Donnerstag, 17. Januar 2019 19:58 Uhr
Weder Gitter noch Fenster: Der Elefantenpark des Zoos Zürich, der vor zwei Jahren gebaut wurde, umfasst eine Fläche von gut zwei Fussballfeldern, eine künstliche Felswand mit Wasserfall und einen See. Der Park ist nach He­digers Prinzipien konzipiert worden und ermöglicht den Tieren eine vielseitige und regelmässige Bewegung. (Bild: Carole Arbenz)

Mit Leib und Seele

 

Heini Hediger Eine Giftnatter und ein Flug­hund wurden nach ihm benannt, dutzende Zoos nach seinem Ratgeber «Wildtiere in Gefangenschaft» gebaut und neue Erkenntnisse im Bereich der Tierpsychologie durch seine wissenschaftlichen Beiträge gewonnen: Der ehemalige Zoodirektor von Zürich Heini Hediger ist der Begründer des modernen Zoos.

 

Text Anouk Arbenz

 

Bereits im Alten Ägypten wurden wilde Tiere, die als Prestigeobjekte galten, in Gehegen gehalten. Im Mittelalter hielten sich Klöster, darunter auch das ­Kloster St. Gallen, Schwarz- und Rehwild sowie Hühner, in Städten wurden Tiere zu Jagdzwecken in Gräben oder zur ­Zurschaustellung in Zwinger eingesperrt. Einen respektvollen Umgang mit Tieren kannten sie nicht, die Belustigung stand im Vordergrund. Aufschwung erhielten die Vorläufer des zoologischen Gartens, die sogenannten Menagerien, nachdem Ludwig XIV 1662 den Jagdpavillon im Schlosspark von Versailles zu einem Komplex aus Gehegen für «exotische» Tiere hatte ausbauen lassen. Von da an war es für adlige Familien Mode, sich fremdländische Tiere zu halten.
Zwischen den frühesten zooähnlichen Tierhaltungen in China um 2 000 v. Chr. über die Einzeltierhaltung in Kleinkäfigen bis zur heutigen Tiergartenarchitektur mit Freiflughalle und gitterfreiem Biotop liegen ein paar Jahr­tausende. Die Schwerpunktaufgaben des Zoos haben sich im Laufe der Geschichte von der einfachen Ausstellung wilder und exotischer Tiere hin zur Erforschung von Tierarten sowie der Erhaltungszucht verschoben. Heutige Aufgaben eines Zoos beinhalten auch den Natur- und Artenschutz sowie die Wissens- und Kulturvermittlung. Diesen Umstand verdanken wir zu einem grossen Teil dem Zoologen und ehemaligen Zürcher Zoodirektor Heini Hediger.

Natürliches Territorium statt hohe Gitterzäune

Heini Hediger verstand die Tiere als Lebewesen mit vielfältigen Bedürfnissen und war stets darum bemüht, die Welt aus ihrer Sicht zu sehen. Seine Idee, verschiedene Arten, die auch in der Wildnis in Symbiose leben, gemeinsam in Gehegen unterzubringen, war der Grundstein für die moderne Tierhaltung berühmter Zoos wie dem San Diego Zoo – einer der grössten Zoos der Welt. Dank Hediger wird heute meist auf massive Absperrungen verzichtet, da bei den meisten Tierarten bereits symbolische Grenzen genügen. Auch in der Natur gibt es von Auge nicht wahrnehmbare Territoriumsgrenzen, die von den Tieren akzeptiert werden. Hedigers Ziel war es, die Tiere so weit wie möglich in ihrer natürlichen Umgebung im Zusammenleben mit ihren Sozialpartnern zu zeigen. Erst mit dem Aufkommen der Impfungen konnte diese Theorie aber auch tatsächlich umgesetzt werden.Das Afrikahaus des Zoos Zürich, auf das Hediger besonders stolz war, baute er für die Spitzmaulnashörner und eine Schar von Vögeln, die den Dickhäutern Parasiten aus der Haut pickten. Rechte Winkel, flache Böden, herkömmliche Türen und ein Gitter suchte man hier vergebens. Hediger arbeitete mit einem Psychologen zusammen und liess natürlich geformte und beleuchtete Räume bauen, damit sich Besucher und Tier in der Anlage wohl fühlten. Das Afrikahaus, welches das Image des Zoos erheblich verbessert hatte, wäre nicht möglich gewesen, wenn der Zoo nicht durch den Kanton und die Stadt finanziell unterstützt worden wäre. Die Beiträge wurden 1962 beschlossen und mit dem wissenschaftlichen Anspruch des Zoos gerechtfertigt. Dieser hatte sich von einem «kommerziellen Betrieb» zu einer kulturellen Institution mit Verantwortung für den Natur- und Artenschutz entwickelt.

