Donnerstag, 17. Januar 2019 19:58 Uhr
Wim Ouboter mit einem Modell des geplanten City-Elektroflitzers «Microlino»

 

Flitzen wie der Sausewind 

Pionier des Monats Als Wim Ouboter vor zwanzig Jahren das gute alte Trottinett in einen klappbaren Microscooter verwandelte, löste er einen Massenhype aus. Nun folgt der neueste Coup: Mit dem Microlino lanciert der Visionär einen zeitgemässen Elektroflitzer, der nostalgische Herzen höher schlagen lässt.

 

Text Inès De Boel


Natürlich hat er das Trottinett nicht erfunden. Aber das behauptet er auch gar nicht. Dass aber ein kleiner, einklappbarer Roller Millionen von Menschen den mobilen Alltag erleichtert, ist uneingeschränkt sein Verdienst: Wim Ouboter ist der Erfinder des Microscooters und hat damit auf dem Gebiet der Mikromobilität Innovationsgeist pur bewiesen. Wie so oft steht am Anfang einer jeden Erfindung eine fast banale Geschichte oder eine zündende Idee, die aus der Not heraus erfunden wurde.

 

Ideen mit Pfiff
Immer wenn sich Wim Ouboter von seinem Wohnort aus zum Zürcher Sternen-Grill aufmachen wollte, um eine Bratwurst zu essen, geriet er in eine den meisten bekannte Situation: Zum Laufen zu weit, zum Fahren zu nah. So kommt ihm im Jahr 1996 der Gedanke, ein Trottinett für diese Strecke zu gebrauchen. Ein solches Gefährt müsste allerdings zusammenklappbar und daher auch leicht in einer Einkaufs­tasche zu verstauen sein. Gesagt, getan: Mit einem Freund zusammen baute er sich ein Trottinett und erregte auf der Strasse grosses Aufsehen. Während seine Frau ihn motiviert, sein Gefährt weiter zu entwickeln, reift in ihm die Idee der «Micro-Mobilität» heran. Sein Minitrottinett soll eine Ergänzung zu den öffentlichen Verkehrsmitteln oder zum Auto sein. In erster Linie dient es zur Überwindung kurzer Distanzen. 
1996 gründet Ouboter seine Firma Micro Mobility Systems AG, mit welcher er den Grundstein für den Erfolg seines Microscooters legt. Bereits 1999 kann er ihn auf der Sportmesse ISPO in München präsentieren und sich daraufhin vor Aufträgen kaum retten. Alle Welt will mit dem leichten, flexiblen Scooter durch die Gegend flitzen. Die Nachfrage steigt derart rasant, dass er in China drei Fabriken für die Produktion mietet und 10 000 Arbeiter in einem Jahr anstellt. Im Boomjahr 2000 verlassen pro Tag 20 Container Trottinetts die Fertigungshallen.


Kampf gegen Kopien
Doch bereits ein Jahr später ziehen dunkle Wolken auf. Der Absatz fällt ins Bodenlose, da zahlreiche Raubkopien den Markt überschwemmen. Hinzu kommt die komplizierte Rechtslage. Da er nur einzelne Teile des Trottinetts patentieren lassen kann, wird es in einigen Ländern als Kinderspielzeug eingestuft, dem die entsprechenden Sicherheitszertifikate fehlen. Nach diversen Gerichtsprozessen kann sich Ouboter im Jahr 2005 endlich, wenn auch langsam, auf den Markt zurückkämpfen.
Mittlerweile können Kunden zwischen fünfzig verschiedenen Modellen wählen. Ouboter sprüht dabei nur so vor innovativen Ideen. Im Herbst kommen E-Mobilitätsfans auf ihre Kosten. Dann wird er mit Partner Peugeot sein neuestes Lifestyleprodukt an den Mann bringen. Mit dem Peugeot Micro-E-Kick sollen Fahrer kleinere bis mittlere Distanzen leicht sowie zeit- und energiesparend überwinden respektive überfüllte Verkehrsmittel vermeiden können. Eine Weltneuheit ist der im Hinterrad verbaute Motor und der im Trittbrett des Scooters versteckte Akku.


