vom Erfolg, beginnt er sich für alles, was mit Kraft- und Gewichttraining zu tun hat, zu interessieren. Auch wenn Kieser erst viel später erkennt, dass Krafttraining – ein Wort, das es zu jener Zeit noch nicht gab – den Aufbauprozess der Muskeln und Knochen beschleunigt, ist er «einfach glücklich, dass ich schnell wieder gesund war und nicht ein halbes Jahr aussetzen musste.»

Im ehemaligen Trockenraum seines Elternhauses in Bergdietikon im Limmattal richtet er sich 1958 seinen ersten Trainingsraum ein. Ganz Allrounder, kauft Kieser sich auf einem Schrottplatz für 40 Rappen pro Kilo Alteisen und schweisst seine ersten Kraftgeräte selber zusammen. 1966 eröffnet er sein erstes Studio in Zürich, 1967 gründet er schliesslich die Kieser Training AG: Ein Lebenstraum war geboren.

 

Allen Widerständen zum Trotz

Aber: Aller Anfang ist schwer, heisst es. Zwar trainieren seine Freunde bei ihm im Studio, doch sind es zu wenige, um gewinnbringend zu agieren. Die Mehrheit der Leute ist zu dieser Zeit in Sportvereinen aktiv, die Fitnessbewegung steht noch am Anfang. Dennoch gibt Kieser nicht auf. «Dann spielte mir der Zeitgeist in die Hände. Denn nach der Mondlandung wollten plötzlich alle fit sein», schildert er und zieht einen Vergleich zum Segeln: «Es braucht Wind, sonst nützt das beste Boot nichts.» Es sind gerade diese Widerstände, die Kieser braucht, um daran zu wachsen. Dies zeigt sich vor allem in Entscheidungen, die er oft entgegen aller Empfehlungen trifft – und damit erfolgreich ist.

Ausschlaggebend ist für Werner Kieser dann die Begegnung mit Sportgerätehersteller Arthur Jones, der mit seinen sogenannten Nautilusgeräten das Muskeltraining revolutionierte. Die Geräte haben einen Drehpunkt, der dem der Gelenke entspricht und in jedem Gelenkwinkel den richtigen Widerstand bietet. Kieser ist sich sicher: Der Siegeszug der Maschinen ist nicht mehr aufzuhalten. Da er sich die teuren Maschinen nicht leisten kann, konstruiert er selbst welche. Diese kommen bei seinen Kunden gut an und Kieser entscheidet sich schliesslich, die Originale anzuschaffen. «Ich war überzeugt von den Ideen und Maschinen und lieh mir Geld, um mein Studio 1978 als erster in Europa mit diesen neuartigen Trainingsmaschinen auszustatten», erinnert sich der Firmengründer.

 

Rückentraining als Revolution

Für Jones’ Produktepalette, die mittlerweile 22  Maschinen umfasst, zahlt Kieser etwa 100 000 Franken, was dem Jahresumsatz seiner Studios entspricht. Finanzexperten und Banken raten ihm vom Kauf ab. Familie und Freunde legen das fehlende Geld letztlich zusammen und Kieser sichert sich die Vertriebsrechte für die Nautilus-Geräte am deutschsprachigen Raum. Zusätzlich bietet er einführende Seminare an. Ab 1980 wird Werner Kieser Generalimporteur für Nautilus-Maschinen in Europa.

Mit der Rückenmaschine «Lumbar Extention» kommt der Erfolg. Damit können tiefliegende Rückenmuskeln gezielt trainiert und damit Rückenprobleme beseitigt oder vorgebeugt werden. Einhergehend mit dem grössten Forschungsprojekt zur  Behandlung von chronischen Rückenschmerzen, durchgeführt vom Center für Exercise Science an der Universität Florida, investiert Kiesers Mentor Arthur Jones insgesamt 100 Millionen US-Dollar in die Entwicklung von Test- und Therapie­maschinen für Rücken, Nacken und Knie. Kieser testet die Maschinen 1987 vor Ort und kehrt begeistert in die Schweiz zurück.

