Donnerstag, 17. Januar 2019 21:06 Uhr
Kapitalist, Künstler, Kosmopolit und Kult-Figur. Dieter Meiers Markenzeichen: nie ohne Seidenfoulard.

Der Chaos-Experte

Pionier des Monat Poker-Spieler, Performance­künstler, Poet, Unternehmer – und Pop-Pionier. Kurz: ein Phänomen für sich. Als schillernder Frontman des Popduos ­«Yello» schrieb Dieter Meier Musikgeschichte.

 

Text Inès De Boel

 

Alles, was Dieter Meier anpackt, scheint ohne Kalkül oder Konzept. Ein patentiertes Erfolgsrezept hat er nicht. Unzählige Vorhaben in fast ebenso unzähligen Bereichen hat er in der Vergangenheit realisiert. Was ihm aber bei allen seinen Projekten wichtig ist: Authentizität und Glaubwürdigkeit. Dieter Meier achtet sorgfältig darauf, dass er sich stets selbst treu bleibt. Meier ist Musiker, Autor, Filmemacher, Konzept- und Performancekünstler, Poet, Zeichner und Unternehmer in einer Person – und passt in keine Schublade. Insofern müsste man fragen, was der avantgardistische Künstler und feinsinnige Kosmopolit eigentlich noch nicht gemacht hat. 
International bekannt wurde Dieter Meier Mitte der 1980er-Jahre ­zu­­sammen mit seinem musikalischen Partner Boris Blank als Duo der Elektro-­Popgruppe «Yello». Mit der Single «Bostich» erlangte die Band in den USA auf einen Schlag Kultstatus. Seit mehr als ­dreissig Jahren produzieren «Yello» mittlerweile Songs und Videos und haben damit die Musiklandschaft bis weit über die Alpen hinweg geprägt. Bis heute sind «Yello» mit über zwölf Millionen verkauften Tonträgern eine der erfolgreichsten Bands der Schweiz. Während Boris Blank, der Klangkünstler und ­perfektionistische Tüftler, ­lieber als stiller Schaffer dezent im Hintergrund bleibt, lebt Dieter Meier als Sänger und Produzent der Band seine Extrovertiertheit genüsslich in der Öffentlichkeit aus. 

 

Avantgardist in vielen Bereichen
Unkonventionelles Auftreten kann sich der Künstler und Unternehmer mit Sinn für das Absurde seit jeher leisten. Als Sohn eines wohlhabenden Bankdirektors hat er nie aufs Geld achten müssen. Eine Tatsache, die er in der Öffentlichkeit auch unumwunden zugibt – und die ihm in den Jahren nach der Matur Freiräume für diverse berufliche Experimente freihält. Nach dem abgebrochenen Rechtsstudium, das er mit eigenen Worten nur als Tarnung für seine Faulheit begann, spielte er aus einer Art Weltflucht ­heraus Poker. Es zeigte sich aber bald, dass Meier ein Mann mit Ideen ist. Mit ersten eigenen Performance-Kunstprojekten fiel Dieter Meier bereits im Jahr 1969 auf. Vor dem Kunsthaus Zürich zeigte er in seiner ersten an Dada angelehnten Aktion «Schraubenzählen» die Sinnlosigkeit und Absurdität des Alltags auf, indem er fünf Tage lang 100 000 Schrauben abzählte. Auch in New York, Berlin und Kassel legt er mit seinen humorvoll-surrealen Performances die Hintergründigkeit des vermeintlich «Unnützen» dar. Als Vorläufer der Schweizer Videokunst ist Dieter Meier auch einer der ersten Künstler, der Ende der 1960er-Jahre mit dem Medium Film zu experimentieren begann und sich als Produzent und Schauspieler intensiv mit dem Thema Zeit und Endlichkeit beschäftigte.

 

Richtungsweisende Musiksprache
Der Zufall wollte, dass Dieter Meier 1978 mit dem Sound-Tüftler Boris Blank zusammentraf, der mit Carlos Perón musizierte. Zu den experimentellen Geräuschen und Klängen, die Blank und Perón erzeugten und zu Songs verarbeiteten, brauchten sie noch eine passende Begleitstimme. Durch die Vermittlung eines Verkäufers eines Plattenladens, bot sich Dieter Meier an, der damals als dilettantisch-anarchischer Punksänger unterwegs war. Obwohl Meier nach eigenem Bekunden keine Noten lesen und «eigentlich nicht wirklich so gut singen» kann, fand bereits zwei Wochen nach dieser Begegnung das erste Konzert von «Yello» statt. Die Musik von Boris Blank und Dieter Meier lässt sich nur schwer einordnen: Der als Perfektionist geltende Blank kümmert sich in der Abgeschiedenheit seines Studios um den Sound von «Yello» und kann als veritabler Tonjäger bezeichnet werden. Er verknüpft seine experimentellen Sounds mit neuen Formen und konzipiert daraus völlig eigene Klanggebilde. In der Pionierzeit verfremdete er jedes Geräusch, wie etwa das eines an die Wand geworfenen Schneeballs, das in seinem Sound-Labor zum Bass Drum wurde. Damit bediente sich Blank als erster Musiker der Sampling-Technik –  und zwar lange bevor diese überhaupt erfunden wurde –, indem er die gesammelten Klangerzeugnisse auf Band mit Bandschneidemaschinen und ­Klebestreifen wiederholt als Endlosschleife, also Loops, arrangierte. Somit können «Yello» als Pioniere im Samplingbereich bezeichnet werden, die mit dieser Technik nicht nur den Hip-Hop und die gesamte Techno-Generation nachhaltig beeinflussten, sondern auch unzählige andere Musikstile bis heute prägen.  