Winzling mit viel Fahrspass
Wim Ouboter, stets als Visionär unterwegs, zaubert derweil schon den nächsten Coup aus dem Zylinder: Er will die legendäre BMW Isetta aus den 1950er-Jahren wiederbeleben, welche eine ganze Generation mobil machte. Früher belächelt, erweisen sich Isettas heute als wahre Publikumslieblinge. Den Erfolg dieser einstigen Minimobile möchte Ouboter als Inspiration nutzen, um ein zeitgemässes Fortbewegungsmittel auf den Markt zu bringen. Unter dem Motto «change urban mobility» plant er, mit dem Microlino ein nachhaltiges E-Rollermobil in vom Dichtestress geplagten Städten wie Zürich oder Genf auf die Strasse zu bringen. 
Im Gegensatz zum aus der Not heraus geborenen Vorbild, verzichtet Ouboter beim Microlino absichtlich auf jeglichen Firlefanz. Er ist überzeugt, dass der Kleinstwagen als innovatives Elektromobil Furore machen und den Einstieg in eine nachhaltige Mobilität erleichtern wird. Geplant sind zum ­jetzigen Zeitpunkt 300 Microlinos, die für weniger als 10 000 Euro (gut 11 000 Franken) zu haben sein sollen. Die Anstrengung scheint sich zu lohnen: Mit einem ersten Prototypen, der zusammen mit Studenten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hergestellt wurde, konnte Ouboter auf dem diesjährigen Genfer Autosalon auftrumpfen. Zahlreiche Medien – allen voran aus den USA – berichteten ausführlich über den originellen Winzling, der gerade einmal 400 Kilogramm wiegt und eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h erreicht.

 

Perfekter Stadtflitzer

Zwar haben alle bekannten Automarken Elektromobile im Angebot, diese sind aber schlicht zu gross und in erster Linie «nur» Autos. Der Microlino, der übrigens gar kein Auto sein will, besticht in erster Linie durch sein Retro-Design: Auch sechzig Jahre nach der Isetta schwingt die Tür des Microlino nach vorne auf. Ein Hingucker, der nicht nur die Herzen von Nostalgikern erfreut. Der einstige Isetta-Hersteller BMW winkte allerdings Ouboters Anfrage für eine Neuauflage ab. Davon unbeeindruckt, bildete dieser ein Joint Venture mit der italienischen Firma Tazzari, die bereits Elektro-Kleinstfahrzeuge herstellt. Sobald die zehn Prototypen im Werk in Imola fertiggestellt sind und das Verfahren für die Strassenzulassung durchlaufen haben, soll der Microlino Ende 2017 endlich vom Band rollen. Dass dieser die Mobilität in den Städten nachhaltig verändern wird, liegt für Pionier Ouboter klar auf der Hand. Der Microlino stellt für ihn den perfekten Stadtflitzer dar. Viele Menschen – vor allem im städtischen Raum – machen sich zunehmend Gedanken zum Thema E-Mikromobilität. Und so verwundert es nicht, dass Wim Ouboter schon mehr als 1600 Bestellungen für seinen Microlino erhalten hat.

Wim Ouboter mit seiner Erfindung, dem Microscooter.

 

 

 

 

 

Micro Mobility Systems AG
Wim Ouboter ist geschäftsführender Inhaber des 1996 gegründeten Schweizer Unternehmens mit Sitz in Küsnacht. Hergestellt werden Microscooter und Kickboards, die alle einen Klappmechanismus haben und aus harten, Aluminium gefertigten Skaterollen bestehen. Die gesamte Produktion ist nach Fernost ausgelagert. Das KMU hat 57 Mitarbeitende (Stand 2015).
www.micro.ms, www.microlino.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

VZH