«Zwischenzeitlich hatte ich meine Filialen in ein Franchise-System umgewandelt. 1981 wurde die erste fremdbetriebene Filiale in Zürich-Oerlikon eröffnet», schildert er den stetigen Aufbau seines Unternehmens. Weitere Filialen in Luzern, Bern, Schlieren und anderen Schweizer Städten folgen.

 

Erfolg mit eigenem Namen

Im Jahr 1990 eröffnet Kiesers Frau Gabriela, die Ärztin ist, in Zürich die erste europäische Praxis für Kräftigungstherapie, in der Jones› Rückenmaschinen LE zum Einsatz kommen. Der Erfolg der Therapie ist sensationell, sagt Werner Kieser: «Als die Patienten durch das Training ihre Schmerzen loswurden, wollten sie weiter trainieren. Weil das in einer Arztpraxis nicht ging, beschlossen wir, Reha und Training in einer neuen Art von Studio zu kombinieren.» Werner und Gabriela Kieser wagen den Schritt ins Ausland. In Deutschland integrieren sie die Medizinische Kräftigungs­therapie ab 1995 als festen Bestanteil ins Kieser-Training. 

Werner Kieser gab seinem Unternehmen, das eine eigene Forschungsabteilung betreibt, seinen eigenen Namen, obwohl er sich ursprünglich für seine Krafttrainingsstudios einen Fantasienamen ausdachte. Doch ein Kunde rät ihm davon ab. «Wenn ich nicht bereit wäre, mit meinem Namen dahinter zu stehen, sollte ich das Ganze besser bleiben lassen und etwas anderes tun. Da ich von meiner Sache überzeugt war, sprach nichts dagegen. Und so ist es auch heute noch», fasst er zusammen. Werner und Gabriela Kieser haben sich im April dieses Jahres nach über fünfzig Jahren von ihrem Lebenswerk getrennt und ihre Kette für Krafttraining verkauft. Dennoch bleibt Werner Kieser das Gesicht für das Unternehmen. «Mein Körper ist stark, so wie meine Haltung», wirbt er für seine Methode. Das glaubt man ihm aufs Wort.

Autodidakt, Unternehmer und Philosoph

 

Werner Kieser, am 18. Oktober 1940 in Bergdietikon AG geboren, begann bereits als 17-Jähriger mit dem Krafttraining, nachdem er sich aufgrund eines Sportunfalls eine Rippenfellquetschung zuzog. Die positiven Effekte des Krafttrainings begeisterten Kieser so sehr, dass er eine eigene Methode entwickelte: Das Kieser-Training war geboren. Der gelernte Schreiner schweisste seine ersten Sportgeräte selbst zusammen. 1966 eröffnete er das erste Studio in Zürich, 1967 gründete er die Kieser Training AG. Zuerst in der Schweiz, expandierte das Unternehmen Anfang der 1990er-Jahre nach Deutschland, später in weitere Länder. Heute zählt das Unternehmen mit 1600 Mitarbeitern und 151 Studios zu den erfolgreichsten Fitnessketten in Europa. Mit 70 Jahren erwarb Werner Kieser den Master in Philosophie. Er lebt mit seiner Frau in Zürich.

Zürcher Pioniergeist

 

Wer ist oder war ein Pionier? Der Seefahrer Christoph Kolumbus zum Beispiel? Pioniere sind Leute, die etwas erfinden oder zum ersten Mal tun. Die Wege dazu sind so unterschiedlich wie deren Herkunft und Bildung. Der neue Band beginnt mit dem Jahr 1900 und stellt 60 Persönlichkeiten vor –
Porträts von Menschen mit Ideen. Herausgeber: Beat Glogger, Fee Anabelle­ Riebeling, Lehrmittelverlag Zürich, 300 Seiten, 58 Franken. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

VZH