 

Sonderbare Klangwelten und viel Selbstironie
Blank kreiert einzigartige Klangkunst, die eine Kombination aus nachgeahmten oder simulierten Geräuschen aller Art ist, vielfach mit verzerrten, detailreichen Effekten versehen. Heute arbeitet Boris Blank die Tracks mit modernem elektronischen Instrumentarium sowie Sampling von Stimme und akustischen Instrumenten und Geräuschen detailreich aus. Begleitet wird die Musik von Dieter Meiers rauer Stimme, der sie mit Wort- und Satzfetzen unterlegt. 
Als extrovertierter Frontman der Band überzeugt er mit seinem harten Sprechgesang im Club-Hit «Bostich» von 1980, lange bevor der Rap in die Musikwelt Einzug gehalten hat. Später reichten nur noch ein Geräusch oder ein paar Töne, um zu wissen: Das sind «Yello». Ihren internationalen ­Durchbruch erlangte das Duo schliesslich mit einer simplen Stimmübung und viel Selbstironie. «Oh yeah» machte ­Dieter Meier im Studio, um seine Stimm­bänder zu lockern. Soundjäger Boris Blank schnitt mit und entwickelte den gedehnten, sonoren Ton zu einem Song. Schon in seiner Anfangsphase ­experimentierte Boris Blank mit ­Motorgeräuschen, die das unverwechselbare Markenzeichen von «The Race» sind. Schnipsel der beiden Hits werden seit Jahrzehnten immer wieder für Film und Fernsehen verwendet. 
Der am häufigsten verwendete Track ist «Oh Yeah» und wird bei den Simpsons jeweils kurz angespielt, wenn Duff-Man, das Maskottchen der lokalen Bierbrauerei, erscheint. Als Eingangstrailer lief «The Race» jahrelang auf dem Sportsender Eurosport und als Erkennungsmelodie der deutschen Musikclip-Show «Formel Eins». Aufgrund ihres experimentellen Charakters, zeichnet sich die Musik von «Yello» durch eine ganz besondere Transparenz und Räumlichkeit des Klangs aus. Die eigenwillige Mischung von Elementen des Funk, Techno und Avantgarde-Pop war ein Novum in den frühen 1980er- Jahren, weil sie vom Mainstream deutlich entfernt war. Gemäss Dieter Meier wollte die Band stets «Soundtracks zu imaginären Filmen» schaffen. So wie die Musik, wirkt auch der Name der Band gleichzeitig verspielt, experimentell und geradezu dadaesk: So ist «Yello» ein scherzhaftes Wortspiel von Dieter Meier und steht für «a yelled Hello» – «ein gebrülltes Hallo». 

 

Stets offen für Neues
Nicht nur mit ihrer Musik zeigen sich «Yello» von ihrer schillernden Seite, selbst die Videos und Plattencover der beiden so gegensätzlichen Charaktere Dieter Meier und Boris Blank sind richtungsweisend und setzen mit ihrer grellen Bildsprache der 80er-Jahre-Popkultur Massstäbe. Typisch für «Yello» sind die Unverwechselbarkeit und Verspieltheit. Dieter Meier, der die Videos produziert, setzt auf die schrille Buntheit der Neon-Farben, aber auch auf schwarz-weiss Videos im Stil des Film noir – oft mit Special Effects –, die er zu hypnotischen Bildercollagen mit genialen Cuts zusammensetzt. Dabei ist der Einfluss von Dieter Meiers früheren Arbeiten deutlich zu erkennen. So tauchen die Knetfiguren – von Meier «Lost sculptures» genannt – im Video zu «Pinball Cha Cha» (1982) wieder auf. Meier bedauert die Gleichförmigkeit heutiger Videoclips, die seiner Meinung nach zu einer banalen Waschmittelwerbung verkommen sind. Die Eigenständigkeit und Genialität der Anfänge von Musikvideos sei völlig verloren gegangen, die Musik und Videowelten extrem genormt worden. 

 

Unternehmer aus Leidenschaft
Dieter Meier betritt auch als Unternehmer in vielerlei Hinsicht Neuland und zeigt immer wieder eine unglaubliche Freude, Dinge zu entwickeln und in unbekannte Gebiete vorzustossen. Seit fast zwanzig Jahren züchtet er in ­Argentinien Rinder und baut Wein an, den er in seinen drei Restaurants ­anbietet. Neuerdings produziert er auch Gin und Schokolade. Daneben konzentriert  sich Dieter Meier weiterhin auf künstlerische Projekte wie Filmmusik oder sein erstes Soloalbum «Out of Chaos». Am innovativen Puls der Zeit bleiben Dieter Meier und Boris Blank, indem sie «Yello» nicht als einfache Popband, sondern als gewachsenes, fortdauerndes Künstlerprojekt ver­stehen und – beide gehen nach wie vor mit kindlicher Freude an ihre Musik heran. Was passt da besser als das neue Album «Toy», das am 30. September erscheinen wird.

 

www.dietermeier.com

www.yello.com 

www.outofchaos.de 



 

 

 

Weltenbummler mit diversen Berufen
Dieter Meier, am 4. März 1945 in Zürich geboren, ist Konzept- und Performancekünstler und Musiker. Weltbekannt geworden ist er in den 1980er-Jahren mit seinem Partner Boris Blank als Teil der Popband «Yello». Daneben betätigt sich der umtriebige Unternehmer in Argentinien als Weinbauer und Rinderzüchter. Sein unverkennbares Markenzeichen sind seine Zigarre, sein obligatorisches Seidenfoulard und die stets nach hinten gegelten Haare. 

VZH