 

Ein lebenslänglicher Tierfreund

Heini Hediger wurde 1908 in Basel geboren und wuchs ganz in der Nähe des Zollis auf. Bereits als kleiner Junge hielt er sich unzählige Reptilien, Skorpione und Fische und erklärte seinen Eltern, dass er Zoodirektor werden wolle. Während einiger Monate hielt er sich gar einen Fuchs als Haustier – bis sein Vater diesen wegen der nachlassenden Schulnoten seines Sohnes aus dem Haus schaffte. Bevor Heini Hediger seine Idee vom Zoo als kulturelle ­Institution umsetzen konnte, reiste er um die Welt und ­unternahm verschiedene Expeditionen und Forschungsreisen nach Marokko, in die Südsee und in den Kongo. Da seine Passion die Reptilien waren, wandte er sich in Marokko unter anderem an Schlangenbeschwörer, um das Verhalten der Tiere nachvollziehen zu können. Auch im Zirkus studierte er die Interaktion zwischen Tier und Dompteur, welche er in seinem Buch: «Beobachtungen zur Tierpsychologie im Zoo und im Zirkus» dokumentierte. Im Alter von gerademal 24 Jahren erlangte er seinen Doktortitel und wurde kurz darauf vom Naturhistorischen Museum Basel zum Kurator der Zoologischen Abteilung gewählt. Mit 30 Jahren hatte er sein Ziel erreicht: Mit der Position als Verwalter des Tierparks in Bern und später des Basler Zollis wurde ein Traum wahr. 1954 trieb ihn ein heftiger Streit mit den beiden Zoologen Rudolf Geigy und Adolf Portmann zum Zoo Zürich, wo er bis zum Jahr 1973 als Zoodirektor wirkte. Mit Konrad Lorenz und Bernhard Grzimek gründete Heini Hediger die Zeitschrift: «Das Tier», die beinahe vierzig Jahre lang eines der erfolgreichsten Tiermagazine Europas war. Was ihn auszeichnete, war seine wissenschaftlich korrekte und verständlich geschriebene Berichterstattung mit grossem Unterhaltungswert und aussagekräftigen Abbildungen. Nicht umhin wurde Hediger von seinem ehemaligen Chef und Kurator des Zürcher Zoos als «einer der Erfinder des modernen Infotainments» bezeichnet.

 

Knut-Kult und Zookritik

Trotz all der Verbesserungen bei der Tierhaltung kann und wird das ­«Konzept Zoo» regelmässig in Frage gestellt. Die Enge eines Zoogeheges ist mit der Weite eines Dschungels oder einer Wüste nicht zu vergleichen. Echte Gefahren gibt es keine und die tägliche Erdrückung durch fotografierende Menschenmassen, kreischende ­Kleinkinder und mühsame Prozeduren durch Tierpfleger können dem Leben in der Wildnis kaum vorzuziehen sein. Der Medienrummel um ­Eis­bä­ren-Star Knut ist nur ein Bei­spiel für die ­­Ver-­­­­­­​menschlichung von Wildtieren. In so­genannten «Erlebniszoos» wird die Inter­aktion zwischen Tier und Mensch in den Vordergrund gestellt – dass hier Tiere aber auch immer wieder gezerrt und geschubst werden müssen, ist Nebensache. Eine wichtige Rolle muss deshalb unbedingt die Aufklärung der Besucher einnehmen. Vorzeigebeispiel und ganz im Sinne Heini Hedigers ist die Masoala-Halle: Im überdachten Ökosystem haben die Tiere hinter dreis-s­ig Meter hohen Bäumen und dichtem Buschwerk jederzeit die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und zu verstecken. Dies auf Kosten der Besucher, welche dadurch weniger Tiere zu sehen be­­kommen.

 

Heini Hediger-Award für ausgezeichnete Leistungen

Hediger setze neue Standards und revolutionierte damit nicht nur die Haltung von Tieren, sondern erforschte auch deren Psychologie und Schlafverhalten. Sein Werk «Wildtiere in Gefangenschaft» gilt als Grundlagenwerk der Tiergartenbiologie und widmet sich insbesondere dem Fluchtverhalten der Tiere. Er war auch im Radio zu hören und im Fernsehen zu sehen und hielt unglaubliche 84 Semester lang an der Universität Basel Vorlesungen. Zudem arbeitete er 26 Jahre lang als Titularprofessor für Tierpsychologie an der Universität Zürich. Ihm zu Ehren vergibt der Weltverband der Zoologischen Gärten den Heini Hediger-Award, mit dem auch Alex Rübel prämiert wurde. Es ist die höchste Auszeichnung in der Zoowelt und anerkennt hervorragende Leistungen zur Erreichung der von den Zoos definierten Ziele im Gebiet der Tiergartenbiologie.

Heini Hediger konzipierte die moderne Tiergartenbiologie, wonach der Zoo kein kommer­zieller Betrieb ist, sondern den Charakter einer kulturellen Institution trägt. (Bild: Archiv Zoo Zürich)

 

Die Hediger-Tafel

Die Informationstafeln, die man heute in praktisch jedem Zoo vorfindet, gehen auf Heini Hediger zurück. Neben dem Tiernamen in Latein sowie in den jeweiligen Landessprachen sind darauf eine Verbreitungskarte, eine Abbildung des Tieres sowie Informationen in Bezug auf Lebensweise, Besonderheiten und Lebensraum der Tierart zu finden.

 

 

VZH